Nachhaltige Energieversorgung - Neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit
Solarenergie
Extreme
Klimabedingungen auf dem Hochland der Anden machen der indianischen Bevölke-rung
vom Stamm der Quechua das Leben schwer.
Sonnenenergienutzung auf dem argentinischen Altiplano
Von Christoph Müller und Klemens Schwarzer*
Das Altiplano erstreckt sich auf einer mittleren Höhe von 3000 m von Chile
und Argentinien über Bolivien bis Peru. Bis auf eine kurze Regenzeit herrscht
eine außerordentliche Trockenheit. Im Winter fallen die Temperaturen
nachts auf -20 °C ab. Die mittlere Sonneneinstrahlung gehört mit 6-7
kWh/m²d weltweit zu den höchsten. Mit Hilfe von Geräten zur Solarenergienutzung
lassen sich viele energieintensive Grundbedürfnisse, wie Kochen, Heizen
und Warmwasser weitgehend decken und der Anbau von Nahrungsmitteln verbessern.
Seit mehr als acht Jahren unterstützen deutsche Vereine, wie Solar Global
e.V. die lokalen Initiativen ECOANDINA und PIRCA in der Entwicklung und Verbreitung
angepasster Technologien. Die Zusammenarbeit erfolgt durch finanzielles Engagement,
die Durchführung von Handwerker-Kursen sowie die Entwicklung von Prototypen.
Ziel ist es, einfache Solartechniken zur Anwendung zu bringen, die nur einen
Know-How-Transfer aber keinen Produkttransfer benötigen. Dadurch sollen
sowohl die ökonomischen, ökologischen und gesundheitlichen Lebensbedingungen
der Menschen in der Projektregion verbessert werden. Im Jahr 2003 konnte mit
Unterstützung des Bundesministeriums für Zusammenarbeit (BMZ) erstmals
ein umfassendes Spektrum von Solaranlagen für die verschiedenen Anwendungsbereiche
in zwei Dörfern des Altiplano installiert werden. Im Einzelnen umfasste
das Projekt:
Solare Familienkocher
Solare Familienkocher werden seit der Durchführung eines Workshops im Jahr 1998 von der Kooperative PIRCA hergestellt und über ein Kreditsystem erfolgreich verkauft. Auf diese Weise sichern sich die fünf PIRCA Mitarbeiter ein bescheidenes Einkommen. Eine im Jahr 1998 durchgeführte Akzeptanzstudie zeigte, dass bis zu 70% des dörflichen Holzbedarfs durch die Kocher eingespart werden können. Trotz eines Preises von 700 Pesos, was zwei Monatslöhnen entspricht, werden immer mehr Kocher von der Kooperative PIRCA an private Nutzer verkauft. Die gute Akzeptanz ist sicherlich auch durch die sehr guten Einstrahlungswerte auf dem Altiplano bedingt.
Solare Gebäudeheizung
Die zwei Gebäudeheizungen wurden in den Kindergärten von Cusi Cusi
und Cienaga zur Beheizung von 60 m² und 120 m² Grundfläche installiert.
Durch einen Luft-Wasser-Wärmetauscher können mit dem System zudem
täglich 300 Liter Warmwasser mit 60 °C bereitgestellt werden. Aus finanziellen
Gründen sind öffentliche Gebäude in der Puna bisher gänzlich
unbeheizt. Begünstigt durch die idealen Einstrahlungsverhältnisse
ist es jedoch möglich die Beheizung regenerativ mit dem kleinsten möglichen
Aufwand aufrecht zu halten. Dazu muss die tagsüber eingefangene Sonnenenergie
gleichmäßig über den Tag verteilt werden. Die benötigte
Wärme wird durch einen einfach verglasten, solaren Lufterwärmer auf
dem Dach der Gebäude gewonnen. Die Warmluft wird über einen PV-betriebenen
Ventilator in einen Kiesbettspeicher transportiert, der im Fußboden integriert
ist. Dieser erfüllt neben der Wärmespeicherung die Funktion einer
Fußbodenheizung, da er die Wärme direkt an den Raum abgibt. Die Raumtemperatur
wird durch die solare Luftheizung im Jahresmittel um 12 °C angehoben. Im
Winter liegt die mittlere Raumtemperatur statt bei 5 °C im unbeheizten Gebäude
nun bei etwa 15 °C. Mit dem System konnte ein solarer Deckungsgrad von beinahe
90% erreicht werden, wobei sich die Materialkosten nur auf ca. 3000 Euro belaufen.
Durch die Beheizung werden die Lern- und Entwicklungsbedingungen der Vorschulkinder
verbessert. Zwar lässt sich keine quantitative Aussage treffen, der gesundheitliche
Einfluss des Aufenthalts in den unbeheizten Räumen ist jedoch offensichtlich.
Gemäß einer Studie des bolivianischen Gesundheitsministeriums sterben
im benachbarten Bolivien jährlich 11.000 Kinder unter fünf Jahren
an den Folgen einer Atemwegserkrankung.
Abbildung 1: Funktionsschema der Heizungsanlage des neuen Kindergartens mit Warmluftkollektor
Solare Warmwasserbereitung
Zwei öffentlich zugängliche Warmwassersysteme wurden eingerichtet. In Cienaga haben die Dorfbewohner ein öffentliches Gemeinschaftsbadehaus erbaut, das dem von der ECOAN-DINA entwickelten Konzept des Baño Solar Andino (solares Andenbadehaus) folgt. Die traditionelle Bauweise des Daches bietet bessere Wärmedämmung gegenüber den moderneren Wellblechdächern. Das warme Wasser für die vier Duschkabinen wird von 4 m² einfachen Solarkollektoren bereitgestellt und in einem doppelwandigen 300 Liter Edelstahltank gespeichert.
Solare Gemeinschaftsküchen
Die vier solaren Gemeinschaftsküchen wurden in unmittelbarer Nähe
der Kindergärten errichtet, wo je nach Standort, für 30 bis 40 Kinder
und Mütter gekocht wird. Als Hauptmahlzeit wird das Mittagessen zubereitet,
das meist aus einem Eintopfgericht und einer Suppe besteht. Die Zubereitung
des Mittagessens beginnt bereits zwischen 8 und 9 Uhr. Da es sich bei den solaren
Großküchen um konzentrierende Systeme handelt, sind sie aufgrund
der geringen Trägheit schon mit den ersten Sonnenstrahlen betriebsbereit.
Von den Dorfbewohnern in Misa Rumi, Cienaga und Cusi Cusi wurden Küchenhäuser
mit ca. 15 m² Grundfläche errichtet und mit einem durch das Projekt
bezahlten Fix-Fokus-Spiegel (Scheffler-Spiegel) ausgerüstet. Jeder Spiegel
liefert an der Kochstelle eine maximale Leistung von 3 kW. Das erlaubt den Nutzern
die Verwendung von Töpfen mit bis zu 80 Litern Inhalt. Aufgrund der guten
Einstrahlungsbedingungen und der hohen Leistung der Kocher lässt sich eine
sehr gute Akzeptanz durch die Benutzer feststellen.
Abbildung 2: Kindergartenküche in Cienaga und Köchin mit 40 Litern Eintopf (Giso)
Aussicht
Es ist geplant, die bereits bewährten Solartechniken auch über den
chilenischen, bolivianischen und peruanischen Teil des Altiplano zu verbreiten.
Um weitere Finanzierungen vom BMZ zu erhalten muss jedoch ein Eigenanteil aufgebracht
werden, den die Projektpartner derzeit nicht aufbringen können. Es werden
dringend Spenden gesucht, um das Projekt 2005 fortführen zu können.
(Bankverbindung: Solar Global e.V., Stichwort "Solarprojekt Altiplano",
Kreissparkasse Düren, BLZ 39550110, Kto.Nr:390 28 06)
*) Dipl.-Ing.
Christoph Müller ist
Projektingenieur am Solar-Institut Jülich mit den Schwerpunkten Solarthermische
Meerwasserentsalzung, Solare Gebäudeheizung und Entwicklungstechnologien,
c.mueller@sij.fh-aachen.de.
Prof. Dr.- Ing. Klemens Schwarzer ist
Vorstand am Solar-Institut Jülich. Lehrgebiete Fachhochschule Aachen, Abteilung.
Jülich: technische Thermodynamik, Entwicklungsländertechnologien,
Energietechnik, Kraft-wärme-(Kälte-)-Kopplung. Homepage des SIJ: http://www.sij.fh-aachen.de/.
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