Photovoltaik
Betriebsergebnisse und Projekte
Nieuwland ist ein neues Stadtviertel im Norden von Amersfoort, einer Stadt im
Zentrum der Niederlanden. Die Siedlung, die von 1990 bis 1999 realisiert wurde,
umfasst 5000 Wohnungen sowie Schulen, Geschäfte und Grünanlagen. Bei
der Planung standen gestalterische, soziale und ökologische Aspekte im
Vordergrund. In einem Teilprojekt wurde als zentrales und sehr sichtbares Element
Photovoltaik eingesetzt.
Dezentrale und gebäudeintegrierte PV-Anlage in Amersfoort
Das Photovoltaik Projekt in Nieuwland war eine Initiative von REMU, dem lokalen
EVU, das mindestens 1 MWp an PV-Leistung in einer kompakten Siedlung realisieren
wollte, um sein Bestreben zu unterstützen, 3% vom Strom regenerativ zu
erzeugen. Insgesamt wurden PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 1,3 MWp gebaut.
Die 1,3 MW Anlage ist auf ungefähr 500 Einfamilienhäusern und einigen
anderen Gebäuden wie einer Sporthalle, einer Schule, einem Kindergarten,
einer Kirche und einem Mehrfamilienhaus installiert. Die Häuser sind in
9 Sektoren aufgeteilt, wobei jeder Sektor von einem Bauunternehmen betreut wurde.
Da die Anwendung von Photovoltaik in den Bebauungsplan des gesamten letzten
Bauabschnittes, "Waterland", aufgenommen wurde, musste jeder Projektentwickler
eines Sektors sich mit der Technologie auseinandersetzen. Shell Solar Energy
war Hauptvertragspartner für die Mehrzahl der Anlagen. BP Solar war für
einen kleineren Teil verantwortlich und auch PV Dachziegel von Braas und 'Sun
Shades' von Colt International wurden für einige Sonderanlagen eingesetzt.
Der Entwurfsprozess
Nachhaltiges Bauen ist nicht sehr schwierig, sondern wegen der großen
Anzahl von Themen, der räumlichen und zeitlichen Zusammenhänge und
der großen Anzahl von Akteuren eher komplex. Entsprechende Instrumente
und Software können die Aufgaben erheblich vereinfachen und wurden für
dieses Projekt entwickelt, u.a. eine LCA-Methode (Life Cycle Analysis) für
die Auswahl der Materialien.
Die Gesamtkoordination des Entwurfs- und Bauprozesses wurde von den Bauunternehmen
in enger Zusammenarbeit mit dem Regionalversorger REMU getragen. REMU war auch
für die Realisierung von zwei "Energiebilanzhäuser" zuständig.
Das Photovoltaikprojekt wird von Ecofys technisch koordiniert und mit öffentlichen
Mitteln der EU und NOVEM unterstützt.
Abbildung 1: Gestalterische Anforderung an die Planer war, eine Gartenstadt zu entwerfen. Auch soziale und ökologische Aspekte sollten berücksichtigt werden.
Die Anforderungen an die Siedlung waren:
Darüber hinaus wurden im Gestaltungsprozess der Siedlung drei Betrachtungsebenen berücksichtigt:
Das PV-Projekt
Das erste Solarhaus wurde Ende 1998 fertiggestellt. Das gesamte PV-System wurde
planungsgemäß 1999 in Betrieb genommen. Eine Monitoringperiode von
zwei Jahren endet in diesem Jahr. Von den PV-Anlagen sind 289 in Privatbesitz.
In diesen Fällen sind die Besitzer auch für die Wartung zuständig,
wobei REMU die Wartung der Wechselrichter übernimmt. In allen anderen Fällen
sind die Anlagen Eigentum von REMU, wobei REMU die Dachflächen von den
Eigentümern mietet. Durchschnittlich decken die Anlagen 55% des Strombedarfes
in der Siedlung ab.
Ein standardisierter Entwurf für die Elektrotechnik in den Häusern
wurde entwickelt. Jede PV Anlage, also jedes Haus hat seinen eigenen Wechselrichter.
Der standardisierte Entwurf enthält auch eine weitgehende Integration von
Komponenten wie Wechselrichter, Schnittstellen und Monitoring-Funktionen, was
zu weiteren Kostenreduktionen führt. Kleine Anpassungen am Niederspannungsnetz
in Nieuwland waren für die Einbindung der PV Anlagen notwendig, um vor
allem die Spannung zu Zeiten der Photovoltaikeinspeisung und während des
'normalen' Gebrauchs zwischen 207 und 242 V zu halten. Der Aufwand im Mittelspannungsnetz
war höher. Die wichtigsten Anpassungen waren, dass an einigen Stellen dickere
Verkabelung, mehr Verteilungsknoten und größere 10/0,4 kV Umformer
installiert wurden.
Ecofys hat für die Architekten einen Planungsleitfaden entwickelt, in dem
die Anforderungen bezüglich Dachneigungswinkel, Orientierung, Verschattung
usw. aufgenommen wurden. Die meisten Dächer haben einen Dachneigungswinkel
von etwa 20° und die PV Module sind weitestgehend in den Dachschrägen
integriert. Die Laminat-Module wurden in einem Profilsystem montiert und bilden
eine wasserdichte Schicht. Zwischen das Holzdach und die Profile wurde noch
eine wasserdichte aber dampfoffene Folie montiert, um absolute Wasserdichte
garantieren zu können. Für die Flachdächer wurde die ConSole
von Econergy, eine leichte, umweltverträgliche und kostengünstige
Kunststoff-Aufständerung, eingesetzt.
Abbildung 2: Aufständerung der PV-Module auf die Flachdächer. Es wurde eine leichte, um-weltverträgliche und kostengünstige Kunststoff-Aufständerung eingesetzt
Das Qualitätsüberwachungsprogramm
Für ein Projekt dieses Ausmaßes ist es unbedingt notwendig, einen Leitfaden zur Qualitäts-sicherung zu entwickeln. In dem 1,3 MW Projekt wurden verschiedene Prozeduren und Protokolle für die Qualitätsüberwachung der Gewerke in allen Phasen des Projektes entwi-ckelt. Die Verantwortung für das Qualitätsüberwachungsprogramm liegt beim Italienischen EVU ENEL und Ecofys. Das Programm besteht aus den in Tabelle 1 aufgeführten 6 Ele-menten.
| Nr. | Elemente des Qualitätsüberwachungsprogramms |
| 1 | Type-Tests von Materialien und Komponenten |
| 2 | Abnahmetests von Materialien und Komponenten |
| 3 | Entwurfs- und Planungskontrolle |
| 4 | Bauüberwachung |
| 5 | Abnahme |
| 6 | Kontrolle der garantierten Erträge |
Tabelle 1: Die 6 Elemente des Qualitätsüberwachungsprogramms für das Photovoltaik Projekt in Nieuwland
Garantierte Erträge
Ein Protokoll für garantierte Erträge der PV-Anlagen wurde in die
Kaufverträge mit den PV Lieferanten integriert. Die Lieferanten garantieren
pro Sektor nicht nur eine bestimmte Leis-tung bei STC (Standard Test Conditions),
sondern garantieren auch einen bestimmten Er-trag pro installierten Wp und Jahr.
Während eines Jahres wird pro Sektor den Energieertrag von repräsentativen
Anlagen ge-messen und auf ein Referenzjahr umgerechnet. Hierzu werden die horizontalen
Einstrah-lungsdaten von der naheliegenden Wetterstation in de Bilt für
die Orientierung und den Nei-gungswinkel des betreffenden Sektors angepasst.
Dieser normierte Jahresertrag wird dann mit dem vom Lieferanten abgegebenen
garantierten Ertrag verglichen. Falls der normierte Jahresertrag niedriger ist
als die abgegebene Garantie, kann eine Verrechnung stattfinden.
Eine Analyse der Daten hat ergeben, dass die Umrechnung eine Ungenauigkeit von
±6% hat. Sanktionen werden deshalb nur dann verhängt, wenn der normierte
Ertrag weniger als 94% des garantierten Ertrages beträgt.
Während der Vertragsverhandlungen haben alle Lieferanten eine Ertragsgarantie
abgege-ben. Auffälligerweise gab es eine Bandbreite in den von den unterschiedlichen
Lieferanten abgegebenen Garantien (in kWh/kWp/Jahr) von über 20%. Die aktuellen
Messungen wer-den ergeben, ob einige Lieferanten die Erträge über-
bzw. unterschätzt haben.
Abbildung 3: Anlage im Teilprojekt 'Panta Rhei'. Diese 'Portalanlage' ist etwa 12 Meter lang und ist mit semitransparenten Sondermodulen (47 m2 pro Portal) bestückt. Zwischen den Zellen sind 2 cm Lücken offengelassen, damit 30% vom Sonnenlicht freien Durchgang hat. Sowohl die Dachanlagen als die Portale sind vom Energieversorger REMU. Architekturbüro Van Straalen.
Alle Anlagen sind mit einem Mess- und Visualisierungsinstrument Eclipse' ausgerüstet wor-den. Der Eclipse wurde durch Ecofys entwickelt und zeigt momentane Messwerte bezüglich Solarertrag und Stromverbrauch direkt in der Wohnung an. Darüber hinaus benutzt der E-nergieversorger REMU diese Messgeräte mittels Fernübertragung zur Ertragsüberwachung und Funktionskontrolle. Einige ausgewählte Anlagen sind mit sogenannter analytischer Messtechnik ausgerüstet, mit der sehr detailliert gemessen wird. Darüber hinaus wird das Niederspannungsnetz überwacht. Die erste Messergebnisse liegen vor und die Stromerträge liegen im geplanten Rahmen (Performance Ratios im Bereich von 0,7 bis 0,8).
Abbildung 4: Mess- und Visualisierungsinstrument 'Eclipse' zur Anzeige der Messwerte (Solarertrag und Stromverbrauch) direkt in den Wohnungen und für die Fernübertragung zur Ertragsüberwachung und Funktionskontrolle.
Fazit
Die Siedlung Nieuwland zeigt, dass es gut möglich ist, Photovoltaik in
größerem Stil in Siedlungen zu integrieren. Umfragen zeigen, dass
die Bewohner sich in der Siedlung wohl fühlen. Eine Voraussetzung für
ein erfolgreiches Projekt ist allerdings, dass alle Akteure an einem Strang
ziehen, und dass das Projekt gut gemanagt wird. Auch ist ein gut durchdach-tes
und gut strukturiertes Qualitätsüberwachungsprogramm für ein
Projekt in dieser Grö-ßenordnung unerlässlich.
In diesem Projekt wurde gezeigt, dass das Bauteamverfahren, in dem Investoren
mit Architekten und PV-Fachplanern ein Projekt gemeinsam planen und umsetzen,
für solche komplexe Zusammenhänge gut funktioniert. Es gab während
dieses Prozesses ein großer Know-How-Transfer. Dennoch musste festgestellt
werden, dass bei vielen Akteuren, vor Allem den Handwerkern, eine ziemlich große
Wissenslücke bezüglich innovativer Technologien existiert. In dem
Qualitätsüberwachungsprogramm ist daher auch viel Energie für
das Lernen im Beruf' verwendet worden.
Das standardisierte elektrotechnische Konzept funktioniert gut. Anfangs gab
es einige Probleme mit den Wechselrichtern, die eigens für dieses Projekt
entwickelt wurden. Obwohl die Wechselrichter alle relevanten CE-Bedingungen
erfüllten, gab es Netz-Störungen auf der Niederspannungsebene, die
dazu führten, dass die Sicherheitsvorkehrungen gegen Inselbetrieb die
Wechselrichter ausschalteten, obwohl Inselbetrieb nicht aufgetreten war. Die
Wechselrichter sind mittlerweile von dem Hersteller angepasst worden und diese
Probleme sind gelöst.
Die Installation der diffusionsoffenen Schicht unter den PV-Modulen verlief
in der Baupraxis nicht ohne Schwierigkeiten. Wegen größerer Empfindlichkeit
dieser Schicht war ein präzises Arbeiten bei der Installation der Photovoltaikanlagen
notwendig. Wegen mangelnder Erfahrung der PV-Installateuren mit der Neubaupraxis,
konnten bei der Abnahme Mängel festgestellt werden, die später zu
Bauschäden geführt hätten. Dies hat gezeigt, das auf eine Baubegleitung
in solchen Projekten, in denen High-Tech (PV) mit Low-Tech (Baupraxis) verbunden
wird, in dieser Phase der Technologieeinführung nicht verzichtet werden
kann.
Ein Standard Abnahmeformular wurde für dieses Projekt entwickelt, dass
von dem Lieferanten für jede Anlage ausgefüllt werden musste. Die
Fragebögen wurden von Ecofys überprüft und eine bestimmte Anzahl
von willkürlich ausgewählten Anlagen wurde von Ecofys abgenommen,
um die Qualität der Abnahmetests der Lieferanten zu überprüfen.
Auffällig war, dass über 80% der Formulare fehlerhaft ausgefüllt
wurden!
Leider liegen noch keine ausreichenden Messdaten vor, um eine belastbare Aussage
über garantierten Erträgen treffen zu können.
Die Anlagen wurden für einen Turnkey-Kostpreis von etwa 6,70 Euro/Wp realisiert,
was eine deutliche Verbesserung gegenüber zuvor realisierten, größeren,
gebäudeintegrierten Photovoltaikprojekten bedeutet. Auch die Kosten für
die Anpassung des Niederspannungsnetzes hielten sich mit 0,113 Euro/Wp in Grenzen.
Obwohl REMU viel Energie auf die Information der Bewohner verwendet hat, hat
es nicht gereicht, um viele Fragen vorzubeugen. Der Hauptgrund dafür war,
dass die Photovoltaik in den Niederlanden derzeit noch kein normales Bauelement
ist. Eine wesentliche Rolle in der Aufklärung spielt das Visualisierungsinstrument
Eclipse', das durch Ecofys für dieses Projekt entwickelt wurde,
und das eine direkte visuelle Rückkopplung über das Funktionieren
der Anlage liefert. Eine Umfrage unter den Bewohnern hat gezeigt, dass die Mehrheit
die Photovoltaik als schön empfindet und sich auch mehr solcher Projekte
außerhalb ihrer eigener Siedlung wünscht.
*) Dipl.-Ing. Frank Wouters ist Geschäftsführer der Ecofys GmbH in Köln, E-Mail: f.wouters@ecofys.de [^]