Solare Nahwärme
Systeme mit Langzeitspeicher
Im Rahmen des Pilotprogramms "Solarunterstützte Nahwärmeversorgung
mit Langzeit-Wärmespeicher Neckarsulm/Amorbach II" wurde zum ersten
Mal ein Langzeit-Wärmespeicher gebaut, bei dem das Erdreich direkt als
Speichermedium verwendet wird. Die Ein- und Ausleitung der Wärme erfolgt
über senkrechte Erdsonden.
Erdsonden-Wärmespeicher in Neckarsulm
Von Siegbert Effenberger und Boris Mahler*
Das Gesamtprojekt wird durch verschiedene Förderstellen mitfinanziert. Im Rahmen des EU-Projektes Large-Scale Solar Heating Systems werden große Teile der Kollektorflächen der zweiten Ausbaustufe gefördert. Das Anlagenkonzept ist in Abbildung 1 dargestellt.
Abbildung 1: Anlagenschema des solarunterstützen Nahwärmenetzes mit Lanzeit-Wärmespeicher in Neckarsulm Amorbach II
Im Rahmen des Projektes soll der Nachweis geführt werden, dass Erdsonden-Wärmespeicher
für die Langzeit-Wärmespeicherung von Sonnenenergie geeignet sind.
Dazu wurde der Speicher vom Pilotausbau mit 5.000 m³ in der ersten Ausbaustufe
auf 20.000 m³ erweitert. Derzeit erfolgt der zweite Ausbau auf 65.000 m³.
Neben dem Speicher wurden fortgeschrittene Kollektorkonzepte, s.g. Kollektordächer,
eingesetzt, die als Fertigdachelemente geliefert werden und eine Kostenreduktion
von 20 bis 30% gegenüber der Standardtechnologie erlauben.
Die Entwicklung, Erprobung und Realisierung einer dezentralen Einbindung der
Kollektorfelder in das Nahwärmenetz stellen ebenfalls eine Neuerung dar.
Bei dieser Einbindung wird die solare Nahwärme über die Hausübergabestation
eingekoppelt. Hierbei wird der Rücklauf des Nahwärmenetzes durch das
Kollektorfeld erwärmt und in einem dritten Leiter als Solarvorlauf der
Heizzentrale zugeführt.
| Geplanter Ausbau | Pilotspeicher | 1. Ausbau | 2. Ausbau | 3. Ausbau | Endausbau |
| Realisierung | 1997 | 1998/99 | 2000/01 | ||
| Kollektoranlage: | |||||
| Absorberfläche in m² | 2.600 | 2.600 | 6.500 | 8.000 | 15.000 |
| Solarer Deckungsanteil | 50 % | 50 % | 50 % | 50 % | 50 % |
| Erdsondenspeicher: | |||||
| Speichervolumen in m³ | 4.320 | 20.160 | 65.000 | 77.460 | 138.240 |
| Anzahl der sonden | 36 | 168 | 432 | 648 | 1.152 |
| Wärmeerzeugung: | |||||
| Niedertemperaturkessel | 1.750 kW | 1.750 kW | 1.750 kW | 1.750 kW | 3 x 1.750 kW |
Tabelle 1: Der Ausbau der Solaranlagen und des Speichers erfolgt in mehrerern Stufen, entsprechend des Baufortschrittes des Wohngebietes
Langzeitwärmespeicher
Mit einer großen Solaranlage und einem Langzeit-Wärmespeicher soll
die Hälfte des Brennstoffbedarfes der Siedlung durch Sonnenenergie ersetzt
werden.
Die Solarkollektoren sind auf den Dächern der Schule, der Sporthalle, des
Ladenzentrums, der Mehrfamilienhäuser und einiger Reihenhäuser installiert.
Zusätzliche Flächen wurden auf einer Überdachung der Autoabstellplätze
(siehe Titelbild des Artikels) und in den das Gebiet abgrenzenden Lärmschutzwall
(siehe Abbildung 2) integriert. Die Wärmespeicherung erfolgt direkt im
Erdreich. Die Wärme wird über in senkrechten Bohrungen eingebauten
Rohren zugeführt und entnommen.
Abbildung 2: 1000m² Kollektorfläche sind auf dem Lärmschutzwall installiert, der nach Süden ausgerichtet ist und das Wohngebiet zur Landstraße hin abgrenzt
Die Beladung des Erdsonden-Wärmespeichers erfolgt über einen Pufferspeicher,
in dem die Solarwärme zwischengespeichert wird. Beim Entladen des Erdspeichers
wird die Wärme direkt in den Rücklauf des Nahwärmenetzes eingespeist.
Eine Rücklaufbeimischung begrenzt die Vorlauftemperatur für das Verteilernetz
auf den benötigten Wert. Wird die Vorlauftemperatur nicht erreicht, erfolgt
die Zusatzheizung mittels Spitzenkessel.
Verglichen mit einem Solarsystem mit einem Wasserspeicher als Langzeit-Wärmespeicher
ist das nötige Speichervolumen bei einem Erdsonden-Wärmespeicher etwa
um den Faktor 5 größer. Weiters ist die Temperaturspreizung im Speicher
während des saisonalen Speicherzyklus im Erdsonden-Wärmespeicher deutlich
niedriger. Gründe hierfür sind zum einem die stetigen Wärmeverluste
an das umgebende Erdreich und zum anderen das deutlich trägere Betriebsverhalten
eines Erdsonden-Wärmespeichers aufgrund des begrenzten Wärmeübertragungsvermögens
der Erdsonden und des Wärmetransportes durch die Wärmeleitung im Speicher.
Im Gegensatz zu einem Wasserspeicher (bei dem nur eine vertikale Temperaturschichtung
vorliegt) stellt sich bei einem Erdsonden-Wärmespeicher ein dreidimensionales
Temperaturfeld ein. Insbesondere bildet sich in der Speicherebene ein Temperaturfeld
aus, das sowohl vom gesamten Ladezustand des Speichers abhängt, als auch
um die Erdsonden deutlich von den momentan herrschenden Be- bzw. Entladevorgängen
geprägt ist.
Die Kollektorfelder - 3 Systeme im Vergleich
Im ersten Bauabschnitt wurden rund 2.100 m² Flachkollektoren auf Stahlrohrgerüste
"aufgeständert" montiert. Das Dach der neuen Sporthalle ist mit
1.252 m² Flachkollektoren belegt, weitere 444 m² sind auf dem Dach
des Ladenzentrums untergebracht.
Bei der Sporthalle ist es durch den Aufbau auf die außenliegende Tragkonstruktion
hervorragend gelungen, die Kollektormodule zu einem harmonischen Element für
die Gesamtarchitektur werden zu lassen, ohne weitere Mehrkosten für die
STADTWERKE NECKARSULM zu produzieren. Als Pendant zur Anlage auf der Turnhalle
wurde auf dem Parkplatz gegenüber eine solarthermische Gemeinschaftsanlage
mit einer Fläche von weiteren 440 m² erstellt.
Ein neuer Weg, große Kollektorfelder kostengünstig zu verlegen, wurde
mit der "Wallanlage" gefunden. Hier wird der nach Süden geneigte
Lärmschutzwall, der das Wohngebiet zur Landesstraße hin abgrenzt,
als Unterkonstruktion verwendet (siehe Abbildung 2).
Auch bei den "dachintegrierten" Anlagen wurden die bisherigen Erkenntnisse
umgesetzt. Während bei den ersten Anlagen die Detailpunkte bei den Blechverwahrungen
und den Ortgangblechen an der Baustelle zu klären waren, konnte bei den
folgenden Anlagen bereits auf kostengünstige und einfache Lösungen
zurückgegriffen werden. Die Folgeanlagen der Dächer zweier Wohnbaugesellschaften
in der Eugen-Bolz-Straße haben eine Dachflächennutzung, die trotz
des Einsatzes von seriellen Großkollektoren einem Solar-Roof nicht nachsteht.
Innerhalb eines Zeitraumes von acht Jahren sind deutliche Verbesserungen hinsichtlich
der Verbindungs- und Abdeckelemente beim Großkollektorbau erkennbar. Durch
ozon-, temperatur- und UV-beständige EPDM Gummidichtungen werden Abdichtungsprobleme
weiter reduziert und homogene Dachflächen geschaffen.
Ebenso wie bei allen anderen Kollektoranlagen, wurden auch für das "Solar-Roof"
weitere Einsatzmöglichkeiten gefunden. Der Grundschule folgten große
Solar-Roof-Felder auf drei Reihenhausgruppen (750 m²) im nordwestlichen
Bereich der Nahwärmeinsel Grenchenstrasse. Zum ersten Mal wurde auf Reihenhäuser
über Eigentumsgrenzen hinweg ein Solar-Roof errichtet und in Kooperation
mit dem Zimmermann komplette Elemente aus Sparren und Kollektoren aufgelegt.
Zusammen mit der Anlage auf der Schule haben die Solar-Roof-Elemente insgesamt
eine Fläche von ca. 1.350 m² und geben damit einen umfassenden Erfahrungswert
für den weiteren Ausbaubereich (siehe Abbildung 3). Die Gesamtfläche
aller Kollektoren im Neubaugebiet Amorbach II beträgt derzeit etwa 5.000
m².
Abbildung 3: Im Vordergrund sidn Kollektordachelemente auf der Schule, in der Bildmitte die auf der Sprothalle aufgeständerten Kollektoren, und im Hintergrund die Solar-Roof Kollektoren auf den Reihenhäusern zu erkennen
Dezentrale Einbindung der Kollektorfelder in das Nahwärmenetz
Bisher wurde bei großen Solaranlagen in Verbindung mit einer Nahwärmeversorgung
immer ein eigenes Rohrleitungsnetz für die Einsammlung der Kollektorwärme
verwendet und die Wärme über dieses Netz bis in die Heizzentrale und
weiter zum Langzeit-Wärmespeicher transportiert. Dieses System ist hydraulisch
und regelungstechnisch einfach, erfordert jedoch die Investition für ein
eigenes erdverlegtes Rohrnetz und eine erhebliche Menge an Frostschutzmittel.
Möglich ist dagegen die Einbindung, wie beim Wärmenetz der Nahwärmeinsel
Grenchenstrasse, mit einer dritten Leitung, welche die Solarwärme zur Heizzentrale
transportiert. Der Rücklauf für Solaranlage und Wärmeverteilung
ist derselbe. Dieses System hat mehrer Vorteile: bei großen Kollektorfeldern
ergibt sich eine Kostenreduktion durch die Einsparung einer Leitung und das
System lässt sich leichter erweitern. Die Vorleistungen sind geringer (nur
eine Rohrleitung) und die dezentralen Pumpen können dem tatsächlichen
Ausbau des Systems besser angepasst werden. Für die Unterstationen in den
einzelnen Gebäuden können standardisierte Einheiten verwendet werden,
die durch eine Typenprüfung den Genehmigungsaufwand reduzieren. Diese modulare
Bauweise erlaubt auch eine kostengünstigere Serienproduktion der Unterstationen,
ähnlich wie bei Hausübergabestationen von Nah- und Fernwärmenetzen.
Diese modulare Bauweise großer Kollektorfelder ermöglicht auch völlig
neue Organisationsstrukturen für solarunterstütze Nahwärmeversorgungen.
So lässt sich z.B. die Schnittstelle zwischen Betreiber und Haus in die
Unterstation legen, die Kollektoranlage ist ähnlich wie die Heizungsanlage
Bestandteil des Hauses. So wie das Haus von der Wärmeübergabestation
seine Wärme bezieht, liefert es über seine Solarstation Wärme
an das Netz, die dann je nach Angebot und Abgabe in der Heizzentrale an den
Wärmespeicher abgegeben wird.
Planung und Ablauf des Vorhabens
Die Planung des Gesamtprojektes erfolgte durch das Steinbeis-Transferzentrum
Energie-, Gebäude- und Solartechnik in Stuttgart unter wissenschaftlicher
Begleitung des Instituts für Thermodynamik und Wärmetechnik an der
Universität Stuttgart. Die Messdaten des Wärmekreislaufes und der
Messsonden im Erdreich des Pilotprojektes und der ersten Ausbaustufe wurden
online über Modem direkt nach Stuttgart übertragen und mit den Daten
der Simulationsrechnung verglichen.
Mit der Ausführung des ersten Bauabschnitts wurde im vierten Quartal 1996
begonnen, in dem die Ausführungsplanungen und die Leistungsverzeichnisse
für die Heizzentrale, die Wärmeleitungen, den Langzeitwärmespeicher,
die Kollektorfelder und die Solarübergabestationen erstellt wurden. Nach
Ausschreibung erfolgte die Vergabe für die einzelnen Teilgewerke durch
den Gemeinderat im Februar bzw. März 1997.
Im ersten Halbjahr 1997 erfolgte die Einrichtung der Heizzentrale, die Verlegung
der Wärmeleitungen sowie die Installation der Kollektorfelder und der Solarübergabestationen.
In der zweiten Hälfte des Jahres 1997 wurde der Pilotlangzeitwärmespeicher
mit 36 Erdsonden fertiggestellt und in Betrieb genommen. Um frühzeitig
Ergebnisse aus dem Betrieb des Speichers zu erhalten, wurden ab dem 16.12.1997
in der Heizzentrale erzeugte Wärmemengen eingespeichert und messtechnisch
ausgewertet.
Aufgrund der positiven Ergebnisse des Pilotspeichers wurde im zweiten Halbjahr
1998 die erste Ausbaustufe des Langzeit-Wärmespeichers realisiert. Wichtige
wärmetechnische Verbesserungen bezüglich Wärmespeicherkapazität
und Wärmeleitfähigkeit wurden in die erste Ausbaustufe aufgenommen.
Insbesondere wurden die Bohrlöcher auf die Dimension DN 150 erweitert,
um durch einen größeren Abstand zwischen den auf- und absteigenden
Leitungen die Kurzschlussreaktionen reduzieren zu können. Die erste Ausbaustufe
wurde planmäßig bis zum 31.12.1999 abgeschlossen und konnte in Betrieb
genommen werden.
Aktueller Stand
Zur Zeit (Stand 8/2001) findet der zweite Ausbau des Erdsondenspeichers auf ein Volumen von 65.000 m³ statt. Die Inbetriebnahme ist für den Herbst 2001 vorgesehen. Gleichzeitig erfolgt die Erweiterung des Nahwärmegebietes im südlichen Bereich durch Bebauung vorwiegend mit Reihen- und Einzelhäusern. Innerhalb dieses Bereiches wird die Kollektorfläche um weitere ca. 2000 m² erhöht, wobei angestrebt wird, kostengünstige Solar-Roof- bzw. Großkollektorfelder einzusetzen.
*) Dipl.-Ing. Siegbert
Effenberger, Stadtwerke Neckarsulm, Deutschland
Dipl.-Ing. Boris
Mahler ist Abteilungsleiter im Steinbeis-Transferzentrum Energie-, Gebäude-
und Soalrtechnik und Koordinator des EU-Thermie Projektes "Large Scale
Solar Heating Systems for Housing Developments", http://www.stz-egs.de,
E-Mail: boris.mahler@stz-egs.de
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