Nachhaltige Energieversorgung - Neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit
Energiepolitik
Energie bildet die Grundlage jeglicher menschlichen Tätigkeit, und der
Zugang zu modernen Energiedienstleistungen ist eine Grundvoraussetzung für
soziale und wirtschaftliche Entwicklung. In unserer heutigen Welt sind jedoch
die Energiezugangsmöglichkeiten nicht gleich und gerecht verteilt.
EU- Energieinitiative für Entwicklungsländer *
Während die OECD-Länder, auf die 70% des Weltenergieverbrauchs entfallen,
inzwischen für Energiekrisen weniger anfällig sind, werden die Entwicklungsländer
immer verletzbarer. Sie sind im Allgemeinen stärker von Erdöleinfuhren
abhängig und benötigen doppelt soviel Erdöl für eine Einheit
Wirtschaftleistung. Energiepreisschwankungen wirken sich in diesen Ländern
stärker auf die Wirtschaft aus. Der Zugang zu modernen Energiedienstleistungen
ist meistens auf städtische Ballungsgebiete und Industriezentren begrenzt.
Ein begrenzter Zugang zu hochwertigen, zuverlässigen Energiedienstleistungen
ist ein beträchtliches Hindernis für die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung. Luftverschmutzung durch traditionelle Energiequellen und schlechte
Normen moderner Energieinstallationen beeinflussen besonders die Gesundheit
armer Bevölkerungsgruppen.
Im Bewusstsein der Bedeutung eines besseren Energiezugangs für die Armen
lancierte die EU auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung die EU-Initiative
"Armutsminderung und nachhaltige Entwicklung durch Energie" (EU-Energieinitiative).
Die Initiative zielt darauf ab, durch die Bereitstellung angemessener, erschwinglicher
und nachhaltiger Energiedienstleistungen für die Armen zur Verwirklichung
der Millenniums-Entwicklungsziele beizutragen. Entscheidend für den Erfolg
dieser Initiative ist die Mitwirkung der Begünstigten.
Energie und Armut
Heute haben weltweit fast zwei Milliarden Menschen - überwiegend in Entwicklungsländern
- keinen Zugang zu modernen Energiedienstleistungen. Ein besonders dramatisches
Beispiel für diese Ungleichheit ist Subsahara-Afrika, wo über 80%
der Bevölkerung nur begrenzten Zugang zu modernen Energieformen haben.
Die soziale und wirtschaftliche Entwicklung armer Bevölkerungsgruppen wird
durch die langfristig nicht tragbare Verwendung von Holz und anderer Biomasse
zur Energiegewinnung und den schwierigen Zugang zu anderen Energieformen wie
Strom und flüssigen Kraft- und Brennstoffen gebremst.
Der Zugang zu angemessenen, erschwinglichen und nachhaltigen Energiedienstleistungen
ist eine Voraussetzung für die Verwirklichung der meisten Entwicklungsziele,
z.B. in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Licht, Heizung, Verkehr, Landwirtschaft,
Industrieproduktion und moderne Kommunikationsmittel. Dieser Zusammenhang wurde
vom Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung im Durchführungsplan von
Johannesburg bestätigt.
Zugang zu Energie
Die Gewährleistung des Zugangs zu Energiedienstleistungen ist eine Herausforderung, deren Bewältigung nicht den Marktkräften allein überlassen werden darf. Hier ist konzertiertes Handeln des öffentlichen Sektors erforderlich. Außerdem sind viele Akteure beteiligt, von den in Armut lebenden Gemeinschaften über Behörden auf lokaler und nationaler Ebene bis zu transnationalen Gesellschaften. Die Energiequellen sowie die technologischen Optionen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Ein Patentrezept für die Bereitstellung von Energiedienstleistungen gibt es nicht.
Energiefinanzierung
Fast die Hälfte der weltweit bis 2030 zur Verbesserung und Erneuerung der Versorgungskapazität benötigten Investitionen entfallen auf die Entwicklungsländer. Mehr als je zuvor muss das für den Energiesektor benötigte Kapital von privaten und ausländischen Investoren aufgebracht werden. Das Investitionsrisiko gilt als extrem hoch, vor allem bei Investitionen, die den Energiezugang armer Verbraucher verbessern sollen. Öffentliche Mittel und Mittel der offiziellen Entwicklungshilfe müssen in innovativer Weise eingesetzt werden, um Katalysatorwirkung zu entfalten und den Zufluss ausreichender Investitionen in diesen Sektor zu fördern.
Hintergrund des EU-Konzepts
Es ist Zeit, dass in der Entwicklungshilfe die Bedeutung der Energie für
die Armutsbekämpfung stärker berücksichtigt wird. Der Weltgipfel
für nachhaltige Entwicklung hat zwar viel erreicht und bewirkt, dass der
Energieaspekt in der internationalen Entwicklungsdebatte wieder thematisiert
wird, doch in der Praxis wurde dem Energiebedarf nicht genügend Aufmerksamkeit
geschenkt. Die Mittelzuweisungen für den Energiesektor sind zurückgegangen,
und eine Trendwende ist derzeit nicht in Sicht. Die Zuschüsse zugunsten
des Energiesektors der Entwicklungsländer haben sich in den letzten Jahren
im Vergleich zu den 90er Jahren halbiert. Einige EU-Mitgliedstaaten berücksichtigen
jedoch den Energieaspekt in ihren bilateralen Entwicklungshilfeprogrammen.
Erstmals angekündigt wurde die EU-Energieinitiative von der Kommission
in ihrer Mitteilung über die außenpolitische Dimension der nachhaltigen
Entwicklung /3/. Da die EU-Mitgliedstaaten dieses Vorhaben in verschiedenen
Beschlüssen des EU-Ministerrats und des Europäischen Rates unterstützten,
könnte die EU-Initiative "Armutsminderung und nachhaltige Entwicklung
durch Energie" auf dem Weltgipfel von Johannesburg erfolgreich lanciert
werden.
Die Mitteilung der Kommission "Die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern
im Energiebereich" /4/ steckte den Rahmen für die Energiezusammenarbeit
ab und identifizierte folgende Schwerpunktbereiche: Reform des Energiesektors,
Technologietransfer, Zusammenarbeit auf Nachfrage- und Angebotsebene, Förderung
der Energiediversifizierung, Förderung der Entwicklung von Netzen und vor
allem von Verbundnetzen usw.
Nach dem Gipfel von Johannesburg wurde Ende 2003 in der Mitteilung "Ein
Jahr nach dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung: den Verpflichtungen
Taten folgen lassen" /5/ Bilanz gezogen und die Entwicklung der EU-Energieinitiative
beleuchtet. In der Mitteilung wurde der Fortschritt der EU-Energieinitiative
bestätigt und festgestellt, dass eine ausreichende Finanzierung sichergestellt
sein muss. Die EU-Mitgliedstaaten bekräftigten, dass für die Initiative
angemessene Finanzmittel bereitgestellt werden müssen (Schlussfolgerungen
des Rates "Allgemeine Angelegenheiten" (8566/04) vom April 2004).
Die Finanzielle Herausforderung
Seit dem Weltgipfel ist es eine anerkannte Tatsache, dass für Energie
und Armutsbekämpfung deutlich mehr Mittel aufgewandt werden müssen,
wenn die Millenniums-Entwicklungsziele erreicht werden sollen. Bisher ist der
Anteil der privaten Investitionen, die in die Erbringung von Energiedienstleistungen
für die Armen fließen, verschwindend gering. Deshalb sind dringend
neue und flexible Finanzierungsmechanismen nötig, welche die öffentlichen
Mittel und die offizielle Entwicklungshilfe als Hebel einsetzen, um mehr Mittel
aus dem privaten Sektor, von Entwicklungsbanken und Finanzinstituten zu mobilisieren.
Öffentlich-private Partnerschaften sind ein entscheidendes, strategisches
Instrument der EU-Energieinitiative, und der Energiesektor bietet zahlreiche
Möglichkeiten, wo die EU und die Entwicklungsländer in solchen Partnerschaften
mit dem Privatsektor, den Finanzinstituten und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten
können. Dennoch sind auf politischer Ebene noch größere Anstrengungen
notwendig, um rascher angemessene und flexiblere Ressourcen und Instrumente
einschließlich Startkapital bereitzustellen.
Seit Johannesburg hat EU-Energieinitiative eine solide Grundlage für konkrete
Aktionen entwickelt und ist nun zu einem Quantensprung bereit. Um die Dynamik
aufrechtzuerhalten und tatsächlich vor Ort Ergebnisse zu erzielen, sind
erhebliche zusätzliche Mittel nötig. Diese Mittel sollte die EU bereitstellen
und damit ihr Engagement für die Millenniums-Entwicklungsziele und den
Durchführungsplan von Johannesburg unter Beweis stellen. Die Europäische
Kommission ist darum bemüht, eine mit 250 Mio. EUR ausgestattete Energiefazilität
für die AKP-Länder (Afrika, Karibik, pazifischer Raum) zu schaffen.
Ziele
Die Energiefazilität sollte gezielt auf die Verwirklichung der Ziele des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung sowie der Millenniums-Entwicklungsziele ausgerichtet werden und sich schwerpunktmäßig auf diejenigen AKP-Länder konzentrieren, die im Rahmen ihrer Armutsminderungsstrategie bereits über eine kohärente Energiepolitik verfügen bzw. engagiert an der Entwicklung einer solchen Politik gemäß den Grundsätzen der verantwortungsvollen Staatsführung (Good Governance) arbeiten. Unter anderem wird die Energiefazilität die Empfängerländer bei der Schaffung eines institutionellen und rechtlichen Rahmens unterstützen und die Mobilisierung zusätzlicher Finanzmittel für öffentlich-private-Partnerschaften erleichtern.
Eigenverantwortung
Das Konzept der Eigenverantwortung ist ein zentrales Element der Energiefazilität. Eine Reihe von AKP-Ländern betrachten die Energie- und Armutsagenda als vorrangig und möchten als Partner an der EU-Energieinitiative teilnehmen. Die Maßnahmen der Energieinitiative sollten mit den nationalen Strategien und Verpflichtungen in Einklang stehen und sich idealerweise aus dem Prozess der Armutsminderungsstrategie ergeben. In einigen Ländern ist die Entwicklung der erforderlichen politischen Rahmenbedingungen recht weit gediehen, so dass sie auf die Durchführung vorbereitet sind. Andere Länder hingegen müssen zunächst noch eine geeignete Politik und geeignete Strategien entwickeln.
Schlussfolgerungen
Die EU-Energieinitiative ist eine gemeinsame Maßnahme der Kommission
und der Mitgliedstaaten, die durch Bündelung der entwicklungspolitischen
Strategien und Aktionen Synergien schafft. Umgesetzt wird die Initiative durch
einen Dialog und spezifische Partnerschaften mit den Entwicklungsländern,
wozu auch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und
den Finanzinstitutionen gehört. Seit Johannesburg ist die EU-Energieinitiative
vorangekommen: So trug z. B. die Konferenz "Energie für Afrika",
die im November 2003 in Nairobi organisiert wurde, dazu bei, die afrikanische
Mitwirkung und die wichtigsten Prioritäten zu skizzieren. Der Dialog mit
den Entwicklungsländern hat gezeigt, dass es notwendig ist, dass die EU
in diesen Bereich wesentlich mehr Mittel investiert.
Die Europäische Kommission ist darum bemüht, die EU-Energieinitiative
künftig operationaler zu gestalten und den Erfordernissen der AKP-Länder
besser gerecht zu werden. Das Bewusstsein für die Herausforderungen im
Bereich Energie und Armut soll geschärft werden. Diese Ziele sollen durch
eine Erhöhung der finanziellen Mittel, die durch den Rat der Europäischen
Union genehmigt werden muss, erreicht werden.
Abbildung 1: Foto: Rudolf Moschik
Abbildung 2: Foto: Jens Kötter
| Referenzen Zitierte Mitteilungen der Kommission: /1/ "Mitteilung über die künftige Entwicklung der EU-Energieinitiative und die Modalitäten für die Einrichtung einer Energiefazilität zugunsten der AKP-Länder", KOM(2004) 711. /2/ Mitteilung über die außenpolitische Dimension der nachhaltigen Entwicklung, KOM(2002) 82. /3/ "Die Entwicklungspolitik der Europäischen Gemeinschaft", KOM (2000) 212. /4/ "Die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern im Energiebereich", KOM(2002) 408. /5/ "Ein Jahr nach dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung: den Verpflichtungen Taten folgen lassen", KOM(2003)829. |
Kontakt und weitere Informationen:
DG Development, B/5, Rue de Geneve 12, Brüssel, dev-eu-energy-initiative@cec.eu.int
*) Dieser Text ist ein Auszug aus dem Kommunikationspapier KOM(2004) 711 der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Brüssel, 15.10.2004 [^]