Wassermanagement
Während
die CO2-Problematik in aller Munde ist, ist es nötig, auch dem
Element N ('Nitrogen' = Stickstoff) mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Denn es ist
noch kaum ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen, dass auch der Umgang
mit dem vom Menschen industriell produzierten und ausgebrachten Stickstoff tiefgreifend
gewendet werden muss. Auch hier bewegen wir uns auf eine Krise zu, die für
viele Regionen bereits Realität ist. Dieser Artikel möchte Material
zur kritischen Reflexion unseres Umgangs mit Stickstoff anbieten.
Stickstoff im Exzess
Der N-Nr-Kreislauf
Aus dem praktisch unbegrenzten natürlichen Reservoir an Stickstoff in
der Atmosphäre ist ein vergleichsweise unbedeutender Teil in den Prozess
involviert, den wir Stickstoffkreislauf nennen. Dieser kleine Teil ist von essentieller
Bedeutung für das Leben, ist untrennbar mit dem Stoffwechsel der lebendigen
Materie verwoben. Indem Stickstoff wesentlicher Bestandteil der Proteine (bzw.
Enzyme) ist, durch die jeder einzelne Stoffwechselschritt in der Zelle vermittelt
wird, ist kein Lebensprozess ohne Beteiligung von Stickstoff möglich.
Und doch ist der Stickstoff der Luft, den ja auch wir zu 4/5
unserer Atemluft ein- und gänzlich unverändert wieder ausatmen, für
das Leben nicht brauchbar. Das Wort 'Stickstoff' (frz. 'azote'=unlebendig)
weist auf diese Eigenschaft hin, durch die das N-Element zuerst in Erscheinung
trat.
Im elementaren Stickstoff der Luft sind zwei N-Atome mit einer 3-fach-Bindung
zu N2 verbunden, das ist eine äußerst reaktionsträge
edelgasähnliche Substanz, die nur mit hoher Aktivierungsenergie aufzubrechen
ist. Dabei verändert das N-Atom radikal seinen Charakter, wird zu einem
extrovertierten verbindungsfreudigen Stoff mit besonderer Affinität zu
Kohlenstoff, damit besonders lebenstauglich. Nur in dieser chemisch aktivierten
Form – die das Leben selbst durch bestimmte Mikroorganismen herstellt
– tritt das N-Element (der Name Stickstoff passt jetzt nicht mehr) in
den Prozess der lebendigen Materie ein. Eingearbeitet in die organische Substanz
kann es lange Zeit in dieser aktivierten Form existieren, bis es – ebenfalls
durch Mikroorganismen – wieder in elementaren Stickstoff (N2)
zurückverwandelt wird. Der N-Kreislauf beinhaltet nur den Weg dieses sog.
reaktiven N, der im folgenden Text in Unterscheidung zum elementaren N2
der Luft Nr genannt wird. Der Begriff des reaktiven Stickstoff umfasst
eine Fülle von z.T. sehr gegensätzlichen N-Verbindungen. Auch die
bei Verbrennung von fossilen Brennstoffen entstehenden Stickoxide sind Nr-Formen.
Wenn man bedenkt, dass die ganze lebende Materie davon abhängig ist, muss
man sich wundern, dass nur eine verschwindend kleine Zahl einzelliger Lebewesen
(ca.100 Bakterienarten) imstande ist, einen verschwindend kleinen Teil elementaren
Distickstoffs N2 aus der Atmosphäre in reaktiven N zu verwandeln
(ein noch kleinerer Teil reaktiven Stickstoffs entsteht durch atmosphärische
Entladung bei Gewitter). Auch die autotrophen Pflanzen können sich mit
Nr nicht selbst versorgen. Bedeutsame Ausnahme ist die Familie der
Leguminosen (Hülsenfrüchte); sie können es mithilfe von Wurzelsymbionten.
Abbildung
1: Alle Formen, die nicht N2
(Oxidationsstufe 0) sind, werden als reaktiv (N<sub>r</sub>) bezeichnet.
Im natürlichen System kreist N<sub>r</sub> in reduzierter Form
(Ammoniak, Nhx) zwischen Auf- und Abbau der organischen Substanz
(N-Mineralisation). Ein Teil, der durch anthropogene Nr-Zufuhr stark
zunimmt, wird in Nitrat verwandelt (Nitrifikation). Nitrat wird über die
Nitritstufe entweder wieder zu NH3 reduziert (z.B.in Pflanzen) oder
in die nicht-reaktive Ausgangsform N2 (Denitrifikation). Alle Umwandlungen
bis auf die mit gestrichelter Linie geschehen durch Mikroorganismen.
Die z.T. gasförmig entweichenden Zwischenstufen sind durch Pfeile gekennzeichnet.
Nicht dargestellt sind die durch Verbrennungsprozesse freigesetzten Stickoxide.
In Abbildung 1 wird diese Aussage vielleicht auch ohne chemische
Vorbildung anschaulich. Der Pfeil zwischen N2 und NH3
entspricht dem gerade genannten Prozess und wird biologische N-Fixierung genannt
(im Folgenden kurz BNF).
Ammoniak, im wässrigen Milieu meist in ionisierter Form als Ammonium (NH4)
vorliegend, ist der Nr-Nährstoff schlechthin, die sozusagen
aufgeladene Form, aus der N sich mit Kohlenstoff verbinden und damit direkt
in die Aminosäure- bzw. Proteinsynthese eingehen kann.
Nitrat (NO3¯,s. Abbildung 1), der oxidative
Gegenpol zu Ammoniak, ist, v.a. bei Mineraldüngung, gleichfalls Nr-Quelle
für Pflanzen, muss aber in der Pflanzenzelle unter Energieaufwand zu Ammoniak
reduziert werden. In natürlichen Systemen ist Nitrat nur eine Entsorgungsform
für punktuelle Überflusssituationen (verwesende Tiere oder Anhäufungen
von Exkrementen), indem es sich infolge seiner Wasserlöslichkeit schnell
verteilt.
Die meisten natürlichen Ökosysteme haben sich – und das über
Zeiträume von Millionen Jahren – nachhaltig stabilisiert unter der
Bedingung einer begrenzten Zufuhr von Nr. Diese Systeme haben 'gelernt',
Nr-Verluste fast gänzlich zu vermeiden. Beim Abbau organischer
Substanz freigesetzter und durch natürliche BNF neu kreierter Nr
wird teils sofort wieder eingebaut, teils in dauerhafte Speicherformen festgelegt.
Gras- oder Waldökosysteme der gemäßigten Zonen können im
Boden erstaunliche Mengen an gebundenem Nr aufweisen, trotzdem ist
nur eine knappe Menge an pflanzenverfügbaren Nr im Umlauf. Diese
sogenannten N-limitierten Systeme, zu denen auch die meisten aquatischen Ökosysteme
zählen, soweit sie ungestört, sind fähig, bis zu einem gewissen
Grad Nr-Überschüsse von außen zu binden.
Der natürliche Nr-Haushalt ist also ein feindosiertes Geschehen,
der Hauptstrom des mobilen Nr wird in Kreisläufen innerhalb
der Systeme gehalten; gleichwohl können sich dabei Systeme hoher Komplexität
mit hoher Artenvielfalt aufbauen. Aufgrund seiner Knappheit ist reaktiver Stickstoff,
bildlich gesprochen, von hohem Wert; das äußert sich in qualitativer
Entfaltung: Reichtum an Arten, Lebensweisen, Interaktionen. Ist die N-Limitation
aufgehoben, verarmt das System qualitativ.
Dieser natürliche N-Haushalt ist heute in zunehmendem Maße von anthropogenen
Nr-Einträgen überdeckt: Flächendeckende Anreicherung
mit Nr durch Luft, Regen und Sickerwasser führt zu einer Sättigung
vieler natürlicher Systeme, die dadurch ihre Pufferfähigkeit verlieren.
Nr kann nicht mehr gehalten werden, fließt gleich einer Kaskade
(s.u.) durch die übersättigten Systeme.
Da diese Situation sich global durchsetzt, entstehen unkontrollierbare Akkumulationen
besonders in aquatischen Systemen im unteren Bereich der Kaskade (s.u.): Flussmündungen,
Küsten und Binnenmeeren. Die Zahl dieser Zonen, in denen infolge von Nährstoffübersättigung
schließlich alles Leben er'stickt', nimmt gegenwärtig weltweit in
alarmierendem Maße zu.
Was ist Ursache und Motor dieser Entwicklung?
Anthropogene Nr-Schöpfung
1888/89 wurden die mikrobiellen Akteure des Nr-Kreislaufs entdeckt,
womit auch die Bedeutung der reaktiven Form des Stickstoff vollends hervortrat.
Nr war zu der Zeit nur in der Form von Nitrat (s. Abbildung
1) aus biogenen Lagerstätten in Südamerika zugänglich.
Im Vorfeld des 1. Weltkriegs wurde der Zugang zu Nr nicht zuletzt
als Ausgangssubstanz für Sprengstoffe/Munition strategisch bedeutsam.
Keine 20 Jahre nach Entdeckung der N-fixierenden Bakterien hatten die Chemiker
ein Verfahren erfunden, Ammoniak zu synthetisieren. Das Haber/Bosch-Verfahren
ist verglichen mit dem nanotechnischen Kunststück der mikrobiellen N-Fixierung,
das bis heute nicht ganz verstanden ist, grobtechnisch-gewaltsam: Es benötigt
Druck von mehreren 100 bar und Temperaturen um 500°C, sowie nach wie vor
große Mengen fossiler Brennstoffe als Energie- und H-Spender.
Die Möglichkeit, durch Hinzufügen synthetischer Konzentrate die N-Limitation
in der Landwirtschaft zu durchbrechen und berechenbare Maximalerträge zu
erzielen, erwies sich als unwiderstehlich. Indem die biologische Produktivkraft
des Bodens an Bedeutung verlor, wurde die Bodenpflege vernachlässigt, und
damit die Abhängigkeit von Mineraldüngung in steigender Quantität
gefestigt. Zusammen mit der Einführung von Hochertragssorten, die speziell
auf hohe Nr-Aufnahme hin gezüchtet werden, dehnte sich die Abhängigkeit
in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit aus und eröffnete riesige
Märkte für die Düngerindustrie. Über 75% der Ammoniakproduktion
wird in Mineraldünger umgesetzt (s. Abbildung 2).
Die Stickstoffdynamik, nicht nur im Boden, wird durch Mineraldüngung tiefgreifend
gewandelt:
Lachgas (N2O) erwärmt das Klima 296mal mehr als die gleiche Menge CO2. Die Konzentration ist global jetzt um 18% höher als präindustriell, nimmt seit 1980 um 0,3% jährlich zu. Es macht schon 5% der Treibhausgase der Atmosphäre aus. Nitratüberschuss in der Landwirtschaft ist die Hauptquelle für N2O mit 70% der globalen Emission. Ausgehend von 3-5% N2O-Verlust bei Nr-Düngung ist der Beitrag der Landwirtschaft zur Treibhaussituation 4,3-5,8 Millionen t N2O im Jahr, das entspricht 8-11% der Treibhauserwärmung durch CO2 aus fossilen Brennstoffen (Crutzen 2008). Aus diesem Zusammenhang ergibt sich, dass Biotreibstoffe aus Mais und Raps – infolge ihrer düngerintensiven Produktion – zur Klimaerwärmung beitragen. Der hohe Verbrauch an fossilen Brennstoffen bei der Produktion von Mineraldünger, auch die CO2-Freisetzung durch Humusabbau sind dabei nicht einmal berücksichtigt.
Globale Veränderung der Nr-Ströme seit 1860
Die mit Beginn des agrikuturellen Pflanzenbaus stetig abnehmende natürliche terrestrische BNF (Biologische N-Fixierung) steht in Relation zur stetig vergrößerten Anbaufläche. Durch Einführung von Leguminosen seit Beginn des Ackerbaus wird dieser Nr-Verlust mehr als kompensiert (cBNF).
Abbildung 2:
Historische Veränderung der Freisetzung
von reaktivem Stickstoff Nr(in Mio t pro Jahr). Die Gesamtmenge an
anthropogen freigesetztem Nr addiert sich aus der Ammoniakproduktion
nach Haber-Bosch (Dünger- und chemische Industrie) plus c-BNF (d.h. durch
Kultivation N-fixierender Hülsenfrüchte wie Soja) plus durch Verbrennungsprozesse
freigesetzte Stickoxide (NOx).
Ab etwa 1975 übertrifft die anthropogene Kreation von Nr in
stark steigendem Maße die natürliche terrestrische Stickstoffbindung
(n-BNF).Basierend auf Daten von Galloway und Smil, s.Lit.
Abgesehen davon, dass der Rückgang der nBNF beunruhigend ist – bis
2050 insgesamt um etwa 1/5 vor allem durch Vernichtung
von tropischen Waldgebieten – springt die exorbitante Steigerung der synthetischen
Nr-Produktion v.a. in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
ins Auge.
Die Freisetzung von Nr durch Verbrennung fossiler Brennstoffe (NOx)
nahm zu: von 1 Mio t N/im Jahr 1860 auf annähernd 25 Mio t N/im Jahr 2000.
Nr-Synthese durch das Haber-Bosch-Verfahren ging von 0 vor 1910 (über
ca.25 Mio t 1960) auf über 100 Mio t N im Jahr 2000, davon etwa 85% für
Düngerproduktion. Während der letzten Dekaden war die vom Menschen
kreierte Nr-Menge größer als die Produktion aller terrestrischen
Systeme zusammen.
Für 2050 wird ein Düngerverbrauch von ca. 135 Mio t N bzw. eine Ammoniakproduktion
von 165 Mio t N/Jahr angenommen. Zuzüglich der geschätzten Werte für
cBNF und durch Verbrennungsprozesse freigesetzte NOx ergibt das eine
Gesamtmenge von fast 270 Mio t N/Jahr an durch menschliche Zivilisation ins
globale System eingebrachten reaktiven Stickstoff, das wäre das 2,8-fache
des für 2050 angenommenen Werts der nBNF (98 Mio t N/Jahr).
Die N-Kaskade
Diese bedeutenden Veränderungen im globalen Nr-Haushalt bringen einige beunruhigende Konsequenzen mit sich [Galloway2003]:
Der N-Kreislauf ist sozusagen aus den Fugen geraten, und es ist sinnvoller, die wechselvolle Geschichte der NrN-Akkumulationen und -Ströme im Modell der Kaskade darzustellen .
Abbildung
3: Die
N-Kaskade
Nr kann aufgrund seiner Reaktivität zwischen Atmosphäre,
aquatischen und terrestrischen Systemen wechseln bzw. in diesen Sphären
kreisen und dabei eine Serie von Umweltbeeinträchtigungen bewirken. Die
Kaskade wird nur unterbrochen, wenn Nr langfristig gespeichert wird
(z.B.in Humus) oder durch Denitrifikation in nonreaktiven Luftstickstoff (Nn
zurückverwandelt wird. Dabei entsteht allerdings das hochwirksame Treibhausgas
N2O (Lachgas).
Je nach chemischer Form tritt das N-Atom an verschiedenen Stellen in die Kaskade
ein und kann dann schnell in andere Nr-Formen umgewandelt werden,
es kann auch in einem Teilsystem kreisen oder auch über lange Zeit fest
gebunden bleiben. D.h., sobald es sich in der Kaskade bewegt, ist nicht mehr
zu unterscheiden, aus welchem Prozess es stammt und es kann auf seiner Reise
mehrfach an schädlichen Umwelteffekten beteiligt sein. Die verschiedenen
Ökosphären bieten jeweils spezifische Bewegungsmöglichkeiten
für Nr mit entsprechenden ökologischen Effekten, zwischen
Akkumulation, Zyklus, Transfer bis zum Verlust durch Denitrifikation. Die besonders
kritischen Schauplätze bzw. Übergänge der N-Kaskade sollen näher
betrachtet werden.
In der Atmosphäre ist die Verweildauer der meisten Nr-Arten
kurz, aber mit signifikanten Auswirkungen. Innerhalb von Stunden oder Tagen
landet NOx bzw. NHx mehr oder weniger weit verfrachtet
durch nassen oder trockenen Niederschlag wieder auf der Erdoberfläche.
Der jährliche Nr-Niederschlag beträgt in Zentraleuropa
durchschnittlich 17 kg/ha und führt in z.T. erheblichem Ausmaß zu
Versauerung und Eutrophierung von terrestrischen Ökosystemen,
damit zu einer Verminderung der Artenvielfalt.
Für Wälder in Österreich wird als Critical Load 10 kg/ha/Jahr
angegeben [Ackermann 2003]. D.h. bei erhöhter Nitrat/Ammonium-Deposition
zwischen 10 und 15 kg/ha/Jahr treten erhöhte N-Mineralisation, Nitrifikation,
Bodenwasseraustrag von Nitrat und Veränderung der Bodenvegetation ein.
Es treten Nährstoffungleichgewichte in Bäumen auf, die Waldschäden
hervorrufen, höhere Empfindlichkeit gegen Frost und Pilzbefall. Die Critical
Load ist bei der Mehrzahl der untersuchten Flächen (in Österreich)
überschritten. Fast die gesamte (97%) österreichische Waldfläche
ist eutrophiegefährdet.
Die aquatischen Systeme nehmen die aus den gesättigten
terrestrischen Systemen überfließende Nährstofffracht auf und
transportieren sie weiter in der Kaskade, letztlich Richtung Meer. Hier setzt
(besonders in den O-armen Sedimentschichten der Gewässer) die natürliche
Aufräumbewegung der mikrobiellen Denitrifikation ein. Im Netzwerk der Feuchtgebiete
und Flüsse bis zu den Mündungen der großen Ströme können
30-70% vom gesamten externen Nr-Input in N2 zurückverwandelt
werden. Durch die Zerstörung dafür bedeutsamer Uferfeuchtgebiete und
Begradigung vieler kleiner Flussläufe setzt die Überfrachtung durch
Nr-Zuflüsse aus der Landwirtschaft der Reinigungskraft der Fliessgewässer
Grenzen; die Fähigkeit der Flüsse, Nitrat zu eliminieren nimmt ab.
Obwohl letztlich nahezu die Gesamtmenge des über die Flüsse ins Meer
gelangenden Nr im Küsten- und Schelfbereich denitrifiziert wird
[Galloway2004], nimmt die Belastung der Küsten- und Mündungssysteme
und besonders der großen Binnenmeere in alarmierender Weise zu.
Der N-Gehalt im Meer hat von 1860 bis 1990 um 80% zugenommen (bis 2050 ist mit
einem weiteren Zuwachs von 65% zu rechnen - Millenium Ecosystem Assessment 2005).
Es bilden sich durch Nährstoffanreicherung lebensfeindliche
hypoxische Zonen (O2<2-3 mg/l), sog. Dead Zones, die Ausmaße
von über 20.000 km² erreichen können, z.B.im Golf von Mexiko
[Rabalais 2002]. Mittlerweile werden 405 Dead Zones identifiziert,
gegenüber 49 in den 60er Jahren und 150 im Unep Yearbook 2004. Die größte
ist die Ostsee, deren Wasser am Meeresboden jetzt ganzjährig hypoxisch
ist [Bello 2008].
Indem die meiste Denitrifikation im Flussmündungs- und Schelfbereich passiert,
sind diese auch Hot Spots der Lachgasemission. Annähernd 30% der anthropogenen
N2O-Emissionen entstehen in diesem Bereich.
Durch Umstellung auf humusakkumulierende Methoden könnten jährlich
bis zu 3 Milliarden t Kohlenstoff in terrestrischen Ökosystemen gebunden
werden (C-Sequestration;R.Lal,1999), bei einem C/N-Verhältnis
von 25 entspräche das einer Nr-Fixierung im Ausmaß von
120 Mio t N/Jahr. Das entspricht etwa den jährlichen systembedingten N-Verlusten
des globalen Agroökosystems.
Gegenwärtig sind die Agroökosysteme unzweifelhaft
die Hauptquellen der weltweiten Stickstoffüberfrachtung; die globalisierte
industrielle Intensivlandwirtschaft ist die treibende Kraft hinter dem Wandel
des N-Kreislaufs. Es ist ein Produktionssystem mit sehr hohem Input eines aufwändig
produzierten und teuren Rohstoffs, der dem System letztlich zur Gänze wieder
verloren geht und dabei unkontrolliert die anderen bzw. natürlichen Ökosysteme
mit reaktivem Nährstoff überschwemmt.
Würde dieser stoffliche Verlust als Kostenstelle aufscheinen, die ökologischen
Kosten sind wahrhaft immens, käme das System sofort zum Erliegen.
Von den 170 Mio t Nr, die jährlich in die Pflanzenproduktionssysteme
einfließen, gelangen nur 21 Mio t in den Bereich des menschlichen Konsums.
Etwa 50 Mio t fließen in den nächsten Anbauzyklus wieder ein. 71%
gehen auf prinzipiell diffuse Weise verloren aufgrund der flächigen Anreicherung
bzw. der Ausbreitungs- und Verteilungstendenz durch Luft und Wasser der N-Dünger.
Dies kann nur durch grundlegende Umorientierung der landwirtschaftlichen Praxis
auf humusanreichernde Methoden verändert werden.
Abbildung 4: Das Agro-Ökosystem
Rückführung nährstoffreicher Ausscheidungen
Wesentlich ist dabei, dass der Stickstoff, der den tierischen und menschlichen
Stoffwechsel verlässt, großteils eine punktförmige Quelle darstellt,
d.h. grundsätzlich technisch erfassbar bzw. leicht sammelbar ist. Jede
Verdünnung mit Wasser bedeutet in dieser Hinsicht Energieverlust und eine
grobe Vergeudung der Ressource Wasser.
Global entstehen pro Jahr ~75 Mio t N aus tierischen und ~23 Mio t N aus menschlichen
Exkrementen [Smil 2002]. Das sind ungefähr 80% des für
Nahrungsproduktion künstlich hergestellten Nr, ein Teil davon
wird wiederverwendet, ein Teil ist schwer zu sammeln.
Menschliche N-haltigen Ausscheidungen sind im Prinzip sammelbar. Als Alternative
zum zentralistischen Abwassersystem sind dezentrale Recyclingsysteme denkbar,
sinnvoll und schon vielfach bewährt.
Insgesamt könnten von heute rund 100 Mio t N aus tierischen und menschlichen
Ausscheidungen etwa 20 Mio t N leicht gesammelt und wiederverwendet werden [Galloway
2003]. Dieser Anteil könnte erheblich vergrößert werden,
wenn die Praxis der Verdünnung mit Wasser nicht an erster Stelle der Behandlung
stünde. In dem hohen Verdünnungsgrad der zusammengeleiteten kommunalen
Abwässer liegt die Hauptschwierigkeit der ökonomischen Rückgewinnung
von Nährstoffen:
80% der Stickstoff-Zulauffracht von Kläranlagen sind in weniger als 1%
des gesamten Abwasservolumens enthalten, nämlich im Anteil der menschlichen
Exkremente, v.a. im Urin [Herrmann und Hesse, 2002].
Die Eliminierung des Stickstoffs aus Abwasser durch Denitrifikation, also die
bakterielle Rückverwandlung in non-reaktiven Luftstickstoff, ist das Endziel
der Klärung des Abwassers. Abgesehen davon, dass das in diesem Zusammenhang
verwendete Wort 'Abwasser' bereits die Entwertung der stickstoffreichen
Ausscheidungen des menschlichen Stoffwechsels und die Unbrauchbarmachung großer
Mengen Wasser beinhaltet, ist der Wirkungsgrad der Elimination, nach dem die
Effizienz moderner Kläranlagen beurteilt wird, aus Sicht nachhaltiger Bewirtschaftung
von Ressourcen besser als Wirkungsgrad der Nährstoffvernichtung zu bezeichnen.
Jede im Kreislauf des jeweiligen Systems rückgeführte Tonne Stickstoff
erspart die Zufuhr bzw. Neuproduktion und bedeutet Entlastung des Gesamtsystems
nicht zuletzt in klimatischer Hinsicht. Die Schließung der N-Kreisläufe
auf lokaler Ebene bzw innerhalb des jeweiligen Systems ist die Strategie, die
uns die natürlichen Systeme zeigen. Wie auch in der Krise des ökonomischen
Systems ist eine neue Bereitschaft zur Hinwendung nötig zu den realen Bedingungen
unseres Stoffwechsels: Sowohl zu den stofflichen Quellen unserer Existenz als
auch zu den Ausscheidungen, die wir scheinbar hinter uns lassen, meist mit Wasser
wegschwemmen. Dieser unser Umgang mit dem Wasser setzt nicht nur ein falsches
Beispiel für andere Länder, die zunehmend an (Trink-)Wassermangel
leiden: Hinter uns trägt das Abwasser zur Nährstoffübersättigung
und zu den wachsenden 'erstickten' Zonen bei; die N-Elimination, soweit sie
angewandt wird, setzt Treibhausgase frei; als Nährstoffvernichtung müssten
ihr Kosten und ökologische, auch klimarelevante Folgeschäden der entsprechenden
Düngerproduktion angerechnet werden.
Sowohl die Transformation der Landwirtschaft als auch die des Umgangs mit unseren
Ausscheidungen bedeuten tiefgreifende Veränderungen mit sozialen Implikationen,
die über technische Lösungen weit hinausgehen.
Weitere Informationen
Der Artikel ist eine Zusammenfassung einer ausführlicheren, für die
AEE INTEC erstellten Zusammenfassung zur Stickstoffproblematik (Sieveking, J.,
Regelsberger B., Regelsberger M., Stickstoff im Exzess, AEE INTEC, Gleisdorf
2008). Bei Interesse kontaktieren Sie bitte das Büro der AEE INTEC in Gleisdorf
(office@aee.at).
Literatur
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*) Dipl. Biol. Johann Sieveking ist Bodenkundler, arbeitete im regionalen Naturschutz im Südburgenland. [^]