Ökostrom
Ökostrom
Seit 1. Oktober 2001 - also seit rund einem Jahr - können alle Privatkunden ihren Stromversorger frei wählen. Doch die sogenannte Strommarktliberalisierung ist weitgehend ein Flop - nur knapp ein Prozent der Kunden haben von ihrem neuen Recht Gebrauch gemacht und den Stromversorger gewechselt.
Stromwechseln in Theorie und Praxis
Eigentlich könnte das Leben so einfach sein: In Österreich wird immer
noch mehr Strom erzeugt als verbraucht. Da sogar laut Verfassung der Betrieb
von Atomkraftwerken hierzulande verboten ist, könnten wir uns alle darüber
freuen, unsere Haushaltsgeräte atomstromfrei zu betreiben. Doch was technisch
und rechnerisch möglich ist, muss nicht unbedingt auch real umgesetzt werden.
Im Gegenteil: Der Atomstromanteil im österreichischen Netz steigt immer
mehr an und liegt schon bei über zehn Prozent. Mit anderen Worten: Ein
Reaktor von der größe Temelins produziert ausschließlich für
Österreich. Warum das so ist? Durch die Strommarktliberalisierung kam es
zu weitgehenden Umstrukturierungen bei den österreichischen Stromversorgern.
Viele Landesgesellschaften - allen voran EVN und Wienstrom - kaufen zunehmend
Strom statt beim Verbund (dieser produziert rund die Hälfte des in Österreich
erzeugten Stroms) bei ausländischen Partnern und Strombörsen. Dies
hat zweierlei Konsequenzen: Erstens wird durch steigende Stromimporte der Atomstromanteil
in Österreich immer höher, und zweitens bleibt der Verbund auf seinem
Wasserkraftstrom "sitzen" und exportiert diesen. Überdies handelt
auch der Verbund auf Börsen zunehmend mit Atomstrom.
Der Import von Atomstrom aus EU-Ländern kann gesetzlich nicht verboten
werden. Diese Einfuhren könnten allerdings politisch verhindert werden,
weil alle großen Stromfirmen mehrheitlich im Besitz der Bundesländer
bzw. des Bundes sind und der Eigentümer sehr wohl bestimmen kann, woher
Strom zugekauft wird. Atomstromimporte aus Nicht-EU-Ländern müssten
laut Gesetz aufgrund der dortigen unsicheren AKW sehr wohl verboten werden.
Allerdings brechen die Stromaufsichtbehörde E-Control und das Wirtschaftsministerium
dieses Gesetz, so dass nun sogar Stromlieferungen aus den Schrottmeilern Bohunice,
Mochovce und Krsko möglich sind!
Stromwechsel ist angesagt
Wo die Politik so eklatant versagt, ist der Konsument aufgerufen, durch seine
Kaufentscheidung regulierend einzugreifen. Deshalb versuchte GLOBAL 2000 ab
Oktober 2001, möglichst viele Stromkunden zu einem Wechsel des Stromanbieters
zu bewegen. Es wurde argumentiert, dass nicht der Preis, sondern sauberer Strom
das wichtigere Entscheidungskriterium sei. Wer gegen Temelin ist, darf auch
keinen Atomstrom beziehen und mit seiner Stromrechnung den Betrieb von Atomkraftwerken
finanzieren. Aktuelle Umfragewerte stimmten damals optimistisch (siehe
Tabelle 1).
Doch seither geht alles sehr schleppend: Ein dreiviertel Jahr nach der vollständigen
Liberalisierung war das Bild ähnlich. Gerade 50.000 Stromkunden - also
ca. ein Prozent - haben zu einem neuen Stromlieferanten gewechselt; in den meisten
Fällen aus Kostengründen und nicht, um sauberen Strom zu beziehen.
In Deutschland liegt nach mehr als vier Jahren die Wechselrate bei rund vier
Prozent. Konsumentenorganisationen bezeichnen dort die Strommarktliberalisierung
"als gescheitert". Offensichtlich geht das derzeitige Liberalisierungsfieber
völlig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei.
Wechselverweigerung - eine Ursachenforschung
Für diese Wechselunlust sind mehrere Ursachen anzuführen:
| FRAGE |
JA |
| Würden Sie Strom aus grenznahen AKWs beziehen, wenn er billiger wäre? | 12% |
| Würden Sie prinzipiell für Ökostrom mehr zahlen? | 74% |
| Und zwar bis 10% mehr Und zwar bis 20% mehr Und zwar bis 30% mehr Und zwar um mehr als 30% mehr |
65% 28% 5% 1% |
Stromkennzeichnung - Lizenz zum Lügen
GLOBAL 2000 hat, zusammen mit anderen Akteuren, durch intensives Lobbying und
Hintergrundarbeit erreicht, dass jeder Anbieter, der in Österreich Strom
verkaufen will, auch seinen "Strommix" bekannt geben muss. Jeder Konsument
hätte also - neben dem Preis - ein weiteres wichtiges Kriterium dafür,
welchem Stromversorger er den Strom abkauft.
Pferdefuß ist, dass die genaue Art der Stromkennzeichung Länderkompetenz
und deshalb unterschiedlich ist. In zwei Bundesländern (Wien und Salzburg)
gibt es gar keine diesbezügliche Verordnung; die Firmen kennzeichnen den
Strom nach eigenem Gutdünken. In Vorarlberg, Oberösterreich und der
Steiermark gibt es relativ gute Regelungen, wie jeder Stromhändler seinen
Strommix deklarieren muss. In den restlichen Ländern ist auch der sogenannte
"Produktmix" möglich; d. h. die Stromfirmen dürfen
verschiedenen Kundengruppen unterschiedliche Stromprodukte zuordnen: z. B.
sauberer Strom für Privatkunden und Atomstrom für Großabnehmer.
GLOBAL 2000 lehnt solch eine "Stromwäsche" ab und fordert grundsätzlich
die Bekanntgabe des "Händlermixes". Mit der neuerlichen Novellierung
des Stromgesetzes (ElWOG) wird es zu einer bundesweit einheitlichen Stromkennzeichnung
nach Händlermix kommen. Allerdings soll dies erst ab Juli 2004 (!) geschehen.
Dem Vernehmen nach hat die niederösterreichische EVN diese Verzögerung
hineinlobbyiert. Die Stromfirmen haben dadurch noch weitere zwei Jahre eine
Lizenz zum Belügen ihrer Kunden - ein Skandal!
Um den Stromkunden eine Entscheidungsgrundlage zur Hand zu geben, hat GLOBAL
2000 den Atomstromanteil der Stromfirmen ermittelt und den Angaben der Unternehmen
gegenübergestellt. Die Ergebnisse der Erhebung können Tabelle
2 entnommen werden.
Qualität hat ihren Preis
Da die Umweltschäden für atomar und kalorisch erzeugten Strom bisher
nicht berücksichtigt werden, ist schmutziger Strom leider billiger als
Ökostrom. Der tatsächliche Preisunterschied zwischen Ihrem bisherigen
Anbieter und z. B. der oekostrom AG hängt davon ab, in welchem Bundesland
man wohnt. So macht bei einem Jahresverbrauch von 1000 Kilowattstunden (=sparsamer
Zweipersonenhaushalt) der Preisunterschied in Kärnten bloß fünf
Euro pro Jahr aus, in Salzburg, der Steiermark und dem Burgenland liegt die
Differenz bei weniger als 13 Euro (200 ÖS). Und selbst in Wien, Ober- und
Niederösterreich machen die Mehrkosten weniger als ein Cent pro Tag aus!
Beim Jahresverbrauch einer Durchschnittsfamilie (3000 Kilowattstunden) liegen
die Mehrbelastungen zwischen 51 Euro (Steirermark) und 146 Euro in Tirol, also
zwischen 14 und 40 Cent pro Tag. Durch einfache Stromsparmaßnahmen (Energiesparlampen,
Vermeiden von Stand-by-Betrieb, Haushaltgeräte der Energieeffizienzklasse
A) können auch diese Mehrkosten abgefangen werden.
Umstieg aber wie?
Bis vor einem Jahr waren die Stromversorger für die Stromerzeugung, den
Transport und den Verkauf zuständig. Dieses Paket wurde entflochten und
neu verteilt. Im Wiener Raum etwa ist Wienstrom nach wie vor Netzbetreiber und
ist für den Stromtransport zuständig. Da der Netzbetreiber gleich
bleibt, bleiben auch Zuleitungen und Stromzähler gleich.
Frei wählen können Sie allerdings den Stromversorger, und das ist
ganz einfach. Sie lassen sich vom Stromverkäufer Ihrer Wahl (z. B. oekostrom
AG) ein Anmeldeformular zuschicken, füllen dieses aus und senden es gemeinsam
mit Ihrer letzten Jahresrechnung zurück. Ihr neuer Stromversorger übernimmt
die Kündigung bei der bisherigen Firma und alle Formalitäten. Nach
ca. einem Monat beziehen Sie Strom von der neuen Firma, die diesen ins Netz
einspeist. Die Ummeldung ist mit keinen zusätzlichen Kosten verbunden.
|
Stromfirma
|
Atomstromanteil
für das Jahr 2001 |
Bemerkungen |
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| Eigene Angaben | Tatsächlich | ||
|
Ökostromfirmen
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| oekostrom AG | 0,0% | 0,0% | Der erste Ökostromanbieter Österreichs; Aktien in Streubesitz. Verkauft Strom aus Windkraft, Biomasse und Sonnenenergie. |
| Alpen-Adria-Energy | 0,0% | 0,0% | Liefert hauptsächlich Elektrizität aus Kleinwasserkraftwerken |
|
Atomstromfreie Anbieter
|
|||
| BEWAG | k.A. | 0,0% | Diese werden mit zertifizerten Strom aus Großwasserkraftwerken beliefert, den sie an die Kunden weitergeben. Sie können deshalb als "atomstromfrei"angesehen werden. Doch ACHTUNG: Sowohl bei Raiffeisen als auch bei My Electric besteht die Gefahr, dass jeweils 50% der Firma an Atomstromkonzerne "wie z.B. E.ON " verkauft werden. Dann würde man "sauberen" Strom von einer „schmutzigen“ Firma beziehen – was nicht akzeptabel ist. |
| Raiffeisen Wasserkraft | 0,0% | 0,0% | |
| My Electric | 0,0% | 0,0% | |
|
Konventionelle Stromanbieter
|
|||
| Energie AG | 2,2% | 12,4% | |
| EVN | 3,0% | 21,7% | Atomstromkonzerne kaufen immer mehr EVN-Aktien auf |
| KELAG | 1,3% | 9,8% | Der Atomstromkonzern RWE hält rund ein Drittel der KELAG-Anteile |
| Salzburg AG | 4,6% | 9,6% | |
| STEG | k.A. | 11,4% | Die beiden Firmen wurden inzwischen fusioniert, die EdF hält Anteile |
| STEWEAG | 3,6% | 14,2% | |
| Switch | 10,5% | 15,5% | Billigstromtochter der Wienstrom |
| TIWAG | 9,2% | 20,7% | Durch Stromaustausch mit der E.ON hoher Atomstromanteil |
| VKW | 13,4% | 13,4% | Ehrlich, aber recht nuklearverseucht |
| Wienstrom | 4,0% | 15,5% | |
Tabelle 2: Eigene Angaben und tatsächliche Anteile des Atomstroms der Stromfirmen für das Jahr 2001
*) Dr. Heinz Högelsberger ist Energiereferent bei Global 2000; heinz.hoegelsberger@global2000.at [^]