Bauen und Sanieren
Realisierte Sanierungen
Die
GAG Ludwigshafen wurde 1920 gegründet und verwaltet derzeit 14.400 Wohnungen.
Im Rahmen der Entwicklungsstudie „Soziale Stadt“ in Ludwigshafen
am Rhein werden in „Mundenheim Süd-Ost“ insgesamt 108 Wohneinheiten
saniert.
Energiegewinnhaus im Mietwohungsbestand
Wegen der unterschiedlichen Rechenansätze der Bilanzverfahren (Deutsche Energieeinsparungsverordnung 2002 „EnEV“ und Passivhausprojektierungspaket „PHPP“) liegen keine vergleichbar ausgewerteten Sanierungsobjekte vor. Das projektierte „Passivhaus im Bestand“ (Hoheloogstraße 1+3) und der direkt daneben gelegene baugleiche Wohnblock (Hoheloogstraße 5+7) mit der geplanten Sanierung bieten die optimale Möglichkeit einer vergleichenden Untersuchung. Ein Gebäude wurde nach EnEV, das andere nach PHPP saniert. Hier können erstmalig zeitgleich Messungen unter gleichen Bedingungen des Außenklimas erfolgen, bei denen sowohl Heizwärmeverbrauch als auch die Innenraumluftqualität direkt miteinander verglichen werden. Weitgehende Erfahrungen mit dem Passivhaus-Standard im Neubau von Wohngebäuden bilden die Grundlagen für die Übertragung der Effizienztechnologie auf die Bestandsmodernisierung.
Abbildung 1: Vor der Sanierung und Visualisierung „Nach der Sanierung“
Das Land Rheinland-Pfalz fördert beide Vorhaben mit zinsgünstigen Baudarlehen in Höhe von jeweils 350.000,- €, sowie Zuschüssen für die begleitende Forschung zum Passivhaus aus dem ExWoSt-Programm (experimenteller Wohnungs- und Städtebau) in Höhe von 220.000,- €. Baubeginn war Februar 2005, der Wiederbezug ist im April 2006.
Maßnahmen
Bei den Gebäuden handelt es sich um zwei dreigeschoßige Wohnblöcke
mit je 12 Wohnungen. Die Außenwände bestehen aus 30 cm Hochlochziegel
(HLZ/150MGII), das Dach ist ein stützenloses Kehlbalkendach mit 32,5°
Neigung. Die Decken sind in Stahlbeton bzw. als Ziegeldecke ausgeführt.
Geheizt wurde mit Gas-Einzelöfen. Die Warmwasserbereitung erfolgte weitgehend
mit Gas-Durchlauferhitzern.
Folgende Maßnahmen werden durchgeführt:
| Bauteil |
Beschreibung |
U–Werte
[W/m²K] |
|||
EnEV |
PHPP |
Bestand |
EnEV |
PHPP |
|
| Außenwand | WDVS Polystyrol WLG 035 |
1,294 |
0,238 |
0,107 |
|
12 cm |
30 cm |
||||
| Decke über 2.OG | Polystyrol WLG 035 |
0,516 |
0,274 |
0,114 |
|
12 cm |
30 cm |
||||
| Kellerdecke | Polystyrol 035 |
PU Platte 025 |
0,640 |
0,310 |
0,222 |
6 cm |
12 cm |
||||
| Fenster | Kunststofffenster (i.M.) |
ca. 2,8 |
1,450 |
0,830 |
|
2-fach Verglasung |
3-fach Verglasung |
||||
Tabelle 1: U-Werte der einzelnen Bauteile des Bestandes und nach den Bilanzverfahren EnEV und PHPP
Grundrisse
Durch verhältnismäßig geringe Eingriffe in die Bausubstanz
entstehen kompakte 2-Zimmer-Wohnungen und gut geschnittene 3-Zimmerwohnungen
mit flexibler Nutzung (siehe auch Abbildung 2).
In der 3-Zimmerwohnung konnte das Bad an die Außenwand gelegt und somit
natürlich belichtet und belüftet werden. Der frühere Loggienbereich
wird der Wohnung zugeschlagen. Die Vorstellbalkone sind großzügig
bemessen und ein wesentliches Gestaltungselement der neu gegliederten, architektonisch
ansprechenden Fassade.
Abbildung 2: Neuer Grundrisszuschnitt der Wohnungen
Wärmebrücken
Für das Passivhaus wurden die Wärmebrücken unter Mitwirkung
des Passivhausinstituts in Darmstadt mit dem Programm HEAT 2/3 berechnet, die
Ergebnisse und flossen in die Berechnungen mit dem Bilanzverfahren PHPP mit
ein. Bei den Berechnungen nach dem Bilanzverfahren EnEV gingen die Wärmebrücken
pauschal mit 0,10 W/m²K ein.
Ganz entscheidend war es, die größte Wärmebrücke, die auskragenden
Balkonplatten, komplett zu entfernen. Die Balkonplatten wurden wandbündig
abgeschnitten, die verbleibenden Loggien werden mit einem Fensterelement geschlossen
und ein neuer Stahlbalkon freistehend davor gestellt.
Der Fußpunkt des Sparrendaches wird komplett eingepackt, sodass lediglich
die Sparren punktuell (ca. alle 70 cm) als Wärmebrücken wirken. Ein
weiterer Schwachpunkt ist die Kellerdecke. Anfänglich sollte planmäßig
der Kellerboden „tiefer gelegt“ werden, um ausreichend Dämmung
unter die Kellerdecke zu bringen. Dies wurde aus Kostengründen verworfen
und eine PU-Dämmung WLG 025 gewählt. Die Kelleraußenwände
werden bis 1,20 m unter Erdreich mit 30 cm Polystyrol gedämmt. Die Giebelwand
wird beidseitig gedämmt. Die Mauerkrone wird bis in ca. 1,00 m Höhe
mit 10 cm Polystyrol überdämmt.
| Anschlussdetail | Psi-Wert [W/mK)] |
| Kellerdecke/Außenwand; hofseitig; Kellerdecke | 0,130 |
| Kellerdecke/Außenwand; hofseitig; Außenwand | -0,021 |
| Dachanschluss, Nordseite | 0,017 |
| Dachanschluss, Südseite | -0,032 |
| Dachanschluss, Giebelseite; 10 cm Dämmstreifen; 1 m hoch | 0,070 |
| Dachanschluss, Giebelseite; ohne Dämmstreifen | 0,170 |
| Innenwand auf Kellerdecke | 0,283 |
Tabelle 2: Zusammenstellung der wichtigsten Wärmebrücken - Verlustkoeffizienten
Lüftungsanlage
Bei der Lüftungsanlage fiel die Entscheidung auf eine dezentrale Abluftwärmerückgewinnungsanlage
mit Wärmerückgewinnungsgrad über 80%. Die Leitungsführung
erfolgt in Abkofferungen im Bad und einer Deckenabhängung im Flurbereich
(lichte verbleibende Höhe im Flur ca. 2,40 m) und konnte mit nur einem
Kreuzungspunkt geplant werden. Das Lüftungsgerät wird direkt an der
Außenwand platziert, um die „kalten Leitungen“ zu minimieren.
Die einzelnen Räume werden mit Telefonieschalldämpfern akustisch entkoppelt.
Bei der kleineren Wohnung mit ca. 52 m² müssen Volumenströme
unter 50 m³/h realisiert werden. In diesem Segment besteht künftig
noch Entwicklungsbedarf was die Größe der Geräte anbelangt.
Thermische Hülle / Luftdichtigkeit
Die Außenwände, die Kellerdecke, die oberste Geschoßdecke, die Treppenhausköpfe und die Kellerabgänge stellen die thermische Hülle dar. Der Treppenhauskopf kann komplett ummantelt werden. Ebenso werden die Abseitenwände im Keller gedämmt. Es verbleibt ein kleiner Treppeabsatz (Bodenplatte gegen Erdreich), der entnommen und neu mit 16 cm Dämmung aufgebaut werden muss. Die Luftdichtigkeitsebene wird mit dem Innenputz realisiert. Der wohnungsweise gemessene Luftwechselfaktor n50-Wert beträgt 0,49 1/h, somit ist der gemessene Wert kleiner als der für Passivhäuser notwendige Wert von 0,60 1/h.
BHKW - Heizung und Trinkwassererwärmung
Die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) konzipierten für das Wohngebiet
mit insgesamt 108 Wohneinheiten eine Heizzentrale zur Nahwärmeversorgung,
an die auch die beiden Passivhäuser angeschlossen werden. Kernstück
der modular aufgebauten Energiezentrale ist ein gasmotorisch betriebenes Blockheizkraftwerk
mit einer elektrischen Leistung von 43 kWel und einer thermischen Leistung von
75 kWth zur Wärmegrundlastbereitstellung.
Die darüber hinaus benötigte Wärme wird durch einen Niedertemperaturkessel
mit einer Heizleistung von 250 kWth erzeugt. Die neu aufgebaute Energiezentrale
wurde in zwei Ausbaustufen realisiert. Im Jahr 2004 wurde für den 1. Bauabschnitt
die Installation der Niedertemperaturkesselanlage vorgenommen. Im Februar/März
2005 erfolgte die Endausbaustufe mit dem erdgasbetriebenen BHKW-Aggregat.
Die Betriebsführung, Energiebeschaffung, Wartung und Instandhaltung der
TWL-eigenen Energiezentrale mit den notwendigen Einrichtungen und Transportleitungen
erfolgt bis zu den definierten Übergabepunkten der jeweils angeschlossenen
Gebäude. Die TWL erfassen wohnungsweise durch geeichte Messeinrichtungen
die gelieferte Heizwärme sowie das Warm- und Kaltwasser und rechnen diese
zukünftig direkt mit jedem einzelnen Mieter der Wohnungsbaugesellschaft
GAG Ludwigshafen ab.
Die zukunftsweisende Energieversorgung führt somit auch zu einer geänderten
Aufgabenverteilung der TWL, vom Energieversorger zum ganzheitlichen Energiedienstleister.
Abbildung 3:
BHKW des Energieanbieters TWL
Messungen
Das Projekt wird vom Passivhausinstitut in Darmstadt drei Jahre lang messtechnisch begleitet. Gemessen werden sowohl der Verbrauch aller 24 Wohnungen (Heizwärme und Warmwasser) als auch die Luftqualität in je drei ausgewählten Wohnungen. Die wissenschaftliche Auswertung dient zum einen der vergleichenden Erfolgskontrolle bezüglich des Primärenergieverbrauchs als auch dem Vergleich der Luftqualität. Dabei steht die CO2-Konzentration mit dem Pettenkofer-Grenzwert 1.500 ppm im Fokus. Die relative Luftfeuchte im Wohnraum ist im Zusammenhang mit den U-Werten der Außenbauteile als Parameter für mögliche Feuchtebelastung und damit verbundene Schimmelrisiken von Interesse. Als Parameter zur Beurteilung der Raumklimaqualität und der Wärmeverbräuche ist die Messung der Innentemperatur der Wohnungen Voraussetzung. Die Gebäudehülle wird nach Fertigstellung thermographisch untersucht.
Kosten
Es ist davon auszugehen, dass die geschätzte Kostenannahme für das Passivhaus von 1.075,00 €/m² eingehalten werden. Der Stand Januar 2006 weist eine Differenz von ca. 122,00 €/m² WF auf (bei einer gesamten Wohnfläche WF von 757,2 m²). Hierzu werden ca. 23,00 €/m² WF für Hauseingangstür, Abseitendämmung, Balkondetails usw. kommen, so dass Mehrkosten von ca. 145,00 €/m² WF entstehen werden. Für die 2-Zimmerwohnungen mit 52,30 m² sind dies ca. 7.600,00 € und für die 3-Zimmerwohnungen mit 93,90 m² ca. 10.700,00 €.
Vom Passivhaus zum Energiegewinnhaus
Die auf den südlich gelegenen Dachflächen installierte Photovoltaikanlage produziert jährlich 36.800 kWh Strom, das sind ca. 50 kWh/m²a. Energiegewinn und Energieverbrauch saldiert (50 – 15 = 35 kWh/m²a) ergibt einen Energieüberschuss von ca. 35 kWh/m²a.
Von der Planung zur Realisierung
Der Weg von der Planung zur Realisierung war weiter und steiniger als ursprünglich angenommen. Allen am Bauprozess Beteiligten wie zum Beispiel Hausbesitzer, Banken, Behörden, Architekten, Ingenieure, Handwerker und dergleichen wird ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft abverlangt. Jeder muss bereit sein, seine eigene Arbeit aber auch die Arbeit der Kollegen immer wieder in Frage zu stellen mit dem Ziel der technologischen, der ökologischen und ökonomischen Optimierung.
Ausblick
Bei konsequenter Anwendung ist das energieneutrale Wohnen für Jedermann
erschwinglich. Die energetische Wirkung kann beachtlich sein, weil in allen
größeren Städten tausende Wohnungen aus den Nachkriegsjahrzehnten
zur Sanierung anstehen. Für das Handwerk, für Architekten und Ingenieure,
ebenso für die Zulieferindustrie bedeutet dies eine neue Perspektive, ebenso
für die Wohnungsunternehmen. Die Entwicklung ist auch eine Antwort auf
die Energiekostensteigerung, die Energieknappheit und die Umweltproblematik.
*) Architekt Dr.-Ing. Walter Braun ist Technischer Vorstand a.D. und Dozent an der TU-Kaiserslauten, sol.w.braun@online.de [^]