Solare Prozesswärme
Thema
Einer
der großen Effekte menschlichen Handelns auf die Zukunftsfähigkeit
ist die globale Erwärmung verursacht durch klimarelevante Gasemissionen.
Der Großteil dieser Gase kommt aus Verbrennungsprozessen, an welchen die
industriellen Produktionen wiederum einen großen Anteil haben. Hier kann
eine signifikante Veränderung nur durch eine Umstellung auf erneuerbare
Energieträger erfolgen, die aber simultan mit einer Erhöhung der Energieeffizienz
umgesetzt werden muss.
Kosteneinsparung durch Energieeffizenz
Von Christoph Brunner und Hans Schnitzer*
Einer der großen Effekte menschlichen Handelns auf die Zukunftsfähigkeit
ist die globale Erwärmung verursacht durch klimarelevante Gasemissionen.
Der Großteil dieser Gase kommt aus Verbrennungsprozessen, an welchen die
industriellen Produktionen wiederum einen großen Anteil haben. Hier kann
eine signifikante Veränderung nur durch eine Umstellung auf erneuerbare
Energieträger erfolgen, die aber simultan mit einer Erhöhung der Energieeffizient
umgesetzt werden muss.
In vielen Industrieländern auch in moderaten Klimaten bietet sich die Nutzung
der Sonnenenergie in thermischen Anlagen als CO2-freie Alternative an. Nach
dem Bereich der Wärme für den Wohnbereich geht es nunmehr darum, die
industrielle und gewerbliche Prozesswärme als nächsten hoffnungsträchtigen
Markt für Solarkollektoren zu eröffnen. Diese Arbeit beschäftigt
sich mit dem Potenzial für solare Prozesswärme in Österreich
und stellt am Beispiel einer Molkerei eine konkrete Einsatzmöglichkeit
dar.
In Österreich betrug 2000 der industrielle Energieeinsatz 205 PJ und war
damit für 21% des nationalen Endenergieeinsatzes von 965 PJ verantwortlich.
[Energieverwertungs-agentur, 2004]. Die Solarenergie könnte theoretisch
in Österreich kurzfristig 3,3 PJ und mittelfristig 5,4 PJ Prozesswärme
ersetzen [Müller et al., 2003] und ist mit einem unmittelbaren Potenzial
von ca. 2,6 Mio. m² bzw. 4,3 Mio. m² Kollektorfläche sicherlich
ein wesentli-cher zukünftiger Markt für die Solarthermik (zum Vergleich:
in Österreich sind Ende 2003 2,7 Mio. m² im Bereich Warmwasser und
Raumheizung installiert [Faninger 2004]). Der Einsatz von Solarenergie für
Prozess-wärme ersetzt hauptsächlich fossile Energieträger wie
Öl und Gas und vermindert sowohl klassische Emissionen (Staub, NOx, SO2)
als auch CO2 als das wesentliche treibhauswirk-same Gas.
Der vorliegende Beitrag ist ein Teil der von JOANNEUM RESEARCH im gemeinsam
mit der AEE INTEC und dem Institut RNS der TU Graz durchgeführten Forschungsarbeiten
des Projektes SolProBat in der Programmlinie „Energiesysteme der Zukunft“
des BMVIT. In einer ebenso unter „Energiesysteme der Zukunft“ finanzierten
Teilnahme am Task 33 „Industrial Solar Heat“ des SHC-Programms der
IEA werden diese Ergebnisse international abgeglichen (www.iea-ship.org).
Industrielle Energiesysteme
Die meisten industriellen Herstellungsprozesse benötigen thermische Energie
(Wärme), die in Kesselanlagen bereitgestellt und sodann in der Produktionsanlage
verbreitet wird.
Abbildung
1: Elemente eines typischen industriellen
Energiesystems
Ein industrielles Energiesystem (vgl. Abbildung 1) besteht aus mehreren Subsystemen,
Besonders das Kühl- und Rückgewinnsystem sind meist in der Anlage integriert und räumlich nicht separiert. In Einzelfällen werden Produktionsanlagen auch direkt beheizt.
Typische Niedertemperaturprozesse
Von ihrer technischen Einsetzbarkeit her sind Solarkollektoren zumindest in
moderaten Klimaten auf Niedertemperaturprozesse beschränkt (kurzfristig
Anwendungen mit Temperaturen bis 100°C, mittelfristig bis 250°C). Die
Betrachtung und Analyse dieser Prozesse kann nicht generell durchgeführt
werden, zu unterschiedlich sind Randbedingungen und Anforderun-gen z.B. für
Reinigungsanlagen oder Flaschenwaschanlagen in der Lebensmittelindustrie, das
Waschen von Textilien oder das Reinigen bzw. Entfetten metallischer Werkstücke
vor einer Oberflächenbehandlung.
Bei einer Analyse des industriellen Energieeinsatzes im Niedertemperaturbereich
stößt man aber auf immer wiederkehrende verfahrenstechnische Grundoperationen,
von denen einige nachfolgend aufgezählt sind.
Vielversprechende Industriebranchen
Obwohl die oben angeführten Verfahren in praktisch jeder Industriesparte
vorkommen, zeichnen sich doch einige Branchen durch ein besonders großes
Potenzial aus.
Aus dem bekannten Endenergieverbrauch der Branchen des produzierenden Bereiches
[Statistik Austria 2000] und deren Verteilung auf die Nutzenergie-Kategorien
lässt sich gut erkennen, dass es einige Branchen gibt, in denen Hochtemperaturprozesse
dominieren (Eisen- und Stahlerzeugung, Glas, Steine und Erden, Metallerzeugnisse,
NE-Metalle). In diesen Betrieben ist die Versorgung der Niedertemperaturprozesse
durch Ab-wärmenutzung bzw. Wärmerückgewinnung sinnvoller als
die Investition in eine zusätzliche, wenn auch CO2-neutrale Energieversorgung
aus Solarenergie.
Aus anderen Prozessen und Branchen mit hohem Energieeinsatz ist bekannt, dass
die hohen Durchsätze nur durch große Temperaturunterschiede in den
Apparaten zu gewährleisten sind; ein Beispiel dafür sind Papier- &
Pappeherstellung.
Die folgende Diskussion bezieht sich daher auf die Branchen, die für die
Anwendung von Solarwärme erfolgversprechend sind.
Wärmeintegration
In vielen Produktionsprozessen steht dem Wärmebedarf ein Angebot an Abwärme gegen-über. Die Nutzung der Abwärme bietet den Vorteil, dass das Angebot mit dem Bedarf weit-gehend konform geht. Bei der Wärmerückgewinnung muss darauf geachtet werden, dass die Energie auf einem möglich hohen Temperaturniveau wieder genutzt wird. Die energietechnisch korrekte Vorgangesweise bei der Planung von Wärmetauscher-Netzwerken beschreibt die PINCH-Theorie [Ferner, Schnitzer, 1990]. Diese teilt die Produktionsanlagen in einen kälteren Teil, der einen Wärmeüberschuss aufweist und somit Kühlbedarf hat und einen heißeren, der einen Wärmebedarf hat. Dies geschieht durch eine thermodynamische Addition der Ströme in einem Energie-Temperaturdiagramm.
Abbildung 2: Darstellung je zwei heißen und kalten Prozessströmen in einem Diagramm
Aus dieser Darstellung lassen sich die wesentlichen Aussagen über die
Größe der möglichen Wärmerückgewinnung und den externen
Wärmebedarf treffen. Getrennt wer-den diese Teile durch den „PINCH“,
den thermodynamischen Flaschenhals (vgl. Abbildung 2).
In der Praxis werden die optimalen Werte nie erreicht, da viele Prozessströme
schwierig zu handhaben sind (verschmutzt, korrosiv, große Volumina, schlechte
Örtlichkeiten…).
Beispielbranche Molkereien
In der Branche Milchverarbeitung gibt es in Summe einen Gesamtbedarf an Niedertempe-raturwärme
von knapp 500 TJ, mehr als 400 TJ im Temperaturbereich zwischen 60 und 80°C.
Bei Betrachtung der Einzelprozesse erscheinen ca. 100 TJ für eine solarthermische
Ener-gieversorgung geeignet. Abbildung 3 gibt einen Überblick über
die erforderlichen Energiemengen und deren Tem-peraturniveaus in der milchverarbeitenden
Industrie in Österreich. Es zeigt sich, dass mit wenigen Ausnahmen alle
Prozesse unter 100°C ablaufen und grundsätzlich zum Einsatz von Solarenergie
geeignet sind.
Abbildung
3: Wärmerelevante Prozesse
der österreichischen Betriebe im Bereich Milchverarbeitung nach Temperaturniveau
und Jahresenergiebedarf
Es gibt in der Milchverarbeitung einige Prozesse, deren Randbedingungen für den Einsatz von Solarthermie sehr geeignet erscheinen. Sowohl in der Käseproduktion (Waschwasserbedarf) als auch für die verschiedenen Reinigungsprozesse (CIP-Systeme und Außenreinigung der gesamten Produktionsanlagen --> Hygiene!) wird viel Warm- und Heißwasser benötigt, für das es geringe Möglichkeiten der Vorwärmung durch Abwärmenut-zung aus anderen Prozessen gibt. Der Prozesswärmebedarf in der Milchverarbeitung ist sehr gleichmäßig. Sowohl tageszeit-liche, wie auch wöchentliche und jahreszeitliche Schwankungen sind eher gering. Diese konstanten Profile ergeben sich einerseits aus der gleichmäßigen Anlieferung der Rohstoffe und der Not-wendigkeit einer raschen Verarbeitung der Roh-milch und andererseits aus der Möglichkeit parallel laufende Produktionen zeitversetzt zu betreiben.
Schlussfolgerungen
Die Nutzung von solarer Wärme in Produktionsprozessen steht erst am Anfang
und erfordert noch einen beträchtlichen Aufwand an Entwicklungs- und Motivationsarbeit
zur Umsetzung. Erste realisierte Beispiele aber zeigen, dass die Chancen zu
einer baldigen Umsetzung intakt sind und mit einer Verbreitung zu rechnen ist.
Ausgewählte Branchen mit ausreichenden Niedertemperaturprozessen bieten
bereits heute wirtschaftliche Einsatzgebiete und werden den Anfang machen.
Die wichtigsten Folgerung aus den bisherigen Arbeiten sind:
Die Autoren danken dem BMVIT für die Förderung der Forschungsprojekte im Rahmen der Impulsprogramme „Fabrik der Zukunft“ und „Energiesysteme der Zukunft“.
*) DI Christoph
Brunner ist Leiter
des Forschungsschwerpunkts Nachhaltige Techniken am JOANNEUM RESEARCH Institut
für Nachhaltige Techniken und Systeme, christoph.brunner@joanneum.at
Prof. Dr. Hans Schnitzer ist
Leiter des JOANNEUM RESEARCH Institutes für Nachhaltige Techniken und Systeme,
hans.schnitzer@joanneum.at, www.joanneum.at
[^]