Solare Prozesswärme
Aktives solares Kühlen
Sommerliche
Gebäudeklimatisierung stellt sowohl in kommerziell genutzten Gebäuden
als auch in Wohngebäuden einen weltweit wachsenden Markt dar. Hauptgründe
hierfür sind steigende interne Kühllasten und wachsende Komfortansprüche
sowie architektonische Trends, beispielsweise hin zu Gebäuden mit hohem
Glasanteil in der Fassade.
Solare Klimatisierung-Stand der Entwicklung
Für große, klimatechnische Anlagen mit Kälteleistungen oberhalb von rund 50 kW stehen verschiedene thermisch angetriebene Techniken zur Verfügung, die in Verbindung mit thermischen Solarkollektoren für die sommerliche Gebäudeklimatisierung verwendet werden können. Für kleine Anlagen mit Leistungen unter 30 kW gab es lange Jahre kaum marktverfügbare Komponenten. Hier hat sich die Situation in den vergangenen Jahren geändert - heute gibt es eine Reihe von Firmen, die kleine thermisch angetriebene Kältemaschinen im Leistungsbereich von 5 kW bis 30 kW anbieten oder in Pilotprojekten testen.
Verfügbare Techniken
Verfahren zur solaren Klimatisierung nutzen thermisch angetriebene
Kühlverfahren, bei denen zum Antrieb thermische Solarenergie als Hauptantriebsenergie
verwendet wird; eine vereinfachte, schematische Darstellung zeigt Abbildung
1. Generell ist zwischen Systemen zu unterscheiden, die Kaltwasser bereit stellen
und solchen Verfahren, die direkt eine Luftkonditionierung (Temperaturabsenkung,
Entfeuchtung) durchführen.
Im folgenden werden die heute am häufigsten eingesetzten Techniken kurz
beschrieben.
Abbildung 1:
Schematische Darstellung von Anlagen der solaren
Klimatisierung
Thermisch angetriebene Kaltwassererzeugung
Die heute dominante Technik thermisch angetriebener Kaltwassererzeugung basiert auf Absorptionsverfahren. Absorptionskälteanlagen sind am Markt in einem großen Leistungsbereich verfügbar, wobei allerdings Anlagen im Leistungsbereich oberhalb 100 kW dominieren. Für Anwendungen der Komfortklimatisierung in Gebäuden werden hauptsächlich Absorptionskälteanlagen, die mit dem Stoffpaar Wasser-Lithiumbromid arbeiten, genutzt. Der COP (engl. thermal Coefficient of Performance), definiert als die nutzbare Kälte pro eingesetzter Wärmemenge, liegt bei einstufigen Anlagen - je nach aktuellen Betriebsbedingungen - im Bereich 0.65-0.8 und die Antriebstemperaturen liegen typischerweise bei rund 75-100 °C (Vorlauftemperatur des Heizmediums). Ein grund-legendes Verfahrensschema einer einstufigen Absorptionskältemaschine zeigt Abbildung 2.
Abbildung 2: Schematische Darstellung einer 1-stufigen Absortptionskältemaschine im Temperatur-Druck-Diagramm (qualitativ)
Neben den einstufigen Anlagen sind auch zweistufige Maschinen erhältlich,
bei denen zwei Austreiber, die bei unterschiedlichen Temperaturen arbeiten,
genutzt werden. Dabei wird die Kondensationswärme des bei hoher Temperatur
kondensierenden Kältemittels zum thermischen Antrieb des zweiten Austreibers
genutzt. Somit kann ein höherer COP im Bereich von 1.0-1.4 - je nach Betriebsbedingungen
- erzielt werden, wofür typischer-weise eine Antriebstemperatur im Bereich
140-160 °C erforderlich ist. Hier sind allerdings nur Anlagen im größeren
Leistungsbereich deutlich oberhalb 100 kW erhältlich.
An Stelle des flüssigen Sorptionsmittels können auch feste Sorbentien
zur Aufnahme des verdampften Kältemittels eingesetzt werden. Bei diesen
Geräten müssen zur Aufrecht-erhaltung eines quasi-kontinuierlichen
Prozesses mindestens zwei Adsorptionsreaktoren verwendet und wechselseitig betrieben
werden, d.h. während der eine Adsorber unter Wärmezufuhr regeneriert
wird, wird im anderen Adsorber das Kältemittel angelagert, wo-bei - wie
bei den Anlagen mit flüssigem Sorptionsmittel - die freiwerdende Sorptions-wärme
abgeführt wird. Nach Erreichen eines gewissen Sättigungsgrades des
Sorptions-mittels werden die Behälter in ihrer Funktion umgetauscht, wobei
in der Zwischenphase durch direkte Kopplung beider Adsorber eine gewisse Wärmerückgewinnung
erreicht wird. Für diese Anlagen gibt es weltweit derzeit nur wenige Hersteller
in Südost-Asien (Japan, Singapur), die Anlagen mit einer Kälteleistung
von 70 kW aufwärts anbieten. Antriebs-temperaturen liegen üblicherweise
im Bereich von 60-90 °C und erreichbare COP-Werte bei 0.55 - 0.65.
Typische COP-Werte von thermisch angetriebenen Verfahren zur Kaltwassererzeugung
zeigt Abbildung 3; dabei sind die COP-Verläufe als Funktion der Antriebstemperatur
(Heißwasser) dargestellt. Zum Vergleich ist auch der Grenzwert einer reversibel
arbeitenden thermisch angetriebenen Kältemaschine dargestellt (ideal).
Abbildung 3: Abhängigkeit des COP von der Temperatur des Heizmediums für unterschiedliche Sorptionskältemaschinen.
Offene Verfahren - sorptionsgestützte Klimatisierung (SGK)
Während thermisch angetriebene Kältemaschinen Kaltwasser bereitstellen,
das zur Versorgung aller Arten klimatechnischer Geräte verwendet werden
kann, wird in offenen Verfahren direkt Luft konditioniert. Letztlich basieren
alle offenen Klimatisierungsverfahren auf einer Kombination von Verdunstungskühlung
und thermisch angetriebener Luftentfeuchtung mittels eines Trocknungsmittels
(engl. desiccant), d.h. einem hygroskopischen Material. Wiederum können
entweder flüssige oder feste Sorptionsmittel zum Einsatz gelangen. Der
heute überwiegend angewandte Prozess nutzt hierfür Sorptionsrotoren,
die entweder mit Silikagel oder Lithiumchlorid als Sorptionsmittel ausgestattet
sind. Marktübliche Anlagen mit Sorptionsrotoren können Antriebstemperaturen
im Bereich 50-85 °C zur Regenierung des Sorptionsrotors nutzen.
Das heute am weitesten verbreitete offene Verfahren verwendet Sorptionsrotoren.
Dies sind Rotoren, bei denen das Sorptionsmittel - Silikagel oder Lithiumchlorid
- in eine Trägermatrix eingebracht ist und von Luft durchströmt werden
kann. Ein Bereich des Sorptionsrotors durchläuft abwechselnd die Zuluftseite,
auf der die angesaugte Außenluft entfeuchtet wird und die Abluftseite,
auf der das angelagerte Wasser unter Zufuhr von warmer Luft wieder desorbiert
wird. Die gängigste Verschaltung und der zugehörige Zustandsverlauf
im T-x-Diagramm feuchter Luft sind in Abbildung 4 dargestellt.
Neben der in Abbildung 4 dargestellten Verschaltungsweise sind andere Varianten
möglich. In einem Gerät der Fa. Munters wird z. B. der Wärmerückgewinnungsrotor
durch einen Plattenwärmetauscher mit integrierter Befeuchtungseinheit auf
der Abluftseite ersetzt. Außerdem findet bei diesem Gerät die Regeneration
mit Außenluft statt, wodurch ein Kontakt zwischen Ab- und Zuluft vollständig
ausgeschlossen ist; dies ist z. B. bei Anwendungen mit sehr hohen Reinheitsanforderungen
der Zuluft - wie in Krankenhäusern - erforderlich. Weitere Schaltungsvarianten,
die speziell für Klimazonen mit hohen Außenluftfeuchten interessant
sind, sind beispielsweise in /Henning, 2005/ beschrieben.
Abbildung 4: Standardverfahren der sorptionsgestützten Klimatisierung für moderate Außenluftbedingungen (z. B. mitteleuropäisches Klima)
Verfahren zur Auswahl der geeigneten Solarkollektoren sowie zur Auslegung der
Solaranlage (z. B. Kollektorfläche, Speichergröße) können
dem Handbuch entnommen werden, das im Rahmen von IEA TASK 25 "Solar Assisted
Air-Conditioning of Buildings", einem unter deutscher Leitung im Rahmen
des Solar Heating and Cooling Programmes der Internationalen Energie-Agentur
(IEA) durchgeführten Projekt, entstanden ist, /Henning, 2004/.
Realisierte Anlagen
Heute sind rund 70 Anlagen installiert, die solarthermische Kollektoren für
die solare Gebäudeklimatisierung verwenden (kein Anspruch auf Vollständigkeit).
Die meisten der Anlagen wurden in Deutschland und Spanien realisiert. Die insgesamt
installierte Kälteleistung beträgt rund 6.3 MW und die hierfür
installierte Kollektorfläche beträgt knapp 17500 m². Rund 60% der
Anlagen verwenden Absorptionskältemaschinen (AbKM), etwa 12% Adsorptionskältemaschinen
(AdKM) und rund 27% offene Kühlverfahren, wobei hier die Anlagen mit Sorptionsrotoren
(SGK, Rotor) dominieren und bislang nur wenige Systeme mit offener Flüssigsorption
(SGK, flüssig) arbeiten (siehe Abbildung 5).
Abbildung 5: Verteilung der realisierten
Anlagen hinsichtlich Anzahl, Kälteleistung und Kollektorfläche auf
die unterschiedlichen Kühltechniken
Der Mittelwert der spezifischen Kollektorfläche aller Anlagen beträgt rund 2.9 m²/kW. Ein Wert von 3-3.5 m²/kW kann als Anhaltspunkt für thermisch angetriebene Kältemaschinen gelten. Bei den offenen Verfahren ist eine Angabe bezogen auf die Luftmenge üblicher; hier hat sich ein Wert zwischen 8 und 10 m² pro 1000 m³/h installierter Luftleistung als sinnvolle Größenordnung herausgestellt. Diese Werte sind aber nur grobe Anhaltspunkte und ersetzen keinesfalls eine detaillierte Anlagenauslegung.
Neue Entwicklungen
In den vergangenen Jahren ist insbesondere in Asien und Europa eine verstärkte Entwicklung von thermisch angetriebenen klima- und kältetechnischen Verfahren zu beobachten, die sich wegen ihres niedrigen Temperaturniveaus unter anderem auch für die Kopplung mit solarthermischen Kollektoren gut eignen. Schwerpunkt sind thermisch angetriebene Kältemaschinen mit kleiner Kälteleistung (typisch < 30 kW), offene Sorptionsverfahren, die flüssige Sorptionsmittel nutzen und nicht sorptiv arbeitende thermisch angetriebene Kälteprozesse (insbesondere Dampfstrahlkältemaschinen). Eine aktuelle Übersicht von Entwicklungen in Europa (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) enthält Tabelle 1.
| Arbeitsmittel | Sorptions-mittel | Entwickler | Antriebs-temperatur | Schlüsselmerkmale; Kurzbeschreibung (z. B. Kälteleistung) | |
| Geschlos-sene Kreisläufe (Kaltwasser-erzeuger) | Wasser | Lithium-bromid | Fa. Rotartica, Forschungszentrum Ikerlan (beide Spanien) | 70-95°C | Rotierender Absorber/ Generator; sehr kleine DTs; luftgekühlt; 10 kW Ikerlan |
| Fa. EAW, ILK Dresden (beide Deutschland) | 80-90°C | Systeme mit Kälteleistung ab 15 kW marktverfügbar | |||
| Fa. Phönix Sonnenwärme; ZAE Bayern; TU Berlin (alle Deutschland) | 70-95°C | Anlage mit Nennleistung 10 kW; gutes Teillastverhalten; Prototypen im Testbetrieb | |||
| Polytechnische Universität Katalonien (Terrassa, Spanien) | 75-95°C | Direkt luftgekühlte Anlage; noch in Entwicklung | |||
| Silikagel | Fa. Sortech; Fraunhofer- Institut ISE (beide Deutschland) | 65-95°C | Kompaktes Design; keine internen, beweglichen Teile; Nennleistung 10 kW; Prototpyen im Testbetrieb | ||
| Lithium-chlorid | Fa. Climatewell; Solar Energy Research Center (beide Schweden) | 70-100°C | Speicher mit hoher Energiedichte integriert; Prototypen im Testbetrieb | ||
| Natrium-sulfid | Fa SWEAT; Forschungszentrum ECN (beide Niederlande) | 80-90°C | Speicher mit hoher Energiedichte integriert; modularer Aufbau; noch in F+E |
||
| Ammoniak | Wasser | Fa. AoSol; Forschungszentrum INETI (beide Portugal) | 100-120°C | Verwendung von Standardkomponenten; trockene Rückkühlung | |
| Forschungszentrum Joanneum Research (Österreich) | 80-110°C | Prototyp im Betrieb; anpassbar für verschiedene Anwendungen und T-Niveaues | |||
| Fa. SolarCool, Fachhochschule Stuttgart (Deutschland) | 70-120°C | Keine Lösungsmittelpumpe; kleine Leistung (einige kW); noch in F+E |
|||
| Offene Systeme | Wasser | Lithium-chlorid | Fa. Menerga; Test Fraunhofer ISE (beide Deutschland) | 60-90°C | Flüssigsorption integriert in System mit Platten-WT und indirekter Verdunstungskühlung; Prototyp-Anlage im Testbetrieb |
| Technion Haifa (Israel) | 60-90°C | Flüssigsorptionsanlage; Pilotanlage im Betrieb | |||
Forschungszentrum ZAE Bayern (Deutschland) |
60-90°C | Flüssigsorptionssystem mit Speicher mit hoher Speicherdichte; Pilotanlage | |||
| Zeolith | Fraunhofer Institut ISE (Deutschland) | 60-100°C | Hocheffizientes, durch indirekte Verdunstungskühlung gekühltes System zur Luftentfeuchtung |
Tabelle 1: Übersicht über aktuelle Entwicklungen im Bereich der thermisch angetriebenen Kühlung mit Bedeutung für die solare Klimatisierung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
Zusammenfassung
Unterschiedliche technische Lösungen zur Nutzung thermischer Solarenergie
für die sommerliche Gebäudeklimatisierung sind marktverfügbar.
Die Anwendung dieser Techniken kann zu nennenswerten Reduktionen im Primärenergieverbrauch
führen, sofern die Systeme entsprechend ausgelegt sind. Voraussetzung hierfür
ist eine ausreichende Dimensionierung des Solarkollektor-Feldes und - je nach
Randbedingungen - die Integration von Speichern in das Gesamtsystem.
Die Anzahl der heute installierten Anlagen ist allerdings noch sehr gering.
Erfahrungen mit installierten Anlagen und deren Betrieb belegen die Notwendigkeit
weiterer messtechnisch begleiteter Demonstrationsanlagen.
Eine neue Anwendungsmöglichkeit in den nächsten Jahren ergibt sich
aus der zunehmenden Verfügbarkeit kleiner thermisch angetriebener Kältemaschinen.
Dadurch sind auch Anwendungen im kleinen Leistungsbereich (< 30 kW) erschließbar.
Eine interessante Kombination stellt z. B. die Erweiterung von solarthermischen
Anlagen zur Brauchwassererwärmung und Heizungsunterstützung (Kombianlagen)
um eine kleine Kältemaschine dar. Damit kann eine sinnvolle Nutzung der
bislang nicht nutzbaren Überschüsse der Solaranlage im Sommer erreicht
werden.
|
Literatur Henning, 2005 Hans-Martin Henning: Solar Assisted Air
Conditioning of Buildings - an Overview. Proc. Heat SET 2005 - Heat Transfer
in Components and Systems for Sustainable Energy Technologies, 5-7 April
2005, Grenoble, France |
*) Dr. Hans-Martin Henning leitet am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE die Abteilung Thermische Anlagen und Gebäudetechnik hansm@ise.fhg.de, www.ise.fhg.de [^]