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2004-01: Erneuerbare Energien in Österreich

Thema

Die 90er-Jahre werden als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen, in dem die "neuen" erneuerbaren Energieträger, jenseits der traditionellen Holznutzung und der Großwasserkraft, erstmals in einigen Industrieländern breit Fuß fassen konnten. Bei fast allen "neuen" erneuerbaren Energieträgern - Wind, Photovoltaik (PV), Solarthermie, Biodiesel und Biogas - hat sich der Markt innerhalb des letzten Jahrzehnts mehr als verzehnfacht.

Erneuerbare Energien - die Durchstarter des neuen Jahrhunderts

Von Roger Hackstock und Christian Rakos*

Diese Entwicklung beschränkte sich bisher allerdings weltweit auf wenige Staaten, die meisten davon innerhalb der EU. Zu den Vorreitern der 90-er Jahre zählte ein wohlhabendes, wenn auch relativ kleines Land in den Alpen, nämlich Österreich.

Windkraft schlägt Atomkraft

Zwischen 1991 und 2000 wuchs die installierte Windkraftleistung in Deutschland von 108 MW auf über 6.000 MW /1/. Der Windmarkt in Spanien boomt seit Jahren mit Wachstumsraten um die 60% pro Jahr /2/. In Österreich stieg die installierte Windkraftleistung in nur sechs Jahren von 0,32 MW (1994) auf über 77 MW (2000). Österreich ist bei den Ländern ohne Küste damit weltweit Spitzenreiter. Insgesamt waren Ende 2000 weltweit fast 19.000 MW Windkraft installiert. Mittlerweile macht die Windkraft sogar der Atomkraft Konkurrenz: seit 1999 ging jedes Jahr weltweit mehr Leistung aus Windkraftwerken als aus Atomkraftwerken ans Netz /3/.

Abbildung 1: In Österreich stieg die installierte Leistung in den letzten sechs Jahren um das 240-fache.
Foto: Wolfgang Gabriel

Weltmarkt Photovoltaik

Bis zum ersten Megawatt Photovoltaik (PV) waren in Österreich fast 20 Jahre vergangen, bis zum zweiten Megawatt dauerte es nur mehr knapp 3 Jahre, das dritte Megawatt war nach 1,5 Jahren im Jahr 1999 installiert /4/. Mit jährlichen Wachstumsraten von weltweit ca. 20% zählte die Photovoltaik zu den am stärksten expandierenden Energietechnologien der 90-er Jahre. Dass von dieser Technologie in Zukunft große Gewinne erwartet werden, beweist der in den 90-ern erfolgte Einstieg großer Kapitalgesellschaften in das PV-Geschäft. Der weltweit größte Ölförderer BP Amoco wurde inzwischen auch weltgrößter PV-Anbieter und größter privater Nutzer von PV-Anlagen /5/.

Exportschlager Solarthermie

Auch die Solarthermie erlebte im vorigen Jahrzehnt - 15 Jahre nach ihrer Einführung in den 70-er Jahren - ihren Durchbruch. In nur sieben Jahren wuchs der Solaranlagenmarkt in Österreich von rund 18.000 m2 installierter Fläche pro Jahr (1989) auf über 180.000 m2 pro Jahr (1996) /6/ (siehe Abbildung 2). Obwohl der inländische Solarmarkt Ende der 90-er Jahre stagnierte, blieb Österreich bei der Pro-Kopf-Installation von Solarfläche EU-weit an der Spitze. Insgesamt waren Ende 2000 in rund 153.000 österreichischen Haushalten solare Warmwasseranlagen installiert. Der Export österreichischer Solartechnik stieg seit 1997 im Schnitt um jeweils 44% gegenüber dem Vorjahr, im Jahr 2000 sogar um 86%.

Abbildung 2: In Österreich jährlich installierte Kollektorfläche (ohne Schwimmbadabsorber). Im Jahr 1996 stieg die installierte Fläche auf über 180.000 m² /6/

Schwergewicht Holz

Eine große Erfolgsgeschichte der 90-er Jahre in Österreich war die Verbreitung von Biomasse-Fernheizwerken. Ihre Zahl wuchs bis Ende 2000 auf über 500 Anlagen /7/. Eine Entwicklung, die auch in andere Länder ausstrahlte: in Deutschland, Italien und Frankreich steigt die Anzahl dieser Anlagen rasant an. Frankreich will bis 2003 rund 2000 Biomasse-Fernheizwerke errichtet haben /8/. Äußerst dynamisch und richtungweisend war auch die Entwicklung im Bereich Kleinfeuerungsanlagen. Technologisch wurde mit dem Wettbewerb für Hackschnitzelheizungen kleiner Leistung Mitte der 90-er der Durchbruch geschafft. Am Markt kamen die damals entwickelten Innovationen aber erst zum Tragen, als der neue Brennstoff Pellets eingeführt wurde. Seit nunmehr 5 Jahren verdoppelt sich der Markt für Pelletheizungen fast jährlich. Eine Entwicklung die bislang nur in skandinavischen Ländern ähnlich dynamisch verläuft, aber auch Deutschland bereits erreicht hat und längerfristig wohl weltweit (zumindest in der nördlichen Hemisphäre) von Bedeutung sein wird.

Abbildung 3: Anzahl und installierte Leistung der Biomasse-Heizwerke in Österreich nach Bundesländern aufgeteilt, EVA Schmidl 2001

Abbildung 4: Jährlich brutto neuinstallierte Leistung von Holzfeuerungsanlagen in MW, NÖ- Landes-Landwirtschaftskammer

Spätstarter Biogas

Etwa die Hälfte der über 100 Biogasanlagen in Österreich wurden erst in den letzten 4 Jahren errichtet /9/. Zehn Jahre zuvor waren noch keine zwanzig Anlagen in Betrieb (siehe auch Abbildung 5). Eine ähnliche Entwicklung fand in Deutschland statt, wo mittlerweile rund 1.000 Biogasanlagen bestehen. Noch sind fast alle Biogasanlagen auf die landwirtschaftliche Güllewirtschaft ausgerichtet. In naher Zukunft dürfte aber eine Umorientierung hin zum Energiepflanzenanbau einsetzen, was Biogas zum Überraschungssieger des nächsten Jahrzehnts machen könnte.

Abbildung 5: Zeitliche Entwicklung in Anlagenzahl und installierter Leistung von Biogasanlagen in Österreich, EVA Schmidl 2001

Senkrechtstarter Biodiesel

Mit Abstand am stärksten stieg in den 90er-Jahren die Produktion von Biodiesel weltweit an /10/: in Österreich um fast das 40-fache von 500 t/Jahr (1988) auf 19.000 t/Jahr (1998), in Deutschland um fast das 80-fache von 4.000 t/Jahr (1991) auf 314.000 t/Jahr (2001) und weltweit sogar um fast das 100-fache von 10.000 t/Jahr (1991) auf 959.000 t/Jahr (2001). Hocheffiziente Herstellungsverfahren, international standardisierte Qualität und ein starker Produktionszuwachs haben Biodiesel zu einer potenziellen Alternative gemacht, wenn der Rohölmarkt verrückt spielt.

Schlafender Riese Kleinwasserkraft

Mit einer installierten Leistung von mittlerweile 848 MW in über 1.100 Anlagen (1998) war die Kleinwasserkraft der wichtigste österreichische Ökostromproduzent der 90-er Jahre /11/. Der weitere Ausbau erfolgte bisher jedoch schleppend, die heute installierte Leistung liegt nur knapp 10% über jener von 1991. Fehlende Rahmenbedingungen haben eine dynamische Entwicklung in diesem Bereich behindert, die enormen zusätzlichen Potenziale der Kleinwasserkraft blieben dadurch ungenutzt.

Neue Wirtschaftszweige entstehen

Auch wenn die boomenden Märkte der "neuen" Erneuerbaren in den 90-er Jahren von sehr geringen Niveaus ausgegangen sind, die aktuelle Dynamik dieser Märkte ist beeindruckend. Innerhalb weniger Jahre haben die "neuen" Erneuerbaren in etablierten Branchen Fuß gefasst (Beispiel Solarthermie) oder völlig neue Branchen entstehen lassen (Beispiel Windenergie). In den nächsten zehn Jahren könnten hier neue Wirtschaftszweige mit duzenden Firmengründungen und einem wachsenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften entstehen. Am deutschen Windkraftmarkt werden die Potenziale dieses neuen Wirtschaftszweiges bereits heute sichtbar. So starteten drei deutsche Windanlagenhersteller gemeinsam mit der Handelskammer und dem Arbeitsamt in Husum (Schleswig-Holstein) eine Ausbildungsinitiative zum "Servicetechniker für Windkraftanlagen", deren Abgänger vom Fleck weg engagiert werden. Kein Wunder, zählt doch die Windenergie an der Westküste von Schleswig-Holstein zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen neben Tourismus und Landwirtschaft. Auch in Dänemark ist die Windindustrie seit Jahren eine der drei größten Wirtschaftszweige nach Erdgas und der Fischereiindustrie. Davon ist die Holzkesselbranche in Österreich zwar noch weit entfernt, kaum eine andere Branche bei den Erneuerbaren hat aber in den letzten Jahren ein ähnlich dynamisches Wachstum erlebt. Im Biogasbereich würde sich für Österreich die Chance bieten, ganz vorne mitzumischen - wenn wir sie nützen wollen.

Neue Märkte brauchen verlässliche Rahmenbedingungen

Die Grundlage für den Boom der "neuen" Erneuerbaren in den 90-er Jahren war die Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen in den jeweiligen Bereichen, die zumindest über einige Jahre Investitionssicherheit schufen. Bei der Windkraft hatten in den letzten zehn Jahren nicht zufällig die Länder mit den attraktivsten Stromeinspeisegesetzen die Nase vorn: Dänemark, Deutschland und Spanien. Auch die Photovoltaik profitierte davon, in Deutschland führte der erhöhte PV-Einspeisetarif des neuen Erneuerbare Energie Gesetzes (EEG) vom Vorjahr fast unmittelbar zu Absatzrekorden. Die Solarthermie wiederum konnte auf langjährige Programme zur Investitionsförderung (Beispiel Österreich, Deutschland) oder Steuererleichterung (Beispiel Griechenland) bauen. Der Biodieselmarkt profitierte von strengen Umweltnormen für Treibstoffe und Öle im Tunnelbau, im Forst und in der Schifffahrt. Beim Energieträger Holz haben langjährige Förderungen wesentlich zur Expansion des Marktes beigetragen. In den Skandinavischen Ländern war es eine konsequent umgesetzte Energiesteuerpolitik, die zu einer enormen Marktexpansion zuerst im Fernwärmebereich und später bei kleineren und mittleren Anlagen geführt hat.

Rahmenbedingungen sind aber nicht alles

Für den Boom der "neuen" Erneuerbaren in den 90-ern waren auch aktive Interessensvertretungen entscheidend, welche die Aufgaben Vernetzung, Schulung, internationale Kooperation, Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit übernahmen. Bei der Solarthermie etwa hatte die AEE diese Rolle inne - ohne sie wäre die überragende Position Österreichs in diesem Bereich undenkbar. Von ebenso großer Bedeutung waren Impulsprogramme, um die Marktentwicklung mit einer begrenzten "Sonderaktion" anzustoßen. Beispiele dafür waren das deutsche 250 MW-Windprogramm Anfang der 90-er Jahre oder das 100.000-Dächerprogramm zur Photovoltaik. Bei Biodiesel waren es die Flottenumstellungen großer Gewerbebetriebe und Kommunen, die über günstige gesetzliche Vorgaben hinaus einen Impuls am Beginn der Verbreitung bewirkten.

Die nächsten 10 Jahre

Betrachtet man die zukünftigen Marktperspektiven der einzelnen "neuen" Erneuerbaren, so sind zumindest für die nächsten zehn Jahre große Potenziale erkennbar. Die bisherigen Erfahrungen haben etliche neue Einsatzbereiche für die jeweiligen Technologien aufgezeigt, deren Erschließung die große Aufgabe für die nächsten zehn Jahre sein wird.
Bei der Windkraft ist das Offshore-Zeitalter angebrochen, allein in der Nord- und Ostsee sind derzeit fast 10.000 MW Windparks in Planung. Die Photovoltaik wird zunehmend als "stromliefernder Baustoff" gesehen, laufend werden neue Lösungen zur Gebäudeintegration erprobt. Die große Aufgabe bleiben jedoch zukünftig Quantensprünge in der Modultechnik und damit in den Herstellungskosten.
Bereits mit der heutigen Solartechnik könnte nach einer Schätzung der AEE INTEC /12/ der Solaranteil bei Warmwasser, Raumheizung und Prozesswärme bis 100oC bei 20% liegen. Derzeit liegt der Anteil bei Warmwasser und Raumheizung bei 1%.
Mit einer verstärkten Energiepflanzennutzung in größeren Gemeinschaftsanlagen könnte Biogas nach Ansicht der ARGE Biogas binnen eines Jahrzehnts zum Spitzenreiter unter den Erneuerbaren werden, mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten, auch in Österreich.
Auch bei Biodiesel sind große Potenziale erkennbar, die vor allem von folgenden Faktoren abhängen: Rohölpreisentwicklung, Marketing in Marktnischen und EU-Osterweiterung (die Beitrittswerber verfügen im Schnitt über doppelt so viel Ackerland pro Kopf wie die EU-Staaten). Langfristig könnte Biodiesel aber durch die Biogaserzeugung aus Energiepflanzen eine ernsthafte Konkurrenz um die verfügbaren Flächen erwachsen: mit Biogas kann ein fast drei mal höherer Energieertrag pro Hektar erzielt werden als mit Biodiesel.
Bei Hackschnitzeln und Pellets ist ein Anteil von 30% am Raumwärmemarkt langfristig keine Utopie mehr. Als neuer Weg könnte sich Ökostrom aus Biomasse in den nächsten 10 Jahren etablieren, wo große Rohstoffpotenziale bestehen. Die Technologie dafür ist - zumindest im größeren Maßstab - vorhanden.
Der Ökostromanteil der Kleinwasserkraft wurde per Gesetz mit 8% bis zum Jahr 2007 festgesetzt. Dieser Anteil ist allerdings bereits heute fast erreicht. Für einen massiven Ausbau und eine Revitalisierungsoffensive müssten zusätzlich in den nächsten Jahren Initiativen gesetzt werden.
Die Aufgabe im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird es sein, die Chance des bereits erfolgten Aufbruches hin zu einer nachhaltigen Energiewirtschaft zu nutzen. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, effiziente Interessensvertretungen und rigorose Qualitätssicherung um die "neuen" Erneuerbaren als tragende Säule in der Energieversorgung zu etablieren. Mit der Etablierung der "neuen" Erneuerbaren entstehen auch neue Wirtschaftszweige. Die Grundsteine für die weltweite Vormachtstellung einzelner Länder in diesen Wirtschaftszweigen werden in den nächsten Jahren gelegt. Dabei besteht für Österreich die einzigartige Chance, eine Vorreiterrolle im Bereich Holzbrennstoffe, Biogas und bei der Solarthermie einzunehmen.

Literatur:
/1/ IG Windkraft, Windenergie 3/2001
/2/ Erneuerbare Energien 6/2001, Sunmediaverlag, Deutschland
/3/ "Windenergie überflügelt Atomkraft", Presseaussendung der Internationalen Windenergieagentur AWEA, 29.05.2001
/4/ G. Faninger, Der Photovoltaikmarkt in Österreich 2000, herausgegeben vom Bundesverband Photovoltaik, 2001
/5/ BP Presseaussendung, 27.05.1999
/6/ G. Faninger, Der Solarmarkt in Österreich 2000, herausgegeben vom Bundesverband Solar, 2001
/7/ Biomasseverband, 2000
/8/ Renewable Energy Working Group der EnR, Mai 2000
/9/ ARGE Biogas und Österreichischer Biomasseverband, 2000
/10/ Werner Körbitz, Österreichisches Biotreibstoffinstitut, 2000
/11/ Reinhard Haas et al, Erneuerbare Strategien, Studie im Auftrag des BMWA und BMLFUW, 2001
/12/ Werner Weiß, AEE INTEC, Der Beitrag von thermischen Kollektoren zur Energiebereitstellung in Europa und Österreich, IEA SHC-TASK 26 Industrie-Workshop in Rapperswil, Schweiz, 10.Oktober, 2001

 

*) Dipl.-Ing. Roger Hackstock ist zuständig für ernuerbare Energieträger in der E.V.A.Energieverwertungsagentur, This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
Dipl.-Ing. Dr.
Christian Rakos ist Biomasse-Experte in der E.V.A.Energieverwertungsagentur, This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. [^]

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