Solare Prozesswärme
Passives Kühlen
Ein
komfortables Raumklima ist wichtig für unser Wohlbefinden und in der Regel
überhaupt die Hauptfunktion unserer Gebäude.
Dabei kann Kühlen genauso wichtig sein wie Heizen. Gegen kalte Temperaturen
können wir uns sogar besser schützen als gegen zu warme. Allerdings
sind die Klimabedingungen in Mitteleuropa so, dass meist auf eine Gebäudekühlung
verzichtet werden kann.
Geeignete Systeme für effizientes Kühlen
Immer häufiger sind jedoch die Fälle, bei denen spezielle Maßnahmen
erforderlich sind, um auch im Sommer ein komfortables Raumklima sicherzustellen.
Die Ursache ist nicht allein die Klimaerwärmung, welche besonders und immer
häufiger in Städten zu Wärmeinseln führt. Weitere Faktoren
beeinflussen diese Entwicklung maßgebend.
In erster Linie sind es wohl die erhöhten Benutzeransprüche, die zu
vermehrter Kühlung führen. Vor allem deshalb haben mobile Klimageräte
stark wachsende Verkaufszahlen. Dass dies nicht unbedingt ein unnötiger
Luxus ist, belegt eine schwedische Studie (D. Wyon). Sie zeigt, dass bei Raumtemperaturen
von 23 °C die Leistungsfähigkeit am besten ist und bei höheren
Temperaturen die geistige und vor allem die körperliche Leistungsfähigkeit
abnehmen (siehe Abbildung 1). Komfortable Raumtemperaturen sind deshalb nicht
einfach Luxus, sondern auch eine Voraussetzung für gute Arbeitsplätze.
In energieeffizienten Neubau wird in Zukunft das Kühlen einen ähnlichen
Stellenwert wie das Heizen einnehmen.
Abbildung 1: Sowohl bei zu tiefen wie bei zu hohen Temperaturen nimmt die Leistungsfähigkeit des Menschen rasch ab
Vorgehen bei der Systemwahl
Die Wahl eines Kühlsystems erfolgt primär aufgrund der benötigten
Kühlleistung. Aus wirtschaftlichen Überlegungen wird man dafür
das System auswählen, welches den geforderten Komfort zu möglichst
geringen Kosten sicherstellt.
Mit dem nachfolgenden Entscheidungsbaum soll eine Orientierungshilfe gegeben
werden, um die geeigneten Systeme bestimmen zu können. Dabei wurde versucht,
für die jeweils gegebene Situation, die kostengünstigste Lösung
bezüglich Investitions- und Betriebskosten aufzuzeigen.
Der Entscheidungsbaum in Abbildung 2 stellt natürlich eine Vereinfachung
dar, von welcher die reale Situation abweichen kann. Die angegebenen Leistungen
gelten primär für das deutsche Binnenklima 1 und 2 und das schweizerische
Mittelland. Die Systemkosten werden in der Regel mit der Leistungsfähigkeit
der Systeme zunehmen. Im Einzelfall ist es aber auch durchaus möglich,
dass aufgrund spezieller baulicher Gegebenheiten die Kosten abweichen können.
Der Entscheidungsbaum soll dazu dienen, während dem Vorprojekt die verfügbaren
Kühlstrategien zu evaluieren. Er führt durch drei Entscheidungsebenen:
bauliche Voraussetzungen und Kühllast, verfügbare Kältesenken
und Kälteverteilung / -abgabe.
Es ist sinnvoll, die baulichen Voraussetzungen als Erstes zu optimieren. Es
ist leicht einzusehen, dass eine Gebäudekühlung nur dann sinnvoll
ist, wenn die baulichen Anforderungen bezüglich sommerlichem Wärmeschutz
erfüllt werden. Die ist auch eine Voraussetzung für den Bedarfsnachweis
für eine Kühlung.
Im Vordergrund steht dabei die Reduktion der Wärmelast, aber auch die Trägheit
des Gebäudes, welche die kurzfristige Erwärmung verhindert. Dies ist
nicht nur eine Frage des Energieverbrauchs, sondern auch des Komforts. Der Komfort
ist immer besser, je kleiner die benötigten Leistungen sind. Erst bei einem
optimierten Gebäude ist es sinnvoll, die geeignete Kältesenke für
die Kühlung zu wählen. Hier sind es vor allem die Wirtschaftlichkeit
und die örtlichen Gegebenheiten (Grundwasser, Fundamentpfählung etc.),
die zur Wahl eines Systems führen.
Als letztes erfolgt die Wahl des Kälteverteilsystems. Häufig wird
vor allem hier die Leistungsfähigkeit des Systems bestimmt. Entscheidend
ist vor allem, ob mit Luft oder mit wasserführenden Systemen dem Gebäude
die Wärme entzogen wird.
Abbildung 2:
Entscheidungsbaum für die Systemwahl
(Sechseck: Entscheidung; Rechteck: Empfohlene Systemwahl; Kap.:
Hinweis auf Kapitel in [2])
Bauliche Voraussetzungen
Sommerlicher Wärmeschutz
Im Allgemeinen soll bei verschatteten Fenstern der Gesamtenergiedurchlassgrad
für Solarstrahlung 15 % nicht übersteigen. Bei stark verglasten Gebäuden
sollte er unter 10 % liegen. Bei der Wahl der Beschattungseinrichtung ist darauf
zu achten, dass nicht nur ein guter Sonnenschutz, sondern auch eine gute Tageslichtnutzung
möglich ist [3] [6]. Außenjalousien stellen den wirksamsten Sonnenschutz
dar. Innenliegende Storen dienen primär dem Blendschutz. Abbildung 3 stellt
die bilanzierten Fassaden einander gegenüber.
Damit bei gekühlten Räumen die Wärmespeicherfähigkeit der
Baumasse ausgenützt werden kann, ist mindestens eine mittelschwere Bauweise
mit einer speicherwirksamen Masse pro Raum von > 300 kg/m² anzustreben. Weiters
ist auf ein geeignetes Beleuchtungskonzept zu achten. Hier bietet ein tageslichtgesteuertes
Konzept mit intensiver Tageslichtnutzung große Vorteile. Die Nennbeleuchtungsstärken
wurden gegenüber früheren Richtwerten eher reduziert.
Abbildung 3: Strahlungsbilanz am Fenster, links mit innen-liegender Jalousie, rechts mit außenliegender
Geringe Kühllast
Die externen und internen Lasten sind aufzuaddieren. Ergeben sich weniger als
150 Wh/(m²·d), so besteht eine geringe Wärmelast, die in der Regel
durch ein geeignetes Lüftungskonzept zu bewältigen ist. Damit mit
Nachtlüftung wirksam gekühlt werden kann, sollte die Nachttemperatur
während mindestens 5 Std. unter 21 °C liegen.
Mittlere Kühllast
Wärmelasten zwischen 150 und 250 Wh/(m²·d) erfordern bereits besondere
Maßnahmen zur Vermeidung der Übererwärmung. In diesem Bereich
stehen hybride Kühlsysteme im Vordergrund.
Fällt die Nachttemperatur unter 16 °C, was bei Gebäudestandorten
auf etwa 800 m ü.M. häufig der Fall ist, so können auch noch
Wärmelasten bis zu 250 Wh/(m²·d) über die natürliche oder
mechanische Lüftung abgeführt werden. Auch dort, wo problemlos die
natürliche Nachtlüftung als Querlüftung realisiert werden kann,
können höhere Wärmelasten abgeführt werden. Dies bedingt
allerdings, dass auch eine große, auskühlbare Gebäudespeichermasse
vorhanden ist. Dieses Konzept kann eine sehr gute Kühlleistung ergeben.
Es ist jedoch stark benutzerabhängig und schlecht kontrollierbar.
Die Grundwassernutzung kann über ein offenes oder ein geschlossenes System
erfolgen. In beiden Fällen ist eine Nutzung im Sommer und im Winter anzustreben.
Offene Systeme sind vergleichbar mit Gewässern, mit einer Entnahme- und
einer Rückspeisungsstelle. Geschlossene Systeme sind Erdsonden oder Luftansaug-Erdregister.
Bei nächtlichen Außentemperaturen unter 20 °C können erhöhte
Wärmelasten auch über Kühltürme gezielt abgeführt werden.
Hohe Kühllast
Wärmelasten von mehr als 250 Wh/(m²·d) sind relativ hoch. Sie erfordern
in der Regel den Einsatz von Kältemaschinen. Nebst der Wärmelast pro
Tag müssen auch die stündlichen Lastspitzen berücksichtigt werden.
Dies erfordert in der Regel detaillierte Systemsimulationen.
Wichtige Kühltechniken
Nachtlüftung
Normalerweise ist im Bürogebäude eine natürliche Lüftung
nur in den Morgenstunden (7.00 bis 11.00 Uhr) möglich. Bei geeigneten baulichen
Maßnahmen (z. B. Jalousien) ist auch nachts ein gewisser Luftaustausch
möglich. Tagsüber sollte nur die Grundlüftung zu Sicherstellung
der Luftqualität gewährleistet werden. Die mechanische Nachtlüftung
beruht auf dem gleichen Prinzip, wie die passive bzw. natürliche Nachtlüftung.
Lediglich der gezielte Luftwechsel führt zu einer besser kontrollierbaren
Auskühlung.
Luftansaug-Erdregister
Sie sind vor allem interessant, um im Winter die Zuluft zu erwärmen und
im Sommer zu kühlen. Es ergeben sich interessante Kombinationsmöglichkeiten
mit anderen Systemen, insbesondere mit Quellluftsystemen, da die Zulufttemperatur
selbstregelnd praktisch immer etwas unter der Raumlufttemperatur liegen wird.
Erdwärmesonden
Mit den stark gefallenen Kosten von Bohrungen sind die bis zu 100 m tief ins
Erdreich dringenden Erdwärmesonden populär geworden. Besonders interessant
sind auch hier kombinierte Anwendungen zum Kühlen und Heizen. Die Kühlung
erfolgt normalerweise direkt über den geschlossenen Kreislauf, wogegen
zum Heizen häufig auch Wärmepumpen eingesetzt werden [7].
Wärmepumpe
Kleine Wärmepumpen, welche dem Gebäude Wärme entziehen und mindestens
teilweise diese Wärme auf höherem Temperaturniveau für andere
Anwendungen (z. B. Warmwasser) bereitstellen, können sowohl finanziell wie
auch energetisch äußerst interessant sein. Anlagen mit einer installierten
Leistung von weniger als 5 W/m² (10 W/m² bei Sanierungen) werden deshalb behördlich
in der Regel überall ohne weitere Bedingungen akzeptiert.
Schlussbemerkungen
Die internen Wärmelasten haben - bedingt durch die zunehmende Verbreitung
von Informatikmitteln - vor allem im Dienstleistungsgebäuden zugenommen.
Sie wurden in der Vergangenheit oft überschätzt und durch die energetische
Verbesserung der EDV-Mittel konnte die Zunahme der internen Lasten stark gebremst
werden. Trotzdem hat der Stromverbrauch der Büromatik langsam aber stetig
zugenommen.
Nicht zuletzt dürfte aber auch falsches Benutzerverhalten für viele
überwärmte Räume mitverantwortlich sein. Besonders bei energieeffizienten,
hochisolierten Bauten können innere Wärmelasten nicht mehr so leicht
abgeführt werden. Zwar schützt die Hülle im Sommer auch sehr
gut vor eindringender Wärme, offene oder unbeschattete großzügige
Fensterflächen lassen jedoch rasch zuviel Wärme hinein, die nicht
mehr leicht abgeführt werden kann. Ebenso problematisch ist die Wärmeabgabe
von Geräten und Beleuchtungen, die unnötig in Betrieb sind.
Die methodischen Grundlagen zur Systemwahl wurden im Rahmen einer Diplomarbeit
der RWTH Aachen erarbeitet [1]. Sie bilden ein zentrales Entscheidungsinstrument,
für welches im Handbuch der passiven Kühlung [2] weiterführende
Planungsrichtlinien zusammengestellt wurden. Der vorliegende Beitrag stellt
einen Auszug aus dem Handbuch dar. Eine umfassende Ausführung aller angeführten
Kühlsysteme und der Entscheidungskriterien zur Systemwahl finden sich im
"Handbuch der passiven Kühlung" [2].
|
Literatur [1] I. Plato: Low Energy Cooling - Bearbeitung eines Verfahrens zur Auswahl
des optimalen Raumkühlkonzepts während der Entwurfsphase, insbesondere
zur Evaluation passiver und hybrider Systeme in Bürobauten, RWTH
Aachen/EMPA Dübendorf, Juli 1995 Bezugsnachweis "Handbuch der passiven Kühlung": Mark Zimmermann
|
*) Mark Zimmermann ist Mitarbeiter der Eidg. Materialprüfungs- und Forschungsanstalt am Zentrum für Energie und Nachhaltigkeit in Gebäuden in Dübendorf, Schweiz [^]