Atomenergie oder Erneuerbare?
Solarthermie
Quelle:
TiSUN®
Abbildung 1: Die Solaranlage mit einer installierten Leistung von 150 kWth (215 m² Kollektorfläche) liefert Wärme für Reinigungsprozesse und die Hallentrocknung.
Ein Drittel des Wärmebedarfs in den EU-Ländern entfällt auf den Bereich Industrie und Gewerbe. Sieht man vom Hochtemperaturbebereich in der Metall- und Chemieindustrie ab, so wird deutlich, dass ein erheblicher Teil, der in industriellen Prozessen benötigten Wärme, im Temperaturniveau bis 100 °C liegt. Nahezu die Hälfte aller Prozesse findet ihr Auslangen mit Temperaturen bis 250 °C.
Solare Prozesswärme: Einsatzbereiche und Herausforderungen für die Solarindustrie
Um
den Sektor Industrie für solarthermische Anwendungen zu erschließen,
wurden daher im Rahmen eines Projektes (Task 33/IV) der Internationalen Energieagentur
(IEA), an dem sich 16 Institute und 11 Firmen aus acht Ländern beteiligen,
Potenzialstudien erstellt, Prozesswärmekollektoren entwickelt, sowie systemtechnische
Lösungen zur Integration von Solarwärme in industrielle Prozesse untersucht.
Abbildung
2: Wärmebedarf in der europäischen
Industrie
Quelle: ECOHEATCOOL (IEE ALTENER Project), the European Heat
Market, Work Package 1, Final Report published by Euroheat & Power
Stand der Anwendung
Weltweit wurden im Rahmen des Projektes 85 Anlagen mit einer installierten Leistung
von 27 MWth (entspricht 38.500 m² Kollektorfläche) im Industrie-
und Gewerbebereich dokumentiert. Die bisher realisierten Anlagen wurden vorwiegend
in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie, in der Textil- und Chemieindustrie
sowie bei einfachen Waschprozessen wie z.B. Autowaschanlagen realisiert. Dies
liegt vor allem an den Temperaturniveaus, die für die Prozesse dieser Branchen
erforderlich sind. Die notwendigen Prozesstemperaturen liegen im Bereich von
30°C bis maximal 90°C /1/, weshalb bisher hauptsächlich Flachkollektoren
eingesetzt wurden.
Neben der Prozesswärmebereitstellung wird Solarwärme auch zur Beheizung
von Produktionshallen genutzt. Alleine in Österreich wurden in diesem Bereich
in den vergangenen Jahren 10 Anlagen in Betrieb genommen. Fabrikhallen zeichnen
sich im Gegensatz zu anderen Gebäudenutzungen wie dem Wohnungsbau und dem
Bau von Bürogebäuden durch hohe Raumhöhen von 5 bis 10 Metern
und relativ niedrige geforderte Raumtemperaturen von 15-18 °C aus. Die geringen
Raumtemperaturen in Verbindung mit einfachen Systemkonzepten, die für Hallenheizung
realisiert werden können, sind ideale Voraussetzungen für solarthermische
Anlagen und eröffnen ein großes Potenzial für die Solarenergienutzung
im Gewerbe- und Industriebereich.
Wie die Ergebnisse einer Studie /2/ zeigen, die von der AEE INTEC durchgeführt
wurde, können Industriehallen unter mitteleuropäischen Klimabedingungen
bei entsprechender Bauausführung bis zu 100% solar beheizt werden.
Abbildung 3: 90 m² (63 kWth) Sonnenkollektoren in der Südfassade des Bürogebäudes beheizen die Produktionshalle der Firma VMZ in Ludesch
Wie oben dargestellt, besteht neben der Beheizung von Produktionshallen vor allem für den Einsatz von Solarwärme in Produktionsprozessen bis zu einem Temperaturniveau von 250°C ein erhebliches Potenzial. Das technisch umsetzbare Potenzial für solare Prozesswärme in der EU liegt bei ca. 100 GWth, entsprechend einer zu installierenden Kollektorfläche von 140 Mio. m². Die bis zum Jahr 2006 in Europa gesamt installierte Kollektorfläche, die fast ausschließlich im Wohnbau errichtet wurde, beträgt 19 Mio. m².
Tabelle 1: Potenzial
für Solare Prozesswärme bis 250°C in Europa
Quelle: Vannoni, C. et al.: SHIP Potential Studies Report
| Endenergieverbrauch
Industrie 2002 Quelle Eurostat |
Wärmebedarf Industrie 2002
Quelle Eurostat |
Anteil
des Wärmebedarfs an Endenergie |
Potenzial
f. Solare Prozesswärme (inkl. Mitteltemp. Anwendungen bis 250°C) |
Anteil
der Solarwärme am Wärmebedarf der Industrie |
Potenzial
für Solare Prozesswärme |
Potenzial
für Solare Prozesswärme |
|
| [PJ/Jahr] |
[PJ/Jahr] |
[%] |
[PJ/Jahr] |
[%] |
[Mio. m²] |
[GW] |
|
| Österreich | 297 |
220 |
74,1 |
5,4 |
2,4 |
4,3 |
3 |
| Spanien | 1.175 |
841 |
71,5 |
17 |
2,0 |
10 |
7 |
| Portugal | 243 |
184 |
75,6 |
4 |
2,2 |
2,5 |
1,7 |
| Italien | 1.652 |
1.136 |
68,8 |
32 |
2,8 |
15,4 |
10,8 |
| Holland | 573 |
425 |
74,2 |
1,5 - 1,95 |
0,3 - 0,5 |
0,8 - 1 |
0,7 |
| Deutschland | 2.416 |
1.575 |
65,2 |
50 |
3,2 |
35 |
24,5 |
| EU 15 | 11.372 |
7.880 |
69,3 |
199 |
2,5 |
110 - 138 |
77 - 97 |
| EU25 | 12.964 |
9.145 |
70,5 |
230 |
2,5 |
128 - 160 |
90 - 112 |
Entwicklung von Prozesswärmekollektoren
Entscheidend für die Erschließung des industriellen Mitteltemperaturbereichs ist die Entwicklung von Prozesswärmekollektoren, welche Heißwasser oder Dampf bis zu einem Temperaturniveau von 250°C mit guten Wirkungsgarden bereitstellen können. Im Rahmen des Task 33/IV wurden mehrere Prozesswärmekollektoren dokumentiert und entwickelt. Die Bandbreite der Neuentwicklungen reicht von verbesserten Flachkollektoren mit Mehrfachverglasung und Antireflex-Beschichtung, über stationäre CPC-Kollektoren, kleine Parabolrinnenkollektoren bis hin zu Fresnel-Kollektoren oder den von der Universität der Balearen entwickelten CCStaR Kollektor. Der Entwicklungsstand reicht von ersten Prototypen bis zur Serienfertigung. Die Tabelle 2 gibt einen Überblick über die im Task 33/IV untersuchten Prozesswärmekollektoren. Detaillierte Informationen zu den einzelnen Kollektorenticklungen werden derzeit in einer umfangreichen Broschüre zusammengefasst, die ab März 2008 bei der AEE INTEC erhältlich sein wird.
Tabelle 2: Überblick über die im Task 33 untersuchten Prozesswärmekollektoren
| Kollektortyp |
Arbeitstemperatur [ºC] |
Wärmeträgermedium |
Kontakt Task 33/IV |
|
|
Verbesserte
Flachkollektoren |
||||
![]() |
2AR Flachkollektor Doppelt verglaster Flachkollektor mit antireflektiv beschichtetem Glas |
80 – 150 |
Wasser-Glykol |
Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme Heidenhofstrasse 2 79110 Freiburg Deutschland |
![]() |
SCHÜCO Doppelt verglaster Flachkollektor mit AR Beschichtung |
80 – 150 |
Wasser-Glykol |
Schüco International KG Karolinenestr. 1-15 33615 Bielefeld Deutschland |
|
CPC-Kollektoren |
||||
![]() |
AoSol Stationärer CPC Kollektor |
80 - 110 |
Wasser-Glykol |
DER/INETI, Edificio H, Estrada do Paço do Lumiar, 22, 1649-038 Lisboa Portugal |
![]() |
Solarfocus Stationärer CPC Kollektor |
80 - 120 |
Wasser-Glykol |
SOLARFOCUS GmbH 4451 St.Ulrich / Steyr Österreich |
![]() |
ZEA Evakuierter CPC Kollektor |
120 - 180 |
Wasser-Glykol |
ZAE Bayern Walther-Meißner-Str. 6, 85748 Garching Deutschland |
|
Kleine
Parabolrinnen-Kollektoren |
||||
![]() |
PARASOL Parabolrinnenkollektor |
100 – 200 |
Wasser oder Dampf |
AEE INTEC Feldgasse 19 8200 Gleisdorf Österreich |
![]() |
SOLITEM PTC 1800 |
100 – 200 |
Wasser |
DLR Institut für Technische Thermodynamik 51170 Köln Deutschland |
![]() |
NEP SOLAR Polymer Carrier PTC |
150 – 250 |
Wasser |
New Energy Partners Pty Ltd Level 2 Suite 1a 802 Pacific Highway Gordon NSW 2072 Australien |
![]() |
PTC 1000 Modularer Parabolrinnenkollektor |
80 – 300 |
Wasser |
Solar-Institut Jülich Heinrich-Mußmann-Str. 5 52428 Jülich Deutschland |
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CHAPS Kombinierter Wärme- und Strom PTC |
80 - 150 |
Wasser |
Australian National University Centre for Sustainable Energy Systems Department of Engineering, Canberra ACT 0200 Australien |
|
Fresnelkollektor |
||||
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PSE Linear konzentrierender Fresnel Prozesswärme- Kollektor |
100 – 400 |
Wasser, Dampf oder Thermoöl |
PSE Solar Info Center 79072 Freiburg Deutschland |
|
CCStaR
- Konzentrierender Kollektor mit stationärem Reflektor |
||||
![]() |
CCStaR |
80 - 140 |
Wasser |
Universitat de les Illes Balears Palma de Mallorca Spanien |
Pilotanlagen
Da Solaranlagen für die Bereitstellung industrieller Prozesswärme
zumeist in bestehende Produktionsanlagen integriert werden müssen, stellt
dies eine neue Herausforderung an die Systemtechnik dar. Um dieser Herausforderung
zu begegnen, wurden rund 20 systemtechnische Konzepte entwickelt, die den unterschiedlichen
Anforderungen der Wärmeträger (Luft, Wasser-Glykol, Druckwasser oder
Dampf), der Temperaturniveaus und der zu versorgenden Prozesse entsprechen.
Diese Konzepte werden nun in Demonstrationsanlagen umgesetzt und erprobt.
In der Folge werden einige der in Österreich realisierten Anlagen kurz
vorgestellt.
MOGUNTIA-Werke Gewürzindustrie
Waschprozesse kommen vor allem in der Lebensmittel- und Textilindustrie sowie
im Transportsektor vor. Für die meisten dieser Reinigungsprozesse liegen
die geforderten Temperaturen zwischen 40 und 90°C, daher bieten sie optimale
Einsatzbereiche für Flach- und Vakuumröhrenkollektoren. Das Systemkonzept
kann ähnlich wie bei großen Anlagen zur Warmwasserbereitung im Wohnbereich
ausgeführt werden. In den meisten Fällen wird das Wasser nach dem
Reinigungsprozess nicht direkt wieder verwendet. Eine Wärmerückgewinnung
aus dem Abwasser sollte je nach Temperaturniveau, das noch zur Verfügung
steht, dennoch in Erwägung gezogen werden.
Eine derartige Anlage wurde im neuen Produktionskomplex der MOGUNTIA Unternehmensgruppe
in Kirchbichl (Tirol) von der Tiroler Firma TiSun realisiert. In diesem Unternehmen
werden Wurstgewürze, technologische Compounds, Feinkostwürzungen,
Haushaltsgewürze und funktionelle Spezialprodukte für Fleischwaren-
und die Lebensmittelindustrie hergestellt. Seit Sommer 2007 werden rund 45%
des in den Produktionsprozessen benötigten Warmwasser- und Wärmebedarfs
mit einer thermischen Solaranlage gedeckt. Die Anlage mit einer installierten
Leistung von 150 kWth (entspr. 215 m² Kollektorfläche, siehe auch
Abbildung 1) speist die Solarwärme in vier Speicher mit einem Gesamtvolumen
von 10 m³ ein. 8000 Liter Heißwasser, die täglich benötigt
werden, werden in folgenden Prozessen genutzt:
Abbildung 4: Das Moguntia Werk in Kirchbichl in Tirol produziert seit Sommer 2007 Gewürzmittel für die Lebensmittelindustrie mit Solarenergie
Solarenergie für die Getränkeindustrie
Auch in der Getränkeindustrie besteht ein enormes Potenzial für
den Einsatz von thermischer Solarenergie. Die Einsatzbereiche reichen von der
Versorgung von Flaschenwaschmaschinen bis hin zur Wärmebereitstellung für
Brauprozesse in Brauereien oder das Pasteurisieren von Fruchtsäften.
Eines der realisierten Beispiele ist die Solaranlage der Firma „Gangl
Fruchtsäfte“, welche mit einer Kollektorfläche von 60 m²
(42 kWth) über einen speziell für diesen Zweck entwickelten Wärmetauscher
eine Pasteurisieranlage mit Wärme versorgt. Weiters wird das solar erwärmte
Wasser zur Behälterreinigung und die Reinigung der angelieferten Früchte
genutzt. Das verbleibende Niedertemperaturniveau von 17 - 28°C wird zur
Temperierung von Essig- und Mostfässern eingesetzt.
Wie die Messdaten über ein Betriebsjahr zeigen, liegt der Ertrag bei 605
kWh/kWth bzw. bei 423 kWh/m² Kollektorfläche.
Abbildung 5: Messergebnisse des ersten Betriebsjahres der Solaranlage Gangl
Solare Brauerei
Seit Juni 2006 wird in der Brauerei Neuwirth im steirischen Brodersdorf bei
Gleisdorf solar gebrautes Bier ausgeschenkt.
In Kooperation mit dem Braumeister wurden von der AEE INTEC ein Anlagenkonzept
und ein Sudkessel entwickelt, der es erlaubt, die Maische mittels solar bereit
gestellter Wärme direkt zu beheizen. Jährlich werden in dieser Pilotanlage
nun 40.000 Liter solar gebrautes Bier produziert.
Die Demonstrationsanlage besteht im Wesentlichen aus Sonnenkollektoren mit einer
Leistung von 14 kWth (20 m²), einem Wärmespeicher (1 m³) und
einem 400 Liter fassenden Sudkessel (siehe Abbildungen 6 und7). Da für
den Brauprozess Temperaturen bis zu 95°C erforderlich sind, wurden Sonnenkollektoren
mit Doppelverglasung und Antireflexbeschichtung eingesetzt, bei dem der Scheibenzwischenraum
zudem mit Edelgas gefüllt ist. Dieser Kollektor wurde speziell für
Anwendungen im Mitteltemperaturbereich von der deutschen Firma Schüco entwickelt
(Tabelle 2).
Abbildung 6: Die Sonnenkollektoren versorgen den Sudkessel der Brauerei mit Wärme
Abbildung 7: Schema der Brauanlage
Neben den bisher in Österreich errichteten Anlagen zur Fruchtsaftpasteurisierung,
zur Holztrocknung und zur Bereitstellung von Heißwasser für Autowaschanlagen,
demonstriert diese Anlage eine der vielfältigen Möglichkeiten, Solarenergie
auch in gewerblichen und industriellen Prozessen einzusetzen.
Die Beteiligung der Experten der AEE INTEC an der Task33/IV wird durch das Österreichische
Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie gefördert.
|
Referenzen:
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*) Dipl.-Päd. Ing. Werner Weiss ist Geschäftsführer der AEE INTEC und Operating Agent des IEA SHC Task 33/IV, http://www.aee-intec.at, http://www.iea-ship.org  [^]