Zeitschrift EE

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2004-02: Nachhaltige Wasserwirtschaft

Thema

Seit der "Rio Konferenz"¹ 1992 ist weltweit klar, dass eine lebenswerte Zukunft der Menschen von der Erhaltung und dem Schutz der natürlichen Umwelt abhängt.

Wasser in der Entwicklungszusammenarbeit

Von Helmut Jung*

Zum ersten Mal war die Diskussion über umweltverträgliche Entwicklung nicht auf einen kleinen Kreis von Experten und Regierungsmitgliedern beschränkt. Im Gegenteil, die entscheidenden Impulse kamen aus der Mitte der Gesellschaft und stellten sicher, dass der eingeleitete Prozess nicht mehr umkehrbar ist. Auf dem Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung in Johannesburg im August 2002 bekräftigten 10 Jahre später 191 Staaten die Bedeutung der in Rio entwickelten Agenda 21 und ihre Umsetzung auf lokaler Ebene.
Weltweit haben ca. 2 Mrd. Menschen derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Deshalb sind auch Ihre Möglichkeiten den Lebensstandard zu verbessern stark eingeschränkt. Der Water Poverty Index 2 zeigt einen engen Zusammenhang zwischen Bruttosozialprodukt und Verfügbarkeit von Wasser. Die Länder der Welt am unteren Ende einer Skala, die Wasserverfügbarkeit, -verbrauch und Umwelteinflüsse bewertet, sind auch gleichzeitig die ärmsten. Die Beziehung zwischen Armut und Wasser ist äußerst komplex und wird von meteorologischen und hydrologischen Gegebenheiten, die die Wasserverfügbarkeit limitieren, und von vielen sozialen, ökonomischen und institutionellen Faktoren beeinflusst. Wasser ist eine wertvolle Naturressource, die vorsichtig und verantwortungsvoll behandelt und verwaltet werden muss.
Das Ziel betreffend Trinkwasserversorgung wurde bereits beim Milleniumgipfel der Vereinten Nationen vom September 2000 und bei der Internationalen Konferenz on Freshwater in Bonn 2001 klar definiert: Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, halbiert werden. Beim Weltgipfel in Johannesburg 2002 wurde darüber hinaus das Ziel festgesetzt, die Zahl der Menschen, die keine sanitäre Versorgung haben, bis 2015 zu halbieren. Im so genannten CSD Prozess (Commission on Sustainable Development) sollen in weiterer Folge die Fortschritte bezüglich der Erreichung dieser Millenium Development Goals überprüft werden.

Weltweite Ziele

Aber auch diese weltweiten Ziele sollten bezüglich einer nachhaltigen Entwicklung in den Partnerländern überprüft und ihre Wirkungen hinterfragt werden. Grundsätzlich kann natürlich diesen Zielen nur zugestimmt werden, und es ist eher bedrückend festzustellen, dass in einer Welt, in der seit 10 Jahren die Globalisierung permanent und in allen Wirtschaftsbereichen zur Diskussion steht, diese Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens für den größten Teil der Weltbevölkerung in Konferenzen extra eingefordert werden müssen (und im geplanten Zeitraum vermutlich bei weitem nicht erreicht werden). Darüber hinaus ist aber auch zu befürchten, dass durch die Reduktion der Zielsetzung auf zwei technische Parameter (die Anschlusszahlen für Wasserversorgung und die für Abwasserentsorgung) die Maßnahmen wiederum - so wie in der gescheiterten Wasserdekade 3 der 1980er-Jahre - nur in den Ballungsräumen der Entwicklungsländer gesetzt werden. Zum einen, weil natürlich in den Bereichen mit hoher Bevölkerungsdichte die spezifischen Anschlusskosten wesentlich geringer sind als in den ländlichen Bereichen, zum anderen weil in den Randzonen der großen Metropolen die Armut politisch relevant ist.
Durch diesen technischen Ansatz, werden auch die inneren und äußeren Widersprüche und Zielkonflikte der Siedlungswasserwirtschaft nicht erkannt und behandelt. Betrachtet man die Grundziele der Wasserversorgung - Wasser für alle in einer Region, Schutz der Wasserressourcen, Versorgungssicherheit bei gleichzeitiger Wirtschaftlichkeit, so werden schon darin schwer lösbare Widersprüche erkennbar.

Abbildung 1: Wasseraufbereitungsanlage in Kenia (Foto: H. Jung - ÖEZA)

Interessenswidersprüche

Die Interessenswidersprüche zwischen der Wassernutzung im Agrarbereich (insbesondere in der industriellen Landwirtschaft) und der Trinkwasserversorgung sind besonders gravierend. Die landwirtschaftliche Wasserversorgung, die ja in weiten Bereichen bis über 80% des regional vorhandenen Wassers verbraucht und die Ressourcen mit Agrochemikalien zusätzlich schwer belastet, hat eine sehr starke Lobby, was von der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung nicht gesagt werden kann. Der Konflikt spielt sich dabei unter sehr ungleichen Partnern ab: auf der einen Seite eine hoch organisierte, gewinn-orientierte industrielle Landwirtschaft, die auch mit dem internationalen Handel in Verbindung steht; auf der anderen Seite die öffentliche Wasserversorgung der Kommunen, die keinerlei Gewinn verspricht, aber für die Bewohner von existenzieller Bedeutung ist.

Abbildung 2: Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung hat keine starke Lobby im Gegensatz zur landwirtschaftlichen Wasserversorgung (Foto: H. Jung - ÖEZA)

Integrale Wasserwirtschaft

Ein anderer immanenter Konflikt liegt im regionalen Interessenswiderspruch der Ressourcennutzung der großen Ballungsräume. Die Städte wachsen extrem schnell und unkoordiniert, verbrauchen die natürlichen Ressourcen des Umlandes und geben die Abfälle in flüssiger und fester Form an die Region wieder zurück Sie zerstören so die für sie selber notwendigen Lebensgrundlagen und die ihrer Unterlieger. Hier bedarf es einer wirklichen Bewirtschaftung und eines systemischen Ansatzes, der nicht eindimensional auf ökonomische Interessen konzentriert ist, damit das vielzitierte Wort der "integralen Wasserwirtschaft" nicht zur leeren Hülse wird.
Stellt sich die Frage, warum sich in den letzten Jahren die Situation der Wasserversorgung und Siedlungshygiene so wenig entwickelt bzw. so sehr verschlechtert hat. Nach der Wasserdekade in den 1980er-Jahren war man sich bewusst, dass diese Leistungen nicht nur ein technisches Problem darstellen. Alle - Regierungen, Verwaltungsapparate auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene so wie die zivile Gesellschaft - sind nicht nur zur Errichtung der Wasser-Infrastruktur sondern zu zahlreichen darüber hinaus gehenden Maßnahmen aufgefordert: der Bedarf ist zu definieren, der Betrieb langfristig zu erhalten; die Systeme sind an die sich verändernden Notwendigkeiten anzupassen, das Dargebot zu kontrollieren und zu schützen. Um das schneller und möglichst effizient und ökonomisch zu erreichen, setzten die großen multilateralen und bilateralen Geldgeber in den 1990er-Jahren auf die Privatwirtschaft und stoppte weitgehend die Förderung der öffentlichen Hand in den Entwicklungsländern. Das Ergebnis dieser Dekade ist ernüchternd und hat sogar in der Weltbank in den letzten zwei Jahren zu einem vollkommenen Umdenken geführt mit der Erkenntnis, dass zur Erreichung der von der UNO entwickelten Millenium Development Goals (MDG) wesentlich mehr im öffentlichen Sektor investiert werden muss als bisher, und der lokale private Sektor entwickelt werden muss anstelle der Firmen der reichen Länder.

Österreichische Entwicklungszusammenarbeit

Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA), deren Grundsätze für den Bereich Wasserversorgung und Siedlungshygiene in einer Wassersektorpolitik festgelegt hat, ist grundsätzlich für die Einbindung des privaten Marktes in alle Interventionen. Es stellt sich jedoch in der Wasserversorgung und Siedlungshygiene - die als Daseinsvorsorge einen wesentlich höheren Stellenwert als andere Versorgungsformen hat - die Frage, ob dafür überhaupt ein Markt möglich ist, und wenn ja, für welche Komponenten. Die Gefahr von Monopolbildungen und von stark überhöhten Gewinnerwartungen wird auch in Europa bereits erkannt und ist in Entwicklungsländern noch wesentlich größer, da die KonsumentInnen wegen der schwachen Institutionen und der schlechten Integration der dezentralen Regionen weniger Möglichkeit haben ihre Rechte einzufordern. Die Voraussetzungen und Möglichkeiten für eine Entwicklung des Wassersektors müssen also in jedem einzelnen Fall genau geprüft und geplant werden, wobei die Einbindung aller Beteiligten, insbesondere der KonsumentInnen durch geeignete Organisationsformen und entsprechend der lokalen Agenda 2000 zu beachten ist. Die Grenzen der Privatisierung sind derzeit in vielen Fällen bereits erkennbar, da z.B. internationale Konzerne nur mehr bereit sind in gewinnversprechende Versorgungssysteme großer Städten zu investieren. Die österreichische EZA ist auf allen Ebenen lokal, regional und national in den Partnerländern in diese Diskussion eingebunden und fördert die Stärkung von eigenständigen und effizienten kommunalen Versorgungsformen unter Einbindung des privaten Sektors.
In der internationalen Diskussion wird immer von Abwasserbeseitigung bzw. -reinigung gesprochen. In weiten Regionen, insbesondere dort, wo die besonders arme Bevölkerung betroffen ist, gibt es kein Abwasser im europäischen Sinn für eine Kanalisation und seine so genannte Beseitigung (die außerdem unmöglich ist!). Aber gerade in diesem Bereich, der bei den Millenium Development Goals besonders angemerkt ist, müssen flächendeckend brauchbare siedlungshygienische Konzepte (Eco-Sanitation strategies) entwickelt werden. Das braucht natürlich viel Zeit und wenig Geld und ist in Europa nicht Stand der Technik. Beides ist aus der ökonomischer Sicht der Geldgeber unangenehm und deshalb nicht sehr beliebt.

Abbildung 3: Die österreichische EZA fördert die Stärkung von eigenständigen und effizienten kommunalen Versorgungsformen

UN Decade of Desaster Prevention

In der Wasserversorgung werden bei Geberländern besonders auch die Leistungen der Katastrophenvorsorge im Bereich der Wasserversorgung und Siedlungshygiene angemerkt. Dieser Punkt sollte noch wesentlich deutlicher herausgearbeitet werden, und zwar im Sinn der jetzt zu Ende gegangenen "UN Decade of Desaster Prevention". Gerade in Österreich ist da noch viel Bewusstseinsarbeit notwendig, da hierzulande noch am längst vergangenen Ansatz der Katastrophenhilfe festgehalten wird: D.h., man wartet bis irgendwo eine Katastrophe (ein Naturereignis das großen Schaden anrichtet) eintritt, fängt dann mit den Vorbereitungen eines meist unbrauchbaren, weil zu schwerfälligen Instrumentariums an, das Bundesheer wartet dann noch auf den Ministerratsbeschluss, und kommt letztendlich wesentlich zu spät (z.B. Flutkatastrophe Mosambik 2000). Diese Vorgangsweise ist nicht nur recht wenig effektiv, sondern im entwicklungspolitischen Sinn auch kontraproduktiv. Sie verhindert jede Eigenvorsorge und Selbstverantwortung der Regierungen der betroffenen Länder und fördert durch den massiven Geldstrom unter unkoordinierten Bedingungen die Korruption. Im Gegensatz dazu hat sich international herumgesprochen, dass Naturereignisse weitgehend vorhersehbar sind, dass eine regionale Katastrophen Vorsorge die Empfindlichkeit der Bevölkerung gegenüber diesen Ereignissen wesentlich vermindern so wie die Entwicklung einer Region stabilisieren kann und darüber hinaus wesentlich billiger kommt als externe Hilfestellung nach Katastrophen. Es ist allerdings viel plakativer Geld für spektakuläre Hilfsaktionen auszugeben, als für Katastrophen, die nicht stattfinden (Kofi Annan, 1999, bei der Abschlussrede zur UN Katastrophenvorsorge Dekade)4.

Anmerkungen

1) UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, 3.-14.6.1992 in Rio de Janeiro
2) DFID, Department for International Development, http://www.nwl.ac.uk/research/WPI/http://aee.at/aee/images/Bilder-fuer-Zeitungen/2004-02/images/wpileafleta4.pdf
3) Die Wasserdekade wurde unter dem Motto "Wasser für alle" 1977 auf der UN-Konferenz in Mar del Plata ausgerufen.
4) Kofi Annan, 1999. "Secretary-General too Decade for Natural Disaster Reducion", Press Release SG/SM/7060-199990706, http://www.reliefweb.int/w/rwb.nsf/0/c75deld76f597112c12567a70043744e?OpenDocument

Literatur:
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Wissenschaft & Umwelt Interdisziplinär 7", 2003

 

*) Dipl.-Ing. Helmut Jung ist Konsulent für den Wassersektor der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im außenministerium und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität für Bodenkultur, Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz, This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. [^]

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