Nachhaltige Gebäude
Wassermanagement
Abbildung
1: Bisherige Wasserversorgung am geplanten
Wasserhaus-Standort
Ob in Europa oder in Entwicklungs- oder Schwellenländern, viele innovative Technologien haben mit mangelnder Akzeptanz seitens der Nutzer zu kämpfen. Bei Sanitärkonzepten trifft dies in besonderem Maße zu, da diese in die Privatsphäre eingreifen. Wie viele andere Neuentwicklungen auch, verlangen neue Sanitärkonzepte in der Regel eine Änderung des Nutzerverhaltens. Um beispielsweise das richtige Funktionieren von Trenntoiletten zu gewährleisten, müssten sich Männer angewöhnen, im Sitzen zu urinieren.
Entwicklung
von Sanitärkonzepten im Dialog mit Nutzern und Nutzerinnen¹
¹ Der besseren Lesbarkeit halber wird im Folgenden ausschließlich
die männliche Form verwandt; es sind jedoch Männer und Frauen gleichermaßen
gemeint.
Jedoch sind gerade im Sanitärbereich Verhaltensänderungen besonders
schwierig zu bewirken: In vielen Kulturkreisen ist alles, was im weitesten Sinn
mit „Toilette“ zu tun hat, ein Tabuthema, so dass diesbezügliche
Kommunikation schwierig ist.
Aus den Wirtschaftswissenschaften ist bekannt, dass die Beteiligung von Kunden
an der Produktentwicklung zum Produkterfolg beiträgt. Die Forschung zur
Akzeptanz erneuerbarer Energien zeigt, dass die Partizipation der zukünftigen
Nutzer einer Technologie an der Implementierung förderlich für die
Nutzerakzeptanz ist. Auch für die Entwicklung und Umsetzung innovativer
Sanitärkonzepte ist die Beteiligung an allen Phasen des Entwicklungsprozesses
von der Idee über den Bau eines Prototyps bis hin zur Implementierung sinnvoll.
Nutzerbeteiligung
Gründe für die Beteiligung der Nutzer an der Entwicklung neuer Sanitärkonzepte
gibt es viele: Potenzielle Nutzer können als Experten ihres eigenen Lebens
betrachtet werden; besser als jeder Außenstehende können sie darüber
Auskunft geben, welche Gewohnheiten sie pflegen und welche Bedürfnisse
sie haben. Während bei einigen Entwicklungsingenieuren die technische Machbarkeit
im Vordergrund steht, denken Nutzer eher an praktische Relevanz. Durch den Austausch
mit zukünftigen Nutzern wird sichergestellt, dass Konzepte auf die Nutzerbedürfnisse
zugeschnitten sind und auch tatsächlich genutzt werden. Nicht zuletzt gehört
es auch zum Verständnis von Demokratie, dass die Menschen bei den Themen,
die sie betreffen, die Möglichkeit zur Mitsprache haben.
Wird ein Sanitärkonzept bereits für einen speziellen Ort, wie beispielsweise
einen Wohnkomplex, entwickelt, sprechen noch weitere Gründe für die
enge Einbindung der Nutzer: Auch hier erhöht die Beteiligung die Wahrscheinlichkeit,
dass das Konzept zu den Nutzern passt. Zudem bewirkt die Nutzerbeteiligung an
sich eine erhöhte Akzeptanz, wie beispielsweise die Möglichkeit, Fragen
zu stellen, eigene Vorschläge einzubringen und an Entscheidungen teilzuhaben.
Durch eine umfassende Information der Nutzer, die mit einer Beteiligung notwendig
einhergehen muss, können sich nach und nach Einstellungen verändern.
Möglichkeiten der Nutzereinbindung
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zukünftige Nutzer in die Entwicklung
von Sanitärkonzepten einzubeziehen. Beispielsweise wurde mit INNOCOPE (INNOvating
through COnsumer-integrated Product dEvelopment, s. http://www.gelena.net/)
ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe im Dialog zwischen Kunden und Unternehmen
nachhaltige Produkte entwickelt werden können. In der Lead User Methode
werden Nutzer, die mit ihren Bedürfnissen dem Markttrend voraus sind (sogenannte
Lead User), für die Entwicklung innovativer Konzepte zu Workshops eingeladen.
Eine weitere Möglichkeit ist das Durchführen von Fokusgruppen, ein
Verfahren aus der qualitativen Marktforschung. Mit dieser Methode lassen sich
sowohl in frühen Entwicklungsphasen Ideen generieren als auch in späteren
Phasen Produktvorschläge diskutieren. Zudem ist sie relativ unaufwändig.
Deswegen soll diese Methode im Folgenden anhand eines Fallbeispiels vorgestellt
werden.
Entwicklung des Kommunalen Wasserhauses
An der Universität Potsdam wird derzeit ein Projekt durchgeführt, das zum Ziel hat, ein alternatives Konzept für eine dezentrale Wasserver- und -entsorgung ländlicher Siedlungen zu entwickeln und dieses exemplarisch in einer ländlichen Kommune in der Provinz Eastern Cape in Südafrika umzusetzen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (Fkz 02WD0737 bis 0742) und in Kooperation mit verschiedenen Firmenpartnern umgesetzt (siehe auch www.wasserhaus-suedafrika.de). Wie in Abbildung 2 zu sehen, bietet das Wasserhaus die Möglichkeit, an einem zentralen Ort nach Geschlechtern getrennt zu duschen und Wäsche zu waschen. Das Dusch- und Waschwasser wird nach Gebrauch aufbereitet und kann erneut verwendet werden. Für die benötigten Pumpen sowie zum Erwärmen von Wasser und des Gebäudes selbst (im Winter) wird Sonnenenergie verwendet.
Abbildung 2: Darstellung des Kommunalen Wasserhauses
Die Idee für ein kommunales Wasserhaus entstand in Gesprächen mit Menschen, die in ländlichen Gegenden Südafrikas leben. Mit Jansenville in der Ikwezi Municipality wurde ein Ort für den Bau des ersten Wasserhauses gefunden. Derzeit wird der Prototyp in enger Zusammenarbeit mit südafrikanischen Behörden sowie der Verwaltung der Ikwezi Municipality entwickelt. Im Rahmen einer Versammlung wurden die Bewohner von Jansenville darüber informiert, dass der Bau eines kommunalen Wasserhauses geplant ist.
Gründung von Fokusgruppen
Um etwas über die Vorstellungen und Erwartungen und Befürchtungen
der potenziellen Nutzer zum Wasserhaus zu lernen, wurden drei Fokusgruppen durchgeführt.
Fokusgruppen sind moderierte Gruppen, die über ein Thema diskutieren, beispielsweise
ein sich in der Entwicklung befindendes Produkt. In diesem Fall wurden den Teilnehmern
anhand einer Zeichnung (siehe Abbildung 2) Fragen zum Wasserhaus als ganzes
sowie zu einzelnen Aspekten (Duschen, Wäsche waschen) gestellt. Der Moderator
achtete darauf, dass alle Teilnehmer zu Wort kamen und lenkte die Diskussion
ggf. zum Thema zurück.
An der ersten Gruppe nahmen fünf Jugendliche teil, an der zweiten sechs
jüngere Frauen, an der dritten sieben ältere Frauen (siehe Abbildung
3). Aus organisatorischen Gründen konnte bisher noch keine Fokusgruppe
mit Männern durchgeführt werden; diese könnten mit Sicherheit
noch weitere Aspekte beitragen.
Alle Fokusgruppen wurden auf Tonband aufgezeichnet, transkribiert und ggf. ins
Englische übersetzt. Folgende Aspekte wurden als relevant für die
Nutzerakzeptanz identifiziert:
Vorschläge zur Umsetzung dieser Punkte wurden teilweise bereits in die Diskussionen eingebracht wie beispielsweise das Einbauen getrennter, mit Riegeln verschließbarer Duschkabinen oder das Überwachen des Wasserhauses durch eine Respektsperson im Vorraum. Um sicherzustellen, dass die Vorschläge der Nutzer bei der Umsetzung berücksichtigt werden, wird ein Steuerungskomitee eingerichtet, das sich aus Mitgliedern aller Bevölkerungs- und Interessensgruppen zusammensetzt.
Fazit
Die Notwendigkeit, die Nutzer einzubeziehen, ist besonders offenkundig beim internationalen Technologietransfer, da hier kulturelle und geographische Distanzen zwischen Nutzern und Entwicklern eine Rolle spielen. Als Ursache für viele gescheiterte Technologietransfer-Projekte wird mangelnde Kooperation mit Endnutzern sowie mit lokalen Institutionen gesehen. Aber auch bei Entwicklungen für das eigene Land können die (potenziellen) Nutzer wertvolle Beiträge leisten. Partizipative Prozesse benötigen zwar Ressourcen, aber deren Nutzen für das Produkt und die Akzeptanz desselben sollte nicht unterschätzt werden. Mit der Durchführung von Fokusgruppen kann ein erster Schritt zu einem Dialog zwischen Entwicklern und Nutzern getan werden.
*) Friederike Arnold ist Mitarbeiterin an der HANS-SAUER-PROFESSUR für Metropolen- und Innovationsforschung am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, friederike.arnold@geo.hu-berlin.de [^]