Nachhaltige Gebäude
Solarthermie
Abbildung
1: SuN mit Erdbecken-Wärmespeicher
in Neckarsulm (Quelle: ITW Universität Stuttgart)
Solar unterstützte Nahwärmeversorgungen mit Langzeit-Wärmespeicherung ermöglichen unter attraktiven wirtschaftlichen Randbedingungen hohe solare Deckungsanteile von rund 50 % am Jahres-Gesamtwärmebedarf für große Einzelverbraucher oder Nahwärmegebiete. In Deutschland wurden innerhalb der Bundes-Forschungsprogramme Solarthermie-2000 und Solarthermie2000plus elf Pilotanlagen errichtet, die die technologische Reife und hohe Energieeinsparungen im Vergleich zu konventionellen Wärmeversorgungen nachweisen.
Solare Nahwärme mit Langzeit-Wärmespeicherung in Deutschland
Aktueller Stand und umgesetzte Projekte
Von Thomas Schmidt und Dirk Mangold*
Solar unterstützte Nahwärmeversorgungen mit Langzeit-Wärmespeicherung
(SuN mit LZWSP) haben zum Ziel, einen großen Teil (mindestens 50 %) des
jährlichen Gesamtwärmebedarfes der angeschlossenen Verbraucher mit
solarer Wärme zu decken. Der prinzipielle Aufbau ist in Abbildung
2 gezeigt.
Die von den Sonnenkollektoren gewonnene Wärme wird über das Solarnetz
zur Heizzentrale transportiert und bei Bedarf direkt an die Gebäude verteilt.
Die Kollektoren sind in der Regel auf ausgewählten Dächern der Gebäude
montiert, die möglichst nahe der Heizzentrale stehen. Der Langzeit-Wärmespeicher
ist in den Untergrund eingebaut. Das über das Wärmeverteilnetz gelieferte
Heizwasser versorgt die Heizung und Trinkwassererwärmung der Gebäude.
Die Wärmeerzeugung in der Heizzentrale verwendet die im Langzeit-Wärmespeicher
gespeicherte Solarwärme und heizt bei Bedarf nach. Hinweise zur Auslegung
und Realisierung von SuN mit LZWSP sind in (Hahne, 1998) beschrieben.
Abbildung 2: Aufbau einer solar unterstützten Nahwärme mit Langzeit-Wärmespeicher
Erste Pilotanlagen zur SuN mit LZWSP wurden innerhalb des Bundes-Forschungsprogramms Solarthermie-2000 errichtet und sind seit 1996 in Betrieb. Das seit 2004 laufende Nachfolgeprogramm Solarthermie2000plus des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) ermöglicht weitergehende Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie die Realisierung weiterer Demonstrationsvorhaben, um das Solarsystem, die Speichertechnologien und die notwendige umfassende Systemintegration schrittweise bis zur Marktreife hin weiterzuentwickeln.
Langzeit-Wärmespeicher
Bei der Langzeit- bzw. saisonalen Speicherung von Solarwärme gelten folgende
Grundsätze:
Die Sonne liefert in den Monaten Mai bis September rund zwei Drittel der in
einem Jahr in Deutschland eingestrahlten Solarenergie. Der Hauptteil des jährlichen
Wärmeverbrauchs von Wohngebäuden liegt dagegen mit deutlich über
zwei Dritteln in der Heizperiode zwischen Oktober und April. Um große
Teile der hierzu aufgewendeten fossilen Energien einzusparen, muss Solarenergie
im Sommer gewonnen und in saisonalen Wärmespeichern bis in den Winter gespeichert
werden.
Werden zur saisonalen Wärmespeicherung Behälter verwendet, sind diese
in der Regel in das Erdreich integriert und sehr gut wärmegedämmt.
Die Speicherhülle hat im heißesten Bereich (bis 98 °C) einen
U-Wert von unter 0,10 W/m²K. Bei einer Wärmespeicherung direkt im
Untergrund in Aquifer- oder Erdsonden-Wärmespeichern muss gegebenenfalls
ganz auf eine Wärmedämmung verzichtet werden. Zur Begrenzung der Wärmeverluste
müssen diese Speicher eine ausreichende Größe bzw. ein kleines
Oberflächen-zu-Volumen-Verhältnis (A/V-Verhältnis) aufweisen,
oder/und die maximale Speichertemperatur muss reduziert werden.
Erforderliche Speichergröße
Ein saisonaler Wärmespeicher für ein Einfamilienhaus erfordert meist
eine Speichergröße von mindestens 20 m³ Wasser. Sein A/V-Verhältnis
beträgt dabei etwa das Achtfache im Vergleich zu einem Speicher mit 10.000
m³ Volumen. Dadurch sind auch die volumenbezogenen Wärmeverluste des
kleinen Speichers acht Mal höher. Erst ab einer Mindestgröße
von 1.000 m³ Wasservolumen beginnt saisonale Wärmespeicherung energetisch
effizient zu sein.
Durch Latentwärme- oder thermochemische Speicher, die Wärme durch
Phasenwechsel- bzw. Ab- oder Adsorptionsvorgänge speichern, kann die saisonale
Wärmespeicherung auch in geringerer Speichergröße energetisch
effizient sein. Seit einigen Jahren sind diese Techniken wieder in den Blickpunkt
der Forschung gerückt. Erste Speicher dieser Art sind am Markt erhältlich,
es bleibt jedoch abzuwarten, ob sie, insbesondere aus wirtschaftlicher Sicht,
zur saisonalen Wärmespeicherung eingesetzt werden können.
Seit dem Jahr 2000 sind vier Bauprinzipien für Langzeit-Wärmespeicher,
Behälter-, Erdbecken-, Erdsonden- und Aquifer-Wärmespeicher, in mindestens
einer Pilotanlage realisiert und in Betrieb, siehe auch (Mangold, Schmidt, 2006).
Den Funktionsnachweis konnten alle bislang realisierten Speicher vollständig
erbringen, auch wenn die Effizienz der ersten Speicher geringer als erwartet
ist. Die wesentlichen Ursachen hierfür sind:
Die Netzrücklauftemperaturen, auf die die Speicher auskühlen können,
sind in den ersten Anlagen bis über 15 K höher als erwartet. Dies
reduziert die nutzbare Wärmekapazität der Speicher und erhöht
die Wärmeverluste zur Umgebung. Bei heutigen Anlagen werden strenge Anforderungen
an die Hydraulik in den Gebäuden und die Wärmeverteilsysteme gestellt,
um niedrige Rücklauftemperaturen zu garantieren. In einigen Anlagen sind
zudem Wärmepumpen integriert, um die Entladung der Speicher auch bei höheren
Rücklauftemperaturen sicherzustellen.
Die Dämmwirkung der eingesetzten Wärmedämmmaterialien nimmt bei
höheren Temperaturen (40 bis 90 °C) aufgrund der durch den Einbau im
Erdreich verursachten geringen Feuchte wesentlich stärker ab als zum Planungszeitpunkt
bekannt war. Heute ist diese Wissenslücke geschlossen und es sind Dämmmaterialien,
wie z.B. Blähglasgranulat und Schaumglasschotter, verfügbar, die bei
dementsprechender Bauteilkonstruktion eine hohe Dämmwirkung dauerhaft und
ohne Schädigung ermöglicht.
Thermische Schichtung
Die Temperaturschichtung in den ersten Speichern ist geringer als die mit den damals vorhandenen Rechenmodellen berechnete. Dadurch reduziert sich die nutzbare Temperatur im Deckenbereich und die Temperaturen und damit die Wärmeverluste im weniger stark oder ungedämmten Bodenbereich erhöhen sich. Heute kommen in den Behälterspeichern überwiegend Schichtladeeinrichtungen zum Einsatz, um eine gute thermische Schichtung auch bei stark wechselnden Temperaturniveaus der eintretenden Fluidströme zu gewährleisten.
Realisierte Demonstrationsanlagen
Bis Sommer 2008 wurden insgesamt elf SuN mit LZWSP in Deutschland realisiert. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die wesentlichen Kenndaten dieser Anlagen. Zu jeder Anlage sind umfangreiche Beschreibungen sowie Ergebnisse dokumentiert, siehe z.B. (Benner et.al., 1999; Benner et.al., 2003; Bodmann et.al., 2005).
Tabelle 1: Realisierte Pilotanlagen von SuN mit LZWSP in Deutschland
| Hamburg¹ | Friedrichshafen¹ Planung im Endausbau (Stand 1-07) |
Neckarsulm¹ Phase I (Phase II) |
Steinfurt4 | Chemnitz² | Rostock³ | Hannover4 | Attenkirchen5 | München | Crailsheim 1.BA (Stand 11-08) | Eggenstein | |
| Jahr der Inbetriebnahme | 1996 |
1996 |
1997 (2001) |
1998 |
2000 (aB: 2006) |
2000 |
2000 |
2002 |
2007 |
2007 |
2008 |
| Versorgungsgebiet | 124 RH |
Endausbau: 570 WE in MFH (390) |
6 MFH, Einkaufszentrum, Schule, Sporthalle,
Altenheim etc. |
42 WE in 22 EFH und kleinen MFH |
Planung: Bürogebäude, Hotel
und Einkaufszentrum |
108 WE in MFH |
106 WE in MFH |
30 EFH |
300 WE in MFH |
260 WE in EFH, DH u. RH, Schule, Sporthalle |
Schul- und Sportzentrum, Feuerwehr |
| 14800 | 14800 |
39500 (33000) |
(25000) |
3800 |
4680 |
7000 |
7365 |
6200 |
24800 |
40000 |
120006 |
| Kollektorfläche [m²] | 3000 FK |
5600 FK (4050) |
2700 FK (5470) |
510 FK |
540 VRK |
1000 FK |
1350 FK |
800 FK |
2900 FK |
7300 FK (5500 FK) |
1600 FK |
| Speichervolumen [m³] | 4500 HWWS |
12000 HWWS |
100 HWWS + 20000 EWS (200+63300) |
1500 KWWS |
8000 KWWS |
30 HWWS 20000 AWS |
2750 HWWS |
500 HWWS + 9350 EWS |
5700 HWWS |
480 + 100 HWWS + 37500 EWS |
4500 KWWS |
| Gesamtwärmebedarf [MWh /a] | 1610 |
4160 (3000) |
1663 (2200) |
325 |
1. BA: 573 |
497 |
684 |
487 |
2300 |
4100 |
1150 |
| Nutzwärmelieferung Solarsystem * [MWh/a] | 789 |
1915 |
832 |
110 |
1. BA: 169 |
307 |
269 |
378 |
10805 |
2050¹ |
430 |
| Solarer Deckungsanteil*[%] | 49 |
47 |
50 |
34 |
1. BA: 30 |
62³ |
39 |
55# |
475 |
50¹ |
37* |
| Kosten Solarsystem§[Mio.€] | 2,2 |
3,2 |
3,5 |
0,5 |
1.+2. BA: 1,4 |
0,7 |
1,2 |
0,76 |
2,9 |
4,5 |
1,16 |
| Solare Wärmekosten *§[Ct /kWh] | 25,7 |
15,9 |
26,5 |
42,3 |
1.+2. BA: 24,0 |
25,5 |
41,4 |
19,0 |
24,0 |
19,0 |
25 |
|
* : Berechnete Werte für den langfristigen Betrieb,
|
¹ : Angaben ITW Universität Stuttgart, ² : Angaben TU Chemnitz, ³ : Angaben Geothermie Neubrandenburg GmbH, 4 : Angaben IGS Universität Braunschweig, 5 : Angaben ZAE Bayern, 6 : AngabenPfeil & Koch Ingenieurgesellschaft GmbH & Co.KG |
aB : außer Betrieb; |
FK: Flachkollektor; VRK: Vakuum-Röhren-Kollektor; HWWS: Heißwasser-Wärmespeicher; KWWS: Kies/Wasser-Wärmespeicher; EWS: Erdsonden-Wärmespeicher; AWS: Aquifer-Wärmespeicher |
Die beiden neuesten sich bereits in Betrieb befindlichen Anlagen wurden in
München und in Crailsheim erbaut. Im ersten Fall werden Wohnungen in verdichteter,
städtischer Mehrfamilienhausbebauung versorgt (Abbildung 3),
im zweiten Fall besteht das Versorgungsgebiet überwiegend aus Einfamilien-
und Doppelhäusern (Abbildung 4).
Abbildung
3: Langzeit-Wärmespeicher und
Mehrfamilienhaus mit Solardach in München
In München wurde ein aus Beton-Fertigteilen hergestellter Heißwasser-Wärmespeicher mit einem Volumen von 6000 m³ realisiert. Der Behälter ist rundum wärmegedämmt (Boden: Schaumglasschotter, Wand und Decke: Blähglasgranulat), die Dämmschicht ist durch eine wasserdichte, jedoch diffusionsoffene Konstruktion dauerhaft vor Durchfeuchtung geschützt. Zur Entladung des Speichers auf Temperaturen unterhalb des Rücklauf-Temperaturniveaus des Wärmeverteilnetzes ist eine Absorptionswärmepumpe mit einer Heizleistung von 550 kW in das System integriert. Der Antrieb der Wärmepumpe erfolgt über das Fernwärmenetz der Stadtwerke München.
Abbildung 4: Versorgungsgebiet SuN mit LZWSP in Crailsheim
Das Solarsystem in Crailsheim besteht aus zwei gekoppelten Teilen: einer Solaranlage
mit Kurzzeit-Wärmespeicher (Kollektoren auf Mehrfamiliengebäuden,
Schule und Sporthalle, Abbildung 4 oben links) und einem saisonalen Teil (Kollektoren
auf Lärmschutzwall, Pufferspeicher und saisonaler Erdsonden-Wärmespeicher
(unten in Abbildung 4). Beide Anlagenteile haben eigene Heizzentralen, die über
eine Fernwärmeleitung miteinander gekoppelt sind. Der Anlagenteil mit Kurzzeit-Wärmespeicher
reicht weitgehend aus, um den Wärmebedarf des Wohngebietes im Sommer zu
decken. Die Kollektoren auf dem Lärmschutzwall beladen in dieser Zeit den
Erdsonden-Wärmespeicher. In der Heizperiode kann Wärme vom saisonalen
Teil an den Kurzzeit-Wärmespeicherteil geliefert werden. Zwischen dem Pufferspeicher
des saisonalen Teils und dem Kurzzeit-Wärmespeicher des ersten Teils arbeitet
bei Bedarf eine Wärmepumpe, die eine weitergehende Entladung des Erdsonden-Wärmespeichers
unter Rücklauftemperaturniveau ermöglicht.
Der Erdsonden-Wärmespeicher besteht in einer ersten Ausbaustufe aus 80
Erdwärmesonden (Doppel-U-Rohr-Sonden aus vernetztem Polyethylen (PEX)),
die in eine Tiefe von 55 m reichen. Das dadurch erschlossene Erdreichvolumen
beträgt 37.500 m³. Der Speicher ist zur Oberfläche hin wärmegedämmt
(50 cm Schaumglasschotter) und wird bei Temperaturen zwischen 20 und 65 °C
betrieben, kurzzeitig sind Beladetemperaturen von bis zu 90 °C möglich.
Der Pufferspeicher im Saisonalteil der Anlage wird als Leistungspuffer für
die Solarkollektoren benötigt, da die mögliche Leistungsaufnahme des
Erdsonden-Wärmespeichers zu gering ist.
Wirtschaftlichkeit
Der Vergleich der solaren Wärmekosten einer großen Solaranlage
mit Kurzzeit-Wärmespeicher mit denen einer Kleinanlage zur Trinkwassererwärmung
(Abbildung 5) zeigt, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis einer Kleinanlage
mit solaren Wärmekosten von 16 – 35 €Ct./kWh im Mittel nahezu
doppelt so hoch ist wie das einer Großanlage mit Kurzzeit-Wärmespeicher
(10 - 21 €Ct./kWh).
Abbildung
5: Vergleich von System- und solaren
Nutzwärmekosten thermischer Solaranlagen (Kostenangaben
ohne MwSt. und Förderung, inkl. Planung)
Der Kostenvorteil solarer Großanlagen im Vergleich zu Kleinanlagen wird
vor allem durch deren günstigeren Systempreis verursacht: während
Kleinanlagen im Durchschnitt 700 - 950 €/m² Flachkollektorfläche
kosten, werden bei Großanlagen 500 - 670 €/m² Systemkosten erzielt.
Die solaren Wärmekosten von SuN mit LZWSP liegen mit 21 - 24 €Ct./kWh
im Bereich der Kleinanlagen zur Trinkwassererwärmung. Hierbei sind jedoch
die weitaus höheren erreichbaren solaren Deckungsanteil im Vergleich zu
den Kleinanlagen zu beachten.
Ziel der F+E-Förderung für SuN mit LZWSP ist es, bis zum Jahr 2020
die Marktfähigkeit der LZWSP zu erreichen. Die laufenden Entwicklungen
werden hierzu bei Erhöhung der Zuverlässigkeit und Effizienz der Speicherkonstruktionen
die Baukosten weiter reduzieren.
Danksagung
Die diesem Bericht zugrunde liegenden Vorhaben wurden mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit unter den Förderkennzeichen 0329607L und 0329607N gefördert. Die Autoren danken für diese Unterstützung. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Berichtes liegt bei den Autoren.
Literatur
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Abbildung 6: Bau des Erdbecken-Wärmespeichers in Eggenstein
*) Dipl.-Ing. Thomas
Schmidt ist Mitglied der Geschäftsleitung
des Steinbeis Forschungsinstituts Solites in Stuttgart, schmidt@solites.de,
www.solites.de
Dipl.-Ing. Dirk Mangold ist
Leiter des Steinbeis Forschungsinstituts Solites in Stuttgart, mangold@solites.de
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