Solare Kühlung
Solare Kühlung
Zur Klimatisierung einer zweigeschossigen Produktionshalle mit je 800 m²
Grundfläche der Firma H.C. Mayer GmbH in Althengstett wurde die europaweit
erste, gewerblich genutzte Sorptionsklimaanlage mit einem Luftkollektorfeld
von ca. 100 m² errichtet.
Planung einer Sorptionsklimaanlage mit Solarluftkollektoren
Von Ursula Eicker und Martin Huber*
Diese Anlage soll einerseits durch die Demonstration ihrer Leistungsfähigkeit
der Information potentieller Interessenten dienen, und andererseits den beteiligten
Projektpartnern erstmals die Chance eröffnen, umfangreiche Erkenntnisse
im Umgang mit dieser neuen Technologie im praktischen Bereich zu sammeln.
Derzeit bestehen noch keine Betriebserfahrungen mit gewerblich genutzten, solarunter-stützten
Sorptionsanlagen, speziell in Verbindung mit kostengünstigen Luftkollektoren.
Fehlende belegbare Kenntnisse bezüglich der Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit
sowie Komponenteneignung für den Solarbetrieb im gewerblichen Einsatz führen
im Bereich der Planung und Ausführung zu Unsicherheiten und damit zur Gefahr
von Überdimensionierung bzw. Sicherheitszuschlägen. Die fehlenden
stichhaltigen Daten haben einerseits überhöhte Investitionskosten
zur Folge und führen andererseits bei potentiellen Betreibern zu geringer
Akzeptanz für die solargestützte Sorptionstechnologie.
Die Anlage wird von der Fachhochschule Stuttgart, Hochschule für Technik
planerisch mitbetreut und messtechnisch erfasst. Die so gewonnenen Kenntnisse
und Messdaten sollen als Grundlage für die Planung, Realisierung und Weiterverbreitung
der solargestützten Sorptionstechnik genutzt werden. Für weitere Vorhaben
im industriellen Bereich und im Bereich der Verwaltungsbauklimatisierung werden
mit der Realisierung dieses Projektes stichhaltige Daten und Erfahrungswerte
verfügbar. Weiter soll durch die Veröffentlichung der Ergebnisse in
den entsprechenden Medien zur Verbreitung der solarunterstützten Sorptionstechnik
beigetragen werden. Nicht zuletzt entsteht eine Anlage, die einem potentiellen
Kundenkreis vorgeführt und deren Leistungsfähigkeit vor Ort demonstriert
werden kann.
Technische Systembeschreibung
Um die bei der Grundlagenermittlung berechnete anfallende Wärmelast von
60 kW abzuführen, ist ein Luftvolumenstrom von 18.000 m3/h erforderlich.
Dieser ist festgelegt durch die Temperaturdifferenz zwischen der einströmenden
Zuluft (ca. 18 °C) und der vorhandenen Raumluft (ca. 28 °C). Die Ansaugung
dieser Frischluft befindet sich auf der Nordseite des Gebäudes.
Um den Außenluftvolumenstrom von 18.000 m³/h von 32 °C im Auslegungsfall
auf die Zulufttemperatur von 18 °C zu kühlen, ist eine Kälteleistung
von 90 kW erforderlich. Bei einer für Desiccant-Cooling-Systeme (DEC-Systeme)
typischen Leistungszahl von 0,9 entspricht dies einer thermischen Antriebsleistung
der DEC-Anlage von 100 kW.
Abbildung 1: Schaltschema der Sorptionsklimaanlage mit 100 m² Solarluftkollektoren für die Klimatisierung einer zweigeschossigen Produktionshalle
Die zweite Außenluftansaugung befindet sich auf dem Dach der Halle und
ist primär für die Regeneration des Sorptionsrades vorgesehen. Der
hierfür erforderliche Volumenstrom beträgt etwa 11.000 m³/h.
Aufgrund der schlechten Raumluftqualität in der Produktionshalle wurde
auf die sonst übliche Nutzung der Raumabluft zur Regeneration verzichtet,
um das Sorptionsrad nicht zu schädigen. Im Winter dient die Außenluftansaugung
auf dem Dach dem Luftheizsystem, das eine angrenzende bestehende Halle und das
Obergeschoss der neuen Halle mit Warmluft versorgt.
Als Wärmequelle für sommerliche Regeneration und Winterheizbetrieb
ist einerseits die Abwärme der Kompressionskältemaschinen aus der
Produktionshalle vorhanden, die über einen LuftWasserwärmetauscher
(45 kWthermisch) an die Außenluft übertragen wird. Die vorhandenen
Kältemaschinen dienen der Kühlung der Produktionsmaschinen und mussten
auf Wunsch des Bauherren in der Produktionshalle aufgestellt werden. Weiter
kann bei ausreichender solarer Strahlung die so vorerwärmte Außenluft
noch durch die 100 m² große Luftkollektoranlage (60 kWthermisch)
weiter erwärmt werden, so dass in diesem Fall die Außenluft um 29
K erwärmt werden kann.
Um für den Sommerfall auch bei geringer solarer Strahlung eine vollständige
Regeneration zu gewährleisten, ist als Backup ein zusätzliches Heizregister
vorhanden. Dieses ist an die vorhandene konventionelle Heizanlage angeschlossen.
Die solare Luftheizung für den Winterbetrieb ist so ausgelegt, dass primär
die angrenzende Althalle beheizt wird, da hier kein anderes Heizsystem vorhanden
ist.
Wird in der Althalle keine Wärme angefordert, so wird die konventionelle
Heizung im Obergeschoss der neuen Produktionshalle durch die solare Wärme
unterstützt. Aus Kostengründen wurde nur ein sehr einfaches Luftverteilsystem
installiert, das für eine mögliche Nutzungsänderung der Räume
ausbaufähig ist.
Problematisch bei der Planung der Anlage war besonders die Entwicklung der Regelstrategie,
da die Einbindung der Abwärme der vorhandenen Kältemaschinen sich
nicht mit einer Standardlösung realisieren ließ. Ein reibungsloser
Produktionsbetrieb erforderte eine kontinuierliche Abnahme der Wärme um
dadurch die optimale Kühlung der Produktionsmaschinen zu gewährleisten.
Die Kälteaggregate für die Maschinenkühlung besitzen zwar die
Möglichkeit über eingebaute Ventilatoren die anfallende Abwärme
an den Raum abzugeben, jedoch ist das Zusammenspiel zwischen den beiden Möglichkeiten
der Wärmeabgabe nicht problemlos. Außerdem ist die Wärmeabgabe
an den Raum nur im Winterfall sinnvoll, da im Sommer sonst erheblich größere
interne Wärmelasten anfallen, die wiederum durch die Klimaanlage abgeführt
werden müssten.
Das durch die Fachhochschule Stuttgart durchgeführte Monitoring umfasst
sämtliche klimatechnischen Daten der Anlage. Zusätzlich zu diesen
Daten werden alle Stell- und Regelsignale der DDC (Direkte Digitale Regelung)
im gleichen Messintervall aufgezeichnet, so dass eine vollständige Überwachung
aller Betriebszustände für die Auswertung gewährleistet ist.
Mittels dieser Daten und anhand damit durchführbarer Simulationsrechnungen
kann die Regelung der Anlage ständig angepasst und für zukünftige
Projekte optimiert werden. Ziel soll es sein, den Regelungsaufwand auf ein sinnvolles
Mindestmaß zu reduzieren, da die Kosten einer Regelung bei DEC-Anlagen
einen großen Anteil an den Gesamtkosten betragen. Dabei soll eine energetisch
optimale Ausnutzung der Anlage jedoch nie in den Hintergrund treten.
Energetische und wirtschaftliche Daten
Da eine Auswertung der Messdaten über einen längeren ungestörten
Betriebszeitraum zur Zeit stattfindet, können hier nur die zu erwartenden
Energiekenndaten der Anlage beschrieben werden. Die Ergebnisse wurden anhand
von Simulationsrechnungen im Rahmen einer Diplomarbeit an der Fachhochschule
Stuttgart ermittelt.
Mit Hilfe einer selbstentwickelten Simulationsumgebung wurde die DEC-Anlage
nachgebildet und anhand eines Wetterdatensatzes die Kühlperiode zwischen
April und Oktober simuliert. Die Ergebnisse beziehen sich alle auf die erwähnten
Auslegungsdaten. Insgesamt ergaben sich Betriebszeiten von 700 h, in der eine
aktive Kühlung stattfinden muss. Darunter sind sowohl die Zeiten reiner
Verdunstungskühlung mittels der vorhandenen Befeuchter, als auch der komplette
DEC-Prozess zu verstehen.
| Art der Kühlung | Betriebsstunden | Antriebsenergie [kWh] |
| Befeuchtung |
111
|
953
|
| Sorption |
530
|
41.117
|
| Sorption und Nachheizung |
63
|
6.756
|
| Summe |
704
|
48.826
|
Tabelle 1:
Simulierte Betriebsstunden und Antriebsenergie bei unterschiedlichen Kühlungsarten
für die Periode von April bis Oktober
Es zeigt sich, dass nur während 10 Prozent der Kühlbetriebsstunden
ein Nachheizen der Regenerationsluft durch das Backup-System notwendig ist (siehe
Tabelle 1). Die überwiegende Zeit wird zur Kühlung der Sorptionsprozess
stattfinden, wobei die erforderliche Regenerationstemperatur ausschließlich
durch die vorhandenen Wärmequellen und die Luftkollektoranlage erzeugt
wird. Der notwendige Primärenergieeinsatz beschränkt sich dabei auf
die elektrische Antriebsenergie für Ventilatoren, Pumpen und Antriebsmotoren.
Die aufgeführte Antriebsenergie beinhaltet sämtliche elektrische und
thermische Energien, die für den Kühlbetrieb notwendig sind.
Während der Betriebszeit innerhalb einer Kühlperiode produziert die
Anlage Kühleenergie von 51.000 kWh. Mit den in Tabelle 1 angegebenen 48.826
kWh, die für die Antriebsenergie aufgebracht werden müssen, ergibt
sich somit ein Gesamtwirkungsgrad (COP) von 1,0 für diese Anlage. Dieser
Wirkungsgrad bezieht sich auf die gesamte zugeführte Energie während
des Kühlprozesses.
Um die Anlage mit konventionellen Systemen zur Klimatisierung zu vergleichen,
muss die zugeführte Energie genauer betrachtet werden. Dazu ist es notwendig
diese Energie in ihre thermischen und elektrischen Anteile aufzuschlüsseln
(siehe Abbildung 2). Die thermische Antriebsenergie aus der Solaranlage und
der Abwärme beträgt 33.360 kWh oder fast 70% der gesamten benötigten
Antriebsenergie. Die elektrische Antriebsenergie für sämtliche Komponenten
beträgt 11.940 kWh. Somit ergibt sich ein rein auf die elektrische Energie
bezogener Wirkungsgrad von 4,2. Bei einem durchschnittlichen Bereitstellungswirkungsgrad
für Stromerzeugung von 35% werden demzufolge 34.115 kWh Primärenergie
erforderlich um 51.000 kWh Kühleenergie zu erzeugen.
Abbildung 2: Aufschlüsselung der Antriebsenergie für die Klimatisierung in thermische und elektrische Anteile
Um den Primärenergienutzungsgrad der Anlage zu bestimmen muss zu der für
die elektrische Antriebsenergie benötigten Primärenergie noch der
Primärenergieeinsatz für die Nachheizung im Regenerationsfall berücksichtigt
werden. Innerhalb der Kühlperiode müssen zusätzlich 3.524 kWh
für den Einsatz der Nachheizung bereitgestellt werden. Bei einem Wirkungsgrad
der Heizungsanlage von 0,85 entspricht dies einer Primärenergie von 4.150
kWh. Insgesamt sind demzufolge 38.265 kWh an Primärenergie für die
Kühlung der Produktionshalle erforderlich.
Dementsprechend ergibt sich ein Primärenergienutzungsgrad von 1,3. Verglichen
mit einem typischen Primärenergienutzungsgrad von 0,6 für Kompressionskältemaschinen
zeigt dies deutlich den umweltgerechten Umgang mit Energie beim Einsatz der
DEC-Technik.
Zusätzlich wurde im Rahmen der Diplomarbeit untersucht, wie stark sich
eine Verdopplung der Kollektorfläche auf die Reduzierung der Nachheizenergie
auswirkt. Es zeigte sich, dass durch diese Maßnahme nur eine geringe Einsparung
zu erreichen ist und somit die dadurch erheblich ansteigenden Investitionskosten
für die Kollektoranlage nicht vertretbar wären. Die geringe Einsparung
ist dadurch begründet, dass in Zeiten, in denen eine Nachheizung stattfindet,
meist kein oder nur ein geringes Angebot an solarer Strahlung vorhanden ist
und somit eine Vergrößerung der Kollektorfläche sich nicht merklich
auswirkt.
Da bei der DEC-Anlage in Althengstett ein Anteil der Energie für Erwärmung
der Regenerationsluft durch Nutzung vorhandener Abwärmequellen bereitgestellt
wird, ist die Fläche der installierten Kollektoranlage ausreichend.
Die Gesamtkosten für die ausgeführte Anlage mit 100 m² Luftkollektoren
und einem Volumenstrom von 18.000 m³/h belaufen sich auf 188.000 EURO.
Dabei ist zu erkennen, dass die Kosten für das DEC-Gerät den Hauptanteil
ausmachen und ca. 60% der Gesamtkosten betragen (siehe Abbildung 3). Diese 60%
lassen sich in gleiche Anteile für die DEC-Komponenten, die Regelung und
den Gerätebau aufteilen. Mögliche Einsparpotenziale solcher Anlagen
sind demnach insbesondere bei den Kosten für Komponenten und Regelung gegeben.
Abbildung 3: Aufteilung der Kosten für die Sorptionsklimaanlage mit 100 m² Solarluftkollektoren
Die Finanzierung des Projekts wurde im Rahmen des Förderprogramms der
Deutsche Bundesstiftung Umwelt DBU mit einem Anteil von 50% der Investitionskosten
gefördert. Die laufenden Messungen an der Anlage und die Optimierung der
Regelung werden voraussichtlich Ende 2002 abgeschlossen sein.
*) Dipl.-Ing. (FH) Martin
Huber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
im Bereich Solartechnik und
Prof. Dr. Ursula Eicker ist
Professorin für Licht- und Solartechnik und Solarenergienutzung
an der Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik, Fachbereich Bauphysik.
Weiters Leiterin des Joseph-von-Egle-Instituts für angewandte Forschung,
mhuber@saturn.rz.fht-stuttgart.de,
eicker.fbp@fht-stuttgart.de
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