Bioenergie
Biomasse-Nahwärme
Das Projekt "Das Bioenergiedorf" will einen Beitrag für die Umsetzung
nachhaltiger Lebensweisen am Beispiel der Strom- und Wärmeversorgung eines
ganzen Dorfes leisten, indem dieses unter aktiver Beteiligung der Dorfbevölkerung
auf die Basis von Biomasse umgestellt werden soll. Hierzu wird in dem Dorf eine
Biogasanlage errichtet, ein Heizwerk gebaut und ein Nahwärmenetz verlegt.
Das Projekt wird von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) für
das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft
(BMVEL) gefördert und ist unter Beteiligung verschiedener Fachdisziplinen
der Universitäten Göttingen und Kassel/Witzenhausen am Interdisziplinären
Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Göttingen
angesiedelt.
Das Bioenergiedorf
Das Projekt ist insgesamt auf sechs Jahre angelegt. In den ersten zwei Jahren
(Start: Oktober 2000) ging es zunächst darum, ein geeignetes Dorf im Landkreis
Göttingen zu finden. Das Dorf Jühnde aus der Samtgemeinde Dransfeld
wurde als Modelldorf zur energetischen Nutzung von Biomasse ausgewählt.
Im zweiten Projektjahr wurden zusammen mit der Dorfbevölkerung und einem
Ingenieurbüro Planungsleistungen zur Projektrealisierung erbracht sowie
rechtsverbindliche Vorverträge mit den zukünftigen Wärmekunden
abgeschlossen. Im dritten Projektjahr soll die Entwurfs-, Ausführungs-
und Genehmigungsplanung erstellt werden, um baldmöglichst mit dem Bau der
Anlagen und dem Verlegen des Nahwärmenetzes beginnen zu können.
Der partizipative Projektansatz
In herkömmlichen Bauvorhaben von Infrastrukturanlagen vollzieht sich die Planung und Ausführung im Zusammenspiel von Akteuren aus fünf Funktions- und Interessenskreisen: Erstens die Nachfrager nach Bauleistungen, zweitens die Anbieter von Bauleistungen, drittens das freiberufliche Beratungsgewerbe, viertens der Staat als Hoheitsträger und als Garant der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie fünftens die das Baugeschehen begleitende Öffentlichkeit.
Im Gegensatz dazu ist in Jühnde ein partizipatives Modell des Infrastrukturanlagenbaus vorzufinden. Der Unterschied in diesem Projekt zum herkömmlichen Infrastrukturanlagenbau besteht darin, dass sich das Feld des Bauherrn in drei unterschiedliche Funktionsbereiche unterteilt: Die Jühnder Bürgerinnen und Bürger als Nachfrager nach Bauleistungen, die Universität als Initiator des Projektes und Begleiter der Planung und das Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft sowie die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe als fachliche und finanzielle Unterstützer des Projektes. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass der Bauherr, in unserem Fall die "Initiative Bioenergiedorf Jühnde", auch als organisierte Öffentlichkeit aufzufassen ist, da die dort tätigen Akteure zugleich Dorfbewohner und in diesem Sinne von den Baumaßnahmen Betroffene sind. Da die Jühnder Bürger auch fachlich in den Planungsprozess involviert sind, liegt die Koordinierungsfunktion im Sinne eines Projektmanagements in erster Linie in ihren Händen.
Der Grund hierfür liegt in dem Sachverhalt begründet, dass die Realisierung
des angestrebten Infrastrukturanlagenbaus mit den Komponenten Biogasanlage,
Holzhackschnitzelheizwerk und Nahwärmenetz nicht über Richtlinien
oder Gesetze, sondern nur über eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz zu
erreichen ist und somit nur das Ergebnis eines sozialen Prozesses sein kann.
Die Universität will Anstöße zur Beteiligung an der Planung
geben und gleichzeitig eine Planungsstruktur für eine überschaubare
Anzahl an aktiven Bürgerinnen und Bürgern etablieren. Das heißt,
das Projekt wird von den Mitarbeitern der Universität angestoßen,
soll aber letztlich ein Projekt des Dorfes werden. Es wurde in Jühnde erfolgreich
eine Organisationsform der Planung implementiert, welche Elemente des kooperativen
Planungsmodells mit jenen des Initiationsmodells verbindet. Die Merkmale der
Organisationsstruktur in Jühnde sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
|
Dimension |
Merkmale |
| Organsiationsstruktur | flache Hierachiersierung durch Festlegung von Verantwortlichkeiten |
| Sinnbezug | Umweltschutz, technische Umsetzung, soziale Umsetzung |
| Akteursbezug, Partizipationsstrategie |
Möglichkeit der Teilnahme für alle gegeben, teiloffen |
| Kommunikationsstil, Diskussionsstruktur |
gleichberechtigte Kommunikation, gemeinsame Erörterung |
| Beziehung | tauschförmig, dialogisch orientiert |
| Arbeitsformen | Methoden der klassischen Moderation, Kleingruppenarbeit, Metaplantechnik, Workshops, etc. |
| Ortsbezug | vom Ort ausgehend |
| Ergebnisorientierung | projektorientiert |
| Zielbezug, Denkstil | Erreichen eines klar definierten Zieles |
| Aufgabenverständnis | pragmatisch-integrativ, Projektbezug |
| Entscheidung | konsensorientiert, aber mit der Möglichkeit zur Mehrheitsentscheidung |
| Planungs-, Handlungsverlauf |
parallel, gleichzeitig |
| Zeit | dynamisch, instabil |
Tabelle 1: Merkmale der Organisationsstruktur in Jühnde (in Anlehnung an Selle 1999)
Beteiligung der Bevölkerung
Durch Dorfversammlungen, Einwohnerbefragungen, Besichtigungsfahrten, Arbeitsgruppen, einer Zentralen Planungsgruppe sowie der Durchführung von Workshops zu technischen und rechtlichen Themen wurden in Jühnde Strukturen aufgebaut, die es der Dorfbevölkerung ermöglichten, sich am Planungsprozess zu beteiligen. In den Arbeitsgruppen Betreibergesellschaft, Biogasanlage, Biomasse Holz, Biomasse Pflanzen, Nahwärmenetz, Holzhackschnitzelanlage, Haustechnik und Öffentlichkeitsarbeit wird die Basisarbeit für die Projektumsetzung geleistet.
Jede Arbeitsgruppe hat eine/n Sprecher/in, der/die die Gruppe nach außen
vertritt. In den Arbeitsgruppen werden die für die Umsetzung notwendigen
Themen bearbeitet sowie ein Standpunkt gefunden, der die Basis für die
weitere Diskussion in der Zentralen Planungsgruppe darstellt. Die Zentrale Planungsgruppe
hat die Funktion, die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen zu beleuchten und Handlungsalternativen
gegeneinander abzuwägen. Auf der Grundlage dieser Überlegungen werden
notwendige Entscheidungen für die Projektumsetzung getroffen.
Abbildung 1: Das "Bioenergiedorf" will einen Beitrag für die Umsetzung nachhaltiger Lebensweisen am Beispiel der Strom- und Wärmeversorgung eines ganzen Dorfes leisten
Am 21.05.02 hat sich die "Bioenergiedorf Jühnde Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR)" als Vorgesellschaft für die Umsetzung des Projektes gegründet. In einer späteren Phase des Projektes soll die Vorgesellschaft in eine Betreibergesellschaft überführt werden, wahrscheinlich in der Rechtsform einer GmbH & Co. KG. Die Vorgesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die aktuell notwendigen Schritte für die Umstellung der Wärme- und Stromversorgung auf die Basis von Biomasse in die Wege zu leiten. Im differenziert ausgearbeiteten Gesellschaftsvertrag wurden folgende Aufgaben der GbR festgeschrieben: sie tritt nach außen als juristische Person auf, bringt die weiteren Planungsphasen voran, schließt Vorverträge mit den Wärmekunden und Lieferanten, stellt Anträge für die weitere Förderung des Projektes und bereitet den Gesellschaftsvertrag und die Gründungssitzung der Betreibergesellschaft vor.
Fazit
Der Ansatz der partizipativen Planung hat sich in Jühnde bewährt.
Durch die Initiierung unterschiedlicher Arbeitsformen konnten demokratisch legitimierte
Arbeits- und Kommunikationsstrukturen aufgebaut werden, die es dem interessierten
Teil der Dorfbevölkerung ermöglichte, sich am Planungsprozess zu beteiligen,
eigene Kompetenzen einzubringen und mit einem hohen Grad an Verbindlichkeit
alle wesentlichen Fragen des Projektes zu bearbeiten.
Die Jühnder haben die Projektidee der Universität aufgegriffen und
das Projekt zu ihrem eigenen gemacht. Dies drückt sich auch in der bisher
erreichten hohen Anschlussdichte aus: Gegenwärtig haben 63% der Haushalte
(dies entspricht 71% des Wärmebedarfs) einen rechtverbindlichen Vorvertrag
zum Anschluss an das Nahwärmenetz unterschrieben.
Literatur:
Selle, K. (1999): Kommunikation, Beteiligung und Kooperation im Rahmen der Lokalen
Agenda 21, In: Rösler, Cornelia (Hg.): Lokale Agenda 21 auf Erfolgskurs,
Berlin.
Selle, K. (o. J.): Was ist bloß mit der Planung
los? Erkundungen auf dem Weg zum kooperativen Handeln. Ein Werkbuch. Dortmunder
Beiträge zur Raumplanung 69, Institut für Raumplanung (IRPUD), Universität
Dortmund, Dortmund.
*) Dipl.-Sozialwirt Lars Degenhardt, Universität Göttingen, Deutschland, ldegenh@gwdg.de [^]