Sommerkomfort im Büro- und Verwaltungsbau
Nachhaltige Gebäude
Abbildung
1: Herstellung von Energiepfählen
Im Rahmen von Forschungsprojekten untersucht das IGS - Institut für Gebäude- und Solartechnik der TU-Braunschweig, Univ.-Prof. Dr. Ing. M. N. Fisch - die Energieeffizienz und den Komfort zukunftsweisender Bürogebäude in der Praxis. Ziel ist es, gesicherte Kenntnisse über die tatsächliche Performance der Gebäude hinsichtlich Energieverbrauch, Nutzerkomfort und Betrieb zu erlangen und zu dokumentieren.
Wärme- und Kältespeicherung im Gründungsbereich von Bürogebäuden
Von Franziska Bockelmann, Herdis Kipry und M. Norbert Fisch*
Unter dem Gesichtspunkt der Nutzung regenerativer Energien kommt in modernen Bürogebäuden zunehmend die oberflächennahe Geothermie zum Einsatz. Eine messtechnische Evaluierung von Gebäuden mit entsprechenden Heiz- und Kühlsystemen führt das IGS im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Forschungsprojekts WKSP - Wärme- und Kältespeicherung im Gründungsbereich von Bürogebäuden - durch.
Saisonale Wärmespeicherung im Untergrund
Bei der thermischen Nutzung des Erdreichs zum Heizen und Kühlen von Gebäuden wird im saisonalen Wechsel über ein in Rohrschleifen zirkulierendes Wärmeträgerfluid Wärme aus dem Boden entzogen bzw. in den Boden eingetragen. Vorteil bei der Nutzung des Erdreichs zum Heizen und Kühlen von Gebäuden ist das relativ konstante Temperaturniveau des Erdreichs über das Jahr. So kann das Erdreich beispielsweise auch bei hohen Außentemperaturen im Sommer noch effizient im freien Kühlbetrieb, ohne den Einsatz von Kältemaschinen, genutzt werden. Das im Gebäude erwärmte Wärmeträgerfluid wird im Erdreich wieder heruntergekühlt und bildet damit den Grundstock der Wärmespeicherung im Untergrund (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Prinzip der saisonalen Speicherung im Untergrund
Voraussetzung für die langfristige Funktionalität des Systems ist allerdings, dass das im Sommer infolge des Wärmeeintrags erwärmte Erdreich über den Winter wieder abgekühlt wird und umgekehrt. Der Wärmeentzug im Winter erfolgt mittels einer Wärmepumpe, welche das Wärmeträgermedium auf das zum Heizen erforderliche Temperaturniveau anhebt. Um die erforderlichen Heiz- und Kühlleistungen dauerhaft erreichen zu können, ist eine sorgfältige Anlagenplanung, eine der Planung entsprechende Umsetzung sowie eine Betriebskontrolle erforderlich.
Erdwärmespeichersysteme
Ein Erschließungsweg zur Nutzung der Wärme- und Kältespeicherfähigkeit des Untergrunds besteht in der Abteufung von Erdwärmesondensystemen im unmittelbaren Umfeld oder unterhalb der Gebäude. Um Synergieeffekte zu nutzen, also auch Kosten und Arbeitsaufwand zu reduzieren, sollte bereits bei der Gründung des Gebäudes die Nutzung des thermischen Potenzials des Erdreichs zur Heizung und Kühlung berücksichtigt werden. In der Regel werden Pfahlgründungen oder Fundamentplatten als Wärmeübertrager zum Einspeichern von thermischer Energie in den Untergrund zu so genannten „Energiepfählen“ bzw. „Fundament-/ Bodenabsorbern“ aktiviert. Gründungsstatische Gesichtspunkte begrenzen in diesen Fällen die Wärme übertragende Fläche (Abbildung 3).
Abbildung 3: Prinzipschema Erdwärmespeichersysteme: Erdwärmesonde, Energiepfahlanlage und Fundament-/Bodenabsorber
Erdwärmesondenspeicher bestehen aus einer einzelnen oder einem Netz von
Sonden. Die erreichbare Tiefe von Erdwärmesonden ist praktisch unbeschränkt,
jedoch hat sich eine Abteufung zwischen 50 m und 150 m als wirtschaftlich sinnvoll
erwiesen. In Deutschland werden Erdwärmesonden meist nur bis zu einer Tiefe
von 100 m ausgeführt, da für Bohrungen größer 100 m eine
bergbaurechtliche Genehmigung sowie die Ausführung der Bohrungen durch
eine für diese Tiefen qualifizierte Bohrfirma erforderlich werden.
Bei Energiepfählen werden die Sondenrohre in die Gründungspfähle
des Gebäudes integriert. Die Herstellung von Energiepfählen weicht
bis auf das Einlegen des notwendigen Leitungssystems zur Führung des Wärmeträgers
in den Pfahlkörper nicht weiter von der Herstellung normaler Gründungspfähle
ab (Abbildung 1).
Auch bei Fundament- und Bodenabsorbern wird die Gründung, in diesem Fall
die Bodenplatte des Gebäudes, zur kombinierten Wärme- und Kältespeicherung
genutzt. Zur Aktivierung der Speicherfähigkeit des angrenzenden Erdreichs
werden in oder unterhalb der Bodenplatte horizontale Leitungsschlaufen verlegt.
Bei allen drei Systemen wird in der Regel eine Sole (Wasser-Frostschutzgemisch
z.B. mit Glykol) als Wärmeträgermedium verwendet.
Praxiserfahrungen
Im Rahmen des Forschungsprojekts WKSP werden vom IGS sechs Gebäude mit
Erdsondenspeichern, Energiepfahlanlagen oder Fundament- bzw. Bodenabsorbern
genauer untersucht. Die Erfahrungen aus dem Betrieb zeigen, dass es möglich
und sinnvoll ist, Anlagen zur Wärme- und Kältespeicherung im Untergrund
in innovative Energiekonzepte von Büro- und Verwaltungsgebäuden zu
integrieren. Es bedarf allerdings einer Einregulierungsphase, während der
das direkte Zusammenspiel zwischen Anlagen zur Wärme- und Kältespeicherung
im Untergrund, dem Gebäude, weiteren Anlagen zur thermischen Konditionierung
und nicht zuletzt den Nutzern optimiert wird. Fehlende Erfahrungen bei ausführenden
Firmen und den Betreibern der Anlagen verlängern diese Einregulierungsphase
häufig deutlich.
In Kombination mit Niedertemperatur-Heiz- und Hochtemperatur-Kühlsystemen
wie Thermische Bauteilaktivierungen (TBA) oder Heiz- und Kühldecken können
erdgekoppelte Wärmepumpen sehr effizient eingesetzt werden. Die bereitgestellte
Wärme beträgt mehr als das vierfache der aufgewendeten Elektroenergie.
Die Effizienz des freien Kühlbetriebs ist noch einmal deutlich höher.
Hier wird Elektroenergie in der Regel lediglich für die Umwälzung
des Wärmeträgers im Erdreich benötigt.
Um einen langfristigen Betrieb sicherstellen zu können, ist eine ausgeglichene
saisonale Energiebilanz der Anlagen von großer Bedeutung. Besonders wichtig
ist, dass die erste Inbetriebnahme der Anlage in einer Heizperiode liegt. Während
der Heizperiode muss dem Erdreich genügend Wärme entzogen werden,
um für den Betrieb im Sommer eine Wärmesenke mit ausreichend niedrigem
Temperaturniveau gewährleisten zu können. Nur so steht im Sommer genügend
Kühlleistung für den freien Kühlbetrieb zur Verfügung.
Regelung
Häufig werden träge Heizsysteme wie die thermische Bauteilaktivierung
zur Grundlastdeckung über die Erdwärme herangezogen und zur Abdeckung
von Spitzen mit flinken Systemen wie der statischen Heizung kombiniert. Da das
flinke System deutlich schneller auf Temperaturänderungen reagieren kann,
besteht die Gefahr, dass die Bauteilaktivierung nur selten zum Zuge kommt und
dem Erdreich deutlich weniger Wärme entzogen wird als erforderlich bzw.
in der Planung angenommen. Auf Grund der saisonalen Funktion steht dann im nächsten
Sommer möglicherweise keine ausreichende Wärmesenke zur Verfügung.
Zur Gewährleistung des auslegungsgemäßen Betriebes der Bauteilaktivierung
in der Grundlast und Vermeidung der Übersteuerung des Systems durch flinkere
Systeme sind entsprechende Regelstrategien umzusetzen. Eine auf diese Problematik
abgestimmte Qualitätssicherung sollte die Planung und Ausführung der
beschriebenen Hybridsysteme begleiten sowie als messtechnische Begleitung im
Betrieb erfolgen.
Insbesondere die Betriebsphasen in der Übergangszeit Frühling und
Herbst mit den resultierenden stärkeren Außentemperaturschwankungen
stellen hohe Anforderungen an den Betrieb der Anlagen. Während dieser Zeit
führen fehlerhafte Regelstrategien häufig zu Problemen. Nicht selten
kommt es vor, dass ein Gebäude in der Nacht über die thermische Bauteilaktivierung
beheizt wird und am Tage aufgrund der internen Lasten im Gebäude wieder
heruntergekühlt werden muss. Die Folge ist ein unnötiger Energieverbrauch
für den Betrieb von Wärme- und Umwälzpumpen. Dieses Problem kann
durch ein so genanntes „Todband“ vermieden werden. Zum Beispiel
kann in der Regelung festgelegt werden, dass weder geheizt noch gekühlt
wird, wenn die gemittelte Außentemperatur in einem bestimmten Temperaturbereich
(Todband) liegt.
Insgesamt reagieren die beschriebenen Anlagen auf Grund ihrer Trägheit
und der geringen Temperaturspreizungen zwischen Erdwärmespeicher und Heiz-
und Kühlsystem im Gebäude sehr sensibel auf Betriebsfehler und Störungen.
Fehler haben häufig langfristige Folgen und schränken die Funktionsweise
der Systeme im schlimmsten Fall über mehrere Jahre stark ein. Um Probleme
im Betrieb zu vermeiden, sollten Regelstrategien mit größter Sorgfalt
geprüft und das Gebäude bis zum Erreichen des Regelbetriebs –
üblicher Weise rund zwei Jahre – messtechnisch begleitet werden.
Fazit
Die im Rahmen des Forschungsprojekts WKSP durchgeführte messtechnische Begleitung von Gebäuden und deren Anlagen zeigen bereits jetzt, wie wichtig es ist, die Funktion von Gebäuden und Anlagen zur Wärme- und Kältespeicherung im Gründungsbereich im realen Betrieb aufzunehmen und zu dokumentieren. In Zusammenarbeit mit dem Gebäudemanagement konnten so bei den untersuchten Gebäuden und Anlagen Optimierungspotenziale Schritt für Schritt identifiziert, der Betrieb optimiert und die Einregulierungsphase verkürzt werden. Die Qualitätssicherung über die Planungs- und Ausführungsphasen hinweg ist bei der saisonalen Wärme- und Kältespeicherung von entscheidender Bedeutung für die dauerhafte Funktionalität und die Energieeffizienz der Systeme sowie den thermischen Komfort im Gebäude.
*) Univ.
Prof. Dr.-Ing. M. N. Fisch ist
seit 1996 Leiter des Instituts für Gebäude- und Solartechnik an der
Fakultät Architektur, Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften der TU
Braunschweig, igs@tu-bs.de, www.tu-bs.de/institute/igs
Dipl.-Ing. Herdis
Kipry ist seit 2002 wiss. Mitarbeiterin am
Institut für Gebäude- und Solartechnik der TU Braunschweig.
Dipl.-Ing. Franziska Bockelmann
ist seit 2007 wiss. Mitarbeiterin am Institut für Gebäude- und Solartechnik
der TU Braunschweig [^]