Solarthermie
Abbildung
1: (Quellen: links oben: Aventa AS; rechts oben:
Ivan Jerman, National Institute of Chemistry, Slovenia; links unten: Stefan
Brunold, SPF; rechts unten: Söhner Kunststofftechnik GmbH)
Die allseits propagierten CO2-Einsparungsziele sind ohne eine gewaltige Steigerung der Verwendung der Solarthermie nicht zu schaffen. Dazu werden zuverlässige, leistungsfähige und kostengünstige Anlagenkomponenten in enormer Stückzahl gebraucht. Da Massenproduktion eine Domäne der Kunststofftechnik ist, ergeben sich speziell in diesem Bereich neue Möglichkeiten für das Kollektor- und Speicherdesign. Damit beschäftigt sich seit drei Jahren die Task 39 des Solar Heating and Cooling Programme der Internationalen Energieagentur.
Kunststoffe unter der Sonne
Von Michaela Meir, Stefan Brunold, Stephan Fischer, Susanne Kahlen, Michael Köhl, Fabian Ochs, Markus Peter, Katharina Resch, Gernot Wallner, Karl-Anders Weiß und Claudius Wilhelms *
Bislang bestehen thermische Sonnenkollektoren hauptsächlich aus Glas und Metallen, wobei besonders bei Metallen bis 2008 ein extremer Preisanstieg zu beobachten war. Diese nicht einfach zu ersetzen, sondern ein grundsätzlich neues Design auf der Basis von Polymermaterialien zu entwickeln, erfordert die Auswahl geeigneter Materialien und Designs, die den Anforderungen für Betrieb und Gebrauchsdauer genügen. Neue Materialien müssen nicht nur kostengünstig, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit auch umweltfreundlich und langlebig sein. Bei Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung sowie unverglasten Kollektoren zur Schwimmbaderwärmung bietet sich der Einsatz von Kunststoffen im Besonderen an. Kunststoffkollektoren versprechen konstruktive Gestaltungsfreiheit und ermöglichen eine nennenswerte Kostensenkung.
Überhitzungsschutz
Voraussetzung für den Einsatz kostengünstiger Kunststoffe ist die
sichere Beherrschung der am Kollektor auftretenden thermischen und mechanischen
Belastungen. So müssen beispielsweise unzulässig hohe Temperaturen
verhindert werden. Hierfür arbeiten die Experten der Task 39 parallel an
zwei Konzepten: Verglaste Absorber aus Massenkunststoffen mit Überhitzungsschutz
und verglaste Absorber aus Hochleistungspolymeren.
Bei Kollektoren aus kostengünstigen Massenkunststoffen ist ein materialgerechtes
Design vorzusehen, welches insbesondere Einrichtungen zur Begrenzung der maximalen
Kollektortemperaturen beinhaltet. Das große Potenzial von thermotropen
Schichten als Überhitzungsschutz wurde in einem Projekt am Polymer Competence
Center Leoben (PCCL) in Zusammenarbeit mit der AEE INTEC und der Montanuniversität
Leoben nachgewiesen. Entsprechend einem über Modellrechnungen erarbeiteten
Anforderungsprofil wurden thermotrope Schichten im Labormaßstab hergestellt
(Illustration in Abbildung 2) und deren Wirksamkeit zur Begrenzung
der Stagnationstemperaturen belegt [Wallner et al., 2008; Resch et al.,
2009]. Derzeit werden diese Schichten von den Partnern für die
Anwendung in thermischen Sonnenkollektoren weiterentwickelt, optimiert und großflächig
hergestellt.
Abbildung 2: Thermotrope Schicht im ungeschalteten (links) und geschalteten Zustand (rechts) (Quelle: PCCL)
Hochleistungspolymere
Beim Einsatz von teueren Hochleistungspolymeren und geeignetem Design ist kein
Überhitzungsschutz für verglaste Kunststoffkollektoren nötig.
In einer Kooperation zwischen Chevron Philipps Chemicals und der norwegischen
Firma Aventa wurde weltweit erstmalig die Extrusion von Polyphenylensulfid (PPS)
zu Doppelstegplatten (Absorber) durch Kaysersberg Plastics demonstriert. Beim
Absorber wurde Wert auf ein integriertes und materialsparendes Design gelegt.
Dies verringert die Produktionszeit und führt zusammen mit der Montagefreundlichkeit
des Kollektors zu signifikanten Kosteneinsparungen. Die ersten Demonstrationsanlagen
wurden im Herbst 2009 in Norwegen installiert.
Verschiedenfarbige Oberflächen erhöhen die architektonische Gestaltungsfreiheit
und die Attraktivität für Kunden. An der Entwicklung von langzeitstabilen,
selektiven Beschichtungen für Kunststoffabsorber sowie selbstreinigenden
Beschichtungen für unverglaste Absorber und abdeckungen forscht das National
Institute of Chemistry in Ljubljana in Kooperation mit den Industriepartnern
Color (Slowenien) und Aventa im Rahmen eines MATERA Projekts.
Kollektorgehäuse
Um die Temperaturbelastung der Komponenten eines Flachkollektors zu untersuchen, hat die Firma Söhner Kunststofftechnik GmbH zwei Kollektor-Prototypen aus ABS entwickelt und detailliert vermessen. Baugleiche Kollektoren wurden mit einem selektiv beschichteten Absorber bzw. einem schwarzen Absorber aus modifiziertem HDPE bestückt und mit entspiegeltem Solarglas abgedeckt. Die gemäß EN 12975 berechneten Stillstandtemperaturen bei 1000 W/m² Einstrahlung und 30 °C Umgebungstemperatur betragen ca. 175 °C für den selektiv beschichteten Absorber und etwa 135 °C für den HDPE Absorber. Die Temperaturen der Abdeckscheibe oberhalb des selektiven Absorbers sind nur ca. 10 K höher über dem Absorber aus HDPE. Zum Schutz eines Kunststoffgehäuses ist generell eine ausreichende Wärmedämmung der Rückwand und der Seiten erforderlich.
Wärmespeicher
Bei der Vermarktung von größeren solarthermischen Kombianlagen (>20
m²) sind derzeit verfügbaren Speichertechnologien Grenzen gesetzt.
Im Rahmen eines BMU geförderten Forschungsvorhabens wurde ein neuartiger
Pufferspeicher aus PP-H entwickelt, der durch einfache Einbaumöglichkeiten
und niedrige Herstellungskosten die Marktentwicklung großer thermischer
Solaranlagen deutlich verbessern kann. Seit 2009 wird dieses Konzept durch die
Firma FSAVE Solartechnik GmbH vermarktet [Wilhelms, 2009].
Kunststoffe finden auch Anwendungen in saisonalen Wärmespeichern. In der
Task 39 wurden Material-, Verarbeitungs- und Alterungsstudien für Kunststoff-Abdichtungsbahnen
für saisonale Wärmespeicher durchgeführt [Task 39, 2009].
Durch die derzeit noch zu geringe Wasserdampfbarrierewirkung und der fehlenden
Alterungsbeständigkeit von flexiblen polymeren Abdichtungsbahnen ist deren
Einsatz noch begrenzt. Im Forschungsprojekt zur solaren Nahwärme mit saisonaler
Wärmespeicherung in Eggenstein-Leopoldshafen (D) wurde ein 4500 m³
Kies-Wasser-Wärmespeicher mit HDPE-Al-Barriere-Dichtungsbahn realisiert.
Im Rahmen einer österreichischen Beteiligung werden für beide Wärmespeichertypen
PP-basierte Kunststoffcompounds durch gezielte Optimierung des Additivsystems
weiterentwickelt, um Dauergebrauchstemperaturen von 95 °C zu ermöglichen.
Alterungsbeständigkeit
Die Alterungsbeständigkeit von Kunststoffen ist für die Verwendung
in solarthermischen Anlagen von besonderer Bedeutung. Am Fraunhofer Institut
für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg werden Bewitterungsprüfungen
und beschleunigte Alterungstests an ausgewählten Polymermaterialien (PP,
PA, PC) durchgeführt, die zur Verbesserung der Eigenschaften mit verschiedenen
Stabilisierungssystemen und Füllmaterialien beitragen [Weiß
et al., 2009]. Es wurden ebenfalls Proben mit optisch selektiver Beschichtung
untersucht. Zur Charakterisierung der Materialien vor und nach den Tests werden
oberflächensensitive Analyseverfahren wie Fourier-Transformations-IR-Spektroskopie
und Raman-Mikroskopie eingesetzt. Es zeigt sich, dass die Lagerung in feucht-warmem
Klima stärkere Schäden hervorruft als eine trockene UV-Bestrahlung
wobei die Beschichtungen und Stabilisierungssysteme die Haltbarkeit sehr positiv
beeinflussen.
Am PCCL wurde eine systematische Studie zum Alterungsverhalten von ausgewählten
Kunststofftypen für Absorberanwendungen mit polymerwissenschaftlichen Methoden
durchgeführt [Kahlen, 2009]. Basierend auf experimentellen
Ergebnissen, Datenanalysen und Lebensdauermodellierungen wurde die Anwendbarkeit
von Polypropylen- und Polyamid-Compounds für schwarze Absorber in verglasten
Kollektoren nachgewiesen. Die Firmenpartner Borealis GmbH und EMS Chemie AG
arbeiten an der weiteren Optimierung der Compounds und an deren Umsetzung in
unterschiedlichen Vollkunststoff-Modellkollektoren.
Die Dauerhaftigkeit von transparenten Kollektorabdeckungen wurde am Institut
für Solartechnik SPF der Hochschule in Rapperswil in einer langjährigen
Freibewitterungsuntersuchung getestet. Für diese Studie wurden 58 Abdeckungstypen,
darunter 42 verschiedene Kunststoffe (PC, PMMA, PVF, FEP, ETFE, PET, PVC) auswählt
und über 20 Jahre an zwei Standorten in der Schweiz im Freien exponiert.
Alle getesteten Proben aus PMMA weisen eine hervorragende Witterungsbeständigkeit
auf, und auch die Folien aus PVF und FEP zeigen keine Degradationserscheinungen.
Entgegen aller Erwartungen verschmutzten jedoch fluorierte Kunststoffe stärker
als andere Materialien. Die vollständige Studie ist online zugänglich
[Ruesch, 2008].
Simulationsrechnungen des Fraunhofer ISE auf der Basis von Finiten Elementen
(FEM) erlaubten den Vergleich verschiedener Kollektordesigns und –geometrien
bei typischen Belastungsszenarien in Abhängigkeit von gegebenen Materialeigenschaften.
Hierbei liegt der Schwerpunkt auf mechanischen und thermomechanischen Spannungen
im Kollektor durch Temperaturgradienten oder externe Lasten (Abbildung
3). Somit können in einem frühen Planungsstadium Ansätze
verglichen und optimiert werden, und unter Verwendung der Alterungsprüfungen
mögliche Materialien und Designparameter wie z.B. Wandstärken identifiziert
werden [Jack et al., 2008].
Abbildung 3: Die FEM-Simulationen zeigen Querschnitte durch Absorberkanäle mit Dreifachstegplatte als Basisgeometrie. Das Wärmeträgermedium fließt hierbei im mittleren Kanal welcher oben die Absorberschicht trägt. Die Verformung ist überhöht dargestellt, zeigt jedoch die Auswirkungen des größeren Temperaturausdehnungskoeffizienten von PP (rechts) gegenüber PMMA (links). Die Spannungen sind farblich dargestellt. (Quelle: [Jack et al. , 2009])
Öffentlichkeits- und Normungsarbeit in der Task 39
Die existierende Europäische Norm EN 12975 trägt gegenwärtig
nicht den Besonderheiten von Kunststoffkollektoren bzw. -komponenten in thermischen
Solaranlagen Rechnung. Eine Arbeitsgruppe der Task 39 befasst sich mit einem
Vorschlag für die Revision des existierenden Standards EN 12975, um sie
für die Prüfung von Polymerkollektoren zu modifizieren.
Eine weitere Arbeitsgruppe in Task 39 erstellt eine Datenbank zur Dokumentation
von architektonisch gelungenen, thermischen Solaranlagen [Task 39, 2009].
Mehr Information über Kunststoffe in der Solarthermie und die Task 39 gibt
es auf der Webseite, den dort zitierten Quellen und in den halbjährlichen
Newslettern [Task 39, 2009]. Für die EUROSUN in Graz im
Oktober 2010 ist ein öffentlicher Workshop geplant. Außerdem ist
zum Ende des Jahres 2010 die Publikation des Task 39 Handbuchs zum Thema Kunststoffe
in der Solarthermie beabsichtigt.
Literatur
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*) Die Autoren sind Experten in IEA-SHC Task 39, deren Kontaktadressen unter http://www.iea-shc.org/about/members/task.aspx?Task=39 aufgeführt sind. Kontaktperson für Task 39 ist Operating Agent Michael Köhl vom Fraunhofer ISE in Freiburg, Email: michael.koehl@ise.fraunhofer.de [^]