Solare Prozesswärme
Passives Kühlen
Betritt
man an heißen Sommertagen eine alte Kirche, weiß man die angenehme
Kühle zu schätzen. Auch Häuser mit massiven Ziegel- oder Betonwänden
heizen sich im Sommer nur langsam auf. Sie profitieren von der Masse der Bausubstanz.
Modernen, in Leichtbauweise errichteten Gebäuden fehlt die Gebäudemasse
und im Sommer wird es schnell unerträglich heiß. Latentwärmespeicher
ermöglichen es, leichte Gebäude thermisch schwer zu machen.
Phasenwechselmaterialien
Von Peter Schossig und Thomas Haussmann*
Wärmespeicherung mit Latentwärmespeicher
Die Speicherung von Wärme ist gewöhnlich mit einer Temperaturerhöhung
des Speichermaterials verbunden. Die eingespeicherte Wärme ist fühlbar,
deshalb wird diese Form als "sensibel" bezeichnet. Ein Latentwärmespeicher
hingegen kann bei einer bestimmten Temperatur Wärme aufnehmen oder abgeben,
ohne dass sich die Temperatur verändert. Die Aufnahme bzw. Abgabe der Wärme
bewirkt stattdessen eine Änderung des Aggregatszustandes der Latentwärmespeichermaterialien,
die daher auch als "Phasenwechselmaterialien" (engl. Phase Change
Materials, "PCM") bezeichnet werden.
Beim Erstarren wird die gespeicherte Wärme wieder abgegeben. Latente Wärmespeicherung
führt im Vergleich zu sensibler Wärmespeicherung zu einer hohen Speicherdichte
in einem engen Temperaturbereich. Wasser als PCM ist ein gutes Beispiel: Bei
fortwährender Wärmezufuhr beträgt die einen Eiswürfel umgebende
Temperatur so lange 0 °C, bis dieser vollständig geschmolzen ist. Mit
der dafür benötigten Wärme ließe sich dieselbe Wassermenge
anschließend auf 80 °C aufheizen. Über die Wahl des geeigneten
PCM lässt sich die Schmelztemperatur, bei der die Wärmespeicherung
stattfinden soll, weitgehend einstellen. Im Baubereich werden heute oft Paraffine
als PCM eingesetzt mit Schmelztemperaturen im Bereich von 24-26 °C. Um diese
Wachse einsetzen zu können, müssen diese verkapselt werden. Seit einigen
Jahrzehnten wurden immer wieder Untersuchungen mit makroskopischen Kapseln durchgeführt,
die aber an einer Vielzahl von Problemen scheiterten. Im Rahmen eines Forschungsprojektes
wurden gemeinsam vom Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme (ISE)
in Freiburg und den Industriepartnern BASF, maxit, DAW und STO erstmals mikroverkapselte
Paraffine und darauf basierende Baustoffe entwickelt. Mikrokapseln sind Kunststoffkapseln
mit Durchmessern im Bereich 5 bis 20 µm. Die Mikroverkapselung birgt verschiedene
Vorteile:
Seit Anfang 2005 sind mikroverkapselte Paraffine von BASF auf dem Markt unter dem Markennamen "Micronal" frei erhältlich (www.micronal.de).
Passive Kühlung von Gebäuden mit PCM
Im Rahmen eines Forschungsvorhabens wurden zwei Latentwärmespeicherbaustoffe für den Einsatz im Innenbereich von Gebäuden entwickelt: zum einen eine Spachtelmasse mit einer Wärmespeicherkapazität von ca. 40J/g, was einem PCM-Massenanteil von ca. 40% entspricht, und zum Zweiten ein Gipsputz mit einer Wärmespeicherkapazität von ca. 20J/g bzw. 20 Gewichts-% PCM. Der Gipsputz ist seit 2005 unter dem Namen "maxit clima" (www.maxit.de) auf dem Markt erhältlich. Beide Produkte wurden intensiv am Fraunhofer ISE vermessen, angefangen bei kleinen Materialproben im mg-Maßstab, über Wandmuster mit einer Größe von 50x50 cm bis hin zu ganzen Testräumen. Um die Effekte der PCM-Produkte in der praktischen Anwendung bewerten zu können, wurden zwei identische Testräume in typischer Leichtbauweise aufgebaut. Dabei wurde jeweils ein Raum mit den neuen Baustoffen ausgestattet und der andere Raum mit einem jeweils vergleichbaren Referenzprodukt ohne PCM . In den PCM-Räumen wurde eine 6 mm PCMSpachtelmassenschicht bzw. eine 15 mm PCM-Gipsputzschicht verwendet.
Abbildung 1: Wandtemperaturen während der Vermessung des Gipsputzes. Im PCM-Raum können bis zu 4 K niedrigere Temperaturen erreicht werden. Dafür ist eine Nachtlüftung mit ausreichend hoher Luftwechselrate erforderlich
Erwartungsgemäß zeigt sich ab 24 °C in dem mit PCM ausgestattetem
Testraum ein stark verlangsamter Temperaturanstieg gegenüber dem Referenzraum.
Über mehrere Tage konnten bis zu 4 K niedrigere Luft- und Wandtemperaturen
erzielt werden. Notwendig hierfür ist ein ausreichend hoher Luftwechsel
für das Entladen des Latentwärmespeichers über Nacht. Bei den
obigen Messungen wurden Luftwechselraten von ca. 5 ac/h im Zeitraum von 22 bis
8 Uhr eingestellt und tagsüber auf den minimalen (hygienischen) Luftwechsel
von 0,5 ac/h reduziert. EAuf eine Verschattung w wurde in der dargestellten
Testperiode verzichtet, in der Regel wird aber eine Begrenzung des solaren Energieeintrages
sinnvoll sein. Abbildung 2 zeigt Dauerlinien der Temperaturen in den beiden
Testzellen für die Messperiode. Dafür wurde die Summe der Stunden
aufgetragen, an denen eine bestimmte Raumlufttemperatur im Referenz- bzw. PCM-Raum
überschritten wurde. Durch den Einsatz des PCMs konnte die Anzahl der Stunden
oberhalb von 28 °C beispielsweise von ca. 50 auf 5 Stunden reduziert werden.
Zu sehen ist jedoch auch, dass die garantierte Einhaltung von Temperaturgrenzen
mit passiven Latentwärmespeichersystemen nicht möglich ist.
Mit den neuen Baustoffen wurden mittlerweile einige Gebäude in Deutschland
ausgestattet. Eingesetzt wurden die Baustoffe sowohl im Neubau, als auch bei
Renovationsvorhaben
Abbildung 2: Dauerlinie der Raumlufttemperatur in den beiden Testräumen. Die Kurven zeigen die Anzahl der Stunden, an denen eine bestimmte Raumlufttemperatur überschritten wurde. Durch das PCM konnten die Stunden oberhalb von 28 °C von ca. 50 auf 5 Stunden reduziert werden.
Abbildung 3: Einbau der PCM-Kühldecke in die Testräume des Fraunhofer ISE. Jeweils ein Raum wurde mit der PCM-Kühldecke und der zweite mit einer vergleichbaren konventionellen Decke ausgestattet. Dadurch kann der Einfluss des PCM auf den Raum bestimmt werden.
Einsatz von Latentwärmespeichern in aktiv durchströmten Kühlsystemen
Das passive Kühlungskonzept mit PCM unterliegt zwei wesentlichen Beschränkungen.
Zum einen ist der Wärmeübergang Wand/Luft begrenzt, was wiederum die
Eindringtiefe der Wärme in die Putzschicht innerhalb eines 24-Stunden-Zyklus
und somit die maximal nutzbare Schichtdicke beschränkt. Zum anderen steht
für die Rückkühlung nur die kühle Nachtluft zur Verfügung.
In warmen Nächten mit Temperaturen oberhalb von 20 °C kann somit der
Latentwärmespeicher nicht ausreichend entladen werden. Insofern ist die
Anwendbarkeit der Systeme nicht möglich, wenn die Einhaltung von bestimmten
Temperaturobergrenzen vorgeschrieben ist.
Am Fraunhofer ISE werden deshalb derzeit in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern
BASF, maxit und DAW in einem neuen, vom deutschen Bundesministerium für
Wirtschaft und Arbeit gefördertem Forschungsvorhaben, aktive Wasser-durchströmte
Kühlsysteme mit PCM entwickelt. Die bereits entwickelten Latentwärmespeicherbaustoffe
wurden dafür im ersten Schritt mit konventionellen, Wasser-durchströmten
Kühldecken kombiniert. Beim ersten realisierten System wurde auf eine abgehängte
Decke eine 3 cm dicke Gipsputzschicht aufgetragen (vgl. Abbildung 3). In die
Mitte der Putzschicht wurden Kapillarrohrmatten eingebettet. Dies ermöglicht
die Nutzung alternativer Wärmesenken, wie beispielsweise Brunnenwasser,
Kühltürme oder ähnliches, wodurch Lastspitzen, die beim oben
beschriebenen passiven System nicht kompensiert werden konnten, nun aktiv abgeführt
werden. Der Einsatz von Latentwärmematerialien in diesem Zusammenhang ermöglicht
eine wesentlich energieeffizientere Nutzung der bekannten Kühltechniken.
In den Übergangzeiten Frühling und Herbst kann die Kühldecke
nach wie vor rein passiv nachts durch Fensterlüftung regeneriert werden,
wodurch der Energiebedarf stark reduziert wird. Während der Hauptlastzeiten
im Sommer ermöglicht die Verwendung der PCMs, dass die Pumpenlaufzeiten
reduziert werden und dass die Rückkühlung in die thermisch wie wirtschaftlich
günstigeren Nachtzeiten verschoben werden kann. Darüber hinaus können
die Rückkühlanlagen aufgrund niedrigerer Spitzenlasten kleiner als
bei konventionellen Systemen ausgelegt werden.
Wichtige Aspekte bei der Entwicklung der Systeme sind die Wahl des Schmelzpunktes
und die Lage der Kapillarrohrmatten in der Putzschicht. Am Fraunhofer ISE wurden
bereits erste Testräume mit einer PCM-Kühldecke und der entsprechenden
Referenzdecke ausgestattet. Erste Messungen ohne Fluidkreislauf ergaben wieder
einen Unterschied von bis zu 4 K in den Deckentemperaturen. Messungen mit aktiver
Kühlung werden in den kommenden Monaten in den Testräumen durchgeführt
werden.
*) Dipl.-Ing. Peter Schossig und Dipl.-Ing. (FH) Thomas Haussmann sind Wissenschaftler am Freiburger Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE, und beschäftigen sich seit einigen Jahren mit der Entwicklung von Baustoffen und anderen Anwendungen mit Latentwärmespeichermaterialien, peter.schossig@ise.fraunhofer.de, thomas.haussmann@ise.fraunhofer.de [^]