Nachhaltige Wasserwirtschaft
Erfahrungsberichte
Gewerbe
und Industrieunternehmen stellen sich zunehmend den umweltpolitischen Anforderungen.
Die Beweggründe hierbei sind vielschichtig.
Regenwassernutzung: Sparpotenzial im Unternehmen
Von Martin Bullermann und Dietmar Sperfeld*
Neben der Kostenreduzierung für das Unternehmen spielen Öko-labels,
der Imagegewinn für das Unternehmen und veränderte rechtliche Rahmenbedingungen
für den Umgang mit Wasser eine Rolle.
Die Hersteller von Wasserspartechnik, Anlagen zur Regenwassernutzung und Regenwasserversickerung
haben auf diese Vorgaben reagiert und stellen eine Vielzahl von Anlagenkomponenten
und Produkten bereit. Zählt die Regenwassernutzung in Ein- und Zweifamilienhäusern
in Deutschland bereits seit Jahren zum Stand der modernen Haustechnik, so ist
eine zunehmende Nachfrage auch in Gewerbe- und Industriebetrieben zu verzeichnen.
Zahlreiche realisierte Beispiele in unterschiedlichen Branchen zeigen den bisher
erreichten technischen Entwicklungsstand und fördern den Bekanntheitsgrad
dieser Technologie.
Gründe für die Verbreitung der Regenwassernutzung sind neben dem Umweltbewusstsein
vor allem ständig steigende Kosten für den Bezug von Trinkwasser sowie
für die Behandlung und Abführung von Abwasser bzw. Regenwasser. Durchschnittlich
sind die Gebühren für Trink- und Abwasser in Deutschland im Zeitraum
von 1987 bis 1998 jährlich um acht Prozent gestiegen, d.h. die Beiträge
haben sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt. Es ist zu erwarten, dass sich
die Kostensteigerungen mehr oder minder in der Zukunft fortsetzen werden.
Gleichzeitig sind die Anforderungen zum Schutz des Trinkwassers und Umgang mit
Schmutz- und Regen-wasser verschärft worden. In den letzen Jahren hat ein
Wandel in der Entwässerungspraxis stattgefunden. Das ausschließliche
Prinzip der schnellen und vollständigen Ableitung des Niederschlagswassers
ist heute nicht mehr gültig. Mittlerweile wird vielerorts von den Ländern
und Kommunen die Bewirtschaftung des Niederschlags und separate Schmutzwasserableitung
gefordert. Dadurch gewinnen dezentrale Regenwasserbewirtschaftungskonzepte mit
den Bausteinen Regenwassernutzung, -versickerung, -rückhaltung und Dachbegrünung
zunehmend an Bedeutung.
Sanitärtechnik
In fast allen Unternehmen lassen sich einfache Wassersparmaßnahmen mit wenig Aufwand und geringen Kosten realisieren. Sparpotenziale im sanitären Bereich sind auch in gewerblichen und industriellen Unter-nehmen fast immer zu realisieren. Durch den Einbau von Wasserspararmaturen und Durchflussbegrenzern sowie eine Modernisierung oder Umrüstung der Sanitärtechnik (Toilettenspülungen und Urinale) können rund 30 Prozent des Wasserverbrauchs in diesem Bereich eingespart werden.
Regenwassernutzung
Darüber hinausgehende Einsparpotenziale sind nur durch die Substitution
von Trinkwasser zu erschließen. Die erreichbaren Einsparpotenziale können
dann jedoch wesentlich höher sein als z.B. in privaten Hauhalten.
Überall dort wo keine Trinkwasserqualität erforderlich ist, kann beispielsweise
Regenwasser eingesetzt oder in bestimmten Produktionsprozessen ergänzt
werden. Wichtige Randbedingungen für die erfolgreiche und wirtschaftliche
Substitution von Trinkwasser durch Regenwasser sind relevante verfügbare
Dachflächen und ein regelmäßiger Betriebswasserbedarf möglichst
über das ganze Jahr verteilt.
Anwendungsbereiche, für die keine hohen Anforderungen an die Wasserqualität
gestellt werden, sind z.B. Waschanlagen für Kraftfahrzeuge oder Schienenfahrzeuge,
Anlagen zur Bewässerung für Sport- und Frei-zeitanlagen sowie Bewässerungsanlagen
in Gärtnereien. Weitere Anwendungsmöglichkeiten finden sich in Produktionsbereichen
von Industrieunternehmen.
Mehrfachnutzung von Wasser
Zusätzliche Möglichkeiten zur Wassereinsparung bietet die Mehrfachnutzung
von Wasser. Die Motivation zur Reduzierung von Systemen zur Kreislaufführung
resultiert aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen sowie aus den gestiegenen
abwasserrechtlichen Anforderungen bei der Einleitung von Ab-wässern in
die öffentliche Kanalisation oder Fließgewässer. So ist es in
vielen Fällen von Vorteil leicht verschmutztes Abwasser aufzubereiten und
wieder in Produktionsprozesse einzubringen, in denen keine Trinkwasserqualität
erforderlich ist. Wasserverluste werden dann oftmals durch Regenwasser ergänzt.
Vorteil der Mehrfachnutzung ist sowohl die Einsparung von Trink- als auch von
Abwassergebühren.
Konkrete Anwendungsbereiche sind produktionsspezifisch im Unternehmen zu prüfen.
Beispiele für derartige Anwendungsbereiche sind Betriebe mit einem hohen
Bedarf an Wasch- oder Spülwasser.
Grauwasserrecycling
Grauwasser ist der Abfluss von Bade- und Duschwasser ggf. auch das Wasser von Waschtischen und Waschmaschinen, das aufbereitet als Betriebswasser zur Toilettenspülung, zur Bewässerung und für Reinigungszwecke genutzt werden kann. Typische Einrichtungen für die Grauwassernutzung sind Hotels, Sportanlagen, Wohn- und Altenheime, in denen relativ große Grauwassermengen mit hoher Regelmäßigkeit anfallen.
Technisches Regelwerk
Seit 1997 wird im Deutschen Institut für Normung e.V. (DIN) eine Industrienorm
für Regenwassernutzungsanlagen im häuslichen, gewerblichen und industriellen
Bereich erarbeitet. Die DIN 1989 definiert die bisherigen Anwendungstechniken,
die sich in der Praxis aufgrund verschiedener Fachpublikationen und Merkblätter
bewährt haben.
Die Norm wird in vier Teilen erscheinen. Teil 1 "Planung, Ausführung,
Betrieb und Wartung" ist als übergreifende Norm für die Konzeption
und Planung von Anlagen ausgelegt, während die Teile 2, 3 und 4 vorrangig
als Produktnorm für die Herstellung und Qualitätssicherung von Komponenten
wie Filter, Speicher und Steuerungsanlagen dienen. Der Teil 1 der Norm ist seit
April 2002 beim Beuth-Verlag Berlin erhältlich. Der Teil 3 "Regenwasserspeicher"
liegt seit September 2003 vor und kann beim Beuth-Verlag bestellt werden. Die
Teile 2 und 4 werden zur Zeit in den zuständigen Arbeitsgremien im Normenausschuss
Wasserwesen im DIN bearbeitet. Auch z. B. in Österreich, der Schweiz und
Dänemark orientierten sich Hersteller und Behörden zunehmend an der
in Deutschland aufgestellten Regenwassernorm.
Anlagentechnik Regenwassernutzung
Regenwassernutzungsanlagen in Gewerbe und Industrie werden mittlerweile in
fast allen Branchen einge-setzt. Großanlagen unterscheiden sich nicht
nur durch die Dimensionierung von Anlagen für Privathaushalte sondern erfordern
je nach Anwendungsbereich ggf. produktionsspezifische Anlagentechnik zur Aufbereitung
des Wassers. Vielfach werden die Wasserspeicher der Regenwassernutzungsanlagen
gleichzeitig zur Löschwasserbevorratung vorgesehen. Die unterschiedlichen
Anforderungen einzelner Anlagen erfordern somit eine sorgfältige Auslegung
eines Fachplaners, wobei die richtige Dimensionierung wesentlich für den
wirtschaftlichen Erfolg steht. Die Hersteller haben sich den Anforderungen der
Betreiber nach einem hohen technischen Standart, und einem Höchstmaß
an Betriebssicherheit gestellt.
Bei den Produkten sind modulare, montagefertige Bausysteme Stand der Technik.
Großanlagen können im Baukastensystem mit vorgefertigten Speichern
oder Fertigteilbehältern in kurzer Zeit geliefert werden. Durch die Modulbauweise
werden die Montagezeiten für die Filter, Druckerhöhungsanlagen und
Steuerungen erheblich verkürzt. Der Einbau des Leitungssystems zu den Verbrauchern
gehört zum Standardrepertoire der technischen Gebäudeausrüstung.
Moderne Filtersysteme mit geringem Wartungsaufwand werden zwischen Zu- und Ab-lauf
in die Anlagen eingebaut. Mittlerweile sind selbstreinigende Filtersysteme mit
automatischer Rückspülung verfügbar. Die Speicherung des Regenwassers
erfolgt in Behältern, die je nach Dimensionierung der Anlage entweder in
kleineren Einheiten gekoppelt oder als Großspeicher ein-gebaut werden.
Die Verbindung von kleineren Einheiten hat dort seine Grenzen, wo durch Aushub
"zwischen den Speichern" die Baukosten in die Höhe schnellen.
Die Druckerhöhungsanlagen werden vielfach in Hybridbauweise vorgesehen,
d.h. das Wasser wird aus einem großen Vorratsspeicher in einen kleineren
Vorlagespeicher gefördert. In der Praxis ergeben sich dadurch Vorteile
für die Auslegung der Druckerhöhungsanlagen sowie ein Höchstmaß
an Versorgungs-sicherheit bei geringem Planungsaufwand (siehe Fallbeispiel 1,
Volksschule Pirka).
Im Rahmen der Überwachung und Wartung, wie es von Industrie-anlagen erwartet
wird, besteht auch bei den Regenwassernutzungsanlagen die Möglichkeit der
kabellosen Ferndatenübertragung.
Nachfolgend ist eine Übersicht verschiedener Regenwassernutzungsanlagen
exemplarisch im Überblick dargestellt. Die wesentlichsten Projektdaten
sind in Tabelle 1 angeführt. Eine ausführlichere Dokumentation von
Regenwassernutzungsanlagen in unterschied-lichen Branchen ist in der fbr-Schriftenreihe
Band 6 "Projektbeispiele zur Betriebs- und Regenwasser-nutzung - Öffentliche
und Gewerbliche Anlagen" zusammengestellt.
Abbildung 1: Regenwassernutzung in der Volksschule in Pirka bei Graz
Bürogebäude, Schulen und Kindergärten benötigen für
die Sanitärnutzung und oftmals nur Freiflächen-bewässerung erhebliche
Mengen an Wasser. Bei ausreichenden Dachflächen, dies ist in der Regel
der Fall, kann Niederschlagswasser für diese Anwendungen genutzt werden.
Im vorliegenden Beispiel der Volksschule Pirka wird das Regenwasser in zwei
15-Kubikmeter-Speichern aufgefangen (siehe Abbildung 1). Hierbei handelt es
sich um zwei Betonspeicher, die miteinander verbunden sind. 25 Toiletten und
10 Urinale werden mit dem Betriebswasser versorgt. Zusätzlich werden der
Garten und die Sportanlage der Schule mit Bewässerungswasser versorgt.
| Fallbeispiel 1 | Fallbeispiel 2 | Fallbeispiel 3 | |
| Volksschule Pirka | Fahrzeugwaschanlage | Metallveredlungsbetrieb | |
| Standort | Pirka bei Graz, A | Ludwigshafen, Hauptstr. 320, D | Pohlheim, Siemensstr. 12, D |
| Regenwassersammelfläche | ca. 1.000 m² | ca. 6.300 m² | ca. 3.300 m² |
| Speichergröße | 2 x 15 m³ Betonaußenspeicher | 600 m³ Ortbeton davon 400 m³ Löschwasserreserve |
80 m³ Stahlbehälter vor Ort geschweißt |
| Beschreibung | Hybrid-System IRM A-Class 500 mit Doppelpumpenanlage mit Fernüberwachung | Zweistufiger Filter im Zulauf zum Speicher | Jährliche Wassermenge von rund 550 Kubikmetern als Betriebswasser nutzbar |
| Anwendung | Sanitärbereich Betrieb v. 25 WC´s und 10 Urinalen sowie die Bewässerung der Garten- und Sportanlage | Fahrzeugwäsche und Löschwasserbevorratung | Reinigung on Metallteilen, Sanitärbereich Betrieb von Toiletten und Urinalen |
| Bauherr | Gemeinde Pirka | Verkehrbetriebe Ludwigshafen GmbH | Engel Pulverbeschichtungsbetrieb GmbH |
Tabelle 1: Wichtige Projektdaten zu den Fallbeispielen zur Regenwassernutzung
Fallbeispiel 2:
Fahrzeugwaschanlage der Verkehrsbetriebe Ludwigshafen
Die Nutzung von Regenwasser für Fahrzeugwaschanlagen, sowohl für
KFZ als auch für schienengebundene Fahrzeuge, ist eine der weitverbreitetsten
Anwendungen im Bereich der Regenwassernutzung. Große Dach-flächen
der Fahrzeughallen sowie ein hoher Bedarf an Waschwasser sind daher ideale Voraussetzungen
zur Einsparung von Trinkwasser durch die Regenwassernutzung.
Bereits seit vier Jahren nutzen die "Verkehrsbetriebe Ludwigshafen GmbH"
Betriebswasser für die Reinigung von Bussen und Straßenbahnen. Gleichzeitig
wird der 600 Kubikmeter fassende große Regenwasser-speicher aus Ortbeton
zur Löschwasserversorgung genutzt. 200 Kubikmeter Betriebswasser stehen
für die Fahrzeugwäsche zur Verfügung, der Rest dient gemäß
den Auflagen der Feuerwehr als Löschwasser.
Das Beispiel zeigt, dass vielfach verschiedene Faktoren mit der Betriebswassernutzung
sinnvoll verbunden werden können.
Fallbeispiel 3:
Metallveredlungsbetrieb in Pohlheim
Im vorliegenden Beispiel wird Betriebswasser für die Reinigung von Metallteilen vor deren Beschichtung verwendet. Bei einem Betriebswasserverbrauch von rund 3,5 Kubikmetern am Tag ist dort ein erheblicher Bedarf vorhanden. Durch den Einbau einer Regenwassernutzungsanlage bei einer Dachfläche von 1.300 Quadratmetern und einem Speichervolumen von 80 Kubikmetern kann eine jährliche Wassermenge von rund 550 Kubikmetern als Betriebswasser genutzt werden.
Literatur
fbr (Hrsg.) Projektbeispiele zur Betriebs- und Regenwassernutzung - Öffentliche
und Gewerbliche Anlagen fbr Band 6, Darmstadt 2003
fbr (Hrsg.) Grauwasser-Recycling, fbr Band 5, Darmstadt 1999
fbr (Hrsg.) Innovation Betriebs- und Regenwassernutzung, fbr Band 3, Darmstadt
1998
fbr (Hrsg.) fbr-top 4: Wasser zweimal nutzen: Grauwasser Recycling, Darmstadt
2001
fbr (Hrsg.) fbr-top 8: Betriebs- und Regenwassernutzung für kleine und
mittelständische Betriebe: wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll
!, Darmstadt 2002
fbr (Hrsg.) fbr Hinweisblatt H 201, Grauwasser-Recycling-Anlagen für Haushalte
und für den öffentlichen / gewerblichen Bereich, Entwurf 2004
Hessisches Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Forsten (Hrsg.),
Wasser im Gewerbe, Wiesbaden 2003
DIN 1989-1 Regenwassernutzungslangen - Planung, Ausführung, Betrieb und
Wartung; Beuth-Verlag, Berlin 2002
*) Dipl.- Ing. Martin Bullermann ist 1. Vorsitzender und Dipl.- Geograph Dietmar Sperfeld ist Fachreferat der Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung e. V (fbr) in Darmstadt, Deutschland, info@fbr.de, www.fbr.de [^]