Sommerkomfort im Büro- und Verwaltungsbau
Wassermanagement
Abbildung
1: Kelterei Possmann, ein Edelstahlbehälter
wird nach Auslieferung des Apfelwein temporär für die Zwischenspeicherung
von Regenwasser verwendet (Speicher mit blauem Schild)
Da Regenwasser auf jeder Liegenschaft anfällt, stellt sich die Frage, ob und wie Regenwasser für Kühlzwecke sinnvoll eingesetzt werden kann.
Kühlen mit Regenwasser
Die Bundesregierung verfolgt im Kontext der Bemühungen um den Klimaschutz
die Zielstellung den CO2-Ausstoß bis
zum Jahr 2020 um 40 % zu reduzieren. Dies erfordert in allen Bereichen gewaltige
Anstrengungen zur Energieeinsparung.
Der überwiegende Teil der Kälteerzeugung wird heute elektrisch (rund
66.000 GWh) und nur ein kleiner Teil (11.000 GWh) nicht elektrisch erzeugt.
Wegen des im Vergleich etwa zur Wärmeerzeugung immer noch niedrigen Wirkungsgrades
bei der Stromerzeugung ist der Primärenergieeinsatz für die in Deutschland
erzeugten 77.000 GWh Kälte- und Kühlleistung mit 236.000 GWh überproportional
hoch. Er erreicht eine Größenordnung von rd. 5 % des Gesamtprimärenergieeinsatzes
und verursacht rd. 46 Mio-t CO2-Ausstoß,
was etwa 5,4 % des bundesweiten CO2-Ausstoßes
ausmacht.
Prognosen der Europäischen Gemeinschaft zeigen ein weiterhin exponentielles
Wachstum gekühlter (Gebäude-) Flächen auf. Es wird daher mit
einer Steigerung allein des Energiebedarfes für die Raumklimatisierung
von 2010 bis 2020 um 50 % gerechnet. Insgesamt wird ein Anstieg des Energieverbrauches
für Kühlzwecke bis 2020 um das 2,6-fache erwartet.
Diese Entwicklung ist mit den o.g. Zielstellungen zum Klimaschutz nicht zu vereinbaren,
sondern droht Erfolge bei der Energieeinsparung und Emissionsminderung in anderen
Bereichen, wie etwa der wärmeschutztechnischen Gebäudemodernisierung
oder dem Einsatz regenerativer Energieerzeugung aufzufressen.
Grundlage der Kühlung und Kälteerzeugung
Vom physikalischen Standpunkt aus gibt es keine Kälte, sondern nur ein
Mehr oder Weniger an Wärme. Das heißt Kälte ist relativ und
bedeutet „weniger warm als die Umgebung“. Für die Kühlung
von Gebäuden gilt es daher zuerst, den Zustrom von Wärme möglichst
zu verhindern (analog zum gebäudlichen Wärmeschutz, bei dem der Abstrom
von Wärme zu verhindern ist).
Im zweiten Schritt ist dann die Wärme, deren Zustrom nicht verhindert werden
kann, gezielt abzuführen.
Der Bereich Kühlung und Kälteerzeugung erstreckt sich auf ein breites
Spektrum unterschiedlicher Anwendungen wie:
Neben den Temperaturniveaus und den Temperaturspreizungen zwischen Ist- und
Solltemperaturen ist dabei der jahres- und tageszeitliche Verlauf des Kühlbedarfs
je nach Nutzungsanforderungen sehr unterschiedlich. Insbesondere das angestrebte
Temperaturniveau ist bei konventionellen Kühl- und Kälteerzeugungstechniken
entscheidend für den energetischen Wirkungsgrad des Kühlsystems. So
können mit einer Kompressionskältemaschine Tiefkühltemperaturen
von –18°C und mehr erreicht werden. Allerdings ist hier das Verhältnis
von eingesetztem Strom zu erzeugter Kälte mit einem Verhältnis von
1:3 wenig effizient. Die Kombination einer Kältemaschine mit einem Kühlturm
(Verdunstungskälte) verbessert dieses Verhältnis auf 1:18. Der Einsatz
dieser Technologie ist jedoch auf Temperaturniveaus von minimal +15°C beschränkt.
Ein Kühlturm erreicht Wirkungsgrade von 1:100, ist jedoch erst ab Solltemperaturniveaus
von +27°C alleine einsetzbar. Die große Spannbreite beim Energieverbrauch
von Anlagensystemen zur Kühlung und Kälteerzeugung auf der einen und
die für den Einsatz für Kühlzwecke besonders günstige Beschaffenheit
von Regenwasser (wegen des hier gegenüber Trinkwasser aus dem Versorgungsnetz
geringeren Anteils gelöster Stoffe kann eine Aufbereitung entsalzen –
enthärten entfallen) gibt Anlass, nach Wegen des Einsatzes von Regenwasser
zu suchen.
Die beiden im folgenden dargestellten Beispiele zeigen unterschiedliche Ansätze
beim Ein-satz von Regenwasser zur Kühlung in Industrie und Gewerbe auf.
Abbildung 2: Firma Artech, Betriebsgebäude mit vorgelagerter Versickerungsanlage
Praxisbeispiel Firma Artech in Dortmund
Die Firma Artech stellt Gehäuse für Druckerpatronen im Kunststoffspritzgussverfahren
her (siehe Abbildung 2). Dabei gelten hohe Anforderungen an die temperaturkonstante
Kühlung der Spritzgussköpfe. Außerdem ist die sogenannte Hydraulikabwärme
der Materialführungsmaschinen abzuführen und die Luft in den Produktionsgebäuden
den Anforderungen des Arbeitsschutzes entsprechend zu konditionieren. Die dafür
erforderliche Kühlleistung wurde ursprünglich mit Hilfe von Kompressionskältemaschinen
erbracht. Im Rahmen der Bemühungen im Emschergebiet, die Niederschlagswasserabflüsse
befestigter Flächen vom Kanalnetz abzukoppeln, wurde nach Möglichkeiten
einer dezentralen Regenwasserbewirtschaftung auf dem Betriebsgrundstück
gesucht.
Das Niederschlagswasser wird dabei in einer 250 m3 großen Zisterne gespeichert,
als Kühlwasser in die Kühltürme eingespeist und dort verdunstet.
Damit werden rd. 1.000 m3 Trinkwasser substituiert. Als besonderer Vorteil hat
sich hier die gegenüber dem Einsatz von Trinkwasser weniger aufwändige
Aufbereitung des eingesetzten Regenwassers herausgestellt. Es genügt eine
mechanische Filterung und ein einfacher Aktivkohlefilter. Ein Entsalzen (Herauslösen
gelöster Stoffe mit Hilfe des Einsatzes von Chemikalien) kann entfallen.
Das überschüssige, für Kühlzwecke nicht benötigte Regenwasser
wird in ein nachgeschaltetes Mulden-Rigolen-Element abgeleitet und versickert.
Neben Trinkwasserbezug und –aufbereitung wird auf diese Weise auch die
bisher fällige Regenwassergebühr in Höhe von etwa 5.000,- €
p.a. eingespart.
Abbildung 3: Kelterei Possmann, Gegenstromwärmetauscher Regenwasser – Apfelwein
Praxisbeispiel Apfelweinkelterei Possmann in Frankfurt am Main
Bei der Apfelweinhalterei Possmann wird das Regenwasser zur Kühlung des
frisch gekelterten Apfelweins auf die Lagerhaltungstemperatur eingesetzt (siehe
die Abbildungen 3). Dazu wird das Dachflächenwasser der rd. 5.000 m²
großen Betriebshalle in einem 200 m³ großen Tank gespeichert.
Der Apfelwein wird in einem Gegenstromwärmetauscher mit dem Regenwasser
gekühlt. Das auf 30 – 38 °C erwärmte Regenwasser wird anschließend
auf das mit einer speziellen Bepflanzung versehene Flachdach gepumpt. Das warme
Regenwasser fließt bei einem zweiprozentigen Dachgefälle über
den Pflanzenbewuchs bzw. lateral durch das Bodensubstrat rd. 40 m bis zur gegenüberliegenden
Dachseite.
Auf dem Weg dorthin kühlt sich das Regenwasser in Abhängigkeit von
Witterung und Tageszeit in den Sommermonaten auf 15 - 25 °C und im Winter
auf unter 10 °C ab. Anschließend wird es über eine automatische
Grobstoffabscheidung und einen Feinstofffilter wieder in den Speichertank zurück
geleitet. In den Monaten Dezember bis März, wird bei einem Durchsatz von
120 m³ Regenwasser pro Stunde, die gesamte erforderliche Kühlleistung
über dieses System erbracht. In den Monaten April bis November wird das
System durch das phasenweise Hinzuschalten einer Kompressionskältemaschine
ergänzt.
Wenn in den Wintermonaten die Apfelweinlagerbestände zurückgehen,
wird in vier Apfelweintanks mit jeweils 200 m³ Fassungsvermögen ein
Regenwasservorrat von insgesamt 1.000 m³ für den Sommerkühlbetrieb,
bei dem ein erhöhter Verdunstungsverlust auftritt, angelegt.
Die Anlage ist seit 1991 erfolgreich in Betrieb und hat den Energieeinsatz zur
Kühlung erheblich reduziert.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Nachfrage nach Gebäude- und Prozesskühlung, wird aller Voraussicht
nach in Zukunft weiter hohe Wachstumsraten aufweisen.
Die zu erwartende Energiepreisentwicklung und politische Zielsetzungen zum Klimaschutz
werden in noch stärkerem Maße als bisher energieeffiziente Systeme
und Techniken auch im Kühlbereich einfordern. Die hohe Bedeutung von Wasser
bei energieeffizienten Kühltechniken und das universelle Vorkommen von
Regenwasser bieten günstige Voraussetzungen für den vermehrten Einsatz
zur Kühlung.
Im Bereich konventioneller Techniken eignet sich der Einsatz von Regenwasser,
wegen des geringen Gehalts an gelösten mineralischen Stoffen, die eine
Aufbereitung (Enthärten, Entsalzen) oftmals überflüssig machen,
besonders für den Einsatz in Kühltürmen.
Neu zu erschließende Potenziale sind im Bereich der passiven Kühlung
zu sehen (siehe Kelterei Possmann). Hier sind jeweils Systeme zu entwickeln
die differenziert auf die spezifischen Anforderungen vor Ort abgestellt sind
und die objektspezifischen Potenziale zielgerichtet ausschöpfen.
Eine Vielzahl realisierter Projekte und experimenteller Forschungsvorhaben zeigen,
dass sich diese neben der Industrie auch auf Gewerbe-, Büro- und Wohnnutzungen
erstrecken.
Um diese Potenziale in der Praxis realisieren zu können, sind sowohl Klimatisierungs-
und Kühlanlagenplanung als auch Regenwassernutzung aus dem Stand nachgeschalteter
Technikplanungen herauszuführen und angepasste ressourcenschonende Konzepte
in Zusammenarbeit mit Architekten und Fertigungsplanern in möglichst frühem
Planungsstudium zu entwickeln.
| Literatur
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*)Dr.-Ing. Mathias Kaiser ist seit 1994 selbstständig als Inhaber des INGENIEURBÜRO M. KAISER tätig und führt regelmäßig Gastvorlesungen und Seminare an verschiedenen Hochschulen und Technischen Akademien durch, www.buero-mkaiser.de [^]