Solare Prozesswärme
Aktives solares Kühlen

Mit dem zunehmenden Einsatz von größeren Solaranlagen auch im Wohnungsbau
zur solaren Heizungsunterstützung und der Installation von Niedertemperaturheizsystemen
- wie Wand- oder Fußbodenheizung - stellt sich oft die Frage, wie die
überschüssige Wärme im Sommer genutzt werden kann. Die Verwendung
einer Sorptionswärmepumpe als Zusatzgerät zum Heizkessel kann im Winter
nicht nur die Nutzung der Primärenergie des Heizkessels durch Umweltwärme
aufwerten, sondern sie kann - bei geeigneter Größe der Solaranlage
- zu einer zusätzlichen Nutzung der Solaranlage und des Sorptionsreaktors
für die sommerliche Raumkühlung führen.
Sorptionsreaktor zur solaren Heizung und Kühlung
Von Thomas Nùnez, Walter Mittelbach und Hans-Martin Henning*
Dies setzt voraus, dass das Design des Sorptionssystems sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen geeignet ist. In dieser Konstellation wird nicht nur das Sorptionssystem sondern auch die Solaranlage das ganze Jahr besser genutzt. Der Wunsch von vielen Anwendern im Wohnungsbereich die solar erzeugte überschüssige Wärme im Sommer zur Raumklimatisierung einzusetzen ist bislang grundsätzlich daran gescheitert, dass es auf dem Markt kein geeignetes System zu kaufen gibt. Um diesen Anwendungen eine Chance zu geben wird von der Firma SorTech AG in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer ISE ein Sorptionsreaktor für kleine Leistungen entwickelt, der sowohl zu Wärmepumpenzwecken als auch zur Raumkühlung eingesetzt werden kann.
Entwicklung des Sorptionsreaktors
Der derzeit entwickelte Prototyp besteht aus zwei identischen Modulen, in denen jeweils ein Adsorptionswärmetauscher und ein weiterer Wärmetauscher als Verdampfer/Kondensator enthalten sind. In beiden Fällen handelt es sich um Lamellenwärmetauscher, wobei der Adsorptionswärmetauscher mit dem Adsorbensgranulat - bei der vorliegenden Entwicklung handelt es sich um Silikagel - gefüllt ist. Beide Wärmetauscher sind in eine vakuumdichte Hülle aus Edelstahl eingeschweißt und bilden eine geschlossene Einheit, die nur noch hydraulisch angeschlossen werden muss. Das Prozesswasser befindet sich in der Bodenwanne und bedeckt teilweise den Verdampfer/Kondensator. In Abbildung 1 ist der Aufbau eines Moduls dargestellt.
Abbildung 1: Aufbau des Adsorptionsreaktors
Die beiden Module werden antizyklisch betrieben: während das eine Modul
regeneriert wird, befindet sich das zweite Modul in der Adsorptionsphase. Mit
dieser Betriebsweise wird eine quasikontinuierliche Kälte- bzw. Nutzwärmebereitstellung
gewährleistet. Eine Hydraulik-Einheit übernimmt die interne hydraulische
Verschaltung der Module und die Verbindung der Wärmepumpe zu den drei externen
Temperaturniveaus. Zur Steuerung der Anlage wurde eine integrierte Regelung
auf Basis eines Micro-Controllers entwickelt, die die interne Dynamik und Zyklendauer
des Sorptionssystems an den externen Bedarf (aktuelle Leistung und Heizungs-
bzw. Kühlungsvorlauftemperatur) anpasst. Der Sollwert der Vorlauftemperatur
der Nutzwärme (Heizen oder Kühlen) kann durch einen externen Regler
nach der Außentemperatur oder anderen Kriterien vorgegeben werden. In
Abbildung 2 ist ein Schema des Adsorptionssystems dargestellt. Zwei identische
Module werden durch eine hydraulische Schalteinheit an die Wärmequellen
und Wärmesenke angeschlossen. Eine interne Regelung übernimmt die
Steuerung der Anlage.
Der Prototyp wurde in der Werkstatt der SorTech AG gefertigt und auf dem Teststand
des Fraunhofer ISE vermessen. Für den Heizbetrieb im Winter wird die Adsorptionswärmepumpe
mit Wärme auf hohem Temperaturniveau z. B. aus einem Heizungskessel betrieben.
Dabei wird Wärme von dem niedrigen Temperaturniveau, vorzugsweise Umweltwärme,
auf das mittlere Temperaturniveau angehoben und stellt die Nutzenergie dar.
Beim Betrieb als Kältemaschine zur solaren Kühlung wird die Wärmepumpe
mit Solarwärme angetrieben. Die dem Raum entzogene Wärme wird auf
das mittlere Temperaturniveau angehoben und muss als Abwärme abgeführt
werden. Für den hier vorgestellten Prototypen sind im mittleren Temperaturniveau
Werte zwischen 25 °C und 45 °C geeignet, im tiefen Temperaturniveau
ca. 10 °C bis 20 °C. Zum Antrieb sind Temperaturen ab 75 °C bis
95 °C vorgesehen.
Abbildung 2:
Schema der Adsorptionswärmepumpe
Messergebnisse
Es wurden Messungen zur Ermittlung der Wärmeverhältnisse durchgeführt.
Das Wärmeverhältnis (Verhältnis der Nutzwärme bzw. Nutzkälte
zur eingesetzten Antriebswärme, engl. COP coefficient of performance) kann
sowohl für die Nutzung während der Heizperiode zur Bereitstellung
der Heizwärme als auch für die Nutzung des identischen Systems zur
Kühlung während der Sommermonate angegeben werden. Das Wärmeverhältnis
COPHeizen wird aus der bereitgestellten Energie auf dem mittleren Temperaturniveau,
Qmittel, und der Antriebsenergie auf hohem Temperaturniveau, Qhoch, über
einen Zyklus berechnet. Das Wärmeverhältnis COPKühlen entsprechend
aus dem Verhältnis der Energie Qtief auf tiefem Temperaturniveau und der
Antriebsenergie Qhoch auf hohem Temperaturniveau.
Für die Leistungen bei den drei Temperaturniveaus wird die mittlere Leistung
über einen Zyklus berechnet. Diese Berechnet sich aus der umgesetzten Energie
geteilt durch die Zyklusdauer.
Eine weitere wichtige Größe ist der Temperaturhub DThub. Der Temperaturhub
ist die Temperaturdifferenz zwischen mittlerem Temperaturniveau und tiefem Temperaturniveau
und gibt die Temperaturanhebung der Wärmepumpe an. Dabei wird je nach Anwendung
die Vorlauf- bzw. die Rücklauftemperatur angesetzt. Für Kühlanwendungen
ist Ttief die Rücklauftemperatur aus der Maschine, Tmittel ist die Vorlauftemperatur
in die Maschine. Bei Wärmepumpenbetrieb wird für Ttief die Vorlauftemperatur
in die Maschine, für Tmittel die Rücklauftemperatur aus der Maschine
angesetzt.
In Abbildung 3 sind die Messergebnisse für die beiden Wärmeverhältnisse
COPHeizen und COPKühlen als Funktion des Temperaturhubes DThub dargestellt.
In Abbildung 4 ist der Leistungsbereich der Adsorptionswärmepumpe über
dem Temperaturhub dargestellt. Die unterschiedlichen Leistungen in diesem Diagramm
werden allein durch die Temperaturbedingungen festgelegt. Es wurden Antriebstemperaturen
von 80-95 °C, Nutztemperaturniveaus von 25-45 °C und Niedertemperaturniveaus
von 10-20 °C eingesetzt.
Abbildung 3:
Wärmeverhältnis im Heizbetrieb COPHeizen
und im Kühlbetrieb COPKühlen als Funktion des Temperaturhubs DThub
Abbildung 4: Mittlere Zyklenleistung der Anlage über dem Temperaturhub
DThub für den Heiz- und Kühlbetrieb.
Untersuchung des Einsatzpotenzials
Basierend auf den Leistungsdaten des vermessenen Prototypen wurde das Einsatzpotenzial der entwickelten Technik untersucht, um attraktive Anwendungsfelder zu identifizieren. Zu diesem Zweck wurde ein einfaches Simulationsmodell einer gesamten Anlage erstellt; eine entsprechende Anlage wird derzeit im Rahmen des von der EU geförderten Projektes MODESTORE (Modular High Energy Density Sorption Storage) geplant und anschließend eine Anlage für Feldtests gebaut. Ein Schema zeigt Abbildung 5. Zum Antrieb der Adsorptionswärmepumpe AdWP im Winter ist ein Heizkessel vorgesehen, als Niedertemperaturwärmequelle wird eine Erdreichsonde eingesetzt.
Abbildung 5: Gesamtsystem mit Solaranlage, Solarpufferspeicher, Warmwasserspeicher und Adsorptionswärmepumpe (AdWP)
Nutzungskonzept
Dem System liegt folgendes Nutzungskonzept zu Grunde:
Heizung:
Kühlung:
Systemsimulationen
Die Solaranlage wird ganzjährig zur Erwärmung des benötigten Warmwassers genutzt. Im Simulations-Programm werden alle Komponenten mit Ausnahme des Pufferspeichers und des Erdreichs als stationäre Kennlinienmodelle beschrieben; für den Kollektor wurden die Daten eines üblichen Flachkollektors mit selektiver Beschichtung verwendet. Das Gebäude in Niedrigenergiestandard (Nutzfläche 200 m², Heizenergiebedarf von 65 kWh/(m² a)) wurde in Form einer Lastzeitreihe beschrieben, die mit TRNSYS ermittelt wurde. In Tabelle 1 sind Ergebnisse für unterschiedliche Systemkonfigurationen (Größe Solarsystem, mit/ohne AdWP, Standort) zusammengefasst.
Tabelle 1: Ergebnisse von Systemsimulationen.
AdWP-Typ: ohne = Solarkombisystem ohne Adsorptionswärmepumpe und
Erdsonde;
aktuell = Adsorptionswärmepumpe der Fa. SorTech AG entsprechend
dem heutigen Stand;
erreichbar = realistisch erreichbare Kennwerte der Adsorptonswärmepumpe
(Entwicklungsziel).
|
Standort
|
Kollektor-fläche
|
Speicher-volumen
|
nutzbare Solar-gewinne
|
AdWP-Typ
|
Einsparung Brennstoff
|
Einsparung Brennstoff
|
Kühlung
|
|
[m²]
|
[Liter]
|
[kWh/m²]
|
-
|
[kWh]
|
[%]
|
[kWh]
|
|
|
Freiburg
|
15
|
1000
|
274,5
|
ohne
|
3489
|
20,1
|
0
|
|
419,6
|
aktuell
|
5344
|
30,9
|
1713,9
|
|||
|
419,7
|
erreichbar
|
7259
|
41,9
|
1754,5
|
|||
|
20
|
1300
|
213,3
|
ohne
|
4025
|
23,2
|
0
|
|
|
404,4
|
aktuell
|
5836
|
33,7
|
2459,4
|
|||
|
403,9
|
erreichbar
|
7691
|
44,4
|
2564,4
|
|||
|
25
|
1600
|
203,1
|
ohne
|
4502
|
26,0
|
0
|
|
|
395,4
|
aktuell
|
6258
|
36,1
|
3089,2
|
|||
|
394,3
|
erreichbar
|
8052
|
46,5
|
3270
|
|||
|
Madrid
|
15
|
1000
|
419,5
|
ohne
|
5559
|
32,3
|
0
|
|
698,9
|
aktuell
|
6790
|
39,5
|
3086,8
|
|||
|
697,3
|
erreichbar
|
8626
|
50,1
|
3174
|
|||
|
20
|
1300
|
367,9
|
ohne
|
6680
|
38,8
|
0
|
|
|
682,7
|
aktuell
|
7828
|
45,5
|
4115,1
|
|||
|
680,9
|
erreichbar
|
9485
|
55,1
|
4356,3
|
|||
|
25
|
1600
|
330
|
ohne
|
7620
|
44,3
|
0
|
|
|
667,2
|
aktuell
|
8690
|
50,5
|
4812,1
|
|||
|
663,6
|
erreichbar
|
10192
|
59,2
|
5243,6
|
Zunächst zeigt sich, dass die nutzbaren Solargewinne bei den Varianten
mit AdWP mit steigender Kollektorfläche nur gering abnehmen, während
diese bei reinem Solarkombisystem deutlich abnehmen. Grund ist die Nutzung
der Solaranlage zur Raumkühlung im Sommer bei Variante mit AdWP, während
bei einem System ohne AdWP die Solaranlage im Sommer erhebliche nicht verwendbare
Überschüsse produziert. Der zusätzliche Nutzen eines Systems
mit AdWP gegenüber einem System ohne AdWP liegt demnach einerseits in einer
größeren Minderung des Brennstoffverbrauchs durch Ausnutzung des
Wärmepumpeneffekts zum Heizen und zum anderen in der Bereitstellung eines
zusätzlichen Nutzens, nämlich der Kühlung im Sommer. Dabei wird
deutlich, dass mit der aktuellen Version der AdWP ("aktuell" in Tabelle
1) die technisch erreichbaren Werte ("erreichbar" in Tabelle 1) noch
unterschritten werden.
In Abbildung 6 ist die mittels Simulation ermittelte monatliche Verteilung der
Energien für den Standort Freiburg für eine Größe der Solaranlage
von 25 m² (Pufferspeicher 1600 Liter) und eine optimierte AdWP dargestellt.
Abbildung 6: Ergebnisse der Systemsimulation: monatliche Energieverteilung (Freiburg) Solaranlage 25m², 1600 Liter Pufferspeicher und AdWP
Die Ergebnisse zeigen, dass durch den Einsatz der Adsorptionswärmepumpe
der Nutzen der Solaranlage im Vergleich zu reinen Solarkombi-Anlagen deutlich
erhöht wird, da neben dem Wärmeverbrauch - Brauchwassererwärmung
und Heizung - ein zusätzlicher Nutzen in Form der sommerlichen Kühlung
erbracht wird.
Danksagung
Die Entwicklung des Adsorptionsreaktors wurde im Rahmen eines Verbundprojektes
(Förderkennzeichen 0327278B) vom Bundesministerium für Wirtschaft
und Arbeit (BMWA) und die Simulationsrechnungen von der EU im Rahmen des Projektes
MODESTORE (NNE5-2001-00979) gefördert.
*) Dr.
Tomas Nùnez ist
wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme
ISE in Freiburg, Deutschland, tomas.nunez@ise.fhg.de
Dr. Hans-Martin Henning leitet
am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE die Abteilung Thermische
Anlagen und Gebäudetechnik, hansm@ise.fhg.de,
www.ise.fhg.de
Dipl.-Phys. Walter Mittelbach
ist Geschäftsführer der SorTech AG in Halle a. d. Saale, Deutschland
[^]