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Crowdfunding – Die alternative Finanzierungsform für große thermische Solaranlagen am Beispiel SOLID Invest

Nicole Olsacher

Begonnen hat man in den 1990ern - große thermische Solaranlagen hatten etwa 50 m²  Kollektorfläche. Heute werden bereits Großanlagen mit mehreren 10.000 m² installiert. Das Einsatzgebiet von Solarthermie ist vielseitig, das Potenzial der Branche enorm.

Größere Projekte beinhalten größere Investitionsvolumen, die finanziert werden müssen. Die Entwicklungen der Finanzwelt mit Eigenkapitalanforderungen des Basler Ausschusses – bekannt als Basel I-III – stellten damals wie heute mittelständische Unternehmen vor große Herausforderungen. Auch das Solartechnikunternehmen SOLID war stark betroffen, nachgefragte Projekte konnten nicht mehr finanziert und umgesetzt werden. Motivation genug, um hier neue alternative Wege zur Projektfinanzierung zu suchen. So wurde mit SOLID Invest Ende 2013 das weltweit erste Bürgerbeteiligungs-Modell für solarthermische Anlagen entwickelt. Diese alternative Ko-Finanzierung zusätzlich zu Bankkrediten zielt erfolgreich auf die finanzielle Umsetzbarkeit von Solarwärmeanlagen ab.

Abbildung: Anlage der AVL List GmbH. Foto: SOLID GmbH

Das Finanzierungsmodell

Für das Finanzierungsmodell bedient sich das Unternehmen des „Lending Based Crowdfundings“ (= Crowdlending), was so viel heißt wie Geld gegen Zinsen. UnterstützerInnen leihen ihr Geld und erhalten dafür Zinsen und am Ende der Bindungsdauer ihr Geld zurück.
Die Beteiligung erfolgt über ein qualifiziertes Nachrangdarlehen. Das Wort „nachrangig“ bezieht sich darauf, dass das Darlehen im Falle einer Insolvenz erst nach vollständiger Zahlung der übrigen Verbindlichkeiten zurückbezahlt wird. Bei SOLID Invest wurde von Anfang an darauf geachtet, dass keine anderen Gläubiger vor den DarlehensgeberInnen stehen: Die Beteiligung bei SOLID Invest erfolgt in der SOLID International, dem Mutterunternehmen der SOLID-Gruppe (bestehend aus der SOLID GmbH und den SOLID Betreibergesellschaften), welche keine wesentlichen operativen Aktivitäten und daher generell keine Gläubiger hat. Damit ist das Risiko für den Anleger weitestgehend reduziert.

Abbildung: Die Geschäftsführer bei der Bewerbung von SOLID Invest. Foto: Raggam/SOLID GmbH

Das Darlehen der InvestorInnen ermöglicht zum einen die Realisierung neuer Leuchtturm-Solar-Projekte in Österreich und international. Zum anderen wird die Rückfinanzierung bestehender Solarthermieanlagen und deren Rentabilität optimiert.

Die Darlehen werden jedoch nicht einem einzelnen Solarprojekt zugeordnet, sondern fließen in einen Anlagenpool bestehend aus neu zu bauenden und bereits bestehenden Solarprojekten. Alle Solarsysteme in diesem Pool stehen im Eigentum der SOLID-Gruppe und werden mit Solar-Contracting betrieben. Das heißt, die Gruppe finanziert und betreibt die Solarthermieanlagen und verkauft Solarwärme und/oder –kälte an den Kunden. Langzeitenergieabnahmeverträge ermöglichen eine Kalkulierbarkeit der monetären Rückflüsse, welche auch für die Zinstilgung von SOLID Invest herangezogen werden. Das Finanzierungsmodell trägt dazu bei, Solarwärmeanlagen mit Contractingmodell in der Bevölkerung bekanntzumachen und fördert deren Verbreitung. Heute stehen alleine in Österreich Anlagen mit mehr als 10 Mio. EUR Investitionsvolumen im Contracting unter Vertrag, weltweit sind es um die 30 Mio. EUR.

SOLID wurde 1992 gegründet und ist in der Erneuerbaren-Energie-Branche und darüber hinaus bekannt. Dies spielte in der Bewerbung des neuen Finanzierungsmodells eine wesentliche Rolle. Verglichen mit Start-up Unternehmen, kann das Unternehmen bereits mit langjähriger Erfahrung und erfolgreichen Referenzprojekten punkten. Der hohe Bekanntheitsgrad des Unternehmens war für das Eigenmarketing des Finanzierungsmodells von Vorteil. Gängiger ist dagegen eine Vermarktung über Dritte, sog. Internetplattformen, also Websites, auf denen alternative Finanzierungsinstrumente zwischen Emittenten und Anlegern vermittelt werden.

Der gesetzliche Rahmen: das Alternativfinanzierungsgesetz 2015

In Österreich hat vor allem der Waldviertler Schuhproduzent Heini Staudinger das Thema Crowdfunding geprägt. Positiv inspiriert von seiner Initiative wurden Crowdfunding- und Bürgerbeteiligungsmodelle in der Bevölkerung immer populärer. Im Zuge dieses Booms und des öffentlich ausgetragenen Streits Staudingers mit der Finanzmarktaufsicht (FMA) war Österreichs Politik gezwungen, sich intensiver mit dem Thema Crowdfunding auseinanderzusetzen. Mit Erfolg für Start-up Unternehmen - das Wachstum wird durch zunehmend liberalere Rahmenbedingungen begünstigt.

Seit 1.9.2015 ist das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) in Kraft. Es besagt unter anderem, dass ab einer jährlichen Gesamtinvestitionssumme von EUR 100.000,- ein Informationsblatt aufzulegen ist. Ab einer jährlichen Gesamtinvestitionssumme von EUR 1.500.000,- ist ein Prospekt „light“ aufzulegen. Das Gesetz beinhaltet ebenso eine Beschränkung der Investitionssumme auf 5.000,- EUR pro Anleger und Jahr. In Ausnahmefällen sind Beträge höher als EUR 5.000,- möglich, wenn der Anleger erklärt, dass das zu veranlagende Geld nicht mehr als 10 % seines Finanzvermögens oder nicht mehr als das Doppelte seines monatlichen Nettogehalts (im Jahresdurchschnitt) ist.

Start-up Unternehmen, die meist „Equity Based Crowdfunding“ einsetzen und mit kleineren Einlagesummen von meist EUR 100,- arbeiten, tangiert diese Maßnahme weniger. Für die SOLID-Gruppe stellt diese Investitionsgrenze von EUR 5.000,- eine wesentliche Einschränkung dar. Zur Veranschaulichung: SOLID Invest hatte von Beginn bis zum 31.8.2015 seine Einlagegrenze bei EUR 25.000,- pro Investor und Jahr.
Die genannte Investitionsdeckelung soll dem „Anlegerschutz“ dienen. Diese Maßnahme lässt jedoch einige Fragen offen, insbesondere wie dieser Anlegerschutz bei anderen Finanzprodukten (z. B. Aktien, Fonds) oder auch beim Glücksspiel zur Anwendung kommt. Eines vereint dennoch alle Investitionsformen: eine 100%ige Sicherheit gibt es nicht, je höher die Erlöse sein können, desto höher ist auch das Verlustrisiko der Geldeinlage. Wie hoch der Investitionsbetrag in alternative Finanzierungsformen jedoch sein darf, sollte jeder Bürger, jede Bürgerin im Sinne der Eigenverantwortung selbst entscheiden dürfen. Zusammenfassend brachte das AltFG der SOLID-Gruppe mehr Bürokratie mit weniger zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Darüber hinaus ist anzumerken, hätte es das AltFG schon 2013 gegeben, hätte das Finanzierungsmodell nie die Erfolge von heute vorweisen können: bis dato konnten bereits mehr als 2,3 Mio. EUR Privatkapital von mehr als 300 InvestorInnen eingesammelt werden.

InvestorInnen werden auf Wunsch regelmäßig über die Mittelverwendung und neue Vorhaben informiert. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, sich bei Anlagenführungen, die meist einmal pro Jahr stattfinden, über die Branche und Technologieentwicklungen weiterzubilden.

Abbildung: Kollektormontage am Fernheizwerk Graz. Foto: SOLID GmbH

Ein Überblick über die Projekte

Die Investitionsmittel stecken in bestehenden und neuen Anlagen. Bestehende Anlagen befinden sich beispielsweise am Gelände des Fernheizwerks in Graz, am United World College in Singapur und in der Desert Mountain High School in Arizona, USA.

Aber auch an private Industrieunternehmen wird Wärme und Kälte geliefert: Die AVL List GmbH, weltweit größtes unabhängiges Unternehmen für Antriebssysteme mit Verbrennungsmotoren, Messstände und Testsysteme, gilt als eines der innovativsten Unternehmen in Österreich. Nun überdachen Kollektoren mit einer Fläche von 1 585 m² die oberste Parkebene der Garage am Standort in Graz. Die Solaranlage liefert ganzjährig Prozesswärme zur Entfeuchtung der Lüftungsanlagen. Auch Österreichs erste industrielle Contracting-Anlage ist seit Juni 2017 im Vollbetrieb und liefert der AVL List GmbH saubere Energie für die Prüfzellenklimatisierung. Die Anlage ist Teil eines großen Gesamtkonzeptes, welches mit SOLID Invest-Mitteln und durch Banken finanziert wird.
Geplant ist ein zusätzliches solarthermisches System, welches Prozesskälte zur Verfügung stellen wird. Bereits im Sommer 2018 möchte das Unternehmen von solarer Kälte zur Kühlung und Klimatisierung von Büro- und Laborgebäuden profitieren. Die Erweiterung des Solarprojekts, welches dann Österreichs größte Anlage mit solarer Prozesswärme ist, befindet sich derzeit am Beginn der Umsetzungsphase.

Abbildung: Rendering der geplanten Anlage in Mürzzuschlag Foto: SOLID GmbH

In der Obersteiermark wird mit den Stadtwerken Mürzzuschlag seit Jahresbeginn ein Konzept für eine solarthermische Großanlage erarbeitet. Der Fernwärmebedarf stieg im Raum Mürzzuschlag in den letzten Jahren deutlich an. Eine Solaranlage kann die bereits bestehende Biomasseanlage (50 % des bisherigen Bedarfs) optimal ergänzen. Die Anlage wird rund 10 % des jährlichen Wärmebedarfs decken. Auch die Finanzierung dieses sich in Planung befindlichen Contracting-Projekts wird teilweise mit SOLID Invest-Mitteln erfolgen.

Weitere Informationen

www.solid.at/inves

Autorenbeschreibung

DI (FH) Nicole Olsacher ist bei SOLID GmbH in Projektentwicklung und Marketing tätig.
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