Zeitschrift EE

Zurück zu den Beiträgen

2001-01: Erneuerbare Energien in der Entwicklungszusammenarbeit

Solarenergie am Dach der Welt

Ladakh und die tibetische Himalayaregion haben ideale Voraussetzungen für solare Energienutzung. Es gibt im rauhen Wüstenklima von Ladakh kaum Bäume und daher auch kaum örtlich vorhandenes Heizmaterial für die sehr kalten Wintermonate, in denen Temperaturen bis -30°C keine Seltenheit sind. Trotz der frostigen Temperaturen scheint fast täglich die Sonne, der Himalayahauptkamm hält fast alle Niederschläge ab und das Klima ist äußerst trocken.

Solarbeheizte Dorfschule am Himalaya

Von Christian Hlade*

Über das Schulbauvorhaben des Vereins "Friends of Lingshed" im 4000 Meter hoch gelegenen Himalayadorf Lingshed berichteten wir in unserer Ausgabe 2-2000. In der Zwischenzeit wurde die Schule realisiert und ging im September 2000 in "Betrieb".
Nach vielen Diskussionen begannen im Sommer 1999 die Vorbereitungen für den Bau eines an den Grundlagen solaren Bauens orientierten Schulgebäudes. Das gesamte Bauholz wurde gekauft und mit einem LKW zwei Tagesreisen zum Ort Zangla im Süden von Lingshed transportiert. Dort lagerten die Balken bis zum Winter, wurden dann mit Schlitten auf dem zugefrorenen Zanskarfluss bis in Dorfnähe und dann auf den Schultern der Dorfleute in einem mehrstündigen Marsch nach Lingshed gebracht. Diese komplizierte Logistik ersparte den viertägigen Transport der Balken über zwei 5000 Meter hohe Pässe.

Abbildung 1: Die Dorfleute mussten die Balken für den Bau der Solarschule in einem mehrstündigen Marsch nach Lingshed tragen.

Ab März 2000 kündigte ich meine Anstellung in einem Grazer Architekturbüro, um mich ausschließlich dem Schulbauprojekt widmen zu können. Zunächst musste erst einmal die Finanzierung gesichert werden, denn für ein so großes Bauvorhaben hatte wir viel zu wenig Geld am Projektkonto. Es galt eine Summe von ATS 600.000.- für den ersten Bauabschnitt aufzutreiben. Im Mai reiste ich dann nach Lingshed, um die Bauarbeiten und den Materialtransport zu koordinieren. Weitere 30 Pferdeladungen an Holz, Glas, Nägel, Farben, usw. mussten jeweils vier Tagesmärsche über 5000 Meter hohe Pässe nach Lingshed gebracht werden. An die 50 Personen waren vor Ort an der Bauausführung beteiligt und mussten eingeteilt und mit Material und Arbeit versorgt werden.
Es gab so manche Schwierigkeiten während der Bauphase. Gleich zu Beginn der Arbeiten verließ uns der als Baukoordinator vorgesehene Mönch Lama Tsewang und ich stand mit der Koordinationsarbeit ganz allein da. Die Zusammenarbeit mit den Dorfleuten begann auch äußerst schleppend und für mich zu Beginn sehr frustrierend. Sprachprobleme, tagelange Verzögerungen beim Beginn strapazierten meine westlich geprägte Geduld sehr stark. Sehr oft, vor allem am Anfang, schien es so, als würde das Projekt völlig scheitern.
Für mich waren auch die Lebensbedingungen im Dorf in den ersten Wochen äußerst hart. Da noch zu viel Schnee auf den Pässen lag, konnte ich nicht mit Packpferden anmarschieren, sondern musste mein ganzes Gepäck für die vielen Wochen Aufenthalt vier Tage lang am Rücken nach Lingshed tragen. Das hieß dann keine Bücher und keine zusätzlichen Lebensmittel während der ersten Wochen. Für meine Versorgung im Dorf war ich dann auf Essenseinladungen von DorfbewohnerInnen angewiesen. Gegen Ende des Winters sind jedoch im Dorf fast alle Vorräte aufgebraucht und man bekommt tagelang nichts anderes als den berüchtigten - häufig mit stark ranziger Butter versetzten - tibetischen Buttertee und etwas geröstetes Gerstenmehl (Tsampa). Eine Tasse Schwarztee mit etwas Zucker war schon größter Luxus und meine 20 Vitamintabletten mein größter Schatz. Dies nicht wegen der Vitamine, sondern als Geschmacksalternative und als Nachspeise.
Der Schulbau kam aber dann immer besser in Schwung und mit zunehmendem Baufortschritt stieg auch die Begeisterung aller Beteiligten. Für mich als Architekt war das Wachsen eines Gebäudes, das ohne jegliche Maschinen errichtet wurde, ein faszinierender Prozess! Die einzige Energiequelle beim Transport und bei den Bauarbeiten war die Muskelkraft der Menschen und der Arbeitstiere. Gemessen an den einfachen Arbeitstechniken war der Baufortschritt atemberaubend.
Nach nur zwei Wochen war eine riesige Hangfläche mit gerölligem und zum Teil auch leicht felsigem Aufbau in händischer Arbeit nur mit Schaufeln und Spitzhacken eingeebnet und der Aushub der Fundamente konnte beginnen. Nach weiteren zwei Wochen begann dann schon das Aufmauern der ersten Außenmauern mit den auf der Baustelle hergestellten, luftgetrockneten Lehmziegeln.
Der Schulbau war ein hartes Stück Arbeit für alle Beteiligten. Jeder gab sein Bestes und nach sensationellen vier Monaten Bauzeit war die Schule fertiggestellt. Mein ganzes Leben werde ich mich an die letzten Tage erinnern, als zehn Dorfleute und vier "Westler" gemeinsam die Schule ausmalten. Diese Stunden waren für mich der Gipfel an Völkerverbindung. In dieser Zeit gab es keinerlei Kulturunterschiede, nur das gemeinsame Arbeiten und: "Please give me the red colour and the brush...."
Die Schuleinweihung am 22. August 2000 wurde ein rauschendes Fest mit vielen hundert Dorfleuten. Die gemeinsame Freude war riesig und das Tanzen und Singen dauerte bis in die Morgenstunden.

Abbildung 2: Der Schulbau war ein hartes Stück Arbeit für alle Beteiligten. Jeder gab sein Bestes und nach nur vier Monaten Bauzeit war die Schule fertiggestellt

Mit zunehmendem Baufortschritt gelang nicht nur ein beeindruckendes Gebäude, sondern auch etwas, was mindestens ebenso wichtig ist: Die Identifikation der Dorfbewohner mit dem Bauwerk.

Das Bau- und Energiekonzept

Das Schulgebäude hat fünf Klassenräume und drei LehrerInnenwohnräume. Alle Räume können im Winter durch die Sonneneinstrahlung passiv erwärmt werden. Die Räume sind 3,5 Meter mal 3,5 Meter groß, die vorgelagerten Wintergärten haben Abmessungen von 2,8 Metern mal 9 Meter. Die Innen- und Außenwände sind 50 cm stark und wurden aus örtlich hergestellten, luftgetrockneten Lehmziegeln gebaut.
Der Aufbau der Dächer folgt der traditionellen tibetischen Bauweise mit Hauptbalken (Achsabstand ca. 60 cm), querliegenden Knüppelhölzern, darüber mehrere Lagen spezielles Gras und Lehmschichten als Dachhaut. Die seit einigen Jahren immer häufigeren Sommerregenfälle wurden durch eine 5° Neigung des Daches nach hinten mit Entwässerungsöffnungen berücksichtigt. Bei den Wohnräumen der LehrerInnen wird die Decke mittels gespannter Textilien und Hobelspänen bzw. Stroh zusätzlich gedämmt.
Das Grundrissschema des Gebäudes ist sehr einfach: Sechs nebeneinanderliegende Räume werden jeweils von der Südseite mit einer Tür und einem Fenster durch vorgelagerte Wintergärten erschlossen und auch erwärmt. Durch den zentralen Eingangsbau mit Vorraum erhält das Gebäude einerseits einen gewichtigeren Ausdruck, andererseits dient der Vorraum als Verteilraum und Schleuse für die beiden Wintergärten.
In den kältesten Wintermonaten findet der Unterricht ausschließlich in der direkten Sonneneinstrahlung in den beiden Wintergärten statt, in der Übergangszeit und im Sommer in den dahinterliegenden Räumen (siehe Abbildung 3). Die verglasten Südfronten des Gebäudes wurden schräg ausgeführt, da selbst in der warmen Jahreszeit die Temperaturen auf 4000 Metern Höhe eine Temperierung des Gebäudes erfordern.

Abbildung 3: Kinder in der Solarschule. Der Unterricht findet in der kälteren Jahreszeit in den Wintergärten statt, um die direkte Sonneneinstrahlung besser zu nützen.

Mit der passiven Solarnutzung wurde experimentiert: Der westliche Gebäudeteil wurde verglast, der östliche wird im Winter mit einer UV-beständigen PE-Folie abgedeckt und kann im Sommer mit Tüchern beschattet werden. Grund des Experiments war die Erprobung unterschiedlicher Materialien, auch im Hinblick auf deren Haltbarkeit im Schuleinsatz (Kinder spielen gerne mit Bällen und Steinen...). Zudem ist der tagelange Transport von Glasscheiben über die Pässe auf Pferderücken sehr aufwendig.
Der westliche Wintergarten ist wurde innen schwarz gestrichen, der östliche Teil mit heller Farbe. Hier war der Ausgangspunkt der Überlegung, dass hinter den schwarzen Mauern die Wohnräume des Lehrpersonals liegen. Zur Überprüfung der Wirkungsweise der einzelnen Maßnamen wurden viele der Räume mit Max/Min-Thermometern ausgestattet. Im kommenden Sommer werden die Messwerte ausgewertet und eventuell noch einige bauliche Veränderungen durchgeführt.

Weitere Ausstattung der Schulanlage

Das Klima auf 4000 Meter Seehöhe ist sehr rauh, in einem Gewächshaus kann man aber sehr gut verschiedene Gemüsearten anbauen und so den Speiseplan und Vitaminhaushalt der Dorfleute bereichern. Das folienüberdachte Gewächshaus wird in den Unterricht einbezogen und dient als Demonstrationsobjekt für die Dorfbewohner.
Mit mitgebrachten Planunterlagen fertigte der ortsansässige Zimmerer drei funktionsfähige Solarkocher (Typ: Kochkisten) für die Schule an. Mit diesen Kochern wird für die SchülerInnen gekocht, aber auch auf einfache Weise Warmwasser zum Waschen bereitgestellt. Diese Kocher sind als Demonstrationsobjekte und Anregung zum Nachbau für die DorfbewohnerInnen gedacht.

Abbildung 4: Christian Hlade vor der Schule mit einem Photovoltaikmodul und einem der Solarkocher, der von den Dorfbewohnern gebaut wurde.

Photovoltaikanlagen werden auch in Indien hergestellt. Wir konnten, nach einigem Suchen, in Neu Delhi zwei komplette Anlagen erstehen. Der Preis betrug ca. ATS 4.000.- pro Anlage, bestehend aus Paneel, Batterie, 2 Energiesparlampen und Laderegler. Auch diese Anlagen wurden, wie alles andere mit Pferden nach Lingshed getragen.
Der Schulneubau ist nur ein kleiner Teil unserer laufenden Aktivitäten in Ladakh. Auf Wunsch senden wir Informationen zum Projekt zu. Bestellung unter: Friends of Lingshed c/o Dipl.Ing. Christian Hlade, Baiernstraße 53, 8020 Graz; e-mail: This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. homepage: www.lingshed.org.

 

 

Das Dorf Lingshed

Lingshed liegt auf 4000 m Seehöhe und ist nur zu Fuß, über 5000 m hohe Bergpässe, in mindestens vier harten Tagesmärschen zu erreichen. Es gehört zu den abgelegensten und ärmsten Teilen von Ladakh (Nordindien). Zwischen November und März, solange zu viel Schnee auf den Pässen liegt, ist das Dorf vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Lingshed und seine Nachbargemeinden beheimaten ca. 1000 Menschen. Lebensgrundlagen sind der Anbau von Gerste und Erbsen, sowie die Haltung von Yaks und Ziegen. Das Kloster in Lingshed ist ein wichtiges spirituelles Zentrum des tibetischen Buddhismus.

*) Dipl.-Ing. Christian Hlade ist Architekt und Trekkingreisenveranstalter in Graz. Er hat als Obmann des Vereins "Friends of Lingshed" die Dorfschule in Lingshed geplant, die Finanzierung sichergestellt und während der gesamten Bauzeit vor Ort alle Arbeiten koordiniert. [^]

Top of page