Neue Trends in der Solarthermie
Solarthermie
Abbildung
1: Sorptionsspeicher mit Silikagel gefüllt
(Quelle: AEE INTEC)
Mehr als 60% des Primärenergiebedarfs wird für das Heizen und Kühlen aufgewendet. Dieser Bedarf kann durch bessere Wärmedämmung, effizientere energetische Prozesse und durch Ersatz von fossilen durch erneuerbare Energiequellen für das Heizen und Kühlen gesenkt werden.
Thermische Speicher mit hoher Energiedichte
Die wichtigste erneuerbare Energiequelle für Wärme ist die thermische
Solarenergie. Die Europäische Solar Thermie Technologie Plattform ESTTP
publizierte zu diesem Thema ein Visionspapier. Gemäß dieser Vision
kann die thermische Solarenergie bis zum Jahr 2030 Energie für Heizen und
Kühlen in Gebäuden und in der Industrie in der Größenordnung
von 20% zur Verfügung stellen.
Thermische Solarenergie wird von der Solaranlage naturgemäß nicht
kontinuierlich zur Verfügung gestellt, sondern variiert über den Tagesverlauf.
Der Bedarf an Wärme und Kälte ist ebenso nicht kontinuierlich. Durch
den Einsatz thermischer Speicher wird der Zeitpunkt der Energiebereitstellung
unabhängig gemacht vom Zeitpunkt des Energiebedarfs. Speicherung ist also
eine unbedingt notwendige Maßnahme, um vernünftige Wirkungsgrade
thermischer Systeme zu erreichen.
Doch Speicher werden nicht nur bei der Nutzung thermischer Solarenergie eingesetzt.
Speicher verbessern Systemleistungen und Wirkungsgrade auch bei anderen Technologien:
Solare Stromerzeugung mit konzentrierenden Systemen, Biomassenutzung, Wärmepumpen,
Nah- und Fernwärme, Kraft-Wärme-Kopplungen und Müllverbrennungsanlagen.
Alle diese Technologien haben spezifische Anforderungen an Leistung, Temperaturniveau
und Ein- und Ausgangsleistung des Wärmespeichers. Dementsprechend gibt
es eine große Zahl verschiedener Speichertypen und –systeme.
Die gängigste Technologie ist die Wärmespeicherung im Medium Wasser
in Behältern, Schächten und unterirdischen Schichten. Die Größe
des Speichers wird durch die Wärmekapazität von Wasser vorgegeben.
Diese ist für die meisten Anwendungen ausreichend. Um Warmwasser zu speichern,
das von Sonnenkollektoren erzeugt wurde, ist z.B. ein Speicher mit wenigen hundert
Litern ausreichend, um mehr als 50% des Warmwasserbedarfs eines Einfamilienhauses
zu decken. Will man mehr als 50% Deckung erreichen um auch im Winter den Haushalt
mit erneuerbarer Wärme zu versorgen, muss der Speicher signifikant größer
werden. Wenn genügend Fläche im oder um das Haus zur Verfügung
steht, kann die Wärme in einem sehr großem Speicher oder im Erdreich
gespeichert werden. Aufgrund des relativ niedrigen Temperaturniveaus sind in
diesem Fall Wärmepumpen notwendig. Durch die notwendige Antriebsenergie
für Wärmepumpen ist es allerdings viel schwieriger 100% erneuerbare
Systeme zu errichten. Im Fall von Wohnanlagen mit geringem Platzangebot für
Wärmespeicher können Speicher mit höherer Dichte als Wasser eine
größere Deckung des Energiebedarfs mit erneuerbarer Energie bewirken.
Im Folgenden wird der Stand der Technik von Speichern hoher Energiedichte ausgeführt.
Speichertechnologien
Abbildung 2 zeigt eine schematische Unterteilung verschiedener Technologien zur Speicherung von thermischer Energie. Die vier Haupttechnologien sind: die sensible Wärmespeicherung, die latente Wärmespeicherung, Speicherung mittels Sorption und die chemische Wärmespeicherung. Von links in der Abbildung beginnend nimmt die Häufigkeit der Anwendung in der Praxis ab und die potenzielle Wärmekapazität zu.
Abbildung 2: Unterteilung verschiedener Technologien zur Speicherung von thermischer Energie
Das Material mit einer der höchsten Wärmekapazitäten ist Wasser. Es werden 4,2 Joule benötigt, um die Temperatur von einem Gramm Wasser um ein Kelvin zu erhöhen. Durch das Zusammenspiel der hohen Wärmekapazität, der leichten Verfügbarkeit und der geringen Kosten ist Wasser das am häufigsten eingesetzte Material zur Wärmespeicherung. Wie bereits oben beschrieben stellt sich nun die Aufgabe Systeme zu finden, die höhere Speicherdichten aufweisen. Typische Speicherdichten für Wasserspeicher liegen bei 250 MJ/m³ oder 70 kWh/m³.
Abbildung 3: Wärmespeicherung in einem 11 m³ Wassersack für niedrige Räume
Latente Wärmespeicherung
Bei der latenten Wärmespeicherung wird der Phasenübergang eines
Materials genützt, zumeist der Schmelzvorgang. Typisch für die Anwendung
eines latenten Wärmespeichers ist, dass die Wärmeübertragung
in einem relativ kleinen Temperaturbereich stattfindet. Dafür benötigt
der Phasenübergang selbst viel Energie. Deshalb ist die Speicherdichte
dieser Systeme relativ hoch, allerdings ist die Anwendung beschränkt auf
einen begrenzten Temperaturbereich.
Das Material eines Latentspeichers wird Phasenübergangsmaterial PCM (phase
change material) genannt. Ein Phasenübergangsmaterial hat eine sehr hohe
Wärmekapazität in einem sehr kleinen Temperaturbereich. Wenn die bereitgestellte
erneuerbare Wärme in einem breiten Temperaturbereich gespeichert werden
soll, wird die hohe Wärmekapazität der PCMs vermindert und der Vorteil
latenter Speicher gegenüber Wasserspeichern wird reduziert. Mit den derzeit
verfügbaren Phasenübergangsmaterialien erzielt ein thermische Speicher
je nach Temperaturbereich nur 10 bis 20% höhere Speicherdichten als die
üblichen Wasserspeicher. Es werden also bessere Materialien benötigt.
Deswegen beschäftigen sich die aktuellen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten
zu diesem Thema mehr und mehr mit der Suche nach neuen, verbesserten Materialien.
Sorptionsspeicher
Abbildung 4: Silicagel (Quelle: AEE INTEC)
Die Wärmespeicher mit der höchsten potenziellen Energiedichte sind
Sorptionsspeicher und chemische Speicher.
Materialien zur Sorption von Wasser können sehr leicht große Mengen
an Wasser aufnehmen. Die Wassermoleküle werden an der Oberfläche des
Materials adsorbiert. Die Oberfläche dieser Materialien ist sehr groß,
da sie eine offene, poröse Struktur haben. Je größer die Porösität
ist, desto höher ist die Speicherkapazität des Sorptionsmaterials.
Bekannte Materialien sind Silikagel und Zeolithe.
Die Adsorption von Wasser durch ein Sorptionsmaterial ist abhängig von
der Temperatur und vom Druck. Durch Druckänderungen im System kann die
Speichertemperatur geändert werden. Die meisten Adsorbentien benötigen
Drücke unterhalb des athmosphärischen Drucks, um bei Raumtemperatur
arbeiten zu können. Wenn das ganze System vakuumtauglich sein soll, erhöht
dies den Preis für die Anlage deutlich. Daher wird an der Entwicklung von
Materialien gearbeitet, die bei normalem Druck eine gute Adsorption von Wasser
zeigen.
Thermochemische Speicher
Abbildung 5: Arbeitsprinzip von thermochemischen Speichern
Bei der thermochemischen Speicherung werden chemische Reaktionen genützt um Wärme in einem Material zu speichern. Das Arbeitsprinzip dieser Speicher ist in Abbildung 5 ersichtlich. Wenn dem Material Wärme zugeführt wird, wird es in zwei Komponenten zerlegt. Diese beiden Komponenten können für lange Zeit ohne Energieverlust gespeichert werden. Werden diese beiden wieder zusammengebracht, so findet die Umkehrreaktion statt und die Wärme wird wieder frei. Die Temperatur, die zur Trennung notwendig ist, ist abhängig von den molekularen Bindungskräften. Bei den meisten Materialien ist diese Temperatur relativ hoch und daher nicht geeignet für die Anwendung in thermischen Speichern. Die Suche konzentriert sich daher auf Materialien, die niedrige Reaktionstemperaturen haben. Eine Gruppe dieser Materialien sind die Hydrate. Bei diesen ist Wasser eine der beiden Komponenten. Die andere Komponente ist zumeist ein Salz, zum Beispiel Calciumchlorid oder Magnesiumsulfat (siehe auch Tabelle 1).
Tabelle 1: Ausgewählte Materialien für thermochemische Speicher
|
Material
|
Dissoziationsreaktion |
GJ/m³
*
|
°C**
|
||
| C <=> |
B + |
A | |||
| Magnesiumsulfat |
MgSO4•7H2O |
MgSO4 |
H2O |
2,8 |
122 |
| Eisenkarbonit |
FeCO3 |
FeO |
CO2 |
2,6 |
180 |
| Eisenhydroxid |
Fe(OH)3 |
FeO |
H2O |
2,2 |
150 |
| Calciumsulfat |
CaSO4 x 2H2O |
CaSO4 |
H2O |
1,4 |
89 |
* Material Dissoziationsreaktion
** Speicherdichte von C Phasensübergangstemperatur
Forschung und Entwicklung
Die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich der kompakten thermischen
Speicher wurden schwerpunktmäßig in zwei Programmen der Internationalen
Energieagentur durchgeführt. Im Annex 17 des ECES-Programms (Energy Conservation
through Energy Storage – Energieeinsparung durch Energiespeicherung) wurden
Forschungsarbeiten zu Phasenübergangsmaterialien und chemischen Reaktionen
durchgeführt. Im Task 32 des Programms für Solares Heizen und Kühlen
(SHC) wurden hochentwickelte Speicher für solare Gebäude erforscht.
Am ITW in Stuttgart, Deutschland, wird eine Anlage für saisonale Speicherung
solarer Wärme entwickelt. Die Speicherung basiert auf der Sorption von
Wasser in prosösen Zeolithziegeln (Abbildung 6). Diese
werden in einer Wärmetauscherbox platziert. Im Sommer wird der Zeolith
durch die warme Luft getrocknet, die von thermischen Sonnenkollektoren erzeugt
wird. Im Winter wird der Zeolith befeuchtet. Dieser Adsorptionsprozess wärmt
die Luft, die durch den Wärmetauscher geleitet wird.
Abbildung 6: Poröser Zeolith wird im Monosorp System am ITW Stuttgart verwendet
Am EMPA Institut in der Schweiz wird ein Wärmespeicher basierend auf
Sodiumhydroxid/Wasser entwickelt, der 2,6 GJ/m³ Wärme auf einem Temperaturniveau
von 300°C speichern kann. Das Prinzip beruht auf der umkehrbaren Reaktion
2NaOH <=> Na2O + H2O
Diese Reaktion wurde um das Jahr 1920 herum in feuerlosen Dampflokomotiven verwendet.
Am Energieforschungszentrum der Niederlande (ECN, Energy Research Centre of
the Netherlands) werden Salzhydrate und im Speziellen Magnesiumsulfat erforscht.
Es wurde eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, um Materialien zu finden,
welche die richtigen Eigenschaften für die Speicherung von Wärme unter
150°C besitzen. Die vielversprechendsten Materialien wurden in weiterer
Folge hinsichtlich der Vorgänge bei der Wärmeaufnahmen und -abgabe
untersucht. Abbildung 8 zeigt die charakteristischen Temperaturen,
bei denen Magnesiumsulfat Wärme aufnimmt. Experimente ergeben eine Waermespeicherung
des Materials von 2,1 GJ/m3.
Abbildung 7: Aufnahme mit einem Rasterelektronenmikroskop von Magnesiumsulfat MgSO4-7H2O
Abbildung 8: Hydriertes Magnesium wird langsam auf 300°C aufgeheizt und setzt Wasserdampf ab. Damit verliert es Masse.
Abbildung 9: Phasenübergangsmaterial Salzhydrat-Grafit (Quelle: IWT TU-Graz)
Ausblick
Sowohl im Annex 17, als auch im Task 32 kamen die Forscher zu der Erkenntnis,
dass für die geforderten Speicher mit hoher Dichte noch neue Materialien
entwickelt werden müssen. Daher wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe begründet,
die im Jahr 2009 starten soll: der Task/Annex 42/24 mit dem Titel „Kompakte
Wärmespeicher - Materialentwicklung für Systemintegration“.
In dieser Arbeitsgruppe werden Experten aus der Materialforschung und Spezialisten
von Wärmespeichern zusammenarbeiten. Im Rahmen des Task/Annex 42/24 wird
eine große Anzahl von Einzelprojekten zusammengeführt, beginnend
bei der Materialentwicklung von Zeolithen und Salzhydraten bis hin zur Errichtung
von Pilotanlagen von Speichern.
Speicher mit hohen Energiedichten sind notwendig um zu erreichen, dass im Jahr
2030 der Energiebedarf im Wohnbereich zu 100% erneuerbar gedeckt werden kann.
Aus diesem Grund müssen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in vielen
Bereichen durchgeführt werden. Dies ist zu viel für ein Forschungsinstitut
oder auch für ein Land. Regierungen, Forschungsinstitute, Industrie und
andere Akteure müssen auf internationaler Ebene zusammenarbeiten.
In der strategischen Forschungsagenda der ESTTP wird eine Reihe von notwendigen
Forschungsarbeiten aufgeführt. Der gemeinsame IEA Task ist nur einer von
vielen notwendigen Schritten um die Entwicklung der kompakten Speicher auf die
nächste Stufe zu heben.
| Literatur
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*) Wim van Helden ist Bereichsleiter für solarthermische Systeme im Arbeitsprogramm „Energie in der gebauten Umwelt“ bei der ECN, Energy Research Centre of the Netherlands, vanhelden@ecn.nl, www.ecn.nl/egon [^]