Solarthermie im Megawattsektor
Solarthermie
Abbildung
1: Solarthermische Großanlage
für die Fernwärmeversorgung in Ullstedt/Dänemark
Im Rahmen des EU-Vorhabens "Solar District in Europe" wurden solarthermische Großanlagen in Nah- und Fernwärmesystemen bezüglich ihrer Entstehungsgeschichte und der Erfolgsfaktoren bei Realisierung und Betrieb analysiert. Jan-Olof Dalenbäck von der Chalmers University in Göteborg, SE hat die Ergebnisse in einer aktuellen Publikation "Success Factors in Solar District Heating" veröffentlicht.
Erfolgsfaktoren für solarthermische Großanlagen
Von Jan-Olof Dalenbäck, Heiko Huther *
Solarthermische Großanlagen erlangen in den letzten Jahren immer größere Bedeutung in Europa. Dabei werden diese Anlagen für die Wärmeversorgung von großen Wohngebäuden eingesetzt, aber auch in Kombination mit größeren Nah-/Fernwärmesystemen zur Versorgung gesamter Wohngebiete realisiert. Ziel ist jeweils die Steigerung der Effizienz der Wärmeversorgung sowohl bei der Modernisierung bestehender Gebäude als auch bei der Erschließung neuer Wohngebiete. Daher wird die Umsetzung dieser Technologie beispielsweise durch EU-Richtlinien sowie nationale und regionale Förderprogramme unterstützt. Auch steigende Preise für fossile Energieträger tragen dazu bei, dass solarthermische Großanlagen immer wettbewerbsfähiger werden.
Historische Entwicklung
Nicht in den südeuropäischen Ländern mit hoher solarer Einstrahlung,
sondern vor allem in Schweden entstanden in den 70er Jahren die ersten solarthermischen
Großanlagen, die meist in Kombination mit saisonalen Speichersystemen
zur Wärmeversorgung realisiert wurden. Neben Schweden gehören Dänemark
und die Niederlande zu den Pionieren, Deutschland und Österreich folgten
in den 90er Jahren. Seit Mitte der 90er Jahren wurden mehr als 100 neue Anlagen
mit einer Kollektorfläche von insgesamt mehr als 500 m² in Betrieb
genommen (Tabelle 1).
Aktuell werden große solarthermische Systeme vorwiegend mit Tagesspeicher
zur Wärmeversorgung von großen Wohngebäuden realisiert; aber
auch Anlagen zur Versorgung von Industrie-/Gewerbebetrieben mit Wärme und
zur solaren Kühlung gewinnen insbesondere in Südeuropa immer mehr
an Bedeutung. Lediglich in Dänemark und in Deutschland bleiben solarthermische
Anlagen mit saisonalen Speichern im Fokus der Entwicklung.
Tabelle 1: Solarthermische Großanlagen zur Wärme- und Kälteversorgung in Europa
Land |
Erste
Anlage |
Anlagen
in Betrieb |
Anlagen
stillgelegt |
bodenmontiert |
dachmontiert |
Speichertyp |
Schweden |
1979 |
20 |
10 |
13 |
17 |
xS, DS, SS |
Österreich |
1980 |
16 |
2 |
2 |
16 |
xS, DS |
Niederlande |
1985 |
7 |
1 |
8 |
DS, SS |
|
Andere |
6 |
1 |
7 |
|||
Griechenland |
1986 |
14 |
1 |
13 |
DS |
|
Dänemark |
1988 |
16 |
16 |
xS, DS, SS |
||
Deutschland |
1993 |
18 |
1 |
(2) |
19 |
DS, SS |
Schweiz |
1995 |
7 |
1 |
6 |
DS, SS |
|
Spanien |
1999 |
13 |
1 |
12 |
DS |
|
Frankreich |
1999 |
3 |
3 |
DS |
||
Italien |
2002 |
3 |
3 |
DS |
||
Polen |
2004 |
3 |
3 |
DS |
||
Gesamt |
126 |
15 |
34 |
107 |
xS: Fernwärmesystem als Speicher;
SS: saisonaler Speicher;
DS: Tagesspeicher
Anwendungen und Technologien
Solarthermische Großanlagen werden überwiegend zur Wärmeversorgung
von großen Wohngebäuden und von Nah-/Fernwärmesystemen eingesetzt.
Die typischen Betriebstemperaturen reichen dabei von 30 °C bis zu 100 °C
(Speichersysteme mit Wasser). Dabei kommen zwei verschiedene Montagearten für
die Kollektorsysteme zum Einsatz: dachmontiert und auf Freiland bodenmontiert.
Die meisten Anlagen bestehen aus dachmontierten Kollektorfeldern, rd. 22 Anlagen
in Schweden und Dänemark sind als bodenmontierte Kollektorfelder ausgeführt.
Als Kollektortypen kommen vorwiegend Flachkollektoren zum Einsatz, die druckbeaufschlagt
mit einem Glykol-Wasser-Gemisch als Frostschutzmittel betrieben werden.
Vorwiegender Einsatzbereich ist die Deckung des Wärmebedarfs in den Sommermonaten.
Darüber hinaus sind rd. 20 Anlagen sind mit einem saisonalen Speicher ausgestattet
und können so einen größeren Teil des jährlichen Wärmebedarfs
auch in der Heizperiode decken. Als saisonale Speicher kommen dabei große
wärmegedämmte Erdbeckenspeicher (Wasserspeicher), Aquiferspeicher
oder Erdsondenspeicher zum Einsatz. Rund 10 Anlagen sind so konzipiert, dass
der Kältebedarf im Sommer über eine mit Wärme betrieben Kälteanlage
gedeckt wird.
Solarthermische Großanlagen in der Fernwärme
In Schweden werden große solarthermischen Anlagen von
Fernwärmeunternehmen oder Immobiliengesellschaften betrieben, um bestehende
Gebäudekomplexe oder Wohngebiete mit Wärme zu versorgen. Dabei kommen
beide Montagearten für die Kollektorsystem zu Einsatz. Die älteste
noch in Betrieb befindliche Anlage stammt aus dem Jahr 1985.
Die größte Anlage wird von dem schwedischen Energieversorger Kungälv
Energi AB als Ergänzung für eine bestehende Holzhackschnitzelanlage
betrieben (Abbildung 2). Vom gesamten Wärmebedarf in Höhe
von rd. 100 GWh/a trägt die solarthermische Anlage rd. 4 GWh/a bei. In
letzter Zeit entstehen in mehreren schwedischen Städten immer mehr Anlagen,
bei denen dezentrale Solaranlagen in das primäre Fernwärmesystem eingebunden
werden (z.B. Malmö).
Abbildung 2: Solarthermische Großanlage für die Fernwärmeversorgung in Kungälv/Schweden
In Dänemark versorgen solarthermische Großanlagen
überwiegend kleine Fernwärmesysteme. Bei allen Anlagen sind die Kollektoren
bodenmontiert ausgeführt. Auf der Basis der schwedischen Erfahrungen entstand
im Jahr 1987 in Saltum die erste Anlage, die aus einem 1000 m² großen
bodenmontierten Solarkollertorfeld besteht.
Das dänische Fernwärmeunternehmen Marstal Fjernvarme A.m.b.a. entschied
sich im Jahr 1995 für den Bau einer 8000 m² großen solarthermischen
Anlage mit einem 2100 m³ großen Wärmespeicher. Ziel war es,
rd. 15 % des gesamten Wärmebedarfs mit Solarenergie zu decken. Die Anlage
in Marstal wurde inzwischen erweitert auf 18 300 m² Kollektorfläche
(12,8 MW) und ist zurzeit die größte solarthermische Anlage in Europa
(Abbildung 3).
Abbildung 3: Solarthermische Anlage in Marstal/Dänemark
Solare Nahwärme
Die schwedische Immobiliengesellschaft EKSTA Bostads AB hat bereits Anfang
der 80er Jahre erste dachintegrierte Solaranlagen auf neuen Gebäudekomplexen
errichtet. Heute betreibt das Unternehmen Anlagen mit einer gesamten Kollektorfläche
von rd. 7000 m². Anfangs wurden Kollektorsysteme eingesetzt, die auf der
Baustelle fertig montiert werden mussten. Heute stehen vormontierte Modulsysteme
für die Dachintegration in bestehende oder neue Gebäude zur Verfügung,
die direkt auf den Dachstuhl montiert werden. Erfahrungen bei ersten Projekten
mit diesen Systemen zeigen, dass diese besser in die Gebäudehülle
integriert werden können und die Wärmeverluste dadurch sinken. Auch
führt dies zu einer deutlichen Reduzierung der Investitionskosten.
In Deutschland werden solarthermische Großanlagen vorwiegend
bei der Erschließung neuer Wohnsiedlungen realisiert. Zum Einsatz kommen
dabei meist dachintegrierte Solaranlagen. Einige der größten Projekte
haben sogenannte „Solar Roofs“. Im Rahmen des Programms Solarthermie
2000/Solarthermie2000plus wurden elf größere Projekte mit saisonalem
Speicher und rd. 50 große bzw. mittlere Anlagen mit Kurzzeitspeicher realisiert.
Beispiele hierfür sind zwei Anlagen mit einer Kollektorfläche von
jeweils über 5000 m² in Neckarsulm-Amorbach und in Crailsheim. Eine
relativ neue Anlage mit einer Kollektorfläche von 2900 m² wird in
München betrieben.
Die erste solarthermische Großanlage in Österreich
entstand im Jahr 1995 in Deutsch-Tschantschendorf. Die Solaranlage ergänzt
dort ein kleines Biomasseheizwerk. Heute ist Graz die Solarstadt in Österreich
mit insgesamt 4 solarthermischen Großanlagen. Die größte Anlage
hat eine Kollektorfläche von über 5000 m² und ist auf dem Gebäude
des Abfallentsorgungsunternehme AEVG der Stadt Graz installiert. Sie speist
die Wärme in das örtliche Fernwärmenetz ein.
In den Niederlanden werden solarthermische Großanlagen
vorwiegend in genossenschaftlichen Wohngebäuden, Behörden oder Altersheimen
betrieben. Die meisten Anlagen haben eine Kollektorgröße von 100
m². Darüber hinaus gibt es einige wenige größere Anlagen,
beispielsweise das Brandaris-Gebäude in Amsterdam mit einer Kollektorfläche
von 700 m². Eine neuere Anlage mit 2900 m² wird in Schalkwijk in Verbindung
mit einem Aquiferspeicher betrieben.
Weitere Anwendungen
Einige solarthermische Großanlagen in den Niederlanden und in Griechenland
stellen Solarwärme für Industrieprozesse bereit. Ein Beispiel ist
die Anlage des Industrieunternehmens van Melle in Breda/Niederlande mit 2400
m² Flachkollektoren.
Die erst solarthermische Anlage zur Kälteversorgung entstand in Athen im
Jahr 1998. Dort ist eine 2700 m² große Anlage mit Flachkollektoren
in Betrieb, die zwei Adsorptionskälteanlagen mit einer Leistung von je
350 kW versorgt. Andere Anlagen zur solaren Kälteerzeugung wurden mit Absorptionskälteanlagen
(LiBr) realisiert.
Mittlerweile wurden auch in Italien, Spanien und Portugal mehrere solcher Anlagen
realisiert, beispielsweise eine 1579 m² große Anlage auf der größten
Bank Portugals, der Caixa Geral de Depositos (CGD) in Lissabon (Abbildung
4).
Abbildung 4: Solarthermie zur Kälteversorgung auf dem Gebäude der Ciaxa Geral de Depositos in Lissabon/Portugal
Erfolgsfaktoren
Ein, wenn nicht sogar der wesentliche Erfolgsfaktor für die Realisierung von solarthermischen Großanlagen ist die aktive Einbeziehung der wesentlichen Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung und den relevanten Unternehmen. Nur durch deren aktive Unterstützung können solche Projekte erfolgreich betrieben werden. Darüber hinaus ist von entscheidender Bedeutung, dass die Anlagen- und Betriebskonzepte an die jeweiligen regionalen Rahmenbedingungen angepasst werden.
Dänemark: Optimale Kombination von KWK und Solarthermie
Mit fossilen Energieträgern befeuerte KWK-Analgen dominieren die Stromerzeugung
und die regionale Wärmeversorgung in Dänemark. Allerdings hat der
Ausbau der Windenergie in Dänemark in den letzten Jahren dazu geführt,
dass in Zeiten mit viel Windaufkommen KWK-Anlagen aufgrund der Stromeinspeisung
aus Windenergieanlagen heruntergefahren werden mussten. Die Wärmeversorgung
erfolgt dann mit weniger effizienten Kesselanlagen.
Dies hat im ersten Schritt zum Einsatz von Kurzzeit-Speichersystemen in den
KWK-Anlagen geführt, die dann immer häufiger mit großen solarthermischen
Kollektorfeldern kombiniert wurden. Die Auflage der dänischen Regierung
zur Reduzierung fossiler Energieträger und zur Erhöhung der erneuerbaren
Energien in der Fernwärmeversorgung hat diese Entwicklung weiter beschleunigt.
Dies zeigt, dass sich Kraft-Wärme-Kopplung und Solarthermie durchaus optimal
ergänzen können.
Österreich: Contracting-Modelle zur Überwindung der Investitionshemmnisse
Solarthermische Großanlagen zeichnen sich durch hohe Investitionskosten
und relativ niedrige Betriebskosten aus. Viele Versorgungsunternehmen und Immobilienbesitzer
scheuen aufgrund der relativ langen Amortisationszeiten daher das Risiko, in
solche Anlagen zu investieren, auch wenn sie auf lange Sicht wirtschaftlich
betrieben werden können.
Eine Möglichkeit diesem Investitionshemmnis zu begegnen ist die Zusammenarbeit
mit einem Contracting-Unternehmen, das die Anlage errichtet, betreibt und die
Wärme an das Versorgungsunternehmen oder den Immobilienbesitzer verkauft.
Der Contractor trägt dabei das finanzielle Risiko.
In Österreich ist S.O.L.I.D. der wesentliche Contractor, der die Entwicklung
großer solarthermischer Anlagen vorantreibt. So wurden beispielsweise
die Anlagen in Graz nach diesem Modell realisiert. Dabei werden Wärmegestehungskosten
von rd. 6 bis 8 Ct/kWh erreicht (ohne Förderung).
Deutschland: Optimierung durch saisonale Wärmespeicher
Eine Herausforderung bei der Optimierung großer solarthermischer Anlagen
ist die Speicherung der Solarwärme vom Sommer bis zur Heizperiode. So kann
ein wesentlicher Anteil des (Fern-) Wärmebedarfs durch Solarthermie gedeckt
werden. Mehrere dieser saisonaler Speichersysteme wurden in Deutschland in den
letzten Jahren erprobt.
Insbesondere Erdsonden-Wärmespeicher wurden erfolgreich in 2 Projekten
getestet: in Neckarsulm-Amorbach seit 1997 und in Crailsheim seit 2008. Rund
50 % des jährlichen Wärmebedarfs der angeschlossenen Gebäude
kann bei diesen Anlagen durch Solarthermie gedeckt werden. Um dieses Ziel zu
erreichen, kommt in Crailsheim zusätzlich eine Wärmepumpe zum Einsatz.
Schweden: Einbindung dezentraler Solaranlagen in Fernwärmenetze
Immer mehr Fernwärmekunden wollen zusätzlich solarthermische Anlagen auf ihren Gebäuden installieren. Verschiedenen Lösungen für diese Kundenwünsche wurden in Schweden entwickelt. Eine Möglichkeit ist die solare Vorwärmung des Heizwassers in gebäudeintegrierten Tagesspeichern und die Deckung der Lastspitzen über das Fernwärmesystem. Eine weitere, meist einfachere Lösung ist die Einbindung der dezentralen solarthermischen Anlagen in das Fernwärmenetz, das in diesem Fall als Pufferspeicher fungiert. Der Kunde erhält dabei eine Gutschrift für die eingespeiste Wärmemenge.
Wärmegestehungskosten mit positiven Perspektiven
Insbesondere die Anlagen in Dänemark zeigen, dass mit einfachen Anlagenkonzepten
(bodenmontierte Kollektorfelder) relativ geringe Wärmegestehungskosten
im Bereich von 4 Ct/kWh (ohne Förderung) erreicht werden können. Auch
mit den realisierten Anlagenkonzepten in Österreich (vorwiegend dachmontierte
Kollektoren) sind ähnliche Gestehungskosten möglich und können
bei einer steigenden Nachfrage weiter reduziert werden.
Die Wärmegestehungskosten der Anlagen in Deutschland sind dagegen relativ
hoch. Grund hierfür sind im Wesentlichen die meist aufwendige Integration
der Solarkollektoren in die Gebäudehülle und die Errichtung von saisonalen
Speichersystemen. Andererseits können mit diesen Anlagenkonzepten hohe
solare Deckungsanteile erzielt werden.
Zusammenfassung
Die genannten Beispiele zeigen die Vielfalt der möglichen Systemvarianten solarthermischer Großanlagen. Eine sorgfältige individuelle Planung unter Berücksichtigung der regionalen Rahmenbedingungen ist unerlässlich. Die Beispiele zeigen allerdings auch, dass solarthermische Großanlagen erfolgreich betrieben werden können und nicht als Konkurrenz, sondern als optimale Ergänzung zu bestehenden Wärmeversorgungssystemen angesehen werden sollten.
Weitere Informationen:
Internetseite des Vorhabens "Solar District Heating in Europe": www.solar-district-heating.eu
Die alleinige Verantwortung für den Inhalt dieser Publikation liegt bei
den AutorInnen. Sie gibt nicht unbedingt die Meinung der Fördermittelgeber
wieder. Die Fördermittelgeber übernehmen keine Verantwortung für
jegliche Verwendung der darin enthaltenen Informationen.
*) DJan-Olof
Dalenbäck (jan-olof.dalenback@chalmers.se) ist Professor für Gebäudetechnik
an der Chalmers University in Göteborg Schweden. Er ist seit über
25 Jahren als Experte mit der Evaluierung, Planung und Entwicklung solarthermischer
Großanalgen betraut
Dr. Heiko Huther (h.huther@agfw.de) leitet den Bereich Forschung und Entwicklung
bei dem AGFW – Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte
und KWK e.V. in Frankfurt. AGFW ist der deutsche Projektpartner aus der Fernwärmewirtschaft
im EU-Vorhaben SDHtake-off. [^]