Nachhaltige Wasserwirtschaft
Erfahrungsberichte
Seit
gut 10 Jahren plant die AEE INTEC Pflanzenkläranlagen für umweltbewusste
Hausbesitzer ohne Kanalanschluss.
Demonstrations und Know-How-Transfer
EU - Projekte SWAMP und ZerO-M
Vor vier Jahren ist dieses Arbeitsgebiet auf verschiedene Techniken für eine nachhaltige Wasserwirtschaft ausgedehnt worden. Die AEE INTEC koordiniert derzeit zwei Projekte, die mit sich nachhaltiger Wasserwirtschaft beschäftigen: SWAMP und Zer0-M. Beide Projekte sollen allgemeine Grundsätze der Nachhaltigkeit auf spezielle Anwendungen im Umgang mit Wasser umlegen: Tourismusbetriebe in SWAMP, und vier Mittelmeerländer - Ägypten, Marokko, Tunesien und Türkei in Zer0-M.
Nachhaltige Wasserwirtschaft in Tourismusbetrieben
SWAMP, das Demonstrationsprojekt "Sustainable Water Management and Wastewater Purification in Tourism Facilities", im Programm Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung des 5. Rahmenprogramms der EU finanziert, ist hier schon einmal vorgestellt worden (erneuerbare energie 1-2002). Damals stand das Projekt an seinem Anfang. Kernidee des Projektes ist es, die Abwasserentsorgung für Tourismusbetriebe ohne Kanalanschluss dadurch zu optimieren, dass die Wasserversorgung mit in die Planung eingebunden wird. Daraus ergeben sich im Gegensatz zum klassischen Modell einer Wasserversorgung und einer danach folgenden Abwasserentsorgung einige neue Möglichkeiten:
Zudem ist es immer auch möglich, die im Abwasser enthaltenen Nähstoffe
wiederzuverwenden, auch wenn dies für die meisten Tourismusbetriebe kein
vorrangiges Anliegen ist. Die kombinierte Betrachtungsweise von Ver- und Entsorgung
soll Kosten sparen helfen. Dies konnte in einigen Beispielen auch erzielt werden
(siehe auch Tabelle 1 und 2).
Mittlerweile sind in 16 Pilotanlagen von neun Partnern in Österreich, Italien,
Deutschland, Lettland und Litauen nachhaltige und ressourcenschonende Wasserwirtschaftskonzepte
für Tourismusbetriebe erarbeitet und umgesetzt worden.
Vorgangsweise
Basis für den Entwurf war jeweils eine ausführliche Untersuchung des Betriebes:
Diese Untersuchung mündete in eine Planung, die im Haus bei den Sanitärinstallationen
und Wasserverbrauchern beginnt, eventuelle Vorteile einer getrennten Sammlung
und Ableitung berücksichtigt und die Reinigung auf die angestrebte Weiterverwendung
hin optimiert.
Teilweise waren die daraus resultierenden Vorschläge ganz klassisch, wenn
zum Beispiel für die Abwasserreinigung eine Pflanzenkläranlage geplant
wurde. Andere Vorschläge waren für die Bauherren eher ungewöhnlich,
weil sie nicht zum üblichen Aufgabengebiet der Planungsfirma für die
Abwasserentsorgung gehören, zum Beispiel, wenn es darum ging, Wasserhähne
gegen wassersparendere Armaturen auszutauschen, oder Urin getrennt zu sammeln
um ihn als Dünger zu verwerten.
Um solche Vorschläge zur Umsetzung zu bringen war es nötig, die Bauherrn
ausführlich zu informieren und alle Für und Wider klar zu diskutieren.
Besichtigungen von vorhandenen Anlagen oder Einrichtungen dieser Art können
hilfreich sein. Dies war aber nicht immer möglich, da einige der vorgeschlagenen
Maßnahmen in vertretbarer Entfernung noch nie umgesetzt worden waren.
Dies sollte sich mit zunehmenden Beispielen bessern. Manchmal waren auch ungewöhnliche
Maßnahmen notwendig. So versprach das Projekt bei einer Anlage, ein versuchsweise
montiertes wasserloses Urinal gegen ein normales auszutauschen, falls es nicht
entspricht. Zum Teil hat auch der Zufall überzeugend gewirkt. So war das
erste Projektjahr in Österreich ungewöhnlich trocken. Dies hat die
Bauherren in ihrer Entscheidung für die vielleicht ungewohnten Wassersparmaßnahmen
unterstützt.
Systeme
Es wurden ganz unterschiedliche Lösungen umgesetzt. Das Kernstück der Abwasserreinigung war allerdings immer eine Pflanzenkläranlage (siehe Bild am Anfang und Abbildung 1), da sich diese für dezentrale Anlagen als besonders geeignet erwiesen hat. Im Folgenden sind einige Beispiele kurz dargestellt.
Abbildung 1: Pflanzenkläranlage von Gästehauses und Winzerei Baggiolino, Toskana (IRIDRA srl).
Auf der Burg Lenzen, Brandenburg, sollte ein Schulungs- und Tagungszentrum
des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) an der Elbe entstehen.
Die Burg hat zwar einen Kanalanschluss, der BUND war aber aus Überzeugung
bereit, das Abwasser möglichst nachhaltig zu entsorgen und mit Trinkwasser
sparsam umzugehen.
Es wurde deshalb ein Vakuumabwassersystem installiert. Während ein Spülvorgang
bei einer normalen Toilette 6 bis 9 l Wasser benötigt, kommt eine Vakuumtoilette
mit 1 l aus (siehe Abbildung 2).
Aus dem ganzen Gebäude wird das Abwasser aus Toiletten und Waschanlagen
in einen zentralen Vakuumtank gesaugt und von dort in den Kanal geleitet. Für
große Gebäude hat so ein System den zusätzlichen Vorteil, dass
bei der Verlegung der Entsorgungsleitungen nicht auf das Gefälle geachtet
werden muss.
In den Pissoirs wurden wasserlose Urinale installiert, die ganz ohne Spülung
auskommen (siehe Abbildung 3). Als
Ersatz für den wassergefüllten Siphon haben sie eine Geruchssperre
aus Öl. Die Oberfläche der Innenwand ist so beschaffen, dass Urin
besonders gut abperlt, wodurch die Spülung sich erübrigt.
Abbildung 2: Vakuumtoilette in Burg Lenzen, in der Maueröffnung die Spüleinheit
Abbildung 3: Wasserlose Urinale beim Einbau in Burg Lenzen
Die Pilotanlagen der AEE INTEC sind der Gasthof Karawankenblick am Ossiachersee
und Gasthof und Behindertenheim Fischerhof im Gurktal. Obwohl beide Betriebe
sich aus einer eigenen Quelle mit Wasser versorgen, waren sie bereit, Wassersparmaßnahmen
umzusetzen. Im Karawankenblick wurden die Pissoirs mit infrarot gesteuerten
Ventilen nachgerüstet und damit die Dauerspülung abgestellt. Duschköpfe
und Wasserhähne in den Zimmern würden durch komfortable und doch effiziente
Geräte ersetzt. Zusätzlich wurde der vorhandene Geschirrspüler,
ein älteres Modell, gegen einen Neuen ausgetauscht.
Im Fischerhof wurde das Behindertenheim gleichzeitig mit dem Start von SWAMP
völlig saniert. Dort konnte schon bei der Planung an möglichst sparsame
Armaturen und Sanitäreinrichtungen, die allerdings behindertengerecht sein
mussten, gedacht werden. Es wurden automatische Wasserhähne mit Infrarotschalter,
Mengen- und Höchsttemperaturbegrenzung eingebaut. Die Spülkästen
und Duschköpfe sind besonders wassersparend. Eine getrennte Grauwasserreinigung
und Wiederverwendung des gereinigten Ablaufs konnte leider nicht umgesetzt werden.
Allerdings wurde ein getrennter Grauwasserstrang zu Messzwecken eingerichtet.
Die Waschmaschinen, die in dem Heim sehr viel in Betrieb sein müssen und
große Wasserverbraucher sind, wurden erneuert und dabei auf möglichst
wasser- und energieeffiziente Geräte geachtet.
Wasser, das nicht verbraucht wird, muss auch nicht gereinigt werden. Somit kann
bei reduziertem Wasserverbrauch auch die Abwasserreinigung kleiner gehalten
werden. Es wurde also nicht nur Wasser gespart, sondern auch Geld, obwohl an
und für sich ausreichend Trinkwasser umsonst zur Verfügung stand.
Dies ist für den neuen Geschirrspüler im Karawankenblick in den Tabellen
1 und 2 nachgerechnet. Dabei wird die Umwelt auch noch geschont, denn das eingesparte
Wasser steht weiter als unverdorbener natürlicher Abfluss zur Verfügung.
| Charakteristische Daten |
Einheit
|
Gerät
|
|
|
alt
|
neu
|
||
| Verbrauch pro Spülgang |
Liter
|
25
|
3
|
| Spülgänge pro Tag *) |
Stk.
|
25
|
25
|
| Gesamtverbrauch |
Liter/d
|
625
|
75
|
| Einwohner (EW) hydraulisch | Liter |
150
|
150
|
| Anzahl EW hydraulisch durch Spülmaschine |
EW
|
4,17
|
0,50
|
*) Es wurden 100 Essen à 4 Stück Geschirr angesetzt. Dies erscheint konservativ, da der Gasthof 25 Betten hat und bei schönem Wetter Tagesgäste dazukommen (Restaurant mit 60 Plätzen plus Terrasse)
Tabelle 1: Vergleich eines alten und eines neuen Geschirrspüler für den Gasthof Karawankenblick am Ossiachersee
| Kläranlagen mit bepflanztem Bodenfilter | Einheit | Anzahl | Einheitspreis | Gesamt |
| Errichtungskosten für Anlage 30 EGW | EGW | 30 | 1.300,00 | |
| Kostenersparnis durch neuen Geschirrspüler bei der Abwasserreinigung |
EGW | 3,70 | 1.300,00 | 4.810,00 |
| Kosten des Geschirrspülers | € 2.164,83 | |||
| Gesamtkostenersparnis | € 2.645,17 |
*) Ein Einwohnergleichwert ist die Verschmutzung (gemessen in Kohlenstoff,
Stickstoff und Phosphor), die ein Einwohner an einem Tag produziert.
Tabelle 2: Vergleich größere Pflanzenkläranlage (jetzt 32 EGW*) oder neuer Geschirrspüler (Beträge in Euro ohne MwSt.)
Ergebnisse
Die Lösungen werden kontinuierlich beobachtet um daraus für die Zukunft
neue Schlüsse zu ziehen. Als Ergebnis des Projektes sind neben den konkreten
Anlagen derzeit ein Handbuch für die Planung von nachhaltigen Wasserwirtschaftskonzepten
für Tourismusbetriebe und ein Katalog von besonders geeigneten Produkten
und Geräten in Arbeit.
Längerfristig wäre zu wünschen, dass für Wassereffizienz
ein ähnliches Auszeichnungssystem wie für Energieeffizienz eingeführt
wird. Weiters sollten Tarifsysteme und Betreibermodelle überlegt ausgearbeitet
und eingeführt werden, die nachhaltige Wasserwirtschaftssysteme begünstigen,
statt sie zu erschweren. Speziell in Österreich gälte es auch, die
Förderung so umzustellen, dass Maßnahmen im Gebäude in das Gesamtver-
und -entsorgungskonzept eingerechnet und förderbar würden, dafür
aber, so wie bei der Energieförderung zum Teil schon praktiziert, eine
Bindung an die Umweltfreundlichkeit und den schonenden Umgang mit der Ressource
Wasser eingeführt würde.
EU-Projekt "Zer0-M"
Seit September 2003 koordiniert die AEE INTEC ein weiteres EU-Projekt: "Sustainable Concepts Towards a Zero Outflow Municipality (Zer0-M)", diesmal im Rahmen der Euro-Mediterranen Partnerschaft im Regionalprogramm für lokale Wasserwirtschaft. Das Projekt wir vier Jahre dauern. Innerhalb dieser vier Jahre sollen für vier Mittelmeerländer außerhalb der EU, Ägypten, Marokko, Tunesien und Türkei Konzepte für eine nachhaltige Wasserwirtschaft im ländlichen Raum und im Stadtrandbereich entwickelt und verbreitet werden. Der Wunsch in diesen Ländern nach einer möglichst umsichtigen Verwendung der Wasserschätze ist schon angesichts der derzeitigen Lage und noch viel mehr mit Blick auf die Zukunftsprognosen verständlich (siehe dazu zum Beispiel "Vital Water Graphics" von UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen unter http://www.unep.org/vitalwater/21.htm). In jedem Land hat das Projekt als Partner eine wichtige Forschungseinrichtung oder Universität. Die Partner aus der EU sind ebenfalls in Forschung und Lehre tätig und kommen aus Deutschland, Griechenland, Italien und Österreich.
Projektidee
Die Idee von Zer0-M (Zero-Outflow Municipality) ist eine Gemeinde ohne ungenutzten
Abwasserabfluss. Das heißt, es soll schon beim Wasserverbrauch gespart
werden. Es soll bedacht werden, inwieweit für eine Anwendung Frischwasser
nötig ist, oder gereinigtes Brauchwasser, Regenwasser oder Wasser einer
anderen Quelle verwendet werden kann. Alles Wasser soll entsprechend seiner
Verschmutzung und geplanten Wiederverwendung behandelt werden. Soweit möglich
sind alle Inhaltsstoffe im Abwasser, Wasser und Nährstoffe, wieder- bzw.
mindestens weiterzuverwenden. Eine sogenannte Entsorgung soll nach Möglichkeit
vermieden werden. Damit ist Zer0-M die logische Fortführung von SWAMP in
einem anderen Anwendungsgebiet.
Die Herausforderung daran ist erstens, die Maßnahmen technisch den Gegebenheiten
in den einzelnen Ländern anzupassen. Diese Herausforderung darf nicht unterschätzt
werden, da zumal in der ärmeren Bevölkerung, die sich das Projekt
zum Ziel gesetzt hat, die Rahmenbedingungen ganz anders sind als bei uns. Die
Lösungen, die im europäischen Tourismus gut waren, sind oft viel zu
teuer, oder auch technisch gar nicht möglich (siehe zum Vergleich Abbildung
4). Hier über Thermostatmischer nachzudenken, ist unnötig, woraus
sich auch automatisch ableitet, dass die Wassereffizienz bei Geschirrspülern
keine hohe Priorität hat.
Abbildung 4: Badezimmer in einem ägyptischen Haushalt
Soziale Rahmenbedingungen
Neben den technischen müssen die sozialen Rahmenbedingungen berücksichtigt
werden, ja sie sind fast noch wichtiger. Neue technische Sanitärlösungen
lassen sich relativ leicht entwerfen, ihnen aber zur Anwendung zu verhelfen
ist in allen Ländern sehr schwierig. Sanitärgewohnheiten gehören
zu den am stärksten verankerten Gewohnheiten, sind sehr schwer zu besprechen
und sind auch mit mehr oder minder berechtigten Sorgen über Gesundheitsrisiken
verbunden. Selbst die Frage: "wie Duschen Sie?" klingt äußerst
indiskret und wird sicher nur zögernd und ausweichend beantwortet. Irgendwie
wird Waschen und Sauberkeit immer mit Gesundheit verbunden, sodass Änderungen
der Hygienegewohnheiten leicht auch als Angriff auf die Gesundheit gesehen werden.
Daher gilt es Widerstände von vielen Seiten zu überwinden, von den
Betroffenen selber, von Abwasser- und Gesundheitsbehörden, von der Industrie,
die sich umstellen müsste, und nicht zuletzt vom Wasserversorger, dessen
Verkaufszahlen sinken, wenn das Wassersparen Schule macht.
Deshalb ist der erste Schritt die Suche nach bestehenden Beispielen, die in
der Diskussion als Referenz dienen können. Das Projekt zur Einführung
von Trockentoiletten der staatlichen schwedischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit
(SIDA) (siehe Abbildung 5) ist ein
sehr willkommenes Beispiel.
Abbildung 5: Badezimmer mit urinseparierender Trockentoilette in Hebron, Palästina (aus Uno Windblad, Ecological Sanitation Pilot Project in Palestine - a project appraisal, SIDA 2002)
Zer0-M soll nachhaltiges Wassermanagement durch Wissenstransfer, Entwicklung
von angepassten Systemen, Einrichtung von Pilotanlagen und Öffentlichkeitsarbeit
im Stadtrandbereich und im ländlichen Raum der vier Partnerländer
im südlichen Mittelmeer einführen und zu einer möglichst breiten
Anwendung beitragen.
Die Projektaktivitäten sind so ausgerichtet, dass alle Beteiligten erreicht
werden. Zer0-M gliedert sich in mehrere Aufgabenbereiche, die für unterschiedliche
Zielgruppen den Zer0-M oder Ecosan-Ansatz aufbereiten. Folgende Tätigkeiten
sind geplant, bzw. wurden im ersten Halbjahr gestartet:
Ziel dieser breiten Palette von Maßnahmen ist es, in den Mittelmeerländern eine breite Diskussion über nachhaltige Wasserwirtschaft anzuregen, erste Beispiele dafür zeigen zu können und die neuen Ansätze auf allen Ebenen der Umsetzung, von den Nutzern über den Handel und die Bauwirtschaft bis zu den Wasserbehörden bekannt und annehmbar zu machen.
*) Dipl.-Ing. Martin Regelsberger ist Leiter der Abteilung Nachhaltige Wasserwirtschaft bei der AEE INTEC, m.regelsberger@aee.at, www.swamp-eu.org, www.zer0-m.org [^]