Große Solaranlagen
Solarthermie
Das deutsche Forschungs- und Demonstrationsprogramm Solarthermie-2000 ermöglichte
in den Jahren 1996 bis 2002 die Realisierung von acht Pilotanlagen zur saisonalen
Speicherung von Solarwärme mit Speichergrößen zwischen 1.500
und 63.300 m³. Seit Februar 2004 wird das Forschungs- und Demonstrationsprogramm
unter dem Namen Solarthermie2000plus durch das Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz und Reak-torsicherheit (BMU) fortgesetzt. Dadurch kann die Technologieentwicklung
saisonaler Wärmespeicher durch weitere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten
und die Realisierung weiterer Pilotvorhaben fortgesetzt werden.
10 Jahre saisonale Speicherung von Solarwärme - Entwicklungsstand und Perspektiven
Saisonale Wärmespeicherung
Saisonale Wärmespeicher werden in Deutschland vorwiegend in Verbindung
mit solaren Nahwärmenetzen eingesetzt. Eine ausführliche Beschreibung
der Anlagentechnik ist z.B. in „Erneuerbare Energien 2002-1“ zu
finden. Bei der saisonalen Wärmespeicherung von Solarwärme gelten
die im Folgenden aufgeführten grundlegenden Fakten:
Die Sonne liefert in den Monaten Mai bis September rund zwei Drittel der in
einem Jahr in Deutschland eingestrahlten Solarenergie. Der Hauptteil des jährlichen
Wärmeverbrauchs von Wohngebäuden liegt dagegen mit deutlich über
zwei Dritteln in der Heizperiode zwischen Oktober und April. Um große
Teile der hierzu aufgewendeten, fossilen Energien einzusparen, muss Solarenergie
im Sommer gewonnen und in saisonalen Wärmespeichern bis in den Winter gespeichert
werden. Die in Deutschland realisierten Pilotanlagen erzielen im Regelbetrieb
einen solaren Deckungsanteil am jährlichen Gesamtwärmebedarf zur Trinkwassererwärmung
und Raumheizung zwischen 34 und 50 %.
Werden zur saisonalen Wärmespeicherung Behälter verwendet, sind diese
in der Regel in das Erdreich integriert und sehr gut wärmegedämmt.
Die Speicherhülle hat im heißesten Bereich (bis 98 °C) einen
U-Wert von unter 0,10 W/m²K. Bei einer Wärmespeicherung direkt im
Untergrund in Aquifer- oder Erdsonden-Wärmespeichern muss gegebenenfalls
ganz auf eine Wärmedämmung verzichtet werden. Zur Begrenzung der Wärmeverluste
wird dann die maximale Speichertemperatur reduziert.
Ein saisonaler Wärmespeicher für ein Einfamilienhaus erfordert meist
eine Speichergröße von mindestens 20 m³ Wasser. Sein Oberflächen
zu Volumen-Verhältnis beträgt dabei etwa das achtfache im Vergleich
zu einem Speicher mit 10.000 m³ Volumen. Dadurch sind auch die volumenbezogenen
Wärmeverluste des kleinen Speichers acht Mal höher! Erst ab einer
Mindestgröße von 1.000 m³ Wasservolumen beginnt saisonale Wärmespeicherung
energetisch effizient zu sein.
Saisonale Wärmespeicher dieser Größe werden üblicherweise
in Nahwärmenetze integriert. Zur Beladung der Speicher werden große
Kollektorflächen verwendet, die kostengünstig auf die Dächer
der nahe der Heizzentrale stehenden Gebäude montiert sind.
Durch Latentwärme- oder thermochemische Speicher, die Wärme durch
Phasenwechsel- bzw. Ab- oder Adsorptionsvorgänge speichern, kann die saisonale
Wärmespeicherung auch in wenigen Kubikmetern Volumen energetisch effizient
sein. Seit wenigen Jahren sind diese Techniken wieder in den Blickpunkt der
Forschung gerückt. Erste Speicher sind am Markt erhältlich, es bleibt
jedoch abzuwarten, ob Speicher dieser Art aus energetischer und insbesondere
wirtschaftlicher Sicht zur saisonalen Wärmespeicherung eingesetzt werden
können. Die Wirtschaftlichkeit dieser Speicher verbessert sich mit zunehmender
Zyklenzahl.
Der Technologiefortschritt in den letzten 10 Jahren
Eine der Hauptaufgaben der ersten beiden solar unterstützten Nahwärmeanlagen
mit saisonalem Wärmespeicher, die Ende 1996 in Friedrichshafen und Hamburg
in Betrieb gingen, war der Nachweis, dass eine saisonale Wärmespeicherung
von Solarwärme im Siedlungsmaßstab umsetz-bar ist und funktioniert.
Diesen Nachweis konnten beide Anlagen vollständig erbringen, auch wenn
die Effizienz der Speicher geringer als erwartet ist: Die Netzrücklauftemperatur,
auf die der Speicher auskühlen kann, ist jeweils durchschnittlich bis über
15 K höher als erwartet. Dies reduziert die maximal nutzbare, gespeicherte
Wärmemenge um fast 30 Prozent! Zudem führen die höheren Temperaturen
im unteren Speicherbereich zu einer Erhöhung der Wärmeverluste durch
den ungedämmten Speicherboden. Die neuen Behälterspeicher werden nun
auch im Bodenbereich wärmegedämmt.
Ein weiterer Grund für die reduzierte Effizienz der ersten Speicher ist
ein geringer Rückgang der Dämmwirkung der eingebauten Mineralfaser,
der durch die hohe Belastung des Einbaus in das Erdreich bei einer Temperaturbelastung
von bis zu 95 °C erfolgte. Heute sind dagegen Dämmmaterialien wie z.B.
Blähglasgranulat und Schaumglasschotter verfügbar, die den hohen Belastungen
dauerhaft ohne Schädigung standhalten können.
Seit dem Jahr 2000 sind die vier Bauprinzipien Behälter-, Erd-becken-,
Erdsonden- und Aquifer-Wärmespeicher in mindestens einer Pilotanlage in
Betrieb. Tabelle 1 fasst den Technologiefortschritt der letzten 10 Jahre zusammen
und zeigt die derzeitigen Entwick-lungslinien auf. Aquifer-Wärmespeicher
wurden kaum mehr für eine solarthermische Wärmespeicherung angefragt.
Seit mehreren Jahren steigt jedoch das Interesse an diesen Wärmespeichern
zur Klimatisierung von Gebäuden oder zur Speicherung von Abwärme aus
der Stromerzeugung.
| Behälter-Wärmespeicher |
|||
| Erste Generation | Zweite Generation | Dritte Generation | |
| Speicherkonstruktion | Ortbetonbehälter; Wand und Dach gedämmt | Ortbetonbehälter; Wand und Dach gedämmt |
Ortbetonbehälter oder vorgespannte Fertigteilkonstruktion; ggf. unter Innendruck; Boden, Wand und Dach gedämmt |
| Abdichtung | Edelstahlblech, verschweißt | Hochleistungsbeton (HLB) | Edelstahl- oder Schwarzstahlblech, ggf. auf Fertigteilen vormontiert und verschweißt |
| Wärmedämmung | Mineralfaser | Blähglasgranulat in Gewebesäcken | Boden: Schaumglasschotter; Wand und Dach: Blähglasgranulat in Membranschalung |
| Schutz der Wärmedämmung | konventionelle Abdichtbahn |
Dampfsperre und diffusionsoffene Dichtbahn | Dampfdiffusionsoffenes „Wanddämmsystem“, havariesicher |
| Be- und Entladesystem | obere und untere Tasse | zusätzlich mittlere Tasse | Schichtbeladesystem, Tassen mit automatischer Höhenregulierung |
| Pilotprojekte (Baujahr, Speichergröße) | Friedrichshafen (1996, 12.000 m³), Hamburg (1996, 4.500 m³) | Hannover (2000, 2.750 m³) | München (2007, 5.700 m³) |
| Erdbecken-Wärmespeicher |
|||
| Erste Generation | Zweite Generation | Dritte Generation | |
| Speicherkonstruktion | Kiesgefüllte Grube mit Berliner Verbau | Kiesgefüllte Grube, natürlich geböscht | Wassergefüllte Grube mit schwimmendem oder frei tragendem Dach |
| Abdichtung | einlagige HDPE-Kunststofffolie, verschweißt | Zwei Lagen PP-Kunststoff¬folie mit Vakuumkontrolle, verschweißt | Verbundfolie Alu-Kunststoff, verschweißt |
| Wärmedämmung | XPS-Dämmplatten | Blähglasgranulat in Gewebesäcken | Blähglasgranulat in Membranschalung |
| Schutz der Wärmedämmung | konventionelle Abdichtbahn | konventionelle Abdichtbahn | Dampfdiffusionsoffenes „Wanddämmsystem“, havariesicher |
| Be- und Entladesystem | Direkter Wasseraustausch | Rohrregister in mehreren Ebenen | Schichtbeladesystem |
| Pilotprojekte (Baujahr, Speichergröße) | Chemnitz (1996, 8.000 m³) | Steinfurt-Borghorst (1998, 1.500 m³) | Eggenstein-Leopoldshafen (geplant 2007, 3.000 m³) |
|
Erdsonden-Wärmespeicher |
||
| Erste Generation | Zweite Generation | |
| Speicherkonstruktion | Doppel-U-Rohr-Erdwärmesonden aus Polybuten in rechteckigem Grundriss, parallel erweiterbar | Doppel-U-Rohr-Erdwärmesonden aus PEX in kreisförmigem Grundriss, konzentrisch erweiterbar |
| Wärmedämmung | XPS-Dämmplatten | Schaumglasschotter |
| Schutz der Wärmedämmung | konventionelle Abdichtbahn | dampfdiffusionsoffene Dichtbahn |
| hydraulische Verbindung | Sonden mit Horizontalverrohrung verschweißt, viele Schächte mit Verteilern | Sonden mit unterschiedlichen Schenkellängen,ein zentraler Schacht, minimierte Verbindungen mit Pressfittingen |
| Pilotprojekte (Baujahr, Speichergröße) | Neckarsulm (1997/ 2001, 63.300 m³), Attenkirchen (2002, 9.350 m³) | Crailsheim (geplant 2007, 37.500 m³) |
Tabelle 1: Übersicht der Technologieentwicklung der saisonalen Wärmespeicher
Kosten
Die neuen Wärmespeicher in Crailsheim und München zeigen, dass mit der Begleitforschung in So-larthermie2000plus deutliche Schritte zur Kostenreduktion von großen Wärmespeichern erzielbar sind. Abbildung 1 zeigt die spezifischen Speicherbaukosten der konzipierten und gebauten saisonalen Wärmespeicher. Hierbei sind die Speicherbaukosten auf das dem jeweiligen Speicher entsprechende, äquivalente Wasservolumen bezogen. Auffällig ist die starke Kostenabnahme der spezifischen Speicherbaukosten mit zunehmender Speichergröße! Der obere Bereich des Kurvenverlaufs zeigt vorwiegend Behälter-Wärmespeicher, der untere Bereich Untergrund-Wärmespeicher.
Abbildung
1: Spezifische Speicherbaukosten
(ohne MwSt. und Planung)
(GFK: Glasfaserverstärkter Kunststoff, HLB: Hochleistungsbeton)
Der Behälterspeicher in München ist aufgrund der Baubedingungen vor
Ort mit den Speichern in Hannover und Hamburg vergleichbar. Es zeigt sich, dass
trotz einer höheren Speichereffizienz durch die Bodendämmung etc.
um 20 % geringere Speicherbaukosten erzielt werden können.
Abbildung 2 zeigt eine Sequenz zum Bau des Speichers in München.
1. Betonbodenplatte in Form eines Kegelstumpfes und Rüstturm
2. Stellen der Wandfertigteile, Höhe 9,50 m, Wandstärke 16 cm
3. Schließen das Daches mit Fertigteilen, alle Fertigteile werden vorgespannt
4. Membranschalung mit bis zu 70 cm dicker Wärmedämmung aus Blähglasgranulat
5. Anschütten des Speichers mit Erdreich zum Rodelhügel
Abbildung 2: Bau des saisonalen Wärmespeichers in München 2006
1. Betonbodenplatte in Form eines Kegelstumpfes und Rüstturm
2. Stellen der Wandfertigteile, Höhe 9,50 m, Wandstärke 16 cm
3. Schließen des Daches mit Fertigteilen, alle Fertigteile werden vorgespannt
4. Membranschalung mit bis zu 70 cm dicker Wärmedämmung aus Blähglasgranulat
5. Anschüttung des Speichers mit Erdreich zum Rodelhügel
Der Erdsonden-Wärmespeicher in Crailsheim wird nach bisherigem Planungsstand einen neuen Bestwert der spezifischen Speicherbaukosten erzielen. Werden zu den Speicherbaukosten alle weiteren Kosten des Solarsystems wie Kollektorflächen, Pufferspeicher, Solarnetz, Heizzentrale, Wärmepumpe etc. addiert, ergeben sich für das Projekt in Crailsheim Gesamtkosten von rund 4,5 Mio. Euro (ohne MwSt. und Förderung). Aus den jährlichen Kosten und dem berechneten solaren Nutzwärmeertrag von 2050 MWh/a, in dem sämtliche Verluste des Solarsystems bereits berücksichtigt sind, resultieren solare Nutzwärmekosten von 19 Cent/kWh (ohne MwSt. und Förderung). Diese Kosten einer genutzten kWh solarer Wärme sind auch durch solarthermische Großanlagen mit Pufferspeicher erzielbar, die allerdings nur solare Deckungsanteile zwischen 13 und 20 % des Gesamtwärmebedarfs erzielen. Dies zeigt, dass dank den erfolgreichen Entwicklungsschritten der letzten 10 Jahre solare Nahwärmesysteme mit saisonaler Wärmespeicherung einen mehr als doppelten solaren Deckungsanteil und damit dementsprechend höhere CO2-Emissionseinsparungen von 50 % mit überzeugender Wirtschaftlichkeit erreichen können.
Perspektiven
Alle Pilotspeicher werden wissenschaftlich-technisch und durch ein langjähriges
Monitoringprogramm begleitet. Weitere Forschungsvorhaben ergänzen die Entwicklung
der Technologien zur saisonalen Wärmespeicherung. Mittelfristig wird die
Marktfähigkeit der saisonalen Wärmespeicher angestrebt. So zeigen
die Szenarien zur zukünftigen Energieversorgung in Deutschland, dass in
zwei bis drei Jahrzehnten große Wärmespeicher nicht nur Solarwärme
in erheblichem Umfang saisonal speichern werden, sondern auch zur Speicherung
der bei der Stromproduktion durch z.B. dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung
entstehenden Abwärme notwendig sein werden. Die Aufgaben, für die
optimierte Lösungen zu finden sind, fokussieren sich auf folgende technische
Punkte:
1. Die eingesetzten Materialien und die statische Konstruktion
werden durch die hohen Belastungen von bis zu 98 °C heißem Wasserdampf
sehr stark beansprucht. Hier zeigt ein aktuelles Forschungsvorhaben am ITW der
Universität Stuttgart, dass einige der von den Herstellern als geeignet
empfohlenen Materialien als ungeeignet ausgeschlossen werden müssen. Materialien
und Konstruktionen, die die-ser Belastung dauerhaft standhalten, sind nicht
kostengünstig.
2. Neben der Entwicklung großvolumiger Wärmespeicher über 1.000
m³ Wasseräquivalent erfordert der Markt die Entwicklung von Bauprinzipien
für kleinere Speichervolumina im Größenbereich
von 30 bis 500 m³ zur Verwendung als Pufferspeicher.
3. Erste Erfahrungen in Crailsheim zeigen, dass großvolumige Druckspeicher
trotz höherer Baukosten zum einen durch Mehrfachnutzen kostengünstiger
sind, zum anderen aber auch zu Betriebsvorteilen für die Solaranlage führen
können.
4. Die aktuellen Umsetzungserfahrungen insbesondere aus München zeigen,
dass eine Havariesicherheit der gesamten Speicherkonstruktion
gegeben sein muss, wenn ein zuverlässiger Bau und sicherer Betrieb des
Speichers gewährleistet werden soll.
5. Durch Mehrfachnutzung von Wärmespeichern kann deren
Wirtschaftlichkeit deutlich erhöht werden. Die durch die seitherigen Pilotanlagen
gesammelten Erfahrungen zeigen, dass die Zusammenführung unterschiedlicher
Wärmeerzeuger im Speicher beherrscht werden kann und zusätzliche Effizienzsteigerungen
erzielbar sind. Weiterhin zeigt eine aktuelle Untersuchung, dass eine Holzfeuerungsanlage
zur Wärmeversorgung eines Nahwärmesystems durch den Einsatz eines
Puffer-speichers wirtschaftlich optimiert werden kann.
Für die weitere Entwicklung saisonaler Wärmespeicher ist zukünftig
umfangreicher Wissenstransfer in die Praxis notwendig. Zur Reduzierung der Baukosten
sind, wie z.B. die Behälterspeicher in München und Crailsheim zeigen,
Konstruktionen notwendig, deren Statik weit über die bestehenden technischen
Regeln hinausgeht. Dieses Wissen benötigen Prüfstatiker, Genehmigungsbehörden,
Gutachter etc. um die kostengünstigen Bauweisen auch in der Praxis verankern
zu können.
Auch international steigt das Interesse an saisonaler Wärmespeicherung:
So wurden in den vergangenen zwei Jahren in Dänemark und in Kanada je ein
saisonaler Wärmespeicher gebaut - mit Unterstützung der deutschen
Experten.
Danksagung
Das diesem Bericht zugrunde liegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit unter dem Förderkennzeichen 0329607L gefördert. Der Autor dankt für diese Unterstützung. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Berichtes liegt beim Autor.
Literatur
|
*) Dipl.-Ing. Dirk Mangold ist Experte für solarthermische Großanlagen und saisonale Wärmespeicher. Er leitet den deutschen Expertenkreis Langzeit-Wärmespeicher und das Steinbeis-Forschungsinstitut Solites, Stuttgart, Deutschland, info@solites.de, www.solites.de [^]