Sommerkomfort im Büro- und Verwaltungsbau
Nachhaltige Gebäude
Abbildung
1: BOB Balanced Building in Aachen.
Architektur: Hahn Helten Architekten (Aachen), Energiekonzept: VIKA Ingenieur
GmbH (Aachen) (Quelle: Jörg Hempel, Aachen und VIKA Ingenieur
GmbH Aachen)
Niedrigenergiegebäude mit einem energieoptimierten Gesamtkonzept aus Architektur, Bauphysik und Gebäudetechnik weisen einen geringen Heiz- und Kühlbedarf auf und können somit bei vergleichbarem Arbeitsplatzkomfort auf eine Vollklimatisierung und den Einsatz von Kältemaschinen zu Gunsten von Umweltenergie aus dem Erdreich, Grundwasser oder der Außenluft verzichten.
Heizen und Kühlen mit Thermoaktiven Bauteilsystemen und Umweltenergie
Von Doreen Kalz, Jens Pfafferott und Sebastian Herkel*
Diesem Trend folgend rücken thermoaktive Bauteilsysteme (TABS) in die
engere Auswahl von Architekten und Ingenieuren, welche die Gebäudestruktur
und die Speicherfähigkeit der Bauteile aktiv in das Energiemanagement des
Gebäudes mit einbeziehen.
Bei den hier vorgestellten Nichtwohngebäuden aus dem Förderprogramm
EnOB „Energieoptimiertes Bauen“ des BMWi sind thermoaktive Bauteilsysteme
(Betonkern-, Kapillarrohrmatten- und Fußbodentemperierung) in Kombination
mit natürlichen Wärmequellen bzw. -senken zentraler Bestandteil des
Energieversorgungskonzeptes sowohl im Heiz- als auch im Kühlfall. Mit diesen
Konzepten lässt sich ein hohes Einsparpotential an Primärenergie erschließen
– Zielwert für den Primärenergiebedarf der EnOB Gebäude
für Heizung, Kühlung, Lüftung und Beleuchtung liegt unter 100
kWh/(m²a) und ist damit bis um einen Faktor 3 geringer als im heute typischen
Nichtwohnungsbau. Alle Demonstrationsgebäude werden in einer zweijährigen
Monitoringphase in hoher Messwertauflösung hinsichtlich der operativen
Raumtemperaturen und des Energiebezugs für Heizen, Kühlen und Lüftung
vermessen. Die dargestellten Gebäude weisen unterschiedliche architektonische
und planerische Ansätze auf, allen gemein ist aber der Verzicht auf eine
flächendeckende Klimatisierung zu Gunsten der Nutzung von TABS und Umweltenergie.
Prinzipiell kann die Energiebereitstellung für die TABS auf alle Arten
erfolgen, mit denen Heiz- und Kühlenergie üblicherweise in Gebäuden
bereitgestellt wird. Doch der Vorteil von thermoaktiven Bauteilsystemen ist,
dass man aufgrund der großen Wärme bzw. Kälte übertragenden
Fläche bereits mit sehr kleinen Temperaturdifferenzen zwischen Decken-
und Raumtemperatur effektiv heizen oder kühlen kann. In der Planung werden
die Kühlwassertemperaturen auf einen Temperaturbereich von 18 bis 22°C
und die Heizwassertemperaturen auf maximal 27 bis 29°C begrenzt. Also kann
gut mit Umweltenergie geheizt und gekühlt werden. Im Winter wird das natürlich
vorhandene Temperaturniveau der Umweltenergie durch eine Wärmepumpe noch
geringfügig und damit wirtschaftlich günstig erhöht. Im Sommer
wird das Erdreich bzw. das Grundwasser direkt als natürliche Wärmesenke
zur Kühlung der Gebäude genutzt, sodass lediglich die Energie zur
Verteilung der Kühlenergie, nicht aber zu deren Erzeugung, aufgewendet
werden muss.
Abbildung 2: Blick auf die Geschoßdecke BOB Aachen (Quelle: Vika Ingenieur GmbH)
Wärmequelle und Wärmesenke
Die annähernd konstanten Temperaturen des tiefen Erdreichs (bis 100 m)
können energetisch und betriebstechnisch besonders günstig genutzt
werden für die (direkte) geothermische Kühlung/Heizung durch z.B.
Erdwärmesonden oder Energiepfähle. Bei Erdwärmesonden handelt
es sich in der Regel um zwei bis drei Doppelrohre aus Kunststoff mit 32 mm Durchmesser,
die in ein 30 bis 100 m tiefes Bohrloch eingelassen werden. Durch dieses System
wird Wasser gepumpt, welches je nach Jahreszeit Wärme an das Erdreich abgibt,
oder Wärme aufnimmt. Energiepfähle sind Gründungspfähle
eines Gebäudes, die bis 20 m in den Boden reichen und als Erdwärmesonden
genutzt werden. Sowohl Erdwärmesonden als auch Energiepfähle nutzen
die saisonale Wärmespeicherfähigkeit des Erdreichs oder Wärmeströme
des Grundwassers.
Die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen sind bis in Tiefen von 5 m messbar,
darunter herrschen annähernd konstante Temperaturen. Bei einer entsprechenden
Auslegung können Erdwärmesonden/Energiepfähle nicht nur im Sommer
zur Kühlung, sondern im Winter auch als Wärmequelle genutzt werden,
immer in der Kombination mit einer Wärmepumpe. Die wechselseitige Nutzung
des Erdreichs als Speichermedium für den Heiz- und Kühlbetrieb unterstützt
eine schnelle Regeneration des Erdspeichers, denn im Sommer wird Wärme
in das Erdreich eingespeichert, welche im Winter dem Erdreich wieder entzogen
wird. Damit wird die Effizienz des Gesamtsystems gegenüber einer nur einseitigen
Nutzung (entweder Heizen oder Kühlen) gesteigert und eine langfristige
Temperaturänderung im Erdboden vermieden.
Nutzung von Grundwasser
Auch Grundwasser mit seiner ganzjährigen Temperatur von 8 bis 12°C
bietet als Wärmequelle bzw. -senke gute Bedingungen. Für die Nutzung
wird bis in die wasserführenden Schichten gebohrt. Über eine Tauchpumpe
wird einem Förderbrunnen Grundwasser entnommen, welches über einen
Wärmetauscher Wärme bzw. Kälte an die TABS abgibt und über
einen Schluckbrunnen wieder zurückgeführt wird. Grundwasser als Wärmequelle/-senke
kann ganzjährig ohne zeitliche Einschränkung genutzt werden. Die Leistungsfähigkeit
hängt primär von der Menge des zur Verfügung stehenden Grundwassers
ab.
Die jährlich aus dem Erdreich bereitgestellte Energie der Demonstrationsgebäude
liegt zwischen 90 und 265 MWh/a (Erdsonden) bzw. 118 bis 416 MWh/a (Grundwasser).
Die spezifische Wärme- bzw. Kälteleistung liegt bei den Erdsonden
in einer breiten Spanne zwischen 12 und 100 kWh/a pro laufender Meter. Bezogen
auf die installierte Fläche der thermoaktiven Bauteilsysteme liegt die
jährliche Kühlenergie zwischen 21 und 45 kWh/m²TABSa,
bei einer spezifischen Kühlleistung zwischen 30 und 60 W/m²TABS.
Die Energieeffizienz der Geothermieanlagen wird durch den Hilfsstrombedarf bestimmt
und ist damit in erster Linie von der elektrischen Leistungsaufnahme der Primärpumpe
abhängig. Die installierte Pumpenleistung ist sehr unterschiedlich, wobei
zwischen einem geschlossenen System (Erdsonden, Energiepfähle) mit 68 bis
150 Wh/m³Fluid und einem offenen System
(Grundwasserbrunnen) mit 100 bis 200 Wh/m³ Fluid
unterschieden werden muss. Der jährliche Energiebezug der Primärpumpen
liegt zwischen 1 und 5 kWhel/m²a bezogen
auf die gekühlte / beheizte Fläche. Bei den Grundwasseranlagen ist
die Förderhöhe entscheidend, der Wärmetauscher sollte daher möglichst
nah am Brunnenkopf installiert werden, um die geodätische Höhe zu
verringern. Die Jahresarbeitszahlen der natürlichen Wärmequellen und
–senken liegen für den Heiz- und Kühlfall bei 8 bis 10 kWhtherm/kWhel
bzw. 2,7 bis 3,3 kWhtherm/kWhprim
bezogen auf den Primärenergieeinsatz.
Thermischer Komfort
Der Verzicht auf aktives Kühlen im Sommer zu Gunsten der Kühlung
mit Umweltenergie ist nur möglich, wenn Bürogebäude über
einen sehr guten Wärme- und Sonnenschutz, reduzierte interne Lasten, eine
ausreichende thermische Gebäudespeicherkapazität und eine luftdichte
Gebäudehülle in Verbindung mit einer Grundlüftung verfügen.
Detaillierte Auswertungen zu den Gebäuden zeigen, dass durch Kühlung
mit thermoaktiven Bauteilsystemen (im Speziellen Betonkernaktivierung) die geforderten
Raumtemperaturen unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens (fast) immer
eingehalten werden können. Auch im Winter kann die Betonkerntemperierung
den thermischen Komfort ohne zusätzliche statische Heizflächen in
diesen Gebäuden gewährleisten. Betrachtet man die mittlere operative
Raumtemperatur zeigt sich, dass die Komfortkriterien für 90 % zufriedene
Nutzer nur sehr selten und an einzelnen Stunden überschritten werden. Auch
während höheren Außentemperaturen bewegt sich die mittlere Raumtemperatur
in den geforderten Grenzen – eine mittlere Raumtemperatur von 27°C
wird nie überschritten. Das Erdreich und das Grundwasser sind von der Außentemperatur
weitgehend unabhängige Wärmesenken, die es ermöglichen, Gebäude
auch bei höheren Außentemperaturen effektiv zu kühlen.
End- und Primärenergiebezug
Die meisten der untersuchten Demonstrationsgebäude unterschreiten bzw.
erreichen den durch das Förderprogramm festgelegten Zielwert für den
Primärenergiebezug von 100 kWhprim/m²a
für die technische Gebäudeausrüstung und Beleuchtung. Neben der
Beleuchtung und Lüftung entfallen 15 bis 29 % des Gesamtprimärenergieverbrauchs
der Gebäude auf das Wärm-/ bzw. Kälteverteilsystem, d.h. die
Pumpen im Primärkreis (Pumpe im Förderbrunnen und Pumpe des Erdwärmesondenfeldes)
und im Sekundärkreis (Hauptverteil- und Umwälzpumpen). Bewertet man
den Hilfsenergieaufwand gesondert im Primär- und Sekundärkreis lässt
sich feststellen, dass der Energieaufwand des Primärkreises der Wärmesenke-
bzw. –quelle annähernd so groß ist wie für den sekundären
Verteilkreis. Dies weist deutlich auf ein großes Optimierungspotenzial
in der Auslegung und Regelung der Wärme-/ Kälteverteilung der TABS-Systeme.
Der Hilfsenergieeinsatz der Pumpen kann reduziert werden, wenn die Wärmesenke
im Direktbetrieb genutzt wird.
Die Energieeffizienz der Systeme ist definiert durch die Jahresarbeitszahl (JAZ)
und bestimmt sich aus dem Verhältnis von Wärme- bzw. Kälteabgabe
und dafür benötigten elektrische Energie:
Tabelle 1: Energiekonzept der EnOB Demonstrationsgebäude. Farbig hinterlegte Felder bedeuten, dass dieses Konzept angewendet wurde
Abbildung 3: Energie der Wärmequelle und –senke, Hilfsenergiebezug der Primärpumpe und Jahresarbeitszahl JAZ bei ausgewählten Demonstrationsgebäuden in verschiedenen Jahren.
Abbildung 4: Rohrregister zwischen oberer und unterer Bewehrung (Quelle: solares bauen GmbH)
| Literatur
|
*) Dipl.-Ing. Doreen
Kalz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und beschäftigt
sich mit thermoaktiven Bauteilsystemen.
Dr.-Ing. Jens Pfafferott
ist Projektleiter „Energieeffiziente Kühlung“ am Institut.
Dipl.-Ing. Sebastian Herkel
ist Leiter der Gruppe für Solares Bauen im Geschäftsfeld Gebäude
und technische Gebäudeausrüstung am Fraunhofer-Institut für Solare
Energiesysteme ISE. http://www.ise.fraunhofer.de/ [^]