Solare Prozesswärme
Thema
Betrachtet man den Energieverbrauch der Sektoren Industrie, Transport, Haushalte
und den Dienstleistungssektor, so wird deutlich, dass in den OECD-Ländern
die Industrie, knapp gefolgt vom Transport mit rund 30% den höchsten Anteil
am Energieverbrauch aufweist. Bedingt durch die Tatsache, dass fossile Energie
billig und scheinbae unbegrenzt zur Verfügung stand, wurden bisher in Gewerbe-
und Industriebetrieben nur bescheidene Anstrengungen unternommen, fossile Energieträger
durch erneuerbare zu ersetzen.
Solarwärme für industrielle Prozesse
Die Nutzung der Sonnenenergie für gewerbliche und industrielle Produktionsprozesse
sowie zur Beheizung von Produktionshallen blieb bisher auf wenige Anwendungen
beschränkt. Die bis zum Ende des Jahres 2004 weltweit installierte Kollektorfläche
von ca. 148 Millionen Quadratmetern, mit einer Leistung von rund 104 GWth wurde
nahezu ausschließlich zur Warmwasserbereitung und Raumheizung im Wohn-
und Beherbergungsbereich sowie für die Beheizung von Schwimmbädern
eingesetzt /1/.
Um den Sektor Industrie für solarthermische Anwendungen zu erschließen,
werden im Rahmen eines von der AEE INTEC geleiteten IEA Projektes (Task 33/IV)
Potenzialstudien erstellt, Mitteltemperaturkollektoren entwickelt, sowie systemtechnische
Lösungen zur Integration von Solarwärme in industrielle Prozesse untersucht.
Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit der Solarindustrie Demonstrationsprojekte
realisiert.
Task 33/IV ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Solar Heating and Cooling
Programm und dem SolarPACES Programm der Internationalen Energieagentur (IEA),
an dem sich 16 Institute und 11 Firmen aus acht Ländern beteiligen. Die
Beteiligung der österreichischen Experten wird vom Bundesministerium für
Verkehr, Innovation und Technologie finanziell unterstützt.
Industrieller Niedertemperaturbedarf
Eine erste Aufgabe der Task 33/IV war es, das Potenzial für solare Prozesswärme
zu untersuchen, die existierenden Anlagen zu dokumentieren und Anwendungsbereiche
sowie Erfahrungen, die mit den Anlagen gemacht wurden, zu analysieren.
Die bisher für die drei Länder Spanien, Portugal und Österreich
vorliegenden Potenzialstudien zeigen, dass der industrielle Wärmebedarf
im Niedertemperaturbereich, der solarthermisch deckbar wäre, bei rund 26
PJ liegt (technisch umsetzbares Potenzial) /2/. Selbst wenn es nur gelingt,
10% dieses Potenzials in den kommenden Jahren zu erschließen, was nur
1,2% des industriellen Niedertemperaturbedarfs dieser drei Länder entspricht,
dann wäre dafür die Installation einer Leistung von 1,4 GWth, entsprechend
zwei Millionen Quadratmetern Kollektorfläche erforderlich.
Stand der Anwendung
Weltweit wurden im Rahmen der Task 33/IV mehr als 60 Anlagen mit einer installierten
Leistung von 42 MWth, entsprechend 60.000 m² Kollektorfläche im Industrie-
und Gewerbebereich dokumentiert /3/.
Wie aus Abbildung 1 ersichtlich ist, sind derzeit die wesentlichen Einsatzbereiche
für solarthermische Anlagen in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie,
in der Textil- und Chemieindustrie sowie bei einfachen Waschprozessen wie z.
B. Autowaschanlagen. Dies liegt vor allem an den Temperaturniveaus, die für
die Prozesse dieser Branchen erforderlich sind. Die notwendigen Prozesstemperaturen
liegen im Bereich von 30°C bis maximal 90°C, weshalb hauptsächlich
Flachkollektoren eingesetzt werden, die bis zu diesem Temperaturbereich einen
guten Wirkungsgrad aufweisen. Neben der Prozesswärmebereitstellung wird
Solarwärme auch zur Beheizung von Produktionshallen genutzt.
Abbildung
1: Bisher dokumentierte thermische
Solaranlagen in verschiedenen Sektoren /3/
Aus Tabelle 1 ist ersichtlich, dass in den dargestellten Branchen neben Niedertemperaturprozessen bis 80°C auch ein beachtliches Potenzial im mittleren Temperaturbereich bis ca. 250°C erschließbar wäre.
Tabelle 1: Prozesse mit dem größten Potenzial für solarthermische Anwendungen
| Industriesektor | Prozess | Temperaturniveau [°C] |
| Lebensmittel und Getränke | Trocknen | 30 - 90 |
| Waschen | 40 – 80 | |
| Pasteurisieren | 80 – 110 | |
| Kochen | 95 – 105 | |
| Sterilisieren | 140 – 150 | |
| Wärmebehandlung | 40 – 60 | |
| Textilindustrie | Waschen | 40 –80 |
| Bleichen | 60 – 100 | |
| Färben | 100 – 160 | |
| Chemieindustrie | Kochen | 95 – 105 |
| Destillieren | 110 – 300 | |
| Div. chem. Prozesse | 120 - 180 | |
| Alle Sektoren | Vorwärmung von Kesselwasser | 30 – 100 |
| Beheizung von Industriehallen | 30 – 80 |
Entwicklung von Mitteltemperaturkollektoren
Da die derzeit verfügbaren Kollektoren entweder das erforderliche Temperaturniveau nicht mit entsprechendem Wirkungsgrad erreichen, oder wie im Fall der Parabolrinnenkollektoren sich die Optimierung bisher vor allem an den Erfordernissen von solarthermischen Kraftwerken orientierte, werden im Rahmen der Task 33/IV drei Kategorien von Mitteltemperaturkollektoren (Arbeitstemperatur von 80 bis 250°C) entwickelt:
Eine ausführliche Darstellung des Entwicklungsstandes ist im Beitrag
von Matthias Rommel in dieser Ausgabe der „erneuerbare energie“
zu finden.
Integration von Solarwärme in industrielle
Prozesse
Da Solaranlagen für die Bereitstellung industrieller Prozesswärme
sehr schnell eine Größenordnung von 500 bis 1000 m² Kollektorfläche
erreichen, stellt dies eine neue Herausforderung an die Systemtechnik und insbesondere
an das Stillstandsverhalten der Anlagen dar, da damit gerechnet werden muss,
dass Anlagen über Wochenenden oder in Betriebsferien nicht genutzt werden.
Eine weitere Herausforderung ist die Integration von Solarwärme in industrielle
Prozesse selbst. Bei der Nutzung von thermischer Solarenergie müssen das
Temperaturniveau, die zur Verfügung gestellte Wärme, die Abhängigkeit
der Solarenergie von tages- und jahreszeitlichen Schwankungen sowie das Wärmebedarfsprofil
der industriellen Anwendung in Betracht gezogen werden.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurden mehr als 20 systemtechnische
Konzepte entwickelt, die den unterschiedlichen Anforderungen der Wärmeträger
(Luft, Wasser-Glykol, Druckwasser oder Dampf), den Temperaturniveaus und den
zu versorgenden Prozesse entsprechen. Diese Konzepte werden nun in Demonstrationsanlagen
umgesetzt und erprobt.
Die folgenden drei beispielhaften Anwendungen sollen einen Einblick in die Bandbreite
der industriellen Anwendungen vermitteln.
Solare Trocknung
Die Trocknung von Papier, von Textilien nach Färbeprozessen, von Holz
oder von Lebensmitteln kann durch unterschiedliche Trocknungsverfahren erreicht
werden. Diese reichen von einfacher Lufttrocknung unter freiem Himmel bis hin
zu komplexen mechanischen Verfahren (Pressen, Zentrifugieren, Vakuumtrocknung)
oder thermischen Trocknungsmethoden. Vor allem im Bereich der thermischen Trocknungsverfahren
gibt es ein enormes Potenzial für die Einkopplung von Solarwärme.
Neben dem geforderten Temperaturniveau und Medium sind bei der Nutzung von Solarenergie
aber auch die geforderten Drücke, der Feuchtegehalt des Trockengutes sowie
der Anlagenbetrieb von entscheidender Bedeutung. Je nach Anwendungsfall werden
Trocknungsprozesse im sog. „Batch-Betrieb“ oder kontinuierlich betrieben.
Trocknung im Batch-Betrieb erfolgt üblicherweise nur bei kleinen Produktionsmengen,
wie beispielsweise im Lebensmittelbereich. Dieser kann bedingt durch Erntezeiten
zudem auch starke saisonale Spitzen aufweisen.
Kontinuierliche Trocknungsverfahren mittels Trommel- oder Bandtrockner werden
überwiegend in der Papier- und Textilindustrie eingesetzt, wo hohe Durchsatzleistungen
und Geschwindigkeiten gefordert sind. Die Beheizung dieser Anlagen erfolgt üblicherweise
über ein Dampfnetz.
Ein Anwendungsbereich, der für Einkopplung von Solarenergie ein großes
Potenzial aufweist, ist die Lebensmittelindustrie, wo üblicherweise zur
Trocknung Temperaturen zwischen 30 und 80°C erforderlich sind.
Beispielhaft wird hier eine Kaffeetrocknungsanlage vorgestellt, die im Rahmen
eines IEA Projektes in Costa Rica errichtet wurde. Zahlreiche Anlagen mit ähnlichem
Systemkonzept wurden in den USA, in Südamerika, in China und Indien für
die Trocknung von Tee, Mais und Tabak von einer kanadischen Firma errichtet
/5/.
Bei diesem einfachen Systemkonzept wird die im Luftkollektor erwärmte Luft zur Vorwärmung der Zuluft für den Biomassekessel genutzt. Da die Anlage ohne Speicher betrieben wird, betrug der Systempreis dieser Anlage inkl. Montagekosten nur rund 100 Euro pro Quadratmeter installierter Kollektorfläche.
Abbildung 2: Solare Kaffeetrocknung in Coopeldos, Costa Rica, Installierte Leistung: 595 kWth (850 m² Solar Wall Kollektor). Links: Kollektordach, rechts: Warmluftkanal vom Kollektor.
Waschprozesse kommen vor allem in der Lebensmittel- und Textilindustrie sowie
im Transportsektor vor. Für die meisten dieser Reinigungsprozesse liegen
die geforderten Temperaturen zwischen 40 and 90°C, daher bieten sie optimale
Einsatzbereiche für konventionelle Flach- und Vakuumröhrenkollektoren.
Das Systemkonzept für derartige Anwendungen kann ähnlich ausgeführt
werden wie bei großen Anlagen zur Warmwasserbereitung im Wohnbereich.
In den meisten Fällen wird das Wasser nach dem Reinigungsprozess nicht
direkt wieder verwendet. Eine Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser
sollte je nach Temperaturniveau, das noch zur Verfügung steht, in Erwägung
gezogen werden.
Einsatzbereiche, wo enorme Warmwassermengen erforderlich sind, sind Flaschenwaschmaschinen
in der Lebensmittelindustrie, Waschprozesse von Textilien und das Waschen von
Transportbehältern (Tanks und Container) im Transportsektor.
Ein großes Potenzial wird darüber hinaus bei Molkereien gesehen.
Für österreichische Molkereien wurden bisher sehr vielversprechende
Vorstudien für diesen Sektor durchgeführt. Die Leistung der Solaranlagen
in diesem Sektor liegen in einer Größenordnung von 1 bis 10 MWth,
wie auch eine von mehreren bereits realisierten Anlagen aus Griechenland zeigt.
Die Solaranlage auf der Molkerei Tyras in Trikala hat eine installierte Leistung
von 730 kWth (1040 m²). Der durchschnittliche Jahresertrag der Anlage liegt
bei 700 MWh bei einem solaren Anteil am Gesamtwärmebedarf von knapp 7%.
Die Gesamtinvestitionen für die Solaranlage beliefen sich auf 172.500 Euro,
was einem Systempreis von 166 Euro pro Quadratmeter installierter Kollektorfläche
entspricht. Durch die Förderquote von 50%, wurde auch die von der Industrie
geforderte kurze Amortisationszeit erzielt.
Abbildung 3: Die Solaranlage mit 1040 m² versorgt die Waschprozesse der Molkerei Tyras in Trikala, Griechenland
Destillation und chemische Prozesse
Um auch Prozesstemperaturen zwischen 120 und 250°C solarthermisch bereitstellen
zu können, werden in mehreren Projekten Parabolrinnenkollektoren mit kleinen
Abmessungen entwickelt und in Pilotanlagen erprobt. Der Wärmeträger
in diesen Systemen ist entweder Druckwasser oder Dampf.
Eine erste Demonstrationsanlage für eine Anwendung im industriellen Mitteltemperaturbereich
wurde im Jänner 2004 für den Pharmabetrieb „El NASR Pharmaceutical
Chemicals“ in Ägypten errichtet und in Betrieb genommen.
Abbildung 4: 1,33 MWth (1900 m²) Parabolrinnen-Kollektoranlage für „El NASR Pharmaceutical Chemicals“ in Ägypten (Foto: Fichtner Solar GmbH)
Die Anlage besteht aus zwei hydraulischen Kreisen mit je 36 Parabolrinnenkollektoren.
Mit einer Kollektorfläche von 1900 m² werden 1,3 Tonnen Sattdampf
(173 °C und 8 bar) pro Stunde produziert. Der Sattdampf wird in das bestehende
Dampfnetz des Pharmabetriebs eingespeist, das mit einem Druck von 7,5 bar betrieben
wird.
Um die Leistungsunterschiede zu ermitteln, wurde ein Teil der Parabolrinnen
(Kreis 1) an der Frontseite mit einer Glasabdeckung versehen, der zweite Kreis
hat keine Glasabdeckung. Die Anlage wurde von der Firma Fichtner Solar GmbH
aus Deutschland geplant und über den African Development Fund finanziert.
Tabelle 2: Prozessbeschreibung und Anlagenschema der Demonstrationsbeispiele
Literatur: Weitere Informationen: |
*) Ing. Werner Weiß ist Geschäftsführer der AEE INTEC, w.weiss@aee.at, www.aee-intec.at [^]