Nachhaltige Gebäude
Abbildung
1: Schrepfersmühle
in Baunach aus dem Jahr 1706 nach der Restaurierung 1993-1995 [2] (Quelle:
AEE INTEC)
Fragen zur Energieeffizienz machen auch vor bauzeitlich bzw. historisch wertvollen oder unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden nicht halt. Obgleich nach Energieeinsparverordnung Baudenkmäler einzeln oder im Ensemble von den Anforderungen der EnEV [1] ausgenommen werden können – gerade der private Nutzer einer denkmalgeschützten Immobilie kann ein solches Gebäude nur dann wirtschaftlich betreiben (und damit der Gesellschaft das Denkmal als kulturellen Bestandteil zur Verfügung stellen), wenn neben dem Denkmalschutz auch energetische Aspekte während der Nutzung des Gebäudes also Klimaschutz und Energieeffizienz gleichzeitig Berücksichtigung finden.
Energieeffizienz
bei denkmalgeschützten Baukonstruktionen
Impulse zum Umgang mit Fragen der Energieeffizienz bei bauzeitlich bzw. historisch
wertvollen oder unter Denkmalschutz stehenden Baukonstruktionen
Von Frank Eßmann, Jürgen Gänßmantel, Gerd Geburtig und Anatol Worch*
Hier gilt es, die unterschiedlichen Aspekte der Denkmalpflege, der Erhaltung historischer Substanz und der energetischen Sanierung im Hinblick auf die Anforderungen der Energieeinsparverordnung in Einklang zu bringen. Der vorliegende Beitrag möchte wichtige Gesichtspunkte vorstellen und diskutieren, die im Zuge einer solchen Sanierung zu berücksichtigen sind.
Energetische Sanierung
In vielen täglich und intensiv geführten Diskussionen in der Praxis zu dieser Fragestellung wird deutlich, dass es nicht leicht ist, möglichst viele der verschiedenen aufgeführten Aspekte zu erfüllen:
Planungsleitsätze
Daher möchte die regionale Gruppe der WTA in Deutschland Impulse für den Umgang mit bauzeitlich bzw. historisch wertvoller oder unter Denkmalschutz stehender Baukonstruktionen im Rahmen von Maßnahmen zur Verbesserung der Gebäudeenergieeffizienz geben.
Ökologie, Ökonomie und Baudenkmalpflege sind kein Widerspruch. Die ökologische Bewertung eines Gebäudes darf nicht ausschließlich auf den aktuellen Verbrauch bzw. den klimaneutral bewerteten CO2-Ausstoß reduziert werden. In einem vollständigen und umfassenden Ansatz sind nach den Richtlinien des Instituts Bauen und Umwelt e.V. ebenso zu berücksichtigen:
Durch die Nutzung der stoffgebundenen Energieinhalte bestehender Gebäude im Zusammenhang mit optimierter, nicht maximierter Dämmschichtdicke wird ein bedeutender ökologischer Effekt erzielt. Unter Berücksichtigung der hohen energetischen Aufwendungen zur Erstellung eines Gebäudes ist auch aus ökologischer Sicht eine Weiternutzung von Bestandsgebäuden der sinnvolle Weg. Aus diesem Grund bekommt die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden eine hohe Bedeutung.
Energetische Beratung notwendig
Ein Baudenkmal, wie in Abbildung 1 dargestellt, stellt besondere
Ansprüche bei der Planung und Ausführung einer energetischen Sanierung.
Vor allem Belange der Denkmalpflege, der Erhaltung der historischen Substanz
und nicht zuletzt gestalterische Aspekte müssen berücksichtigt werden.
Jedoch gilt es in vielen Fällen, den hygienischen Mindestwärmeschutz
überhaupt zu erreichen, um zumindest ansatzweise heute üblichen und
erwarteten Wohnkomfort gerecht zu werden. Hier ist daher stets eine detaillierte
energetische Beratung erforderlich. Diese kann der Energieausweis in der derzeitigen
Form nicht leisten.
Der Bedarfsausweis mit dem integrativen Ansatz des Wärmebedarfs in Kombination
mit der Haustechnik auf Basis der Energieeinsparverordnung ist ein Weg in die
richtige Richtung, jedoch sind die zu treffenden Aussagen und Hinweise zur Sanierung
für historische Gebäude zu pauschal. Die Erarbeitung einer genaueren
Methodik für einen individuellen Ausweis für Baudenkmale ist wünschenswert.
Wärmeschutz nicht ohne Feuchteschutz
Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden kann in vielen Fällen
nur durch die Anbringung einer innenliegenden Dämmung erreicht werden.
Neben dem Erhalt des Gebäudes in seiner historisch gewachsenen Gestalt
spielen auch städtebauliche Aspekte und der Wunsch des Bauherrn nach der
Sichtbarkeit der Fassade eine Rolle.
Eine Vernachlässigung der Auswirkungen der neu angebrachten thermischen
Isolierung auf den sich einstellenden Feuchtehaushalt der bestehenden Konstruktion
kann zu fatalen Bauschäden führen. Das Risiko eines erhöhten
Tauwasserausfalls im Grenzbereich des alten Mauerwerks und der Innendämmung
ist unbestritten. Die niedrigere Temperatur des Mauerwerks führt dazu,
dass dieses langsamer abtrocknet, da die Wärmezufuhr von der Innenseite
minimiert wird und die Austrocknung des Mauerwerks nach innen durch die zusätzlich
eingebrachten Bauteilschichten beeinträchtigt wird. Größere
Bereiche der Fassade, vor allem der schlagregenzugewandten Seite, können
langfristig höhere Durchfeuchtungsgrade aufweisen. Dieser Effekt kann so
ausgeprägt sein, dass die maximal mögliche Dämmstoffdicke von
der beschriebenen Trocknungsverzögerung bestimmt werden kann (siehe
Abbildung 2).
Als Quintessenz lässt sich bei dem geplanten Einsatz einer Innendämmung
zur energetischen Sanierung festhalten, dass die mögliche Tauwasserbildung
und das veränderte Austrocknungspotenzial der gedämmten Außenwand
die beiden zentralen feuchtetechnischen Aspekte sind, die schon während
der Planungsphase im Einzelfall durchdacht und deren Unbedenklichkeit gegebenenfalls
nachgewiesen werden müssen. Prinzipiell ist eine feuchtetechnische Einzelfalllösung
anzustreben und nicht ein pauschales „Fertigteilprinzip“.
Abbildung 2: Befeuchtung und Trocknung einer Fachwerkfassade ohne Dämmung und mit Innendämmung inklusive Dampfsperre [3]
Materialeinsatz
Der Materialeinsatz für eine energetische Verbesserung ist für den
jeweiligen Einzelfall sorgfältig zu bestimmen. In jedem Fall ist unter
Berücksichtigung der bestehenden Konstruktion zu entscheiden, welches Schutzprinzip
verwirklicht werden soll: Steht der Schutz vor Wasser im Vordergrund oder erlaubt
die Konstruktion, dass Tauwasser in der Dämmung entstehen darf und durch
kapillaraktive Systeme von der zu schützenden historischen Substanz fern
gehalten wird?
Die Entwicklung neuer Materialien mit bestimmten feuchtephysikalischen Eigenschaften,
derer man sich bewusst bedient, wie feuchteadaptive Dampfbremsen oder kapillaraktive
Dämmstoffe, macht die Wandlung beim Feuchteschutz hin zu einem Feuchtemanagement
besonders deutlich. Das Ziel ist die bewusste Lenkung der stets vorhandenen
und nur schwer vermeidbaren Feuchtetransporte durch Bauteile. Diffusionsdichte
Konstruktionen können die Bildung von Tauwasser verhindern, benötigen
aber eine besonders hohe Sorgfalt bei der Erstellung und auch während der
Nutzung, da Beschädigungen schnell zu einem Schadensfall führen können.
Generell sollte eher diffusionsoffen gebaut werden, da solche Lösungen
weniger schadensanfällig sind.
Abbildung 3: Beispiel für eine angebrachte Innendämmung, mineralischer Schaum auf Ziegelmauerwerk (Quelle: Ingenieurbüro Gänßmantel, Schömberg)
Mit dem Einsatz hygrothermischer Berechnungsverfahren können die feuchtephysikalischen Auswirkungen und das komplexe Zusammenwirken einzelner Materialeigenschaften optimiert werden. Auf diese Weise ist es möglich, einen für den jeweiligen Einzelfall optimierten Sanierungsvorschlag zu erarbeiten und im Vorfeld zu überprüfen.
Dämmstärke
Wieviel Dämmung zusätzlich möglich ist, kann nicht pauschal angegeben werden. Die Vielfalt bestehender Konstruktionen mit ihren verschiedenen Materialkombinationen und örtlichen Begebenheiten macht auch hier wieder eine Einzelfallentscheidung unumgänglich.
Abbildung 4: Temperaturverteilung, Wärmestromdichte und Wärmebrückenkoeffizient einer einbindenden Betondecke in eine homogene Außenwand
Neben den oben angesprochenen feuchtephysikalischen Wechselwirkungen wie das
veränderte Austrocknungsverhalten begrenzen auch die stets vorhandenen
Wärmebrücken die sinnvollen Dämmstoffdicken für eine energetische
Sanierung (siehe Abbildung 4). Die sich einstellenden Energieverluste
an den Wärmebrücken lassen sich nicht vollständig vermeiden,
sodass hier eine weitere Erhöhung der Dämmstoffdicke nicht zu einer
weiteren Minimierung der Wärmeverluste führt [4].
Zusätzlich ergeben sich durch punktuelle Temperaturabsenkungen besondere
Schwierigkeiten hinsichtlich der Vermeidung von Tauwasserbildung z.B. bei Holzbalkendecken.
Mit dem Einsatz thermischer und hygrothermischer Berechnungen ist das vertretbare
Dämmniveau für das zu sanierende Gebäude zu ermitteln.
Abbildung 5: Gelungene Kombination zwischen Denkmalschutz und Nutzung regenerativer Energiequellen (Quelle: tha-Ingenieurbüro Eßmann, Mölln)
Denkmalgerechte Lösungen
Denkmalgerechte Lösungen für energieeffiziente Nutzungen sind mit
intelligenten Systemen beim Anlagenbetrieb zu erreichen. Für die Nutzung
bzw. Anwendung neuer haustechnischer Anlagen ist ein interdisziplinäres
Vorgehen unerlässlich. Durch den Einsatz einer geregelten Lüftungsanlage
ist die innere Feuchtebelastung des Gebäudes und der darin enthaltenen
Ausstattung beherrschbar, so dass Schädigungen durch mangelhaftes Lüftungsverhalten
begrenzt werden können. Auch hierfür bedarf es der engen Abstimmung
zwischen technischer Gebäudeausrüstung und Denkmalpflege. In Abbildung
5 ist eine Kombination aus Nutzung regenerativer Energiequellen und
Denkmalpflege unter der Berücksichtigung der Minimierung der Gebrauchskosten
gezeigt.
Bei hohen denkmalpflegerischen Anforderungen wie beispielsweise bei feuchteempfindlichen
Wandmalereien in genutzten Räumen ermöglicht die intelligente Steuerung
der Raumheizung sowie der Lüftungsanlage, dass die kunsthistorisch bedeutsamen
Gegenstände nicht geschädigt werden [5]. Hier steht
jedoch nicht das energetische Einsparpotenzial sondern die Klimakonstanz aus
konservatorischen Gründen im Vordergrund.
Zusammenfassung
Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden kann in vielen Fällen
nur durch die Anbringung einer innenliegenden Dämmung erreicht werden.
Die bestehenden Risiken sind bekannt und können durch die intelligente
Planung und den bewussten Einsatz von Baumaterialien beherrscht werden. Die
Konzeption einer Innendämmung setzt sich zusammen aus dem komplexen Zusammenspiel
zwischen der vorhandenen Konstruktion, dem Dämmstoff, gegebenenfalls zusätzlich
erforderlichen Schichten (z.B. Dampfbremsen), der raumseitigen Bekleidung und
dem Gesamtsystem des Bestandsgebäudes. In vielen Fällen können
computergestützte Simulationsrechnungen einen tiefen Einblick in die beschriebenen
Zusammenhänge und die Auswirkungen der geplanten Sanierungsmaßnahmen
bieten. Nur bei der Beachtung aller Komponenten ist eine fachgerechte Planung
und Ausführung einer energetischen Sanierung möglich.
Stets ist zu bedenken, dass es sich bei der energetischen Sanierung von Baudenkmälern
um eine Einzelfallentscheidung handeln muss. Die Situationen im Bestand sind
so mannigfaltig, dass es lediglich möglich ist, Handlungsstrategien und
Vorgehensweisen für die Planung anzugeben. Feste normierte Standardlösungen
würden bei historischen Gebäude zu erheblichen Problemen führen.
Die aktuellen Merkblätter der WTA z. B. der Reihe „Fachwerkinstandsetzung
nach WTA“ Nummern 8-1, 8-5 und 8-10 oder das Merkblatt E-6-4 „Innendämmung
nach WTA: Planungsleitfaden“ sind im Sinne der hier vorgestellten Leitsätze
erstellt.
Literatur
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*) Die Autoren dieses Vortrages
gehören dem Vorstand der regionalen Gruppe der Wissenschaftlich-Technischen
Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e.V. (WTA)
an, www.wta.de
Dipl.-Ing. Frank
Eßmann leitet das Ingenieurbüro
tha für thermische, hygrische und akustische Bauphysik in Mölln.
Dipl.-Ing. (FH) Jürgen Gänßmantel
bietet in seinem Ingenieurbüro Dienstleistungen für nachhaltiges Bauen,
Schömberg.
Dr.-Ing. Gerd Geburtig
führt die Planungsgruppe Geburtig mit Niederlassungen in Weimar und Ribnitz-Damgarten
Dr.-Ing. Anatol Worch
ist Wissenschaftlich Angestellter beim Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen.
[^]