Nachhaltige Wasserwirtschaft
Thema
Seit
der "Rio Konferenz"¹ 1992 ist weltweit klar, dass eine lebenswerte
Zukunft der Menschen von der Erhaltung und dem Schutz der natürlichen Umwelt
abhängt.
Wasser in der Entwicklungszusammenarbeit
Zum ersten Mal war die Diskussion über umweltverträgliche Entwicklung
nicht auf einen kleinen Kreis von Experten und Regierungsmitgliedern beschränkt.
Im Gegenteil, die entscheidenden Impulse kamen aus der Mitte der Gesellschaft
und stellten sicher, dass der eingeleitete Prozess nicht mehr umkehrbar ist.
Auf dem Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung in Johannesburg im August 2002
bekräftigten 10 Jahre später 191 Staaten die Bedeutung der in Rio
entwickelten Agenda 21 und ihre Umsetzung auf lokaler Ebene.
Weltweit haben ca. 2 Mrd. Menschen derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Deshalb sind auch Ihre Möglichkeiten den Lebensstandard zu verbessern stark
eingeschränkt. Der Water Poverty Index 2 zeigt einen engen Zusammenhang zwischen
Bruttosozialprodukt und Verfügbarkeit von Wasser. Die Länder der Welt
am unteren Ende einer Skala, die Wasserverfügbarkeit, -verbrauch und Umwelteinflüsse
bewertet, sind auch gleichzeitig die ärmsten. Die Beziehung zwischen Armut
und Wasser ist äußerst komplex und wird von meteorologischen und
hydrologischen Gegebenheiten, die die Wasserverfügbarkeit limitieren, und
von vielen sozialen, ökonomischen und institutionellen Faktoren beeinflusst.
Wasser ist eine wertvolle Naturressource, die vorsichtig und verantwortungsvoll
behandelt und verwaltet werden muss.
Das Ziel betreffend Trinkwasserversorgung wurde bereits beim Milleniumgipfel
der Vereinten Nationen vom September 2000 und bei der Internationalen Konferenz
on Freshwater in Bonn 2001 klar definiert: Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der
Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, halbiert werden. Beim
Weltgipfel in Johannesburg 2002 wurde darüber hinaus das Ziel festgesetzt,
die Zahl der Menschen, die keine sanitäre Versorgung haben, bis 2015 zu
halbieren. Im so genannten CSD Prozess (Commission on Sustainable Development)
sollen in weiterer Folge die Fortschritte bezüglich der Erreichung dieser
Millenium Development Goals überprüft werden.
Weltweite Ziele
Aber auch diese weltweiten Ziele sollten bezüglich einer nachhaltigen
Entwicklung in den Partnerländern überprüft und ihre Wirkungen
hinterfragt werden. Grundsätzlich kann natürlich diesen Zielen nur
zugestimmt werden, und es ist eher bedrückend festzustellen, dass in einer
Welt, in der seit 10 Jahren die Globalisierung permanent und in allen Wirtschaftsbereichen
zur Diskussion steht, diese Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens für
den größten Teil der Weltbevölkerung in Konferenzen extra eingefordert
werden müssen (und im geplanten Zeitraum vermutlich bei weitem nicht erreicht
werden). Darüber hinaus ist aber auch zu befürchten, dass durch die
Reduktion der Zielsetzung auf zwei technische Parameter (die Anschlusszahlen
für Wasserversorgung und die für Abwasserentsorgung) die Maßnahmen
wiederum - so wie in der gescheiterten Wasserdekade 3 der 1980er-Jahre - nur in
den Ballungsräumen der Entwicklungsländer gesetzt werden. Zum einen,
weil natürlich in den Bereichen mit hoher Bevölkerungsdichte die spezifischen
Anschlusskosten wesentlich geringer sind als in den ländlichen Bereichen,
zum anderen weil in den Randzonen der großen Metropolen die Armut politisch
relevant ist.
Durch diesen technischen Ansatz, werden auch die inneren und äußeren
Widersprüche und Zielkonflikte der Siedlungswasserwirtschaft nicht erkannt
und behandelt. Betrachtet man die Grundziele der Wasserversorgung - Wasser für
alle in einer Region, Schutz der Wasserressourcen, Versorgungssicherheit bei
gleichzeitiger Wirtschaftlichkeit, so werden schon darin schwer lösbare
Widersprüche erkennbar.
Abbildung 1: Wasseraufbereitungsanlage in Kenia (Foto: H. Jung - ÖEZA)
Interessenswidersprüche
Die Interessenswidersprüche zwischen der Wassernutzung im Agrarbereich (insbesondere in der industriellen Landwirtschaft) und der Trinkwasserversorgung sind besonders gravierend. Die landwirtschaftliche Wasserversorgung, die ja in weiten Bereichen bis über 80% des regional vorhandenen Wassers verbraucht und die Ressourcen mit Agrochemikalien zusätzlich schwer belastet, hat eine sehr starke Lobby, was von der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung nicht gesagt werden kann. Der Konflikt spielt sich dabei unter sehr ungleichen Partnern ab: auf der einen Seite eine hoch organisierte, gewinn-orientierte industrielle Landwirtschaft, die auch mit dem internationalen Handel in Verbindung steht; auf der anderen Seite die öffentliche Wasserversorgung der Kommunen, die keinerlei Gewinn verspricht, aber für die Bewohner von existenzieller Bedeutung ist.
Abbildung 2: Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung hat keine starke Lobby im Gegensatz zur landwirtschaftlichen Wasserversorgung (Foto: H. Jung - ÖEZA)
Integrale Wasserwirtschaft
Ein anderer immanenter Konflikt liegt im regionalen Interessenswiderspruch
der Ressourcennutzung der großen Ballungsräume. Die Städte wachsen
extrem schnell und unkoordiniert, verbrauchen die natürlichen Ressourcen
des Umlandes und geben die Abfälle in flüssiger und fester Form an
die Region wieder zurück Sie zerstören so die für sie selber
notwendigen Lebensgrundlagen und die ihrer Unterlieger. Hier bedarf es einer
wirklichen Bewirtschaftung und eines systemischen Ansatzes, der nicht eindimensional
auf ökonomische Interessen konzentriert ist, damit das vielzitierte Wort
der "integralen Wasserwirtschaft" nicht zur leeren Hülse wird.
Stellt sich die Frage, warum sich in den letzten Jahren die Situation der Wasserversorgung
und Siedlungshygiene so wenig entwickelt bzw. so sehr verschlechtert hat. Nach
der Wasserdekade in den 1980er-Jahren war man sich bewusst, dass diese Leistungen
nicht nur ein technisches Problem darstellen. Alle - Regierungen, Verwaltungsapparate
auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene so wie die zivile Gesellschaft
- sind nicht nur zur Errichtung der Wasser-Infrastruktur sondern zu zahlreichen
darüber hinaus gehenden Maßnahmen aufgefordert: der Bedarf ist zu
definieren, der Betrieb langfristig zu erhalten; die Systeme sind an die sich
verändernden Notwendigkeiten anzupassen, das Dargebot zu kontrollieren
und zu schützen. Um das schneller und möglichst effizient und ökonomisch
zu erreichen, setzten die großen multilateralen und bilateralen Geldgeber
in den 1990er-Jahren auf die Privatwirtschaft und stoppte weitgehend die Förderung
der öffentlichen Hand in den Entwicklungsländern. Das Ergebnis dieser
Dekade ist ernüchternd und hat sogar in der Weltbank in den letzten zwei
Jahren zu einem vollkommenen Umdenken geführt mit der Erkenntnis, dass
zur Erreichung der von der UNO entwickelten Millenium Development Goals (MDG)
wesentlich mehr im öffentlichen Sektor investiert werden muss als bisher,
und der lokale private Sektor entwickelt werden muss anstelle der Firmen der
reichen Länder.
Österreichische Entwicklungszusammenarbeit
Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA), deren Grundsätze
für den Bereich Wasserversorgung und Siedlungshygiene in einer Wassersektorpolitik
festgelegt hat, ist grundsätzlich für die Einbindung des privaten
Marktes in alle Interventionen. Es stellt sich jedoch in der Wasserversorgung
und Siedlungshygiene - die als Daseinsvorsorge einen wesentlich höheren
Stellenwert als andere Versorgungsformen hat - die Frage, ob dafür überhaupt
ein Markt möglich ist, und wenn ja, für welche Komponenten. Die Gefahr
von Monopolbildungen und von stark überhöhten Gewinnerwartungen wird
auch in Europa bereits erkannt und ist in Entwicklungsländern noch wesentlich
größer, da die KonsumentInnen wegen der schwachen Institutionen und
der schlechten Integration der dezentralen Regionen weniger Möglichkeit
haben ihre Rechte einzufordern. Die Voraussetzungen und Möglichkeiten für
eine Entwicklung des Wassersektors müssen also in jedem einzelnen Fall
genau geprüft und geplant werden, wobei die Einbindung aller Beteiligten,
insbesondere der KonsumentInnen durch geeignete Organisationsformen und entsprechend
der lokalen Agenda 2000 zu beachten ist. Die Grenzen der Privatisierung sind
derzeit in vielen Fällen bereits erkennbar, da z.B. internationale Konzerne
nur mehr bereit sind in gewinnversprechende Versorgungssysteme großer
Städten zu investieren. Die österreichische EZA ist auf allen Ebenen
lokal, regional und national in den Partnerländern in diese Diskussion
eingebunden und fördert die Stärkung von eigenständigen und effizienten
kommunalen Versorgungsformen unter Einbindung des privaten Sektors.
In der internationalen Diskussion wird immer von Abwasserbeseitigung bzw. -reinigung
gesprochen. In weiten Regionen, insbesondere dort, wo die besonders arme Bevölkerung
betroffen ist, gibt es kein Abwasser im europäischen Sinn für eine
Kanalisation und seine so genannte Beseitigung (die außerdem unmöglich
ist!). Aber gerade in diesem Bereich, der bei den Millenium Development Goals
besonders angemerkt ist, müssen flächendeckend brauchbare siedlungshygienische
Konzepte (Eco-Sanitation strategies) entwickelt werden. Das braucht natürlich
viel Zeit und wenig Geld und ist in Europa nicht Stand der Technik. Beides ist
aus der ökonomischer Sicht der Geldgeber unangenehm und deshalb nicht sehr
beliebt.
Abbildung 3:
Die österreichische EZA fördert die
Stärkung von eigenständigen und effizienten kommunalen Versorgungsformen
UN Decade of Desaster Prevention
In der Wasserversorgung werden bei Geberländern besonders auch die Leistungen der Katastrophenvorsorge im Bereich der Wasserversorgung und Siedlungshygiene angemerkt. Dieser Punkt sollte noch wesentlich deutlicher herausgearbeitet werden, und zwar im Sinn der jetzt zu Ende gegangenen "UN Decade of Desaster Prevention". Gerade in Österreich ist da noch viel Bewusstseinsarbeit notwendig, da hierzulande noch am längst vergangenen Ansatz der Katastrophenhilfe festgehalten wird: D.h., man wartet bis irgendwo eine Katastrophe (ein Naturereignis das großen Schaden anrichtet) eintritt, fängt dann mit den Vorbereitungen eines meist unbrauchbaren, weil zu schwerfälligen Instrumentariums an, das Bundesheer wartet dann noch auf den Ministerratsbeschluss, und kommt letztendlich wesentlich zu spät (z.B. Flutkatastrophe Mosambik 2000). Diese Vorgangsweise ist nicht nur recht wenig effektiv, sondern im entwicklungspolitischen Sinn auch kontraproduktiv. Sie verhindert jede Eigenvorsorge und Selbstverantwortung der Regierungen der betroffenen Länder und fördert durch den massiven Geldstrom unter unkoordinierten Bedingungen die Korruption. Im Gegensatz dazu hat sich international herumgesprochen, dass Naturereignisse weitgehend vorhersehbar sind, dass eine regionale Katastrophen Vorsorge die Empfindlichkeit der Bevölkerung gegenüber diesen Ereignissen wesentlich vermindern so wie die Entwicklung einer Region stabilisieren kann und darüber hinaus wesentlich billiger kommt als externe Hilfestellung nach Katastrophen. Es ist allerdings viel plakativer Geld für spektakuläre Hilfsaktionen auszugeben, als für Katastrophen, die nicht stattfinden (Kofi Annan, 1999, bei der Abschlussrede zur UN Katastrophenvorsorge Dekade)4.
Anmerkungen
1) UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, 3.-14.6.1992 in Rio de Janeiro
2) DFID, Department for International Development, http://www.nwl.ac.uk/research/WPI/images/wpileafleta4.pdf
3) Die Wasserdekade wurde unter dem Motto "Wasser für alle" 1977
auf der UN-Konferenz in Mar del Plata ausgerufen.
4) Kofi Annan, 1999. "Secretary-General too Decade for Natural Disaster
Reducion", Press Release SG/SM/7060-199990706, http://www.reliefweb.int/w/rwb.nsf/0/c75deld76f597112c12567a70043744e?OpenDocument
Literatur:
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Wissenschaft & Umwelt Interdisziplinär
7", 2003
*) Dipl.-Ing. Helmut Jung ist Konsulent für den Wassersektor der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im außenministerium und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität für Bodenkultur, Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz, helmut.jung@boku.ac.at [^]