Solarwärme boomt
Thema
Abbildung
1
Quelle: Energy Economics Group, Bernhard Baumann
Die Sektoren Wärme und Kälte verursachen gegenwärtig ca. 51% des österreichischen Endenergieverbrauchs, wobei ca. 79 % durch fossile Energieträger und Strom abgedeckt werden. Entwicklungsszenarien bis zum Jahr 2030 zeigen in diesem Zusammenhang die Chancen aber auch die Grenzen zukünftiger erneuerbarer Wärme und Kälte auf..
Erneuerbare Wärme und Kälte 2030
Von Peter Biermayr, Andreas Müller und Lukas Kranzl *
Ziel der folgenden Analysen ist es, die zukünftige Rolle der erneuerbaren Energie und der Energieeffizienz im Sektor Wärme und Kälte bis zum Jahr 2030 zu diskutieren. Der methodische Zugang besteht im Bereich Raumwärme und Warmwasser aus der disaggregierten Abbildung des gesamten österreichischen Gebäudebestandes mit Hilfe des Computermodells ERNSTL [1], einem nicht rekursiven betriebswirtschaftlichen Optimierungsmodell. In allen anderen Bereichen werden ökonometrische Modelle verwendet. Auf dieser Basis werden drei Szenarien betrachtet:
Der Sektor Wärme und Kälte wird für die weiteren Betrachtungen in die vier Bereiche Raumwärme plus Warmwasser, Klimatisierung, Dampferzeugung plus Prozesswärme, sowie Industrieöfen gegliedert, wobei der Bereich Raumwärme plus Warmwasser momentan mit ca. 63% den größten Anteil ausmacht.
Raumwärme und Warmwasserbereitung: Der Endenergieverbrauch
Ein zunächst überraschendes Ergebnis ist die gleichmäßige Reduktion des Gesamtverbrauchs für Raumwärme und Warmwasserbereitung in allen drei Szenarien, wie dies in Abbildung 1 dargestellt ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass normative Instrumente (Bauordnung, Gebäuderichtlinie) in allen Szenarien gleichermaßen umgesetzt werden und über die Zeit jeweils der aktuelle Stand der Technik implementiert wird. Diese Mechanismen bewirken eine fortschreitende Verbesserung der Energieeffizienz des Gebäudebestandes sowie der Wärmebereitstellungstechnologien.
Abbildung 2: Endenergieverbrauch für Heizung und Warmwasserbereitung in Österreich – Referenz 2005 und die Szenarienergebnisse für 2030 (Quelle: eigene Berechnungen)
Das Modell zeigt eine Reduktion des Endenergieverbrauchs von ca. 349 PJ im
Jahr 2005 auf ca. 247 PJ im Jahr 2030. Dies entspricht einer Reduktion um 29%.
Die Struktur des Endenergieverbrauchs 2030 zeigt jedoch je nach Szenario deutliche
Unterschiede. Sowohl das ambitionierte als auch das beschleunigte Szenario weisen
deutlich höhere Anteile an erneuerbarer Energie auf, als dies beim Basisszenario
der Fall ist. Während im Basisszenario bis zum Jahr 2030 ca. 61% Erneuerbare
erreicht werden, liegen diese Anteile beim ambitionierten Szenario bei ca. 76%
und beim beschleunigten Szenario bei ca. 79%, die erneuerbaren Anteile des elektrischen
Stroms nicht mitgerechnet.
Der Unterschied zwischen ambitionierten Szenario und beschleunigten Szenario
ist somit relativ gering, wobei in Hinblick auf die zeitliche Entwicklung das
beschleunigte Szenario die hohen Anteile erneuerbarer Energie früher erreicht.
Der größte Unterschied zwischen den beiden letztgenannten Szenarien
tritt im Jahr 2025 auf. Gegen Ende der Betrachtungsperiode zeigt sich beim beschleunigten
Szenario ein Sättigungseffekt. Beschleunigtes Szenario und ambitioniertes
Szenario nähern sich hier wieder an. Alles deutet darauf hin, dass es nach
2030 hoher Anstrengungen bedarf, um den Anteil erneuerbarer Energie noch deutlich
weiter zu steigern.
Abbildung
3: Die Sektoren Wärme und Kälte verursachen ca. 51 % des
österreichischen Endenergieverbrauchs
(Quelle:Energy Economics Group, Peter Biermayr)
Die Technologiediffusion
Abbildung 4 zeigt die Technologiediffusion für die drei Szenarien und die Jahre 2020 und 2030. Abgebildet sind der jeweilige Anlagenbestand der Hauptheizsysteme sowie die Anzahl der Solaranlagen. Die strukturellen Unterschiede zwischen dem Basisszenario und dem ambitionierten bzw. dem beschleunigten Szenario einerseits und den Jahren 2020 und 2030 andererseits sind deutlich zu erkennen. Das beschleunigte Szenario eilt dem Basisszenario in Hinblick auf Struktur und Größenordnungen um gut 10 Jahre vor.
Abbildung 4: Technologiediffusion von Hauptheizsystemen und Solaranlagen in den Szenarien für die Jahre 2005, 2020 und 2030 (Quelle: eigene Berechnungen)
Die Anzahl der Ölheizungen sinkt in allen Szenarien bis 2030 auf unter ein Zehntel der im Jahr 2005 vorhandenen Anlagen. Die Hauptdynamik findet hierbei im Zeitraum von 2020 bis 2030 statt. Die Gasheizung bleibt im Basisszenario ein wesentliches Heizsystem, in den beiden anderen Szenarien ist eine deutliche Reduktion der Gasheizsysteme zu verzeichnen. Die Anzahl der Scheitholz-Heizsysteme steigt in allen Szenarien moderat, die höchste Steigerung tritt im Fall des beschleunigten Szenarios auf. Pelletssysteme nehmen in allen Szenarien einen hohen Stellenwert ein, wobei die stärkste Diffusion unter den Randbedingungen des ambitionierten Szenarios für 2030 zu verzeichnen ist. Die Verbreitung der klassischen Fernwärme ist über weite Bereiche etwa konstant. Dies betrifft vor allem das Basisszenario und das ambitionierte Szenario. Im Modell wurden Mechanismen implementiert, die den Umstieg von Fernwärme auf ein anderes System deutlich erschweren um die praxisrelevanten (politischen) Rahmenbedingungen abzubilden. Trotzdem gerät im beschleunigten Szenario die klassische Fernwärme zunehmend unter Preisdruck. Hier ist die parallel stattfindende Steigerung der Diffusion der Biomasse-Nahwärme Systeme als Kompensation zu verstehen. In der Praxis ist dieser Effekt auch als Änderung des Brennstoffmix im Bereich der Nah- und Fernwärmeanlagen zu interpretieren, wobei der wirtschaftliche Betrieb von Wärmenetzen angesichts der steigenden Energieeffizienz der Gebäude zunehmend schwieriger wird (sinkende Abnahmedichte). Heizsysteme auf Kohlebasis werden im Betrachtungszeitraum in allen Szenarien bis zur Bedeutungslosigkeit reduziert. Alte Kohlekessel werden spätestens am Ende ihrer Lebensdauer gegen andere Systeme ersetzt. Eine deutliche Reduktion der Systemzahl ist auch im Fall der Strom-direkt Heizungen zu verzeichnen, wobei eine Staffelung nach Szenarien zu beobachten ist. Wärmepumpensysteme verzeichnen in allen Szenarien eine deutliche Diffusion, wobei die höchsten Zahlen unter den Randbedingungen des beschleunigten Szenarios erreicht werden. Die Steigerungsraten betreffen hierbei sowohl den Bereich des innovativen energieeffizienten Neubaus als auch den innovativen Sanierungsbereich.
Abbildung 5: Bis 2020 könnten im beschleunigten Szenario 9,7 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden (Quelle: Energy Economics Group, Peter Biermayr)
Die CO2-Relevanz
Aus der Reduktion des Endenergieverbrauchs für Raumheizung und Warmwasserbereitung sowie der Umstrukturierung des Energiemix in diesem Bereich resultiert eine deutliche Reduktion der CO2-Emissionen. Tabelle 1 dokumentiert die Ergebnisse. Die CO2-Emissionen betragen im Jahr 2005 ca. 22,3 Mio. Tonnen. Bis zum Jahr 2020 können im Basisszenario 7,0 Mio. Tonnen, im ambitionierten Szenario 9,0 Mio. Tonnen und im beschleunigten Szenario 9,7 Mio. Tonnen eingespart werden. Bis zum Jahr 2030 sind Einsparungen von 11,7, 14,0 und 14,9 Mio. Tonnen CO2 zu verzeichnen.
| CO2-Einsparungen
in Mio. Tonnen |
||||||
| Szenarien: |
2005 |
2010 |
2015 |
2020 |
2025 |
2030 |
| Basis | 0,0 |
1,5 |
4,0 |
7,0 |
9,9 |
11,7 |
| Ambitioniert | 0,0 |
1,9 |
5,2 |
9,0 |
11,8 |
14,0 |
| Beschleunigt | 0,0 |
2,0 |
5,4 |
9,7 |
13,2 |
14,9 |
Tabelle 1: CO2-Einsparungen im Sektor Raumwärme und Warmwasserbereitung bezogen auf das Jahr 2005 (Quelle: eigene Berechnungen)
Gesamtbetrachtung Wärme und Kälte
Die Gesamtentwicklung des Endenergieverbrauchs des Bereiches Wärme und
Kälte ist in Abbildung 5, links, anhand des ambitionierten Szenarios dargestellt.
Die Reduktion des Endenergieverbrauchs resultiert vor allem aus der Verbesserung
der Gebäude-Energieeffizienz.
Die Entwicklung des zugehörigen Energieträgermix ist in Abbildung
5, rechts, veranschaulicht. Der strukturelle Wandel der Energieversorgung von
fossiler zu erneuerbarer Energie wird deutlich. Der Anteil erneuerbarer Energie
(ohne Strom) beträgt dabei im Jahr 2005 20,6% und erhöht sich bis
zum Jahr 2030 auf 57,5%.
Aus der Reduktion des Endenergieverbrauchs und der strukturellen Veränderung
der Endenergieaufbringung resultiert schlussendlich eine deutliche Reduktion
der CO2-Emissionen. Die Emissionsreduktion beträgt im ambitionierten Szenario
für den gesamten Wärmebereich 11,7 Mio. Tonnen bis zum Jahr 2020 und
19,6 Mio. Tonnen bis zum Jahr 2030.
Abbildung
6: Entwicklung Endenergieverbrauch
und Energieträgermix für den gesamten Wärmesektor im ambitionierten
Szenario (Quelle: eigene Berechnungen)
Der Wärme- und Kältesektor unter dem Licht der Regierungsziele
Österreich hat sich, wie auch die Europäische Union und andere Nationalstaaten,
ambitionierte Ziele in Hinblick auf die zukünftige Nutzung erneuerbarer
Energie gesetzt. Der Anteil erneuerbarer Energie am Bruttoinlandsverbrauch soll
demnach bis zum Jahr 2010 auf 25% ansteigen und bis 2020 soll ein Anteil von
45% erreicht werden.
Der nationale Endenergieverbrauch betrug im Jahr 2004 für alle Sektoren
in Summe 1080 PJ, wovon 22,5% erneuerbare Energie (inklusive Wasserkraft und
Erneuerbare im Strommix) waren. Mit den Wachstumszahlen des Endverbrauches [4]
hochgerechnet, ergibt sich für das Jahr 2020 für Österreich ein
energetischer Endverbrauch von 1277 PJ. 45% Erneuerbare im Jahr 2020 würden
somit einen erneuerbaren Anteil von 575 PJ ausmachen. Die Anteile dieses Ziels,
die vom Sektor Wärme und Kälte erfüllt werden können sind
in Tabelle 2 dokumentiert. Der Sektor Wärme und Kälte kann somit je
nach Szenario einen Anteil von 38,6% (Basisszenario) bis 43,5% (beschleunigtes
Szenario) des Gesamtziels erfüllen (Erneuerbare im Strommix sind hierbei
berücksichtigt). Das heißt, mehr als die Hälfte des erneuerbaren
Anteils muss in anderen Verbrauchssektoren als im Sektor Wärme und Kälte
umgesetzt werden.
| Erneuerbare
ohne Strom |
Erneuerbarer Anteil Strom 60,7 | Summe Erneuerbare | Anteil am Erneuerbaren - Ziel | |
| Szenarien: |
[PJ] |
[PJ] |
[PJ] |
[%] |
| Basis | 183,3 |
38,5 |
221,9 |
38,6 |
| Ambitioniert | 207,3 |
37,3 |
244,5 |
42,5 |
| Beschleunigt | 215,5 |
34,8 |
250,3 |
43,5 |
Tabelle 2: Beitrag
des Wärme- und Kältesektors in Hinblick auf das Regierungsziel 45%
Erneuerbare bis 2020 Quelle: EEG (2007)
Abbildung
7: Der Einsatz von Biomasse für
Hochtemperatur-Wärme ist zu überlegen (Quelle:
Energy Economics Group, Peter Biermayr)
Schlussfolgerungen
Aus den getätigten Untersuchungen können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:Abbildung 8: (Quelle:Gustav Resch)
| Referenzen
|
*) Dr. Peter Biermayr und Dr. Lukas Kranzl sind wissenschaftliche Mitarbeiter, Dipl.-Ing. Andreas Müller ist Assistent der Energy Economics Group an der Technischen Universität Wien, biermayr@eeg.tuwien.ac.at, kranzl@eeg.tuwien.ac.at, mueller@eeg.tuwien.ac.at, www.eeg.tuwien.ac.at [^]