Vorbei an Kioto
Wassermanagement
Pflanzenkläranlagen
sind äußerst zuverlässig bei der Reinigung von häuslichen
Abwässern. Ihre Robustheit und die günstigen, bodenähnlichen
Bedingungen sollten auch die Reinigung schwieriger Abwässer ermöglichen.
Ihre Anwendung bei Deponiesickerwässern, Flughafenenteisungswässern,
Abwässern von Molkereien, Gerbereien sowie Industrien mit ölhältigen
Abwässern ist jedoch in in Österreich noch nicht etabliert.
Potenzial für Pflanzenkläranlagen in der Steiermark
Abbildung 1: Schaffung eines Biotops statt Ableitung von Regenwasser in einem Siedlungsgebiet
Pflanzenkläranlagen eliminieren unterschiedliche Verunreinigungen durch
eine Vielzahl physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse. Sie entsprechen
denen natürlicher biologischer Systeme. Bau-, Betriebs- und Instandhaltungskosten
sind, wegen des einfachen Systems, niedriger als bei konventionellen Anlagen.
Pflanzenkläranlagen sind bereits für die Reinigung von kommunalem
Abwasser erfolgreich im Einsatz.
Eine vom Amt der Steiermärkischen Landesregierung finanzierte Erhebung
sollte es ermöglichen, Anwendungsmöglichkeiten für Pflanzenkläranlagen
über den häuslichen Bereich hinaus zu identifizieren.
Dieser Kurzbericht soll einen der untersuchten Bereiche beleuchten: die Reinigung
von Straßenabläufen und das umfassende Regenwassermanagement, in
dem Pflanzenkläranlagen eine feste Rolle haben. Vor allem in England und
Australien wird daran gearbeitet, aber auch aus Deutschland gibt es unter der
Bezeichnung Retentionsbodenfilter Beispiele.
Spezifische Abwasserqualität
Niederschlagsabflüsse von stark befahrenen Strassen weisen unter anderem Belastungen mit Schwermetallen, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und mineralischen Kohlenwasserstoffen (MKW) auf. Gerade die Zuflüsse aus der städtischen Entwässerung können im Vorfluter mehr als 50 % des gelösten Feststoffeintrages, 16 % des Gesamt-Kohlenwasserstoff- und zwischen 35 und 75 % des Schwermetall-Eintrages, darunter vor allem Cadmium, Kupfer, Blei und Zinn, ausmachen (COOPER & al., 1996). In städtischen Oberflächenwässern beträgt die Konzentration an Gesamt-Kohlenwasserstoffen im allgemeinen zwischen 1 und 25 mg/l. Bei Starkregenereignissen kann diese bis auf 400 mg/l ansteigen. Ab einer Konzentration von ca. 5 bis 10 mg/l ist ein sichtbarer „Ölfilm“ erkennbar.
Ist – SituationDerzeit werden
In der Steiermark sind bisher keine Pflanzenkläranlagen für Straßenabläufe oder allgemeiner für die Regenwasserreinigung eingesetzt worden. Die zunehmende Belastung der Gewässer durch Regenwasser hat aber in den umliegenden Ländern zu Versuchen mit solchen Anlagen geführt. Nachfolgend sind einige Beispiele aus der Literatur beziehungsweise aus Projekten mit Partnern genannt.
Umgesetzte Projekte
Bulc & Slak 2003 beschreiben
eine Anlage zur Reinigung des Abflusses aus einem Autobahnabschnitt in Slowenien.
Die Anlage ist für eine maximale Abflussmenge von 11,75 l/s für rund
0,75 ha Abflussfläche dimensioniert. Sie besteht aus einem vorgeschalteten
Sedimentationsbecken von 36 m² und einem Pflanzenbecken mit 85 m².
Einjährige Messungen zeigten eine gute Reinigungsleistung.
Zwei Anlagen reinigen die Oberflächenabflüsse eines 1,5 km langen
Straßenabschnittes in Großbritannien „Reed Bed Windsor Road
West“ und „Reed Bed Windsor Road East“ (SWIFT &
LANSDOWN, 1994) (PUSSARNIG 2000)
Die Pflanzenkläranlage der Gemeinde Great Notley Garden Village, Essex/Großbritannien
zur Behandlung von Oberflächenabflüssen von Straßen im städtischen
Bereich beschreibt COOPER & al. (1996)
In den letzten Jahren sind in Großbritannien einige Anlagen zur Reinigung
von Straßenabwässern errichtet worden. Derzeit gibt es etwa 100 Pflanzenkläranlagen
für die Regenwasserreinigung, darunter 32 für Autobahnen und Straßen.
Dabei handelt es sich in der Mehrzahl um Teichanlagen, zu einem kleineren Teil
um Bodenfilter (Shutes B. et al. 2004). Diese Anlagen wurden
im Rahmen eines integrierten Ansatzes für die Regenwasserbewirtschaftung,
mit der Bezeichnung „Sustainable Urban Drainage Systems“ (SUDS),
geplant und errichtet (siehe auch weiter unten).
In Deutschland werden Pflanzenkläranlagen im Zusammenhang mit Regenwasser
allgemein als Bodenfilter bezeichnet. Meist sind sie als sogenannte Retentionsbodenfilter
(RBF) ausgeführt, als Anlagen also, die die Funktionen Rückhalt und
Reinigung in sich vereinen, wie das meist auch in England der Fall ist. Die
RBF haben sich in den vergangenen Jahren als leistungsfähige Anlagen zur
Regenwasserbehandlung in Misch- und Trennsystemen und in der Straßenentwässerung
erwiesen. Mittlerweile gibt es aus Nordrhein-Westfalen ein Handbuch zum Bau
solcher Anlagen (Uhl M. et al. 2003).
Ein interessantes Sonderbeispiel ist eine Anlage in Berlin, die speziell zur
Reinigung und Nutzung des Spülstoßes aus Straßenabläufen
konzipiert wurde und Wasser für die Toilettenspülung und andere häusliche
Zwecke der angrenzenden Wohnhausanlage produziert. Der Hauptzweck der Anlage
ist der Schutz der ohnehin schon stark belasteten Berliner Vorfluter. (Nolde
2006)
Regenwasserbewirtschaftung statt Regenwasserentsorgung
Die Überschwemmungen der letzten Jahre haben es deutlich gemacht: der Hochwasserschutz wird eine zunehmende Herausforderung.
Abbildung 3: Hochwasser in Graz am 22.8.2005 (Quelle: Foto Fischer)
Der Schutz kleiner städtischer Einzugsgebiete vor Überflutungen ist auch in der Steiermark ein Problem. Auch hier können Pflanzenkläranlagen einen Beitrag als Retentionsbecken leisten, die sich für eine gärtnerische Gestaltung gut eignen. Allerdings sollten Pflanzenkläranlagen dabei nicht als isolierte Schutzeinrichtungen realisiert werden, sondern Teil eines integrierten Bewirtschaftungskonzeptes sein.
Ein solcher ganzheitlicher Ansatz kann eine Kombination folgender Einzelmaßnahmen in unterschiedlicher Zusammensetzung umfassen:
Aktuelle Probleme mit Überschwemmungen unterstreichen die Fehlentwicklung der heute üblichen Regenwasserableitung. Auch die Versickerung über Rigolensysteme bewirkt eine Dynamisierung des Grundwassers und erhöhten Stofftransport an Basen und Nährsalzen. Ein temporär angestauter Regenwasserteich wäre demgegenüber ästhetisch attraktiver und ließe die eingeschwemmten Schadstoffe durch deren Festlegung in den Schlamm und Pflanzen zu einem geringeren Problem werden als deren spätere Eliminierung bei der Trinkwassergewinnung.
Beispiele solcher ganzheitlicher Anätze gibt es in unseren Nachbarländern:
Ausblick
Im Bereich der Straßenabläufe gibt es, wenn auch nicht in Österreich
so doch in unseren Nachbarländern, schon eine Reihe von erfolgreichen Beispielen,
Pflanzenkläranlagen für die Kombination von Reinigung der Abläufe
und Reduktion der Abflussspitzen bei Starkregen einzusetzen. In der Steiermark
könnten die direkten Einleitungen von Straßenabläufen in Vorfluter
schrittweise und nach Maßgabe ihres Gefährdungspotenzials über
eine Pflanzenkläranlage geführt werden. Dies könnte sowohl in
Form einer systemoptimierten Adaptierung von bestehenden Gewässerschutzanlagen
als auch in Form neu zu konzipierender, den spezifischen Anforderungen von Straßenabwässern
entsprechender Pflanzenkläranlagen erfolgen.
Dies ist vor allem auch im Rahmen von integrierten Konzepten der Regenwasserbewirtschaftung
im Siedlungsraum interessant. Dabei sind Pflanzenkläranlagen ein Element
unter vielen und werden als Retentionsraum, Reinigungsanlage, Feuchtbiotop und
besonderer gestalterischer Akzent in einer Grünanlage genutzt. Die Maßnahmen
eines solchen Gesamtkonzeptes reichen von der direkten Nutzung von Regenwasser
über die lokale Versickerung und Entsiegelung befestigter Flächen
bis zur Nutzung regionaler Retentionsmöglichkeiten. Solche Konzepte der
Regenwasserbewirtschaftung könnten die bisherige Praxis der Regenwasserentsorgung
ablösen und eine geeignete Antwort auf steigende Starkregenereignisse sein.
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Literatur
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*) Dipl.-Ing. Martin Regelsberger ist Leiter der Abteilung Wasser und Abwasser der AEE INTEC, m.regelsberger@aee.at, www.zer0-m.org [^]