Photovoltaik
Betriebsergebnisse und Projekte
Schon an der Expo 1964 sorgte Wittigkofen als Pioniersiedlung einer richtungsweisenden
städtebaulichen Vision für großes Aufsehen. Im Jahre 1991 entstand
auf Anregung eines Bewohners der Hochhäuser im Berner Quartier Murifeld-Wittigkofen
die Idee, an den Südseiten der 5 Hochhäuser Photovoltaik-Fassadenkraftwerke
mit einer Gesamtleistung von rund 450 kWp zu erstellen. Im Januar 2001, also
rund 10 Jahre später, konnte die erste Solarfassade mit einer Leistung
von knapp 80 kWp eingeweiht werden. Damit wurde in Wittigkofen eine weitere
Pionierleistung erbracht: das riesige Fassadenkraftwerk demonstriert auf eindrückliche
Weise die Anwendung stromproduzierender Bauelemente.
Solarfassade Wittingkofen Bern - Der steinige Weg zur Realisation einer Vision
Für Gebäude über 8 Stockwerke oder 20 m gelten in der Schweiz
sehr strenge Brandschutzvorschriften: In der Fassadenkonstruktion dürfen
nur Materialien verwendet werden, die nicht oder quasi nicht brennbar sind.
Quasi nicht brennbar heißt, das Material darf mit einer Flammenquelle
brennen, wird diese entfernt, darf das Material nicht mehr weiter brennen. In
einem ersten Brandschutztest wurden handelsübliche Glas-Folien-Laminate
getestet: Grosse Gasbrenner wurden direkt auf die Module gerichtet. Dabei wurden
die Module innerhalb weniger Minuten zerstört, das Glas explodierte förmlich
und fiel herunter.
Zusammen mit einem renommierten Fassadenhersteller wurde nach einer völlig
neuen Lösung gesucht. Das Resultat war, dass eine komplette Fassade entwickelt
und getestet wurde. Durch konstruktive Maßnahmen wurde verhindert, dass
aus einem Fenster austretende Flammen in die Hinterlüftung der Module gelangen
können. Außerdem wurden stromgewinnende Baumaterialien verwendet,
die keine Kunststoffrückwand haben. Im zweiten Brandversuch wurde ein 1:1
Modell der neu entwickelten Fassade erstellt und ein Wohnungsbrand simuliert.
Auf Abbildung 1 erkennt man die Flammen, die aus Tür und Fenster dringen,
aber so abgelenkt werden, dass sie die Solarlaminate nicht mehr erreichen. Diese
Fassadenprüfung wurde bestanden. Die Module sind so gesichert, dass selbst
bei Glasbruch keine Elemente aus der Aufhängung herunterfallen können.
Die Module können einzeln ersetzt werden.
Abbildung 1: Simulation eines Wohnungsbrandes in einem Brandversuch. Konstruktive Maßnahmen verhindern, dass die Flammen in die Hinterlüftung der Module gelangen. Die Flammen werden abgelenkt und können die PV-Module nicht erreichen.
Der Besitz der 5 Hochhäuser ist auf je 90 Stockwerkeigentümer verteilt, die grundsätzlich alle ihr Einverständnis geben mussten. In einem langwierigen Prozess wurden diese sorgfältig informiert, bis schließlich im Frühjahr 1999 die Stockwerkeigentümer vom ersten Haus dem Projekt zustimmten. Nebst ästhetischen Überlegungen bestanden vor allem bezüglich "Elektrosmog" Bedenken. Die Bauherrschaft wurde vertraglich zu EMV-Messungen vor und nach Inbetriebsetzung der Anlage verpflichtet. Als Gegenleistung für ihre Bereitschaft wurde die Südfassade isoliert und saniert.
Abbildung 2: Die Anlage besteht aus fünf Hochhäusern mit je neunzig Stockwerken. Bei einer gesamten PV-Fläche von 625 m2 und einer installierten Leistung von 79,8 kWp beträgt der Energieertrag pro Jahr 47.000 kWh.
Ursprünglich wurden verschiedene Varianten von Finanzierungen mit Sponsoren
und Greenpricing-Investoren diskutiert. Die Lancierung einer Ökostrombörse
durch das Elektrizitätswerk der Stadt Bern (EWB) im November 1997 ermöglichte
plötzlich eine konventionelle Finanzierung.
Das EWB schließt 20-jährige Stromabnahme-Verträge mit Solar-
und anderen Ökostromproduzenten ab, die ein neues Kraftwerk aus erneuerbaren
Energien erstellen möchten; das EWB zahlt bis etwa CHF 1.- (ÖS 8.98,
€ 0.65) pro kWh (ca. ein 5-faches des normalen Strompreises), wobei dieser
Betrag dem Landesindex (Inflation) angepasst wird. Es verkauft diesen Strom
ohne Gewinn an diejenigen Kunden weiter, die Ökostrom bestellen und damit
bereit sind, den deutlich höheren Betrag (Mischpreis aller Ökostromanlagen)
zu bezahlen.
Aufgrund des Stromliefervertrages mit dem Elektrizitätswerk lässt
sich eine Amortisationsrechnung über 20 Jahre aufstellen; nach dieser
Zeit ist das Kraftwerk abgeschrieben und produziert weiterhin Strom. Die Finanzierung
erfolgt konventionell über Investoren und Bankkredite, deren Verpflichtungen
mit den monatlichen Vergütungen für den Solarstrom nachgekommen werden
kann.
Senkrechte Fläche als PV-Kraftwerk
Im Vergleich des Energieertrags zur installierten Leistung schneiden aufgeständerte
Anlagen mit optimaler Himmelsrichtung und Neigung am besten ab: Es lassen sich
auch im schweizerischen Mittelland Werte von 900 kWh pro kW und mehr realisieren.
Die Energierücklaufzeiten für solche Anlagen in kristalliner Zelltechnologie
inkl. Unterkonstruktion und Modulrahmen liegen je nach Studie zwischen 3 und
8 Jahren.
Während sich nun der Photovoltaiker um jede kWh kümmert, entwerfen
Architekten die imposantesten Dächer und Fassaden aus Glas, Edelstahl,
Aluminium, Marmor, Kunststeinen usw. und kümmern sich wenig um den Energieaufwand
der Herstellung. Von Interesse sind Ästhetik, Prestige, Preis und Lebensdauer.
Müssen in der Berechnung der grauen Energie nur diejenigen Elemente berücksichtigt
werden, die zusätzlich zur Gebäudehülle benötigt werden,
sieht die Energierücklaufzeit auch für scheinbar schlechte Neigungen
wie (senkrecht stehende!) Fassaden plötzlich besser aus als für aufgeständerte!
Während optimal ausgerichtete PV-Anlagen den Löwenanteil im Sommer
produzieren, ist der Bedarf an elektrischer Energie im Winter höher. Diese
Diskrepanz wird spätestens dann relevant, wenn die PV in wenigen Jahrzehnten
einen nennenswerten Beitrag zur Gesamtenergieversorgung leisten soll. Mit großen
zusätzlichen Stauseen könnten Saisonspeicher geschaffen werden, die
wiederum in Umweltkreisen umstritten sind. Bei einer Energieverteilung von
je 50% im Sommer- bzw. Winterhalbjahr und der höchsten Leistung im Winter
ist ein Fassadenkraftwerk den Bedürfnissen der Stromkunden wesentlich besser
angepasst.
Wird also der Gesamtaufwand (inkl. Energiespeicherung) betrachtet, den die Versorgung
mit Energie mit sich bringt, lässt sich auch ohne umfassende Berechnungen
abschätzen, dass ein Fassadenkraftwerk ebenso gut oder sogar besser abschneidet,
als eine aufgeständerte Flachdachanlage.
Fassadenaufbau
Abbildung 3 zeigt schematisch den Aufbau. Die 3 cm Dämmschicht zwischen tragender Betonscheibe (16 cm) und vorgehängtem Betonelement (8 cm) entsprechen natürlich nicht mehr heutigem Standard. Deshalb wurden außen 12 cm zusätzliche Wärmedämmung angebracht, die wiederum von den hinterlüfteten Solarlaminaten geschützt ist.
Abbildung 3: Querschnitt der Südfassade. Die ursprüngliche Fassade erhielt eine zusätzliche Dämmung von 12 cm, zwischen Dämmung und der Modulfläche befindet sich eine Hinterlüftungsebene.
Am unteren Rand der PV-Fläche befinden sich Einlassöffnungen für den Hinterlüftungsraum. Sowohl horizontal als auch vertikal haben die Module einen Abstand zueinander, durch den ebenfalls eine gewisse Luftmenge ausgetauscht werden kann. Zuoberst befinden sich dann wiederum AuslassSchlitze. Damit wird gewährleistet, dass sich die Zellen nicht zu sehr erwärmen.
Elektrische Verschaltung
Grundsätzlich sind je 8 Laminate vertikal miteinander verschaltet, so
dass ein Strang genau einen Fünftel der Gesamthöhe abdeckt. Um das
Temperaturgefälle auszugleichen, das sich natürlich trotz Hinterlüftung
ergibt, ist jeweils ein Strang des untersten Fünftels mit einem des obersten
Fünftels in Serie geschaltet, ebenso die Stränge des 2. mit denen
des 4. Fünftels. Beide Fassadenhälften sind prinzipiell gleich verschaltet
und liefern ihren Strom an einen 30 kW-Wechselrichter. Das eine Stockwerk, um
das die rechte Fassadenhälfte länger ist, hat einen eigenen Kleinwechselrichter.
Die hohen Spannungen von 550 VDC haben den Vorteil sehr kleiner Verluste und
eines allgemein sehr geringen Verkabelungsaufwandes.
Hierfür mussten sowohl die Überbauungsgenossenschaft wie auch die
ästhetische Kommission des Bauinspektorrats überzeugt werden. Details
wie schwarz abgedeckte Isolation, schwarz beschichtete Befestigungsbleche wurden
auf Wunsch des zuständigen Architekten realisiert. Das vorliegende Resultat
wird allgemein als Aufwertung der vorher einheitlich betongrauen (fensterlosen)
Fassadenbänder gewertet und gelobt.
Bewertung und Aussichten
Obwohl erst ein Fünftel des ursprünglichen Projektes realisiert ist, findet es bereits große internationale Anerkennung. Architektonisch gilt es als technisch und ästhetisch gelungene Fassadensanierung. Da jedoch der Bedarf der Ökostrombörse Bern vorerst abgedeckt ist, müssen für die übrigen 4 Hochhäuser andere Finanzierungsmodelle gefunden werden. Der Durchbruch wäre natürlich eine kostendeckende Vergütung. Das Projekt zeigt, wie im Siedlungsbereich brachliegende Gebäudeflächen ohne zusätzlichen Landverbrauch für die dezentrale Energieerzeugung genutzt werden können.
| Adresse | Jupiterstr. 9, 3015 Bern |
| Anzahl PV-Elemente | 328 Stk. |
| Panelabmessungen | 1'435 x 1'336 x 9.5 mm |
| Gesamte PV-Fläche | 625 m² |
| Leistung pro PV-Element | 243 Wp |
| Installierte Leistung (STC) | 79.8 kWp |
| Wechselrichter | 2 Stk. Solarmax DC 30 (mit integriertem Modem) 1 Stk. Convert 2000 |
| U-Wert der Fassade vor Sanierung | 0.91 W/m²K |
| U-Wert der Fassade nach Sanierung | 0.24 W/m²K |
| Energieertrag pro Jahr | 47.000 kWh |
| Kosten des Bauwerkes | 12.578.174,8 öS (914.056,02 €) |
Tabelle 1: Technische Daten der Solarfassade Wittigkofen Bern
| Bauherr | Solarkraftwerke Wittigkofen AG, Bern |
| Generalunternehmer | Atlantis Energie AG, Bern |
| Planer | Atlantis Energie AG / Ing. Büro Hostettler |
| Solarelemente | Atlantis Solar Systeme AG, Bern |
| Bauleitung | SolArte Ingenieurbüro Stucki, Bern |
| Fassadenbau | Gesta AG, Zollikofen |
| Elektroinstallation | Zetter Solar AG, Solothurn |
Tabelle 2: Projektbeteiligte
*) Michael Döhrbeck ist Projektkoordnator bei der Atlantis Solar System Ag in Bern, http://www.atlantisenergy.com [^]