Wassermanagement
Abbildung
1: Pflanzenkläranlage und gereinigtes
Grauwasser
In Marokko gibt es landesweit etwa 5000 öffentliche Dampfbäder oder Hammams. Sie werden von örtlichen Besitzern privat betrieben und von der lokalen Bevölkerung aller Schichten zur Reinigung, Entspannung und als Ort der Begegnung genutzt. Das Hammam hat in Marokko noch eine wichtige soziale Rolle und konnte von Bädern in Wohnungen und Wohnhäusern noch nicht verdrängt werden.
Ökologisches Dampfbad in Marokko
Die Bäder und das dort verwendete Warmwasser werden meist mit mehr oder
weniger ineffizienten Holzkesseln geheizt. Allein für die Bäder der
Stadt Casablanca werden 2500 Tonnen Holz pro Tag benötigt. Das schwach
belastete Badewasser wird über Ortskanalisationen, mit dem restlichen Abwasser
vermischt, meist ungereinigt an die Umwelt abgegeben.
Das Hammam Attaisir ist ein typischer Vertreter dieser Einrichtungen. Es ist
eines von fünf Bädern in der ländlichen Kleinstadt El Attaouia.
Die Stadt hat derzeit etwa 10.000 Einwohner und wächst mit um die 10% pro
Jahr sehr rasch. Sie liegt in einer fruchtbaren Ebene, am Fuß des hohen
Atlas, 80 km nordöstlich von Marrakech.
Das Hammam wird im Schnitt von etwa 400 Besuchern pro Tag genutzt. Vor Festtagen
oder zu besonderen Anlässen, wie Hochzeiten, kann die Zahl auch auf 700
Personen ansteigen. Das Hammam hat einen Wasserverbrauch von etwa 60 m³
pro Tag, der über einen eigenen Brunnen aus dem Grundwasser, das auch die
Ortswasserleitung versorgt, abgedeckt wird. 25 m³ davon wurden ursprünglich
in einem sogenannten „verbesserten Holzkessel“ auf etwa 60 °C
erwärmt. Der Holzkessel wird mit ungespaltenem Rundholz von 5 bis 20 cm
Stärke und einer Länge bis zu einem Meter befeuert. Pro Jahr verbraucht
das Hammam 400 Tonnen Holz. Die Abgase des Holzkessels erwärmen über
einen Zwischenboden auch die warmen Räume des Bades.
Im von der AEE INTEC koordinierten Projekt Zer0-M (www.zer0-M.org) konnte ein
Konzept entwickelt und an einem solchen Bad umgesetzt werden. Das Badewasser,
ohne Toilettenabwässer, wird dabei getrennt gesammelt. Dieses sogenannte
Grauwasser wird in einer Pflanzenkläranlage gereinigt und für die
Bewässerung der Grünflächen des Ortes verwendet. Es wurde eine
Pflanzenkläranlage gewählt, weil dieses System sehr robust in seiner
Reinigungsleistung und sehr wartungsarm ist, und weil abgesehen von den Pumpen
für den Transport des Grauwassers und der Verteilung des gereinigten Ablaufes
keine Energie benötigt wird.
Die Pflanzenkläranlage ist eine zweistufige Anlage mit einer ersten, horizontal
durchflossenen Bodenfilterstufe und einer zweiten Stufe, in der ein Sandfilter
vertikal durchflossen wird. Die erste Stufe ist mit Schilf bepflanzt, die zweite
mit Rosensträuchern. Die Anlage ist in zwei parallele Reinigungsstraßen
geteilt, um bei eventuellen Wartungsarbeiten das Grauwasser über eine Straße
leiten zu können. Insgesamt hat die Anlage eine Fläche von 160 m²,
die sich zu gleichen Teilen auf die beiden Stufen aufteilt. Pro Tag fallen im
Schnitt rund 50 m³ Grauwasser an. Somit wird die Anlage mit 310 mm Grauwasser
pro Tag beaufschlagt.
In Österreich wäre das sehr viel, hier sind bei Gesamtabwasser etwa
30 mm üblich, bei Grauwasser gibt es keine Erfahrungswerte. Im warmen Klima
von Marokko sind die gut 300 mm pro Tag aber gut verträglich. Die Reinigungsleistung
der Anlage ist ausgezeichnet, (siehe Abbildung) der Ablauf ist vollkommen klar,
farb- und geruchlos. Bei dem geringen Flächenbedarf lassen sich entsprechende
Reinigungsanlagen fast überall unterbringen.
Das vorgeschlagene System wurde im Rahmen des Projektes Zer0-M entwickelt und
zuerst in einer Versuchsanlage beim Projektpartner, der Universität für
Landwirtschaft und Veterinärmedizin in Rabat erprobt und optimiert. Die
Ergebnisse der Anlage in Rabat, die 10 m³ Grauwasser pro Tag eines Sportklubs
reinigt, waren sehr zufriedenstellend (El Hamouri 2008).
Das gereinigte Grauwasser wird zwischengespeichert und in einem von der Gemeinde
eigens errichteten Verteilnetz in die Grünanlagen der Stadt geleitet, wo
es zur Bewässerung verwendet wird. Die Gemeinde konnte, seit sie nicht
mehr mit kostbarem Trinkwasser bewässert, die Fläche der Grünanlagen
stark erhöhen und somit die Lebensqualität der Bewohner verbessern.
Neben dem Wassersystem sollte auch das Energiesystem verbessert werden. Auf
den Holzkessel konnte auf keinen Fall, auch nicht vorrübergehend, komplett
verzichtet werden, weil er zur Raumheizung benötigt wird. Ohne gröbere
Umbauten an dem Bad konnte diese Heizung nicht geändert werden. So wurde
beschlossen, den Kessel weiterzubetreiben, aber einen nennenswerten Teil des
Holzbedarfs für die Erzeugung von Warmwasser durch Solarenergie zu ersetzen.
Abbildung 2: Kosten-Nutzen-Rechnung des Badumbaus
Modellrechnungen ergaben, dass mit knapp 400 m² Sonnenkollektorfläche
und einem Warmwasserspeicher von 25 m³ 50% des Energiebedarfs abgedeckt
werden konnten. Auf der Dachterrasse des Hammams wurden in 3 Feldern 375 m²
Kollektoren aufgeständert. Damit werden 200 Tonnen Holz pro Jahr gespart.
Nutzen
In der Pilotanlage von Zer0-M konnte gezeigt werden, dass sich die vorgeschlagenen
Maßnahmen für den Badbetreiber wirtschaftlich rechnet. Die Investitionskosten
für das Grauwassersystem betrugen 97.500 Euro, jene für die solare
Warmwasserheizung 127.000 Euro. an Betriebskosten für Personal und Energie
(Pumpen) sind 14.000 Euro zu erwarten. Der Nutzen an neuem Wasser, an weniger
Abwasser und geringerem Holzverbrauch beträgt pro Jahr 42.500 Euro. Der
Umbau ist schon nach zehn Jahren wirtschaftlich (siehe Abbildung 2).
Weitergehende Maßnahmen oder ihre Integration beim Neubau könnten
die Wirtschaftlichkeit erhöhen. Dies ist aber nur eine Bewertung der direkt
monetär entstehenden Vorteile.
Abbildung 3: Solaranlage zur Wassererwärmung, 375 m² in 3 Kollektorfeldern
Entweder für den Badbetreiber oder für die Gemeinde entsteht durch
die Reinigung des Grauwassers „neues“ Wasser. Dieses kann als Betriebs-
oder Bewässerungswasser, zum Beispiel für städtische Grünanlagen,
verwendet werden. Gerade in Nordafrika ist der Druck auf die Ressource Wasser
besonders hoch und deren effiziente Nutzung daher wichtig.
Durch die Substitution von Biomasse durch Sonnenenergie bei der Wassererwärmung
wird Holz gespart. Marokko verliert schätzungsweise 20.000 ha Wald pro
Jahr durch Übernutzung. Ein Bad braucht im Schnitt etwa 1 Tonne Holz pro
Tag oder 350 Tonnen pro Jahr. Dieser Verbrauch kann bei bestehenden Bädern
leicht auf die Hälfte gesenkt werden, bei Neubauten auf nahezu Null. Bei
derzeit 5000 Bädern im Land hätte dies eine äußerst positive
Wirkung auf die Waldbestände. Der Gesamtbedarf entspricht dem Holzzuwachs
von ca. 600.000 ha Wald. Diese Fläche könnte auf 300.000 ha oder weniger
gesenkt werden.
Die Bekämpfung des Waldverlustes ist einerseits für den Erhalt des
Bodenspeichers und der Infiltrationsflächen für Regenwasser wichtig.
Anderseits ist Wald auch entscheidend, um die Bodenerosion aus den Einzugsgebieten
der großen Speicher und damit deren vorzeitige Verlandung einzudämmen.
Dazu kamen in den letzten Jahrzehnten zunehmend verheerende Sturzfluten und
Murenabgänge, die ebenfalls auf die Entwaldung zurückzuführen
sind. Die breite Nutzung der Solarenergie wirkt sich also auch entscheidend
auf den Wasserhaushalt des Landes aus und reduziert lokal Schäden durch
Naturkatastrophen.
Daneben hat die Erhaltung der Wälder im mittleren und hohen Atlas natürlich
auch einen rein ökologischen Wert. Unter anderem sind die Wälder Rückzugsgebiet
für den bedrohten Berberaffen, von dem es in Marokko noch etwa 17.000 von
insgesamt 23.000 Tieren gibt.
Das in El Attaouia angewandte System könnte somit, bei breiter Anwendung,
einen substantiellen Beitrag zur Lösung ökologischer Probleme in Marokko,
aber auch in den anderen Ländern des Maghreb und des Nahen Ostens, leisten.
Es würden der marokkanische Waldbestand und die zunehmend knapper werdenden
Wasserressourcen geschont. Auch ökonomisch hat sich das System als interessant
erwiesen.
Deshalb wird derzeit mit der Afrikanischen Entwicklungsbank an einem Konzept
gearbeitet, wie das positive Beispiel des Pilotprojekts rasch zu einer breiten
Anwendung gebracht werden könnte. Das Konzept der Wiederverwendung von
Wasser und des Einsatzes von erneuerbaren Energien, vor allem Solarenergie,
sollen dabei soweit standardisiert werden, dass es breit angewandt werden kann.
Damit sollen erhebliche Mengen Wasser und Brennholz eingespart werden. Es soll
in Marokko die Kompetenz für die Errichtung und den Betrieb der Systeme
entwickelt werden. Auch auf die Übertragbarkeit des Konzepts auf andere
Länder und andere Sektoren, zum Beispiel die Gastronomie, wird geachtet
werden.
Die Errichtung einer großen Anzahl solarer Großanlagen könnte
auch der österreichischen Kollektorindustrie einen neuen Exportmarkt eröffnen.
Der Umbau des Hammams war eine gelungene Kooperation zwischen den Abteilungen
für Solartechnik und Wasser und Abwasser der AEE INTEC.
Referenzen
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*) Dipl. Ing. Martin Regelsberger (m.regelsberger@aee.at) ist Leiter der Abteilung für Wasser- und Abwassermanagement bei der AEE INTEC in Gleisdorf, www.aee-intec.at, www.zer0-m.org [^]