Nachhaltige Energieversorgung - Neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit
Solarenergie
Das
Ökozentrum Langenbruck arbeitet im Bereich erneuerbare Energien seit fünf
Jahren mit Partnern aus Eritrea, Deutschland und der Schweiz zusammen. Ziel
ist das Wachstum einer wirtschaftlichen Nord-Süd- und Süd-Süd-Kooperation
zwischen kleinen und mittelständi-schen Unternehmen. Nach einer sorgfältigen
Überprüfung der Marktchancen einzelner So-lartechnologien wurde ein
stabiles Netzwerk von Partnern gebildet.
Erneuerbare Energien in Eritrea
Mit einem gezielten Ausbildungsprogramm gelang es, die Technologie für
solare Warmwas-seranlagen zu vermitteln und eine Produktionsstätte aufzubauen.
Dank diesem Technolo-gietransfer hat der lokale Firmenpartner, Tesinma Sh. in
Eritrea nach einem Jahr bereits 300 Solaranlagen hergestellt und verkauft. Als
Folgeprojekte werden zur Zeit die Technologie zur Herstellung von solaren Trocknungsanlagen
für die schonende und qualitative Trocknung von Früchten vermittelt
sowie Handelsbeziehungen für deren Vertrieb in der Schweiz aufgebaut.
In den 80iger Jahren lancierte das Ökozentrum Langenbruck die Institution
Agrécol, eine Informations- und Vernetzungsstelle für angepassten
Landbau in den Tropen und Subtropen, die mit Sitz in Senegal auch heute noch
wirksam betrieben wird. Seit dem Jahr 2000 begann das Ökozentrum Langenbruck,
kontinuierlich Beziehungen zum eritreischen Staat, zu ansässigen Fachschulen
und Unternehmen aufzubauen. Heute besteht ein ausgezeichnetes Netzwerk im Bereich
erneuerbare Energien, bei dem Fachhochschulen, Universitäten, KMU's und
NGO' aus Deutschland, Eritrea und der Schweiz zusammenarbeiten. Beim Aufbau
der Solaranlagenproduktion war die Deutsche Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit GTZ als Finanzgeber sowie diverse deutsche Zulieferfirmen beteiligt.
Im neuen Projekt Trockenfrüchte wirkt global suntec, ein Spinoff der Fachhochschule
Stuttgart, bei der Technologie zur Herstellung von solaren Trocknungsanlagen
mit.
Fakten um Eritrea
Der Staat Eritrea ist nach 30 Jahren Bürgerkrieg seit 1991 von Äthiopien
unabhängig. 1998 ist der Konflikt erneut eskaliert, was die Vereinten Nationen
im Jahr 2002 zur Errichtung einer Pufferzone entlang der eritreischäthiopischen
Grenze bewog.
Das Wirtschaftswachstum lag 2001 bei 10,2% und fiel 2002 auf 1,8% (Quelle: Weltbank,
2004), die Einkünfte der Bevölkerung sind zu 80% bei kleinbäuerlichen
Aktivitäten im landwirtschaftlichen Bereich zu finden. Während 20%
des Bruttosozialprodukts aus dem Export erwirtschaftet werden, stammen 80% aus
dem Import.
Die Arbeitskräfte aus dem metallverarbeitenden Gewerbe verfügen oft
über sehr gute Fachkenntnisse. Niedrige Korruption und gute Transportmöglichkeiten
zeigen gute Voraussetzungen für die Entwicklung des Landes. Dürreperioden,
starkes Abholzen sowie die daraus resultierenden Erosionsprobleme sind Schwierigkeiten,
welche die Entwicklung des Landes erheblich erschweren.
Abbildung 1: Produktion der Absorber bei der Firma Tesinma Sh.
Erneuerbare Energien
Eritrea verfügt über keinerlei fossile Energievorkommen. Deshalb
subventioniert der Staat diese Energieträger, da sie sonst für die
lokale Bevölkerung nicht erschwinglich wären. Das Ministry of Energy
and Mines ist stark an der Reduktion seiner ausländischen Energieeinkäufe
interessiert.
Für die Nutzung erneuerbarer Energien spricht, dass Eritrea nebst einer
hohen Sonneneinstrahlung über sehr gute Windverhältnisse verfügt.
Zwei Windkraftanlagen mit einer Nennleistung von 250 kW werden im Jahr 2005
installiert. Aufgrund der guten Windverhältnisse und der verbreiteten Dürre
bietet sich auch die Einführung von WindWasserpumpen an. Im nächsten
Jahr will das Ministry of Energy and Mines eine lokale Firma mit der Installation
einer ersten Demonstrationsanlage beauftragen.
Auch die geothermische Nutzung entlang des ostafrikanischen Grabens wurde in
einem länderübergreifenden Abkommen an der internationalen Konferenz
für erneuerbare Energien «renewables 2004» in Bonn beschlossen.
Die jährliche solare Direkteinstrahlung pro Quadratmeter und Jahr beträgt
im über 2000 m ü.M. gelegenen Asmara 2195 kWh, in der Hafenstadt Massawa
1520 kWh. Die mittlere Aussenlufttemperatur beträgt in Asmara 18 °C,
in der Nacht kann es bis auf 3 °C abkühlen (Meteonorm 4.0). Diese Werte
lassen den hohen Bedarf an warmem Wasser erkennen.
CO2-Handel und Exportchancen
Durch eine nachhaltige und umweltfreundliche Strategie können neue Arbeitsplätze
geschaffen und der Export von Waren ermöglicht werden. Mit der Produktion
von solaren Warmwasseranlagen wurde ein erster Schritt getan. Ab 2005 will der
lokale Produzent diese Solaranlagen aus Eritrea auf den internationalen Markt
bringen.
Eine Studie der ETH Zürich ermittelte die durchschnittliche CO2-Einsparung
einer solaren Warmwasseranlage in Eritrea. Die daraus gewonnenen Kenntnisse
dienten als Grundlage für eine Massnahme gemäss der Clean Development
Mechanism (CDM). Das eingesparte CO2 der ersten 150 installierten Anlagen wird
von einen Spinoff der ETH Zürich, dem Verein myclimate, abgekauft. myclimate
bietet Flugreisenden die Kompensation ihrer Treibhausgasemissionen durch den
Kauf eines Zusatztickets (Climate Ticket) an. Aus diesem Erlös erhält
der lokale Hersteller Tesinma Sh. Co. pro verkaufte Anlage einen abgemachten
Festbetrag für die eingesparte CO2-Menge.
Regierung
Im Jahr 2000 wurde zusammen mit dem Ministry of Energy and Mines und der NGO
Vision Eritrea eine Vorstudie zur Evaluation der möglichen Synergien von
eritreischen und Schwei-zer Partnern ausgeführt. Das Ministry of Energy
and Mines gibt als staatlicher Partner die Richtung in der Zusammenarbeit an.
Alle Aktivitäten und Vorhaben des Ökozentrums Langenbruck in Eritrea
werden mit dem Ministerium abgesprochen. Ausbildungen werden gemeinsam durchgeführt.
Das Ministry of Energy and Mines erstellt auch die Richtlinien für die
Herstellung von solaren Warmwasseranlagen nach internationalen Normen. Private
Produzenten und Händler müssen diese Qualitätsvorgaben zur Erlangung
der Lizenz einhalten.
Das Ministry of Energy and Mines betreibt ein Energy Research and Training Centre
(ERTC). Hier wurde der traditionelle Holzherd bereits verbessert, was eine Steigerung
der Verbrennungseffizienz um 50% zur Folge hatte. Solare Beleuchtungen für
78 ländliche Schulen und 26 ländliche Gesundheitsstationen sowie 55
solare Wasserpumpen wurden durch das ERTC installiert und werden noch heute
gut betreut.
In Zusammenarbeit mit einer privaten Firma in Asmara und dem Ministry of Energy
and Mines erarbeitet das Ökozentrum Langenbruck derzeit ein Konzept zur
nachhaltigen Wartung und Finanzierung von Photovoltaik-Anlagen für die
ländliche Elektrifizierung in Regionen mit schwieriger Netzeinbindung.
Damit sollen die hohen Investitionskosten von privaten Solarsystemen reduziert
sowie eine langfristige Wartung und Entsorgung der Batterien garantiert werden.
Abbildung 2: Produktion der Doppelmantelboiler bei der Firma Tesinma Sh.
Privatwirtschaft
Der Technologietransfer für solare Warmwasseranlagen begann mit einem
Workshop, bei dem auch eine 12 m2 große Anlage gebaut und auf einem lokalen
Krankenhaus installiert wurde. Aus den privaten Teilnehmerfirmen wurde die Firma
Tesinma Sh. in Dekemhare für die weitere Technologie- und Wirtschaftskooperation
und den Aufbau der Produktion gewählt. Tesinma beschäftigt 50 MitarbeiterInnen
in der Blechverarbeitung. Die Erfahrungen bei der Herstellung von Personenbussen,
Waschmaschinen und landwirtschaftlichen Geräten boten gute Voraussetzungen.
Nach der erfolgreichen Einführung in die Produktion von Sonnenkollektoren
wurden Tiefziehverfahren zur Herstellung der Warmwasserspeicher und Speicheraußenhüllen
eingeführt. Die Produktion hat bereits die Kleinserienfertigung von 300
Anlagen, bestehend aus Kollektoren mit 2 m2 Fläche und Warmwasserspeicher
mit 140 l Volumen, überschritten.
Um den Import von teurem Epoxidharz für den Korrosionsschutz der Speicherinnenwand
zu vermeiden, wird die Technologie zur Emaillierung vermittelt. Für die
Einrichtung dieser Anlage wurde eine Brennkammer mit ausreichender Größe
und Leistung hergestellt.
Ausbildung
Seit 2003 findet jährlich die Sommerschulung aller Lehrer der eritreischen Berufsschulen statt. Das Projekt wird von VIS Volontariato Internazionale per lo Sviluppo, Italien, und dem Ministry of Education geleitet. Das Ökozentrum Langenbruck ist für die Ausbildung in der nachhaltigen Energienutzung verantwortlich. Zusammen mit dem Ministry of Energy and Mines werden 32 Lehrer in den Bereichen Solarenergie und Biomassenutzung unterrichtet. Ab 2006 soll die Nutzung erneuerbarer Energien ein Teil des Lehrplans an technischen Schulen werden.
Nord-Partner
Die erste Vorstudie wurde im Jahr 2000 zusammen mit dem Center of Development
and Environment (CDE) der Universität Bern und der Schweizer Syngenta Stiftung
für nachhaltige Landwirtschaft durchgeführt. Beide sind mit Projekten
in den ländlichen Gebieten Eritreas aktiv und stehen den anderen Projektpartnern
mit wertvoller Beratung bei.
Im Laufe des Produktionsaufbaues für die Solaranlagen sind vorwiegend Zulieferfirmen
aus Deutschland für Grundmaterialien (Solarglas, Absorbermaterial, Emailgrundstoff)
beigezogen worden. Von der Fachhochschule Aargau wurden technische Beratungen
in der Tiefziehtechnik eingeholt, für die Emailliertechnik konnten Fachverbände
und Zulieferfirmen Knowhow liefern. Für die CDM-Finanzierung wurde bereits
auf myclimate als wichtiger Projektpartner hingewiesen.
Die Zusammenarbeit zwischen der eritreischen Wirtschaft und ihren europäischen
Partnern ist Teil einer Initiative der International Solar Energy Society für
die Nord-Süd-Kooperation von KMU's (INSCREEN - Small and Medium Enterprises
Initiative for Sustainable North-South Cooperation in Renewable Energies). Die
neue Plattform stellt Know-how und Erfah-rungen zur Verfügung und dient
als Bindeglied zwischen europäischen und südlichen Partnern.
Entwicklungszusammenarbeit im Ausblick
In Zukunft soll die Zusammenarbeit mit der privaten Wirtschaft verstärkt
werden. Die Erfahrungen zeigen aber, dass eine nachhaltige Integration von Projektvorhaben
nur gelingt, wenn auch kommerzielle Interessen gedeckt werden können. Es
sind nicht die technischen Schwierigkeiten, die zum Scheitern führen, sondern
der Eingriff in ein kulturell gewachsenes Umfeld. Die Integration neuer Technologien
muss deshalb soziale Aspekte berücksichtigen und mit höchster Sensibilität
auf die bestehenden Strukturen eingehen.
Als weiterer Schritt wird zur Zeit die Herstellung und Vermarktung von Trockenfrüchten
in Eritrea vorbereitet. Ein Hybridsystem aus Solar- und Biomasseenergie gewährleistet
einen unabhängigen Betrieb über 24 Stunden, so dass Kapazitätsspitzen
in der Erntezeit bewältigt werden. Damit wird es der Bevölkerung ermöglicht,
Trockenfrüchte von hoher Qualität nachhaltig zu produzieren. Eine
Bio-Zertifizierung der Produzenten und der Export der Früchte nach Europa
sind in Vorbereitung.
Das Ökozentrum Langenbruck ist ein privates Kompetenzzentrum für nachhaltige
Entwick-lung, das zusammen mit Partnern aus Industrie, Wissenschaft und öffentlicher
Hand For-schungs- und Entwicklungstätigkeiten auf den Gebieten erneuerbare
Energien und effiziente Energienutzung durchführt.
*) Bernd Sitzmann ist Mitarbeiter des Ökozentrum Langenbruck, Schweiz, sitzmann@oekozentrum.ch [^]