Energie in Gemeinden
Nachhaltige Gebäude
Abbildung
1: Windrad
zur Stromgewinnung für die Versorgung der Regenwasser-Umwälzpumpe
für Biotop und freie Wasserfläche (Foto:
König)
Die Nonnen von San Francesca am Rande von Tokio betreuen schon seit 75 Jahren elternlose Kinder an verschiedenen japanischen Orten. Das neue Mädchenwohnheim für junge Erwachsene ist als Ergänzung von San Francesca Tokio im Dezember 2008 fertig geworden und hat die ersten fünf volljährigen Mädchen aufgenommen. Bei neuen Gebäuden des Ordens werden Windkraft, Solar- und Regenwassertechnik integriert.
Mädchenwohnheim San Francesca in Tokio/Japan
Konstruktion und Haustechnik
Die soziale Mission der Nonnen von San Francesca hat auch eine ökologische
und eine baubiologische Komponente. Ressourcen der Natur sollen geschont werden
durch den Einsatz energiesparender und CO2-neutraler Haustechnik.
Zum Heizen im milden Winter Tokios genügen Solarthermie-Röhrenkollektoren,
an kalten Tagen wird ein Zimmerofen mit Holzfeuerung im Aufenthaltsraum zusätzlich
in Betrieb genommen. Regenwasser wird zu 100 % auf dem Grundstück zurück
gehalten, teilweise durch Dachbegrünung und Biotop verdunstet, teilweise
zur Grundwasseranreicherung versickert. Ein Regenspeicher gewährleistet
die Wasserversorgung im Notfall. Aus dem Überlauf des Regenspeichers werden
Biotop und Sickerschacht gespeist. Die dazu nötige Pumpe bezieht ihren
Strom aus Fotovoltaik und Windkraftanlage.
Bei der Auswahl der Baumaterialien war neben dem sorgsamen Umgang mit der Natur
auch das gesundheitliche Wohlergehen der Bewohnerinnen ein Motiv, die so genannte
Baubiologie.
Für eine so spezielle Aufgabenkombination gibt es in Japan bisher nur wenige
Architekten. Hiroshi Kamiya ist einer von ihnen. Der 60-jährige, seit 1990
mit seinem Büro Suikei-Design selbstständig, leitet im Land der aufgehenden
Sonne mehrere interdisziplinäre Fachgruppen zum ökologischen Bauen
und zum Grundwasserschutz. Zusätzlich unterrichtet er an der Hosei-Universität
in Tokio. Kamiya, auch Planer für einen Teil der Weltausstellung 2005 in
Aichi/Japan, war zum Informationsaustausch bereits mehrmals in Deutschland.
Er ist Mitglied der Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung fbr in
Darmstadt. „In Japan gewinnt Wasser-Recycling zunehmend an Bedeutung“,
meinte Kamiya im Gespräch mit Dietmar Sperfeld, Fachreferent der fbr. „Doch
Deutschland ist in dieser Technologie weltweit führend, insbesondere bei
der Filtertechnik.“
Filter made in Germany
Regenwassernutzung war eine der Wasser-Sparmaßnahmen, die in Hessen
von 1992 bis 1997 durch die Landesregierung gefördert wurden. In dieser
Zeit erlebte Wisy den Aufschwung mit der Neuentwicklung seiner Regenwasserfilter.
Seit 1998 ist die Firma in Japan bekannt und ist dort zum Inbegriff für
deutsche Regenwassertechnik geworden. Die patentierten Filtersammler und Wirbelfeinfilter
waren de Attraktion bei der internationalen Messe im August 1998 in Sumida City,
einem Stadtteil Tokios. Viel Aufmerksamkeit schenkten die japanischen Ingenieure
diesen Produkten, weil sie mehr als 90 % Wasserertrag „ernten“ bei
gleichzeitig freiem Querschnitt zur Ableitung von Schmutz- und Restwasser.
Architekt Kamiya war einer der ersten, der diese sich selbst reinigenden Filter
in japanischen Projekten eingesetzt hat. Im Jahr 2001 präsentierte er auf
Einladung von Wisy bei den internationalen Regenwassertagen in Mannheim Ergebnisse
und neue Ideen seines Architekturbüros. Der Gründer von Wisy, Norbert
Winkler, ist am Austausch mit solchen Pionieren in Fernost interessiert. „Die
Stückzahlen im Japangeschäft sind inzwischen stabil. Auch das Regenwasser-Museum
in Sumida zeigt unsere Produkte.“
Das weltweit erste Regenwassermuseum wurde im Jahr 2001 von Dr. Makoto Murase
eingerichtet. Als Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitsdienst und Umweltbeauftragter
bekam er von seiner Stadtverwaltung, eine leer stehende Grundschule zur Verfügung
gestellt. Ab 2011 wird das Regenwassermuseum umziehen in ein neues Gebäude
am Fuße des Fernsehturmes Tokio Sky Tree, dem dann mit 610 Metern höchsten
Turm der Welt. Dieser soll nach seiner Fertigstellung in 2 Jahren das digitale
Sendezeitalter in Japan eröffnen und ein Wahrzeichen für erdbebensicheres
Bauen sein. Die Konstruktion aus Stahl wurde im Juli 2008 begonnen, der Turmschaft
ragt bereits deutlich über die umliegenden Geschäftshäuser im
Stadtteil Asakusa hinaus.
Nachwachsende Rohstoffe
Architekt Kamiya und die Bauherrschaft des Mädchenwohnheims San Francesca
gingen einen Schritt weiter, als nur das ökologisch beste Material zu bestellen.
Sie hatten den Ehrgeiz, den Kindern des Heimes den Zusammenhang von Natur und
Stadt, die Bedeutung regionaler Kreislaufwirtschaft und den Wert des Waldes
für den natürlichen Wasserhaushalt zu vermitteln. Aus seiner Arbeitsgruppe
für Grundwasserschutz im Raum Tokio kennt Kamiya die Tama-Region als Trinkwassereinzugsgebiet
der Metropole, speziell das Dorf Kosuge. „Eine gute Bewirtschaftung des
Waldes sichert langfristig die Trinkwasservorräte Tokios“, weiß
Kamiya. „Die Waldbesitzer-Genossenschaft leistet in diesem Sinne hervorragende
Arbeit. Deshalb unterstützen wir sie durch Bestellen unseres Bauholzes
direkt dort.“ Er war mit einer Auswahl der 50 hier wohnenden Kinder auf
Exkursion in Kosuge. Gemeinsam wurden die zu fällenden Bäume im Wald
bestimmt.
Einen weiteren Aspekt des natürlichen Wasserkreislaufes erleben die Kinder
von San Francesca im Garten, wo ein Windrad den Gleichstrommotor der Umwälzpumpe
antreibt, mit der gesammeltes Regenwasser aus der unterirdischen Zisterne in
das Biotop gefördert wird, - und in einen oberirdisch stehenden kleinen
Regenspeicher. Der ist zur Bewässerung durch Kinder gedacht, daher leicht
erreichbar aufgestellt. An ihm können sich Kinder bedienen, um mit kleinen
Gießkannen eigenverantwortlich Pflanzen zu bewässern. An einem seitlich
angebrachten Pegelrohr kann der Wasserstand im Speicher optisch einfach kontrolliert
werden. Der Niederschlag vom Dach füllt den Regenspeicher immer wieder
auf, Überläufe werden auf dem Gelände zur Grundwasseranreicherung
versickert.
Regenwassertechnik
Für die Wasserqualität und den störungsfreien Betrieb ist das
entscheidende Bauteil einer Regenwassernutzungsanlage der Filter. Zum Speicher,
unterhalb der Bodenplatte in Ortbeton gegossen, führen 2 Fallrohre mit
jeweils einem Filter - made in Germany. Ohne den Leitungsquerschnitt zu verengen,
sitzt die Filterhülse als zylindrisches perforiertes Bauteil mit 0,28 mm
Filterfeinheit in der Wandung des Zulaufrohres. Dies ermöglicht den so
genannten Schmutzverwurf (Filtertyp C gemäß DIN 1989-2: 2004-08).
Gefilterte Partikel werden in die Abwasserleitung abgespült, ohne den Filter
zu verstopfen oder entsorgt werden zu müssen. Daraus resultiert ein hoher
Wirkungsgrad und eine lange Standzeit, d. h. hohe Wasserausbeute, gute Reinigungsleistung,
lange Reinigungsintervalle. Laut DIN 1989-1 muss ein solcher Filter nur noch
ein Mal pro Jahr gereinigt werden.
Architekt Hiroshi Kamiya hat seit vielen Jahren gute Erfahrung mit Wisy-Filtern
bei seinen Projekten in Japan gemacht. Ihn fasziniert die Tatsache, dass die
physikalische Wirkungsweise der Wisy-Filter auch den so genannten First Flush
abtrennt. Bis das gesamte Filtergewebe benetzt ist, fließen die ersten
Liter des Dachablaufes in die Versickerung. Damit gelangen die Ablagerungen
vom Dach und die im Niederschlag gelösten Bestandteile der Luftverschmutzung
zum großen Teil nicht in den Speicher. Natürlich werden sich über
die Jahre durch feinste Schwebstoffe Sedimente am Speicherboden ablagern. Doch
diese Sedimentation als 2. Reinigungsstufe ist gewollt. Um diesen selbsttätig
ablaufenden Prozess der Sedimentation zu begünstigen, ist der Speicher
mit Schwellen in 4 Kammern geteilt. Der Regenwasserzulauf erfolgt in die 1.
Kammer, die Entnahme mit einem schwimmenden Ansaugfilter von Wisy ist in der
4. Kammer installiert. Durch diese Sorgfalt und durch den konsequenten Schutz
vor Tageslicht ist der gespeicherte Regenwasservorrat unbegrenzt lagerfähig
– eine Voraussetzung für die Verwendbarkeit im Katastrophenfall.
Kamiya schätzt die klaren Vorgaben der DIN 1989 für die Regenwassertechnik
in Deutschland. Sein Ziel ist, in Japan eine Norm für Regenwassernutzung
einzuführen, nach deutschem Vorbild. Er leitet die Fachgruppe Regenwasser
beim Architectural Institute of Japan AIJ in Tokio.
Die Teilnehmer prüfen die Übertragbarkeit der deutschen Norm auf japanische
Verhältnisse. Im Oktober 2009 waren Mitglieder der Initiative zu Besuch
bei der DIN-Verwaltung in Berlin im Rahmen einer Exkursion.
Wie einst Francesca Cabrini, die Ordensgründerin, um die Welt gereist war
in sozialer Mission und von der Notwendigkeit ihres Tuns überzeugt, so
reisen heute Umweltexperten wie Hiroshi Kamiya von einem Kontinent zum anderen
auf der Suche nach Umwelt schonender Haustechnik und schaffen Orte nachhaltigen
Bauens. Das Mädchenwohnheim San Francesca ist ein solcher Ort – sozial
und ökologisch.
Abbildung 2: Außenwaschbecken mit Doppelanschluss Trinkwasser (links) und Regenwasser Foto: König
Abbildung 3: Oberirdischer Regenwassertank, für Kinder zur Bewässerung leicht erreichbar aufgestellt Foto: König
Abbildung 4: Wirkungsweise selbst reinigender Regenwasserfilter Grafik: Wisy
*) Dr. Klaus W. König (mail@klauswkoenig.com) ist Architekt, Sachverständiger für Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Fachjournalist und Vorstandsmitglied der Fachvereinigung für Betriebs- und Regenwassernutzung (fbr), Überlingen [^]