Solar-Luftsysteme
Realisierte Beispiele
Das Haus der Familie Stecher-Wyden wurde 1945/46 als Holzständerbau in
einer Genossenschaftssiedlung zusammen mit 10 weiteren, identischen Einfamilienhäusern
gebaut. Notwendig werdende Investitionen - Einbau Badezimmer, Ersatz der Kohle-Holz-Schwerkraftheizung
- und die ungenügende Wärmedämmung der Gebäudehülle
veranlassten die Familie auf dem Gebiet der Renovation und Sanierung von Altbauten
solares Neuland zu betreten. Der Kostenrahmen von maximal 5% Mehrinvestitionen
sollte dabei allerdings nicht überschritten werden.
Solares Luftsystem für Sanierung
Die Zielsetzungen waren die Erhöhung des Komforts, die Verwendung baubiologisch
wertvoller Materialien und eine Energieversorgung unter weitestgehend der Nutzung
solarer, erneuerbarer Energie. Weiters sollte auf aufwendige Installationen
im Haus verzichtet werden.
Das ganze Süddach des renovierten Einfamilienhauses ist nun als Luftkollektor
(40m²) ausgebildet und an der Südfassade sorgt ein verglaster Rücklaufkanal
(5 m²) für zusätzliche Solarenergienutzung. Die solar erwärmte
Luft durchströmt zuerst einen Luft - Wasser Wärmetauscher zur Brauchwarmwasservorwärmung
und dann die Wände (Murokausten) und die Böden (Hypokausten) und liefert
so 4500 kWh Wärme (Nutzenergie) pro Jahr. Dank diesem solaren Input und
der guten Wärmedämmung ergibt sich ein sehr kleiner Restenergiebedarf.
Pro Jahr muss der zentrale Holzofen gerade noch mit 1,6 Ster Holz beschickt
werden. Die Energiekennzahl sank von 195 auf 19,5 kWh/m²a um den Faktor
10, obwohl der Wohnkomfort deutlich gestiegen ist. Die Mehrkosten für diese
Sanierungsvariante - solares Luftsystem und Holzofen - gegenüber einer
Zentralheizung beliefen sich auf 4.100 Euro. Das Haus wurde mit dem Schweizer
Solarpreis 98 ausgezeichnet. Ein Messprojekt im Auftrag des Bundesamtes für
Energie dokumentiert die erweiterte Erfolgskontrolle und gibt Auslegungs- und
Optimierungshinweise.
Die Luftkollektoranlage
Der Luftkollektor besteht aus einer einfachen, verglasten Dachkonstruktion.
Das blendfreie Glas anstelle der Ziegelabdeckung sowie das darunterliegende,
dunkelbraune "Montana-Blech" (Unterdach als Absorber) bilden das eigentliche
Süddach, in welchem die Luft erwärmt wird. Die sanierungsbedürftige
Decke über dem Untergeschoss wurde mit Holzbalken und Tonhurdissteinen
sowie einem aus Lastgründen minimalen Betonüberzug von 7 cm (Speicher)
realisiert.
Die Gebäudestruktur dient als Luftführung (Wände) und Speicher
(Böden) und ermöglicht eine sehr gleichmässige Temperierung des
ganzen Innenraumes. Auf eine Zentralheizung konnte verzichtet werden. Ein Einzelofen
im offen gestalteten Grundriss des Wohngeschosses reicht zur Nachheizung des
ganzen Hauses bei mehrtägigem, kaltem, bedecktem Wetter.
Abbildung 1: Prinzipschema des solaren Luftsystems
Durch den Einbau eines Luft-Wasser-Wärmetauschers unmittelbar nach dem Firstsammelkanal konnte zusätzlich auf einfachste Weise eine sehr effiziente solare Wassererwärmung ohne Glykolzwischenkreislauf realisiert werden.
Winterbetrieb
Mit einem Ventilator wird die erwärmte Luft via Firstsammelkanal durch
einen Wärmetauscher (Warmwasservorwärmung) und zwei abfallende Verteilkanäle
im nordseitigen Hausteil durch den Badezimmerboden in die östliche Hurdisdecke
im Erdgeschoss und direkt in die westliche Hurdisdecke geführt.
Von Nord nach Süd in der Hurdisdecke fliessend und dabei die Wärme
abgebend gelangt die Luft durch den Siphon (Kältefalle) in den verglasten
Fassadenkollektor und ins Kollektordach zurück. Die solare Warmwasseraufbereitung
deckt 40% des Bedarfs und wird durch eine sparsam betriebene elektrische Nachheizung
im oberen Teil des Boilers auf Gebrauchstemperatur gebracht. Der solare Deckungsgrad
für die Gebäudeheizung beträgt 50%.
Sommerbetrieb
Das Öffnen einer Holzblende am unteren Ende des Fassadenkollektors treibt die erwärmte Kollektorluft durch natürliche Konvektion via Wärmetauscher durch eine Fassadenöffnung ins Freie. Der solare Deckungsgrad liegt im Sommer bei 80 - 90% und es konnte gezeigt werden, dass während einer Schönwetterperiode der Warmwasserbedarf dieses 4-Personenhaushaltes bei einer Warmwassertemperatur von 50°C ohne zusätzliche elektrische Nacherwärmung sichergestellt werden konnte.
Abbildung 2:
Innenaufnahme Wohnesszimmer mit Holzofen
Resultate des Messprojektes
Das Messprojekt wurde Ende Oktober 1999 abgeschlossen und die Daten eines ganzen Jahres standen für die Auswertung zur Verfügung. Aus der Analyse der Daten lassen sich wesentliche Aussagenableiten. In Abbildung 3 sind die Energieeinträge monatsweise und aufsummiert für die Heizsaison dargestellt.
Abbildung 3: Energieeinträge
Abbildung 4: Das Temperaturverhalten des Systems beispielhaft an einem schönen aber kühlen Frühlingstag.
Gut sichtbar ist die Aufladung der Hurdisdecke (D T = 5 °K), der Aufladevorgang
der unteren Hälfte des Brauchwarmwasserboilers sowie die Vor- und Rücklauftemperaturen
des Wärmetauschers sowohl luft- als auch wasserseitig.
Offensichtlich funktioniert die Wärmenutzungskaskade. 5 °K Exergie
der Kollektorluft führen im Wärmetauscher wasserseitig zu einer Temperaturerhöhung
von ca. 20 °K, damit lädt sich der Boiler im Laufe des Tages auf Gebrauchstemperatur
(45-50 °C). Die Restwärme der Kollektorluft, mit einem Temperaturniveau
von immerhin 40-50 °C, "lädt" die Gebäudestruktur.
Gut sichtbar ist auch die sehr direkte Reaktion (auf Zapfvorgänge) der
Wassertemperatur im unteren Speicherbereich und der Wasserrücklauftemperatur
zum Wärmetauscher während des Betriebes von Ventilator und Ladepumpe.
Das Temperaturniveau der Vorlauftemperatur wasserseitig liegt leicht unter dem
Luftaustritt nach dem Wärmetauscher. Dies ist nicht optimal und konnte
durch die Variation des Wasserdurchsatzes nur unwesentlich beeinflusst werden.
Um das Temperaturniveau wasserseitig näher an die Kollektorluft vor dem
Wärmetauscher heranzuführen und den Wasserdurchsatz noch etwas zu
erhöhen, was für die Boilerladung wünschbar wäre, müsste
mit mehr Wärmetauscherfläche und stärker im Gegenstrom gearbeitet
werden.
Schlussfolgerung
Ein solares Luftsystem kann sowohl für die Beheizung, als auch für
die Warmwassererwärmung eine effiziente und wirtschaftliche Lösung
sein. Dies gilt für Neubauten wie auch für Sanierungen.
*) Dipl.-Ing. Andreas Gütermann ist Geschäftsführer der "amena ag", Planungsbüro für angwandte Mess- und Energietechnik in Winterthur, Schweiz [^]