Nachhaltige Energieregionen
Energieregionen
Neckarsulm
ist ein positives Beispiel einer Kommune, die sich konsequent für kommunale
Energiepolitik und ökologische Energieversorgung einsetzt. Vor allem auf
dem Gebiet der Solarenergie gehört Neckarsulm zu den führenden Städten
in Deutschland.
Energie-Strategie der Stadt Neckarsulm
Von Boris Mahler und Ursula Knapp*
Die Stadt Neckarsulm hat bereits vor fünf Jahren ein Förderprogramm
im Bereich Klimaschutz ins Leben gerufen, mit dem sie ein Zeichen für Energieeinsparung
und Umweltvorsorge setzte. Dazu wurde ein Bürgerbüro als Anlaufstelle
für Energieberatung errichtet. Hier werden die Bewohner informiert, zu
Sanierungsmaßnahmen und dem Einsatz regenerativer Energien ermutigt und
über Fördermöglichkeiten informiert. Gefördert werden Wärmedämmmaßnahmen
bei Altbauten wie die Dämmung des Daches, der Außenwand und der Einbau
von Wärmeschutzverglasung. Weitere Fördermittel stellt die Stadt bei
der Nutzung von regenerativer Energie durch Solaranlagen, PV-Anlagen, der Installation
von Wärmepumpen und Biomassefeuerungsanlagen zur Verfügung.
Die Stadt geht mit gutem Beispiel voran: Es gibt kein neueres städtisches
Gebäude, das nicht mit einem Energiekonzept bereits in der Planungsphase
energetisch optimiert wurde.
Abbildung 1: Übersichtsplan der Stadt Neckarsulm mit den Versorgungsgebieten der Nahwärmeinseln
Solarbundesliga
Die Förderung der Stadt macht sich in einer Vielzahl von privat installierten
Solar- und Photovoltaikanlagen bemerkbar. In der Solarbundesliga, einem Wettstreit
um die höchste Dichte von Solar- und Photovoltaikanlagen zwischen mittlerweile
ca. 800 deutschen Städten und Gemeinden, erreichte Neckarsulm mit einer
Einwohnerzahl von 27.000 in diesem Jahr Rang drei in der Kategorie der Kommunen
zwischen 10.000 und 100.000 Einwohnern. Mit einer aktuellen Fläche von
0,3 m² thermische Sonnenkollektoren (entspricht einer installierten Leistung
0,21 MWth) und 43,6 W Photovoltaik pro Einwohner besitzt Neckarsulm 20 mal so
viel m² Sonnenkollektoren bzw. 10 mal so viel W Photovoltaik wie der Bundesdurchschnitt
in Deutschland.
Die Stadt Neckarsulm ist nicht nur um die Steigerung der Energieeffizienz von
einzelnen Gebäuden, sondern ganzer Stadtteile bemüht. Die Energieversorgung
zahlreicher Gebäude erfolgt über Wärmeinseln mit Kraft-Wärme-Kopplung.
Wärmeversorgungsanlagen an zentraler Stelle versorgen die Gebäude
einzelner Stadtteile mit Wärme über Nahwärmenetze. Dabei wurden
besondere Pilotprojekte realisiert.
Pilotprojekt „Langzeitwärmespeicher“
Ein Beispiel für eine effiziente Nahwärmeversorgung ist der Stadtteil
Amorbach, der zu 50 % solar beheizt wird. Im Rahmen eines europaweiten Pilotprojektes
wurde in diesem Stadtteil eine solar-unterstützte Nahwärmeinsel errichtet,
die Wärme für Raumheizung und Warmwasserbereitung für über
900 Haushalte liefert. In das System sind 7.500 m² Sonnenkollektoren (5.250
kWth)integriert. Die Wärme, die in den Sommermonaten nicht sofort zur Heizung
oder Brauchwasser-Erwärmung benötigt wird, wird in einem „Langzeit-Erdsondenwärmespeicher“
gespeichert und im Winter nutzbar gemacht. Das Wasser in den Sonnenkollektoren,
die auf den Dächern der Häuser, freistehend auf einem Parkplatz und
an einem Lärmschutzwall installiert sind, wird auf bis zu 80 °C erhitzt
und durch U-förmige Erdsonden mehr als 30 m tief in den Boden geleitet.
Dabei wird Wärme an das Erdreich abgegeben. Im Winter kann die gespeicherte
Wärme wieder entnommen werden. Hierzu wird kaltes Wasser in die Sonden
geleitet, wo sich das Wasser durch die solar erzeugte „Erdwärme“
wieder erhitzt.
Das Projekt wurde 1995 begonnen und sukzessive mit der Erweiterung des Wohngebietes
vergrößert. Dazu wurde der Erdsondenwärmespeicher in mehreren
Stufen ausgebaut und zusätzliche Kollektorfelder installiert.
Der Verbrauch an fossilen Brennstoffen ist bei diesem Konzept um rund 50 % geringer
als bei herkömmlicher Wärmeversorgung und leistet somit einen beträchtlichen
Beitrag zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes.
Abbildung 2: Amorbach: Blick auf die Mehrfamilienhäuser mit Sonnenkollektoren
Pilotprojekt „Biomasse-Heizkraftwerk“
Neben der solarunterstützten Nahwärmeversorgung im Stadtteil Amorbach
verstärkte die Stadt Neckarsulm in einem zweiten Pilotprojekt durch den
Einsatz eines modernen Biomasse-Heizkraftwerks ihren Einsatz zum Klimaschutz
auf kommunaler Ebene. Das Kraftwerk wurde von den Stadtwerken als neue Heizzentrale
im Gewerbegebiet „Trendpark Süd“ errichtet. Verbrannt werden
hier unbehandelte Holzhackschnitzel aus der Region.
Das im Februar 2004 in Betrieb genommene Biomasseheizwerk mit 6 MWth Leistung
und einer ORC-Anlage mit 1 Mwel ist eine wirtschaftlich, technisch und ökologisch
interessante Lösung zur kombinierten Wärme- und Stromerzeugung aus
heimischen erneuerbaren Energieträgern. Pro Jahr können hier 48.000
m³ Holzhackschnitzel verbrannt werden. Das entspricht einer Einsparung
von 3,7 Mio. Liter Heizöl bzw. 5.000 t CO2. Mit diesem Projekt wird ein
wesentlicher Beitrag zur nachhaltigen Energiepolitik und Reduktion der CO2-Emissionen
geleistet. Zusätzlich werden regionale Arbeitsplätze geschaffen und
das Ökosystem Wald entlastet.
Ein rein thermischer Zusatzkessel, der mit Erdgas betrieben und nur in den Wintermonaten
benötigt wird, fängt die Spitzen beim Wärmeverbrauch auf. Für
den Durchschnittsbedarf reicht jedoch die Biomasse als hauptsächlicher
Energielieferant aus.
Das Konzept der Stadt ist inzwischen vielfach ausgezeichnet worden: 1998 erhielt
die Stadt Neckarsulm den Deutschen Solarpreis und 1999 den Umweltpreis des Landes
Baden-Württemberg für das Engagement im Bereich nachhaltiger Energieversorgung.
„Energy in Minds“
Anfang Juni ist in Neckarsulm der offizielle Startschuss für das Projekt
„Energy in Minds“ der Europäischen Union gefallen. Im Rahmen
des europaweiten Förderprojekts soll der Anteil fossiler Energieträger
und der Ausstoß von Kohlendioxid in den vier teilnehmenden Partnerstädten
in fünf Jahren um weitere 20 bis 30 % gesenkt werden. Zu diesem Zweck hat
die Solarstadt NSU mit drei weiteren europäischen Kommunen ein Konsortium
gebildet, um als Vorreiter in Europa erneuerbare Energien zu fördern und
konkrete Energiesparmaßnahmen umzusetzen.
Teilnehmende europäische Städte sind außer Neckarsulm in Deutschland,
die Energieregion Weiz-Gleisdorf in Österreich, Falkenberg in Schweden
und Zlin in Tschechien. Neben diesen Städten nehmen Gornji Grad in Slowenien
und die Region Turin in Italien als Beobachterstädte an dem Projekt teil.
So wie Neckarsulm bei der Nutzung der Solarenergie sind auch die übrigen
Projektpartner führend auf dem Gebiet regenerativer Energiesysteme und
rationeller Energieverwendung.
Ein wichtiger Bestandteil des Projektes ist der Wissensaustausch und die Zusammenarbeit
der europäischen Partner untereinander und somit der Austausch von Erfahrungen
und bereits vorhandenem Wissen.
Beteilung der Bevölkerung
Um erneuerbare Energien zu fördern, Energiesparmaßnahmen umzusetzen
und so letztlich 20 bis 30 % weniger Energie zu verbrauchen, arbeiten in Neckarsulm
im Rahmen von „Energy in Minds“ drei Partner zusammen: die Stadt,
die Stadtwerke und die Solar- & Energie Initiative. Die Koordination übernimmt
das Steinbeis Transferzentrum für Energie-, Gebäude- und Solartechnik
in Stuttgart.
Da die Neckarsulmer Privathaushalte mit einem Anteil von 61 % am Endenergieverbrauch
das größte Einsparpotenzial besitzen, ist die aktive Teilnahme der
Bevölkerung gefragt. Daher ist die Steigerung des Energiebewusstseins und
die Sensibilisierung der Bevölkerung für Energiefragen eine wichtige
Voraussetzung zur erfolgreichen Durchführung des Projektes. Zu diesem Zweck
wird die Solar- & Energie Initiative ausgebaut und ein jährlich stattfindender
„Energie-Tag“ eingeführt. Zur weiteren Information und Wissensvermittlung
der Öffentlichkeit dient die Energie-Plattform im Internet www.energy-in-minds.de.
Darüber hinaus sind verschiedene konkrete Maßnahmen geplant.
Abbildung 3: Biomasseheizkraftwerk Trendpark: Greifer für Holzhackschnitzel
Maßnahmen
Im Bereich der erneuerbaren Energien sollen zusätzlich zu den bereits
installierten 14.000 m2 (installierte Leistung: 9.800 kWth)weitere 2.500 m2
Kollektorflächen (installierte Leistung: 1.750 kWth)entstehen. Zusätzlich
ist die Installation neuer Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von
500 kWp geplant. Um zukünftig den Einsatz von Holzpellets zu vereinfachen,
soll eine Infrastruktur für Holzpellets geschaffen werden. Ca. 20 Heizungsanlagen
privater Haushalte sollen im Rahmen des Projektes durch CO2 neutrale Holzpellet-Heizungen
ersetzt werden. Des weiteren soll durch eine Netzerweiterung im Gewerbegebiet
„Trendpark Süd“ die Effizienz der Nahwärmeversorgung verbessert
werden.
Auch Energiesparmaßnahmen an Gebäuden dienen dem Projektziel. Zunächst
soll ein Energiecheck für etwa 10 bis 20 % aller Gebäude das vorhandene
Einsparpotenzial verdeutlichen. Danach werden etwa 200 Häuser und Wohnungen
in dem Maß energetisch saniert werden, dass die Anforderungen der Energieeinsparverordnung
um mindestens 30 % unterschritten werden und somit zum Erreichen des Neubaustandard
führt. Hierbei kann die Stadt die bislang schon für Klimaschutzmaßnahmen
gewährte Förderung dank der Aufnahme in das EU-Programm intensivieren.
Des weiteren werden im Rahmen des Projekts innovative Energietechnologien getestet,
weiterentwickelt und ausgewertet. Dadurch werden neue Erkenntnisse erworben,
die zur Optimierung dieser Produkte führen. In Neckarsulm wird als Pilotprojekt
eine solarbetriebene Klärschlamm-Trocknungs-Anlage realisiert und ein Feldversuch
mit Holzpellet-betriebenen Stirling Motoren durchgeführt.
Finanzierung
Für die Finanzierung sämtlicher Maßnahmen im Rahmen des Projekts „Energy in Minds“ sind Kosten in Höhe von insgesamt 5,6 Millionen Euro vorgesehen. Damit sind in Neckarsulm in den kommenden fünf Jahren die Weichen für mehr Klimaschutz und einen intensiveren Einsatz regenerativer Energien gestellt: „Als Stadt müssen wir sicherstellen, dass in dieser Richtung tatsächlich etwas unternommen wird“, stellt Bürgermeister Grabbe fest. „Getreu dem bewährten Neckarsulmer Grundsatz: ‚Wir kommen vom Reden zum Handeln‘.“
*) Dr.-Ing. Boris Mahler ist Geschäftsführer und Dipl.-Ing. Ursula Knapp ist Projektbearbeiterin der EGS-plan Ingenieurgesellschaft für Energie-, Gebäude- und Solartechnik mbH in Stuttgart, boris.mahler@egs-plan.de, ursula.knapp@stz-egs.de [^]