Solare Prozesswärme
Passives Kühlen
Das
in Stadl-Paura (OÖ) errichtete ChristophorusHaus beherbergt mit der MIVA
(Missions- Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft) und dem Beschaffungsbetrieb der MIVA
(BBM) zwei eigenständige Betriebe, welche sich durch ihre Tätigkeit
in der Mission und Entwicklungszusammenarbeit auch mit der ökologisch verträglichen
Energie- und Wasserversorgung in Entwicklungsländern beschäftigen.
Die damit gegebene Identifikation mit der Thematik war ausschlaggebend, ihr
neues Bürogebäude nach energierelevanten und ökologischen Gesichtspunkten
in Passivhausbauweise zu errichten.
Das Christophorus Haus
Von Waldemar Wagner, Dagmar Jähnig, Ernst Blümel*
Gebäudekonzept
Motiviert durch das sehr früh involvierte Planungsteam (Architekten, Energietechniker,
Holzbautechniker) entschied sich die Geschäftsführung zum Bau eines
multifunktionalen Gebäudes mit Büro-, Logistik- Geschäfts- und
Veranstaltungsräumlichkeiten in Passivhausbauweise. Die Gesamtnutzfläche
umfasst rund 2.100 m², wobei der Bürotrakt 1.215 m², der Lagerbereich
inklusive Waschbox 325 m² und der Keller 550 m² ausmacht (siehe Abbildung
1).
Die ambitionierten Zielvorgaben reichten dabei neben der Zertifizierung des
Gebäudes als "qualitätsgeprüftes Passivhaus" durch
das Passivhaus-Institut in Darmstadt über die Minimierung der sommerlichen
Kühllasten bis hin zur Realisierung einer Energieversorgung, die den Restenergiebedarf
(Heizen und Kühlen) zur Schaffung behaglicher Raumtemperaturen mittels
Umweltenergien abdeckt.
Um diese Vorgaben auch realisieren zu können, war es notwendig das dynamische
Verhalten des Gebäudes durch Modellierung und Simulation in der Simulationsumgebung
TRNSYS möglichst exakt den tatsächlichen Rahmenbedingungen anzupassen.
Nur so war es möglich, dass das ChristophorusHaus durch konsequente Optimierungsarbeiten
an Architektur, Bauweise und Konstruktion entscheidend verbessert und schlussendlich
mit einem durchschnittlichen Heizwärmebedarf von 14 kWh/m²a, einem
gesamten Primärenergiebedarf von 49 kWh/m²NGF und einer Luftwechselzahl
n50 von 0,4 h-1 vom Passivhausinstitut in Darmstadt als "qualitätsgeprüftes
Passivhaus" zertifiziert wurde. Die Überreichung des Zertifikats erfolgte
innerhalb der Eröffnungsfeierlichkeiten am 18. Oktober 2003 durch Dr. Wolfgang
Feist.
Abbildung 1: Grundrisse des ChristophorusHauses, Links: EG, Rechts: 1. und 2. OG (identisch)
Energie- und Lüftungskonzept
Die schrittweise Reduktion des Energiebedarfes für Heizen und Kühlen war die Voraussetzung für die Definition eines nachhaltigen und gleichzeitig kostengünstigen Systems zur Energieversorgung. Aufgrund des doch erheblichen Kühlenergiebedarfes spielte hier vor allem die Kälteversorgung eine entscheidende Rolle. Neben den Vorgaben einer Energieversorgung aus erneuerbaren Energieträgern bzw. Umweltenergien, galt es auch den betriebswirtschaftlichen Vorgaben zu entsprechen. Um diese Vorgaben zu erfüllen, wurde vom Energie-Planungsteam ein monovalentes System ausgearbeitet, das sowohl Wärme- als auch Kälteversorgung in einem ermöglicht (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Blockschaltbild zur Wärme-, Kälte- und Frischluftversorgung des Christophorus-Hauses
Die Energieversorgung erfolgt im Winter über eine Wärmepumpe mit Erdsonden als Wärmequelle gepaart mit einer hocheffizienten Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Im Sommer erfolgt die Kühlung des Gebäudes mittels "direct cooling" über die Erdsonden. Die Energieabgabe in den Räumen passiert zum einen über das Lüftungssystem (Grundlast) zum anderen über Heiz- bzw. Kühlflächen. In Tabelle 1 sind die wesentlichen Komponenten zur Energieversorgung bzw. Energieabgabe und deren Aufgaben angeführt.
Tabelle 1: Komponenten zur Energieversorgung bzw. Energieabgabe, deren Aufgaben
und technischen Eckdaten
| Energieversorgung | Anwendung | Technische Daten |
| Erdsonden | Heizen (Wärmepumpe) und Kühlen ("direct cooling") | 8 x 100 m Duplex - Erdsonden, (Doppel-U-Rohre DN 32) |
| Wärmepumpe | Heizen | Nennleistung 43 kW bei COP 4,03 |
| PV - Anlage | Deckung des überwiegenden Jahresstrombedarfs der Wärmepumpe | 10 kWpeak |
| Thermische Solaranlage | Brauchwassererwärmung | 5 m² Kollektorfläche |
| Energieabgabe | Anwendung | Technische Daten |
| Lüftungsanlage für die Büroräume | Frischluftversorgung, Heizen, Kühlen | Nennvolumenstrom 2.800 m³/h, Wärmerückgewinnungsgrad 78% |
| Lüftungsanlage für die Seminar- und Veranstaltungsräume | Frischluftversorgung, Heizen, Kühlen | Nennvolumenstrom 1.000 m³/h, Wärmerückgewinnungsgrad 86% |
| Heiz- und Kühlflächen | Heizen, Kühlen | "direct cooling" ~ 25 W/m² |
Monitoring
Die Erfahrung zeigt, dass bei Objekten mit einem sehr hohen Innovationsgrad
wie beim ChristophorusHaus, neben einem integralen Planungsansatz (frühzeitige
Einbindung sämtlicher Gewerbe), einer sorgfältigen, fachgerechten
Bauausführung, das Monitoring den dritten wesentlichen Bestandteil einer
erfolgreichen Qualitätssicherung darstellt.
Nur so kann gewährleistet werden, dass einerseits mögliche Optimierungen
im Gebäudebetrieb zielgerichtet durchgeführt, andererseits wertvolle
Erkenntnisse für zukünftig zu errichtende nachhaltige Gebäude
gewonnen werden können. Im gegenständlichen Projekt wurde ein umfangreiches,
über zwei Jahre laufendes Monitoring vom Bundesministerium für Verkehr,
Innovation und Technologie (BMVIT) beauftragt.
Ergebnisse aus dem ersten Betriebsjahr
Das im April 2004 gestartete Monitoring soll einerseits das Zusammenspiel aller
wesentlichen haustechnischen und nutzerspezifischen Parameter zeigen, sowie
anderseits eine Validierung des gesamten Energiekonzeptes ermöglichen.
Die Evaluierung beinhaltet dabei die Analyse von Komfortparametern (Raumtemperatur
und Raumfeuchte) und von thermischen und elektrischen Energieströmen (Heizen,
Kühlen, Warmwasser) über das gesamte Gebäude, einzelne Büroeinheiten
sowie diverse Verbrauchergruppen (Wärmepumpe, Technikstrom, etc.).
Zur objektiven Beurteilung des Gebäudes und einer Vergleichbarkeit mit
Objekten an anderen Standorten werden außerdem die Globalstrahlung auf
die horizontale Ebene und die Außentemperatur erfasst. Diese Daten sind
nicht nur zur Beurteilung des Raumklimas von Relevanz, sie sollen in weiterer
Folge auch für eine klimabereinigte Beurteilung des Heiz- und Kühlbedarfs
des Gebäudes herangezogen werden. Ein Vergleich zwischen den Simulationsergebnissen
aus der Planungsphase und den tatsächlichen Daten beim Betrieb des Gebäudes
wird somit möglich.
Abbildung 3:
Überblicksdiagramm zum Raumklima mit Raumtemperatur
und Raumfeuchte im Sommer 2004 und im Winter 2004/05
Abbildung 3 zeigt in den Verlauf der Minimal-, Maximal- und Mitteltemperaturen sowie der relativen Feuchten in den vermessenen Büroräumen als Tagesmittelwerte über den Messzeitraum von je drei Monaten für den Sommer 2004 und den Winter 2004/05. Die Außentemperatur und die globale Solareinstrahlung sind ebenfalls im Diagramm dargestellt und dienen der besseren Bewertung der äußeren Einflüsse. Es ist ersichtlich, dass die Raumtemperaturen durchwegs auch über längere Betrachtungsperioden sehr konstante, behagliche Temperaturen entsprechend der Jahreszeit aufweisen. So bewegt sich die Temperatur während der Bürozeiten im Sommer 2004 in der Regel im Bereich von 21 °C bis 26 °C und im Winter 2004/05 zwischen 22 °C und 23 °C.
Abbildung 4: Raumtemperaturen in Abhängigkeit von der Außentemperatur
Abbildung 4 zeigt die Punktwolke der mittleren Raumtemperatur über der mittleren Außentemperatur, mit dem Behaglichkeitsbereich nach DIN1946 (gelb hinterlegte Fläche), als Stundenmittelwert in 10 ausgewählten Räumen, bei denen aufgrund der Orientierung Überhitzungsneigung besteht. Die relativ enge Streuung der Raumtemperatur lässt erkennen, dass das Zusammenspiel von Gebäudemassen, Dämmung, Glasflächen und Klimatechnik sehr gut funktioniert.
Betrachtet man die Raumtemperaturverläufe für den Sommer- und Winterbetrieb
etwas detaillierter für jeweils zwei Wochen und in Form von Stundenmittelwerten,
so ergeben sich die in Abbildung 5 dargestellten Verläufe. Beim Sommerbetrieb
ist zu erkennen, dass trotz Außentemperaturen von über 30 °C
die Raumtemperatur sehr konstant verläuft. Teilweise Spitzen treten hierbei
nur im oberen Bereich des Atriums auf. Die Temperaturabfälle in der Nacht
(Seminarraum, Buffet) sind mit der Nachtlüftung erklärbar.
Auch im Winterbetrieb kann man erkennen, dass bei niedrigen Außentemperaturen
über einen längeren Zeitraum die Raumtemperaturen konstant im Behaglichkeitsbereich
liegen. Weiters ist eine bewusste Temperaturabsenkung des kaum genutzten Seminarraums,
sowie aller Räume in der Nacht ersichtlich.
Abbildung 5: Raumtemperaturverlauf an zwei heißen Sommerwochen und an zwei kalten Winterwochen
Die Raumtemperaturen verlaufen sehr konstant und liegen in einem sehr behaglichen Bereich. Diese konstanten Temperaturverläufe über mehrere Tag/Nachtzyklen sind umso bemerkenswerter, da die Lüftungsanlage, die im wesentlichen das Energieverteilsystem darstellt, nur tagsüber und nur von Montag bis Samstag in Betrieb ist. Dadurch ist es möglich den Betrieb der Lüftungsanlage wesentlich effizienter für den Erhalt einer guten Luftqualität anzupassen.
Abbildung 6: Heiz- und Kühlenergie - Kennwerte (Mai 2004 bis März 2005)
Im nächsten Schritt ist es interessant, ob die sehr guten Raumbedingungen
auch mit den prognostizierten geringen Energieverbrauch realisiert werden können.
Abbildung 6 zeigt dazu die monatliche Energiebilanz für die bisherigen
11 Monate der Monitoringphase. Neben der zum Heizen verwendeten Energie ist
die zum Kühlen verwendete Energie mit negativen Werten dargestellt. Addiert
man die Kühlenergie (negative Werte) im betrachteten Zeitraum, so liegt
der Kühlenergiebedarf bei 6,4 kWh/m² und Jahr (NGF). Diese Kühlenergie
wird ausschließlich im "direct cooling Betrieb" bereitgestellt,
das heißt, die Erdsonden liefern die erforderliche Kühlenergie direkt
aus dem Erdreich ohne zusätzlichen Energieeinsatz. Die Messdaten entsprechen
somit den Planungsdaten, die je nach berücksichtigten Klimadatensatz 4,5
kWh/m²a (gemäßigter Sommer) und 10 kWh/m²a (heißer
Sommer) betragen.
Der Heizenergiebedarf liegt bei 19,3 kWh/m² Jahr (ohne April). Vergleicht
man diesen mit den Ergebnissen aus der Planungsphase (8 kWh/m²a für
einen sehr milden Winter und 19 kWh/m²a für einen sehr kalten Winter),
so liegen die Monitoringergebnisse auf den ersten Blick zwar geringfügig
höher als die Planungsdaten, was jedoch bei detaillierter Betrachtung sehr
einfach zu erklären ist. Der Grund für diese Abweichung liegt bei
einer geringeren Belegung des Gebäudes als in der Planungsphase angenommen
(weniger Leute, weniger PC). Weiters wurde auch noch keine Klimabereinigung
durchgeführt.
Fazit
Trotz der schwierigen Ausgangsbedingungen, die ein Bürohaus mit sich bringt,
wie hoher Glasanteil, hoher Anteil an Leichtbauweise, hohe innere Lasten, unterschiedlichste
individuelle Bedürfnisse, ständiger Besucherstrom und unterschiedlichste
Belegungen, ist es beim ChristophorusHaus in ausgezeichneter Art und Weise gelungen
mit sehr geringem Energieaufwand ein äußerst behagliches Raumklima
zu schaffen.
Die sehr guten Messergebnisse bestätigen einmal mehr den Erfolg und die
Notwendigkeit einer dreistufigen Qualitätssicherung, welche aus einem integrierten
Planungsprozess, hochwertige Bauüberwachung bzw. -ausführung und einem
Mindestmonitoring besteht. Das ChristophorusHaus ist nicht nur im Bereich der
Energieeffizienz ein leuchtendes Beispiel für die Umsetzung eines multifunktionalen
Bürogebäudes, sondern geht weit über die Passivhausanforderungen
hinaus.
Es wurde auch besonderer Wert auf den Einsatz von ökologisch vertretbaren
Baustoffen bzw. auf nachwachsende Rohstoffe gelegt.
Durch eine optimierte Tageslichtnutzung bzw. eine geregelte künstliche
Beleuchtung konnte auch in diesem Bereich ein wertvoller Beitrag für ein
wegweisendes Gesamtkonzept geleistet werden.
Schlussendlich spiegelt auch ein nachhaltiges Konzept der Wasserversorgung und
Abwasserentsorgung das hohe Bewusstsein des Bauherrn und seines Teams für
den Klimaschutz und den sensiblen Umgang mit Ressourcen wieder.
*)Ing. Waldemar Wagner, Dipl.-Ing. Dagmar Jähnig und Dipl.-Ing. Ernst Blümel sind AEE INTEC- Mitarbeiter, w.wagner@aee.at [^]