Vorbei an Kioto
Thema
Quelle:
EPA
Die ökonomische und die naturwissenschaftliche Sicht der Weltprobleme driften heillos auseinander. Warum die Prediger des Konsumverzichts in der Debatte um den Klimawandel einer Illusion aufsitzen.
Kioto
und der Glaube an Wunder
Von den Tücken des Energiesparens im Anti-CO2 -Kampf
und den Chancen
Von Hellmut Butterweck*
Künstler engagieren sich gegen den Klimawandel. Der ORF
macht den Klimawandel zum Programmschwerpunkt. Der Bundeskanzler will einen
Klimaschutzbeauftragten, daher wollen ihn ÖVP und Grüne nicht. In
Wien fordern Plakate dazu auf, dem Klima zuliebe einen Tag pro Woche auf das
Auto zu verzichten. Die Befürchtung, die Warner könnten Recht behalten
und das Klima tatsächlich kippen, scheint sich zum Klimabewusstsein zu
verdichten. Das Thema will und will nicht aus den Medien verschwinden. Auch
das Klima selbst sorgt dafür, dass es nicht in Vergessenheit gerät.
Immer mehr Einzelne spielen mit dem Gedanken, dem Klima zuliebe Konsumverzicht
zu üben. Und wenn sie damit Ernst machen? Dann stehen wir schön da.
Wo bleibt das Wachstum der Reifenindustrie, woher soll die OMV das Geld zur
Errichtung weiterer Tankstellen in Rumänien nehmen, wenn die Leute tatsächlich
deutlich weniger fahren? Mit der Freisetzung weiterer 5000 Mitarbeiter ist es
dann nicht mehr getan. Wo bleiben Mercedes und BMW, VW und Audi und Citroën
und Fiat und, und, und, wenn immer mehr Leute ihre Autos nicht mehr einfach
nur stehen lassen, sondern tatsächlich seltener ein neues kaufen? Wo bleiben
dann die Arbeitsplätze der Zulieferer wie Magna und Steyr? Und wenn gar
die Reichen vernünftig werden und sich die Benzin fressenden schweren PS-Giganten
versagen, die derzeit der Autoindustrie die Butter aufs Brot liefern? Wo bleibt
die Computerindustrie und der von den kurzen Produktzyklen lebende Handel, wenn
tatsächlich immer mehr Konsumenten draufkommen, dass mehr Leistung mehr
Stromverbrauch bedeutet und auch die Entsorgung des Elektronikschrotts klimaschädlich
ist und man daher etwas für die Umwelt tut, wenn man den Laptop länger
behält? Und wo bleibt die AUA, wo bleiben alle anderen Airlines, wo die
ganze Tourismusindustrie, wenn sich immer mehr Menschen darauf besinnen, wie
empfindlich die Atmosphäre ausgerechnet in jenen Höhen ist, in denen
sich die Passagierjets tummeln und wieder öfter wie zu Omas Zeiten in die
nahe gelegenen Sommerfrischen fahren? Wo, um Gotteswillen, bleibt dann das Wachstum
dieses wichtigen Wirtschaftszweiges? Und wenn die endlosen Lkw-Kolonnen auf
allen Autobahnen Europas tatsächlich dünner werden? Der Job des an
ihnen vorbei in den Urlaub brausenden Pkw-Lenkers, der sich darüber freut,
konnte nur zu bald wackeln, wo immer er auch arbeitet. Die Schwierigkeiten jedes
wichtigen Wirtschaftszweiges wirken sich nämlich auch auf alle anderen
aus.
An all das denken die vielen nicht, die jetzt an allerlei klimanützlichen
Konsumverzicht denken. Sie denken ja auch nicht daran, dass das Geld, das sie
sparen, statt ein neues Auto zu kaufen oder auf die Malediven zu fliegen, nicht
nur bei der Gesamtnachfrage fehlt, sondern auch die Sparquote und damit das
Kreditvolumen erhöht.
Dadurch steht noch mehr Geld für Investitionen, also auch für weitere
Rationalisierungsmaßnahmen, noch höhere Produktivität und noch
schnellere Arbeitsplatzvernichtung zur Verfügung und dies wiederum bedeutet
die Notwendigkeit eines noch schnelleren Wachstums, wenn die Arbeitslosigkeit
nicht explodieren soll. Klingt lustig?
Ist es aber nicht. Das Arbeitsplatzhemd ist uns nun einmal näher als der
Klimarock. Also verantwortungsvoll auf Arbeitsplätze und Wachstum bedacht
drauflos konsumieren? Geht auch nicht, siehe oben, das Klima. Verteufelt, verteufelt!
Alles wird noch viel ungemütlicher dadurch, dass wir bekanntlich keinen
Konsumrückgang brauchen, um wirtschaftlich in die Bredouille zu kommen.
Ein zu geringes Wachstum genügt vollauf. Ein Wirtschaftswachstum ohne Mehrverbrauch
von Energie und mehr CO2-Ausstoß hat
aber leider noch niemand erfunden. Andererseits bedeutet bereits ein Wachstum
des Energieverbrauches um nur 1,8 Prozent jährlich eine Verdoppelung binnen
19 Jahren. Wenn die Wirtschaft unablässig wachsen muss, kann man also auf
längere Sicht die Kioto-Ziele vergessen.
Kernenergie als Ausweg? Damit bereits in der ersten Hälfte des nächsten
Jahrhunderts überall, wo heute ein AKW arbeitet, deren vier, sechs, acht
stehen? Bei den heutigen Wachstumsraten ist diese Vorstellung realistisch. Freude
über neues Wachstum, Freude über jede Erholung des Arbeitsmarktes.
Und in der selben „Zeit im Bild“, derselben Journalsendung, auf
derselben Zeitungsseite, besorgt, alarmiert, kassandrisch: Das Klima, die Umwelt,
der Gesamtzustand der Welt. Kein Wort davon, dass Wachstum zwangsläufig
mehr Energieverbrauch, mehr Stahl, mehr Alu, mehr Bauen, mehr Autos und zwangsläufig
mehr Treibhauseffekt bedeutet. Offenbar halten die meisten von uns nach wie
vor Ursachen und Folgen in ihrem Bewusstsein so säuberlich getrennt wie
der gläubige Chirurg seine Hantierungen an Herz oder Hirn vom Glauben an
Wunder, den er in der Kirche bejaht, sich aber am Operationstisch verbietet.
Auch das Bekenntnis zu den Kioto-Zielen ist, sollte es ehrlich gemeint sein,
unter den gegebenen Umständen schierer Glaube an Wunder.
Das ökonomische System erfordert ein Wachstum, welches das ökologische
System offenbar überfordert. Die ökonomische und die naturwissenschaftliche
Sicht der Weltprobleme driften heillos auseinander. Die von der Naturwissenschaft
vorgegebenen Strategien laufen für den hochindustrialisierten Teil der
Welt nach wie vor auf das Rezept „Weniger von allem“ hinaus.
Wirtschaftlich gangbare Wege in dieser Richtung sind derzeit nicht erkennbar.
Das Hauptproblem in Sachen Erderwärmung, Klima und Umwelt ist aber nicht
dieses Dilemma, sondern die Tatsache, dass es nicht ausgesprochen wird.
*) Hellmut
Butterweck ist Schriftsteller und Journalist
und schrieb das Buch "Arbeit ohne Wachstumszwang" (Campus, 1995) [^]
Mit freundlicher Abdruckgenehmigung von "Der Standard", 3.3.2007