Ökostrom
Ökostrom
Die Liberalisierung des Strommarktes eröffnet den Verbrauchern Wahlmöglichkeiten
für ihren Strombezug. Auch ökologische Kriterien können diese
Wahl beeinflussen.
Nischenmarkt Grünstrom
Voraussetzung für eine effektive Kundenwahl ist hierbei die aktive und objektive Informationsverbreitung für das Produkt Ökostrom. Ein glaubwürdig kontrolliertes und für alle Akteure nachvollziehbares Produktlabel "Ökostrom" gibt dem Stromkunden das notwendige Vertrauen, auf eine nachhaltige Energieversorgung umzusteigen.
Konsument und Produkt
Der Kunde kann den Elektronen aus der Steckdose seine Erzeugerherkunft
nicht ansehen. Darum denken sich findige Marketingstrategen immer neue Verpackungen
oder Farben (z. B. Yello des deutschen Energieversorgers EnBW oder Select
des steirischen Energieversorgers STEWEAG) für ihre Handelsware aus. Der
Strom bekommt eine kommerzielle Verpackung, die dem Kunden seine Technologie-
und Unternehmenswahl verdeutlichen sollen. Dem Kunden sollen durch die Produktgestaltung
Anreize zum Wechsel wie auch zum Verbleiben beim Stromlieferanten gegeben werden.
Der Ökostrom wird als ein wertvolles Produkt angesehen, durch dessen Kauf
der Kunde einen Beitrag zum Umweltschutz leistet. Der Ökostromlieferant
setzt auf das Umweltbewusstsein seiner Stromkunden, die mit der Kaufwahl ihres
Stroms Informationen über seine Vorgeschichte haben möchten. Wie der
Bezug von Ökostrom prinzipiell funktioniert, zeigt die schematische Darstellung
in Abbildung 1. Der Lieferant sichert dem Kunden vertraglich zu, die vereinbarte
Menge Ökostrom selbst zu produzieren oder bei Ökoanlagenbetreibern
einzukaufen. Der Betreiber liefert die produzierte Energie in das örtliche
Netz, an das der Kunde angeschlossen ist. Der Lieferant zahlt die Durchleitungsgebühr
zum Kunden an den Netzbetreiber.
Fragebogenaktion
Wie schon oben erwähnt, ist der Strom ein vollständig homogenes Gut.
Die Unterscheidungsmöglichkeiten des Kunden liegen neben dem Preis und
der dafür angebotenen Dienstleistung nur in der Erzeugungsart des Grünstromproduktes.
Voraussetzung einer effektiven Kundenwahl für das Produkt Ökostrom
ist die aktive und objektive Informationsverbreitung. Um den Informationsgrad
und potenziellen Handlungsbedarf zur Erweiterung des Ökostrommarktes zu
evaluieren, wurde zu Beginn dieses Jahres eine Fragebogenaktion unter 100 Referenzkunden
des Lieferanten "oekostrom AG" durchgeführt. Referenzkunden sind
definitionsgemäß diejenigen Ökostromabnehmer, die sich öffentlich
zur Belieferung durch die oekostrom AG bekennen und deren Kenntnisstand über
die Handelsware Ökostrom hoch ist.
Zu dieser befragten Kundengruppe gehören Vereine, Parteien, das Gewerbe,
religiöse Organisationen bis hin zu Privatkunden. Diese Kunden wendeten
sich, durch Individualgespräche bzw. Energieberatung, via Printmedien und
Websites im Internet, spezifische Veranstaltungen und andere Informationskanäle
angeregt, an die oekostrom AG. Dieser Händler sollte ihnen - abweichend
von den Lieferungen ihrer bisherigen Versorger - Elektrizität aus ausschließlich
erneuerbaren Energieträgern liefern. Befragt nach den Hauptgründen
für die Wechselentscheidung zum Ökostromlieferanten, gaben knapp die
Hälfte der antwortenden Kunden ökologische Gründe an (siehe Abbildung
2). Die Kunden, die den ausgefüllten Fragebogen zurücksandten, konsumieren
etwa 450 MWh/a. Das entspricht in etwa dem Jahresertrag einer 350 kW
Windenergieanlage in Österreich.
Die Zeit zwischen dem Interesse an Ökostrom, der Informationsvermittlung
und der Entscheidung, den Stromlieferanten zu wechseln, fiel von Kunde zu Kunde
sehr unterschiedlich mit einem arithmetischen Mittelwert von ca. zwei Tagen
aus.
Die Gründe der Referenzkunden für eine zögerliche Entscheidung
liegen wahrscheinlich im zeitaufwendigen internen Abstimmungsprozess innerhalb
der Gruppierungen. Außerdem ist bei allen Kunden ein Lernprozess im Umgang
mit der freien Lieferantenwahl zu beobachten, obwohl die freie Lieferantenwahl
für Ökostromangebote nach dem Elektrizitäts- und Wirtschaftsorganisationsgesetz
(ElWOG 1) schon seit 1999 gilt. In den Kommentaren der ausgefüllten Fragebögen
empfehlen die Referenzkunden eine hohe Markttransparenz der angebotenen Ökostrommengen
und ihrer Erzeugungsprozesse, um Konsumententäuschungen in Form von z.
B. Lieferungen des teuren Ökostroms an die Haushalte und gleichzeitig Distribution
des preiswerten Egalstroms an die Industrie zu vermeiden. Weiters wird der vermehrte
Einsatz von Werbung für Ökostromangebote, welche die regionale wirtschaftliche
Stärkung durch den lokalen Bau von Ökoanlagen herausstreichen sollen,
empfohlen.
Abbildung
1: Prinzipielle Schematik des Ökostrombezugs
Quelle: J. Markard (EAWAG, CH)
Ökostromlabel
Ökostromlabel sind eine Folgeerscheinung der Liberalisierung des Strommarktes. Sie entstanden in Anlehnung an bestehende, erfolgreich vermarktete Produktlabels (wie z. B. der deutsche blaue Engel). Sie wurden von Umweltorganisationen und involvierten Forschungsinstitutionen zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit des Ökostroms wie auch zur Abgrenzung von umweltgefährdenden fossilen und nuklearen Stroms eingeführt. Dem Konsumenten soll eine Orientierungshilfe gegeben werden, Produkte unterscheiden zu können. Der Kunde wählt mit der Lieferung von Ökostrom den umweltfreundlichen Erzeugungsprozess.
Abbildung
2: Motive und benötigte Entscheidungszeit
für den Wechsel zum Lieferanten oekostrom AG
Die Zeit für die Suche nach dem richtigen Lieferanten lag im arithmetischen
Mittel bei zwei Tagen
Die Ziele einer Ökostromkennzeichnung sind:
Als Teil des Forschungsprojektes an der TU Wien wurden Ökostromlabel in einer internationalen Literatur- und Internetrecherche auf ihre umweltpolitische Signalwirkung analysiert und ihre ökologische und wirtschaftliche Effizienz verglichen. Mit diesen Ökostromlabels werden Umweltzielsetzungen in Form von überprüfbaren Kriterien übermittelt und durch die Auszeichnung kriterienerfüllender Anbieter umweltpolitische Signale gesetzt. Die Schwierigkeit der Kriterienfestlegung liegt neben der ökologisch häufig konträren Einstellung der Akteure auch in der sehr unterschiedlichen Einschätzung der Durchsetzbarkeit des Ökostromlabels am Markt. Darüber hinaus stehen der ökologischen Effizienz (der zusätzliche Nutzen für die Umwelt durch den Bau neuer Ökoanlagen) und ökonomischen Effizienz (die wachsende Dezentralisation führt zu geringeren Netzausbaukosten für die Betreiber) in der Regel höhere Erzeugungskosten dieser Anlagen gegenüber. Die ökonomische Effizienz evaluiert den Einfluss von Ökostromlabels auf die Zahlungsbereitschaft (WTP: Willingness To Pay) der Kunden und vergleicht diese mit der WTP für den Egalstrom.
Zur Untermauerung der im Forschungsprojekt entwickelten Effizienzmodelle wurde
eine Fragebogenaktion unter Ökostromlieferanten durchgeführt. Schriftlich
wurden Ökostromlieferanten in der Schweiz, Deutschland und Österreich
interviewt.
In diesen Ländern gibt es sehr mannigfaltige Ökostromangebote, die
unterschiedlich gekennzeichnet am Markt angeboten werden (siehe Abbildung 3).
Grundgedanke der Stromkennzeichnungen durch ein Label ist es [1],
dass eine unabhängige Instanz die Umweltverträglichkeit des Produktes
Ökostrom nach definierten ökologischen Kriterien prüft. Fällt
die Prüfung positiv aus, so bekommt der Ansuchende dies in Form eines Labels
bescheinigt. Die Produktdeklaration ist in der Regel weniger aussagekräftig
als das Ökostromlabel. Diese berücksichtigt explizit nicht ökologische
Werturteile wie z. B. den Zubau von Neuanlagen, Unternehmensverflechtungen
mit fossilen und nuklearen Marktakteuren oder Fischaufstiegshilfen für
Kleinwasserkraftwerke.
Ein Teilergebnis der Interpretation der Fragebogenrückläufe ist, dass
je etablierter die Kennzeichnung des Ökostroms und je besser das Verhältnis
zwischen Kosten versus Nutzen ist, desto attraktiver sind Ökostromlabel
für den Lieferanten.
Ökologische Effizienz
Die Aggreditierung der Label ist in der Regel das Resultat eines langwierigen
Diskussionsprozesses involvierter Akteure (wie Umweltorganisatoren, Konsumentenschutzverbände,
Forschungsinstitute, Technologieverbände, EVU etc.). Für die ökologische
Effizienz eines Ökostromlabels sind die Umweltqualität der Handelsware
Grünstrom, das Portfolio des Anbieters und der sogenannte "zusätzliche"
Umweltnutzen (C. Timpe, Öko-Institut Freiburg (D)) wesentlich.
Prinzipiell sollte zertifizierter Grünstrom zur Umweltentlastung, d. h.
vor allem zur Reduktion der Treibhausgasemissionen aus fossilen Anteilen an
der Stromaufbringung beitragen. Konventionelle Kraftwerke sollen entweder durch
neue Ökoanlagen ersetzt oder die Gesamtaufbringung reduziert werden. Für
eine Veränderung des Energiemarktes in Richtung umweltgerechtere und nachhaltige
Stromerzeugung ist die Substitution fossiler und atomarer Anlagen durch den
Zubau neuer Ökoanlagen wie auch der effiziente Technologieeinsatz von entscheidender
Bedeutung.
Um die Anreizwirkung Ökostromlabel im Zeitverlauf aufrecht zu halten, müssten
die Kriterien kontinuierlich verschärft werden. Die dafür notwendige
Anpassung der Labelkriterien werden aber nicht friktionslos verlaufen. Es ist
eher zu erwarten, dass ein ähnlicher Diskussionsprozess wie bei der Erstdefinition
hervorgerufen wird. Somit wird die Anpassung der Kriterien ziemlich lange dauern
und die Anreizwirkungen der Ökostromlabels sind statisch.
Abbildung 3: Eigenaussagen befragter Ökostromlieferanten über die Kennzeichnung ihrer Produkte in Österreich, Deutschland und der Schweiz
Um dieser Situation langzeitlicher Diskussionsprozesse
eine dynamische Signalwirkung entgegenzusetzen, wird ein "Performanceindikator"
national und international zur Diskussion gestellt [3].
Dieser "Performanceindikator" bewertet zwei wesentliche Elemente der
ökologischen Signalwirkung eines Ökolabels: Substitution durch Ökoanlagen,
ohne die der Umbau des heutigen Energiemarktes nicht möglich ist und die
Effizienzverbesserung der eingesetzten Technologien durch die Vermeidung von
Netzverlusten.
Auch 41 der befragten Referenzkunden der oekostrom AG bewerten mit etwa 80%
den Bau von Neuanlagen und mit mehr als die Hälfte die Entfernung zwischen
stromliefernder Ökoanlage und Kunde als wesentliche Kriterien für
ökologisch sehr effiziente Ökostromlabel.
Ökonomische Effizienz
Ökostromlabel werden in der Regel freiwillig vergeben. D. h. interessierte
Anbieter wollen durch Kontrollen unabhängiger Gutachter die Qualität
ihrer Handelsware sichern. Sie werben mit dem Label, um sich von der Konkurrenz
zu unterscheiden und um die erhöhte Zahlungsbereitschaft von Kunden für
grünen Strom zu nutzen. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden zur Zeit
die Lieferantenrückläufe mit Hilfe der Regressionsanalyse untersucht.
Die Aufgabe der Regressionsanalyse ist es, die Zielfunktion für das ökonomische
Effizienzmodell mit den unterschiedlich gewichteten Einflussparametern zu bestimmen.
Nach dieser Bewertung korrelieren die Einflussparameter "Bekanntheitsgrad
des verwendeten Ökostromlabels" und die "Einschätzung der
Lieferanten zu den Kosten-/Nutzenverhältnissen eingesetzter Label"
signifikant (95%) mit der Kundenzufriedenheit durch das Ökostromlabel als
Orientierungshilfe.
In Österreich existieren noch keine Studien zur Entwicklung des Grünstrommarktes (wie in Deutschland [2]), sondern nur Businesspläne oder Zielsetzungen der involvierten Firmen. Laut Eigenaussagen der in der Fragebogenaktion befragten Unternehmen bieten zur Zeit 15 Lieferanten Ökostrom am Markt an. Die Nachfrage nach Ökostromangeboten liegt nach Aussagen dieser Unternehmen um Größenordnungen überden derzeitigen Angeboten und soll weiter ausgebaut werden. Zur Zeit werden - wie in der Schweiz (www.oekostrom.eawag.ch) - etwa 30.000 Kunden mit Ökostrom beliefert, davon bekommen zur Zeit ca. 4.000 mit dem Umweltzeichen UZ46 (www.bmu.gv.at) gekennzeichneten Ökostrom.
Konklusion
Bei den zur Zeit genutzten Zertifizierungsverfahren des Grünstroms wird
nur das existierende Ökoanlagenportfolio bewertet, insbesondere nicht das
von Neuanlagen. Ausnahmen bilden die Kriterien deutscher Ökostromlabels,
die einen Mindestanteil von 25% vorsehen. Auch die Mitberücksichtigung
des Mindestanteils von 1% Photovoltaikstrom in Österreich und Deutschland
ist ein Signal zur Auszeichnung von Neuanlagen.
In liberalisierten Energiemärkten wählt der Kunde unter den verfügbaren
Alternativen diejenige heraus, die ihm die größte Zufriedenheit gibt.
Voraussetzung hierfür ist, dass der Konsument Kenntnisse über Alternativen
und über den Befriedigungsgrad verschiedener Angebote hat. Ökostromlabel
bilden eine effektive Orientierungshilfe für Kunden und reduzieren die
Transaktionskosten für Lieferanten. Die Markttransparenz der erneuerbaren
Energieträger ist für die Erzeuger und Händler durch aktuelle
Information über Technologieinnovation und Marktgeschehen als auch für
die Kunden durch freie Produkt- und Prozesswahl relevant. Denn Motive und Potenziale
wie auch die Voraussetzungen der Stromkunden für einen Wechsel zum Ökostromlieferanten
divergieren bundesweit. Sie sind letztendlich die entscheidenden Indikatoren
für einen funktionierenden und wirtschaftlich tragfähigen Ökostrommarkt.
Investiert wird in Neuanlagen nur dann, wenn die Informationen über den
Markt für Investoren frei zugänglich und die Transaktionskosten niedrig
sind.
| Ökostrom-Links:
A: CH: EU: www.greenpricing.com USA: |
Literatur
[1] R. Wüstenhagen, Ökostrom - von der Nische zum Massenmarkt, ISBN
3 7281 2777 9, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2000 [^]
[2] Newsletter unter www.greenprices.de/de/newsitem.asp?nid=357
[^]
[3] M. Heidenreich, H. Müller: "Ein dynamischer Performanceindikator
zur Verbreitung von Ökostrom", 7. Energiesymposium in Graz, Febr.
2002 [^]
*) Dipl.- Ing. Michael Heidenreich ist Projektmanager am arsenal research in Wien und Dissertant am Institute of Energy Economics der TU Wien; michael.heidenreich@arsenal.ac.at [^]