nt 02 | 2025 Im Kreis gedacht - Wege zur zirkulären Wirtschaft
Fernwärme in Lviv: Strategische Wärmewende in einer Stadt im Wandel
Stefan Retschitzegger, Maksym Terletsky
Lviv, eine der größten Städte der Westukraine, ist nicht nur ein bedeutendes politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, sondern auch ein Spiegelbild jahrhundertealter Urbanität. Die Stadt mit rund 750.000 Einwohner*innen blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die sich in ihrem vielfältigen architektonischen Erbe widerspiegelt - von der mittelalterlichen Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe) bis zu den Wohnsiedlungen der sowjetischen Nachkriegszeit. Gleichzeitig ist Lviv eine Stadt im Aufbruch: Ehemals vernachlässigte Industrieareale wandeln sich seit 2015 zu attraktiven Geschäfts- und Wohnquartieren. Diese Dynamik macht die Stadt zu einem spannenden Beispiel für die Synthese aus kultureller Kontinuität und moderner Stadterneuerung.
Foto: Nataliia Kvitovska on Unsplash
Urbane Entwicklungsziele zwischen Vision und Realität
Die zukünftige Entwicklung Lvivs basiert auf dem integrierten Stadtentwicklungskonzept „Lviv 2030“. Darin formuliert der Stadtrat strategische Ziele, etwa die Förderung einer „Stadt der kurzen Wege“, nachhaltige Mobilität, Ressourceneffizienz sowie die Stärkung grüner Infrastrukturen. Ergänzend verfolgt Lviv ambitionierte energiepolitische Maßnahmen wie den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2050 im Rahmen des Aktionsplans für nachhaltige Energie und Klimaschutz (SECAP).
Doch die russische Invasion 2022 brachte die Stadt unter enormen Druck. Lviv wurde Zufluchtsort für über 100.000 Binnenvertriebene, und wichtige Infrastrukturen wurden durch gezielte Angriffe beschädigt. In dieser Ausnahmesituation wurde deutlich: Resilienz ist keine abstrakte Zukunftsvision, sondern eine akute Notwendigkeit.
Die Rolle der Fernwärme
Ein zentrales Element der klima- und krisensicheren Stadtentwicklung ist das Fernwärmesystem. Das kommunale Unternehmen Lvivteploenergo spielt dabei eine Schlüsselrolle. Durch die Fusion mit Zaliznychteploenergo im Jahr 2024 konnte die operative Effizienz verbessert und die Grundlage für eine umfassende Modernisierung gelegt werden. Das Fernwärmesystem umfasst 171 Kesselanlagen mit einer Gesamtwärmeleistung von ca. 1.600 MW und versorgt 3.807 Verbraucher mit Heizwärme sowie 2.283 mit Warmwasser. Die Struktur orientiert sich anhand der ukrainischen Kesselleistungsklassen:
- Zentralisierte Systeme: Anlagen größer 20 MW - ein Heizkraftwerk und 12 Großkessel stellen 87 Prozent der Gesamtkapazität
- Semizentrale Systeme: 3 bis 20 MW - 21 Anlagen
- Dezentrale Systeme: 1 bis 3 MW - 41 Kessel
- Autonome Systeme: kleiner 1 MW - 96 kleine Kessel
Der Energieeinsatz basiert derzeit nahezu ausschließlich auf Erdgas. 2023 wurden rund 1.600 GWh Wärme erzeugt - eine Zahl, die zugleich die Relevanz als auch das Potenzial zur Dekarbonisierung verdeutlicht. Der größte Wärmeverbrauch entfällt auf Wohngebäude - insbesondere solche aus der Sowjetzeit. Diese weisen erhebliche energetische Schwächen auf: veraltete Hüllen, unzureichend gewartete Heizsysteme und veraltete Regelmechanismen führen zu hydraulischen und thermischen Ungleichgewichten. Die Folge: überhöhter Energieverbrauch bei gleichzeitig unzureichendem Komfort. Die Modernisierung dieser Gebäude und Heizsysteme ist daher essenziell, um Energieverluste zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.
Tabelle: Verbraucherstruktur des Fernwärmesystems in Lviv
Strategischer Umbau im europäischen Kontext
Die Transformation des Fernwärmesystems ist eng mit dem „Green City Action Plan“ und Konzept „Lviv 2030“ verknüpft. Bis 2030 soll der Treibhausgasausstoß um 35 Prozent (Basisjahr 2008) gesenkt werden; langfristig ist Klimaneutralität das Ziel. Zentrale Maßnahmen umfassen:
- den Ausbau erneuerbarer Energiequellen,
- die Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudebestand,
- die Minimierung von Netzverlusten und
- die gezielte Förderung investiver Projekte.
Dabei orientiert sich Lviv an den europäischen Energieeffizienzrichtlinien - Ausdruck des klaren politischen Bekenntnisses zur EU-Integration.
Zusammenarbeit mit AEE INTEC - vom Stadtteil zur Systeminnovation
Eine innovative Kooperation mit AEE INTEC begann im Rahmen des GIZ-Projektes „Energy Efficient District Lviv“, das im Auftrag des ukrainischen Infrastrukturministeriums umgesetzt wurde. Ziel war die Modernisierung des Fernwärmenetzes im Stadtteil Sykhiv. Ein Kernelement war die Einführung des Konzepts der kommunalen räumlichen Energieplanung (SEP), wobei der Fokus auf der Analyse, Digitalisierung und Optimierung des bestehenden Fernwärmenetzes lag. AEE INTEC entwickelte ein detailliertes Datenmodell, das die Grundlage für die strategische Weiterentwicklung bildet, und begleitete die Implementierung von Softwarelösungen wie THERMOS und Globema zur Simulation und Modellierung des Netzes.
Eine zentrale Erkenntnis der Zusammenarbeit war, dass die Integration erneuerbarer Energiequellen nicht nur ökologisch notwendig, sondern ökonomisch sinnvoll ist. Ein besonderes Augenmerk lag auf der ökonomischen Nachhaltigkeit des Systems, das bisher stark auf subventioniertes Erdgas angewiesen ist. Die Integration erneuerbarer Energiequellen wurde durch eine Fallstudie zur Nutzung von Großwärmepumpen untersucht. Zwei Varianten - eine zentrale Grundwasser-Wärmepumpe und eine dezentrale Luftwärmepumpe - wurden technisch und wirtschaftlich verglichen. Aufgrund höherer Effizienz und besserer Wirtschaftlichkeit wurde die zentrale Lösung bevorzugt, für die auch ein Investitionsbudget in der Höhe von 2 Millionen Euro durch das Projekt bereitgestellt wurde.
Nächster Schritt: LIFE Projekt Support DHC
Aufbauend auf den Erfahrungen mit Sykhiv arbeiten AEE INTEC und das City Institute Lviv1 im EU-finanzierten LIFE-Projekt „Support DHC“ weiter an der Dekarbonisierung. Ziel ist ein strategischer Investitions- und Betriebsplan für den Fernwärmebetreiber Lvivteploenergo. Dieser Plan soll erneuerbare Quellen und Abwärme systematisch in die städtische Wärmeerzeugung integrieren.
Bündelung der Kräfte - ein sektorübergreifender Prozess
Im Mai 2024 wurde in Lviv eine städtische Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der Vertreter der Stadtverwaltung, Lvivteploenergo, das City Institute, das Arnica Center2 und externe Expert:innen gemeinsam Lösungen entwickeln. Finanziell unterstützt wird die Initiative durch das USAID Energy Security Project.
Auf Basis bereits vorhandener Daten und Erfahrungen (u.a. aus dem GIZ-Projekt und ersten Ergebnissen aus Support DHC) wurde durch das Arnica Center ein Basisszenario für die zukünftige Systementwicklung erstellt. Ergänzt durch internationale Best Practices und technische Potenzialanalysen wurden gemeinsam mit AEE INTEC konkrete Pfade zur Integration erneuerbarer Energien identifiziert, die bislang noch nicht betrachtet wurden:
- Energetische Biomassenutzung
- Thermische Verwertung des Restmülls
- Nutzung von Abwasserwärme der Kläranlage mittels Wärmepumpen und Biogas
- Geothermie
Nach intensiver Prüfung dieser Optionen fiel die Wahl auf zwei Schwerpunkte, die im Rahmen des Projekts Support DHC detaillierter betrachtet werden: die Nutzung von Wärmepumpen in der Hauptkläranlage und die Erschließung geothermischer Potenziale. Für beide Ansätze sind nun Machbarkeitsstudien in Planung.
Fernwärmenetz des Bezirks Sykhiv, modelliert in THERMOS. Quelle: AEE INTEC
Fazit
Lviv steht beispielhaft für eine Stadt, die sich - trotz widriger Umstände - aktiv und strategisch auf den Weg zur Klimaneutralität macht. Die Transformation des Fernwärmesystems ist dabei mehr als ein technisches Vorhaben: Sie ist Teil eines umfassenden städtischen Resilienzprozesses. In Partnerschaft mit AEE INTEC und anderen Akteuren entsteht ein Modell, das über Lviv hinaus Strahlkraft entfalten kann - für eine zukunftsfähige urbane Wärmeversorgung im europäischen Kontext.
Webservice zur räumlichen Energieplanung des Bezirks Sykhiv: (a), (b), (c). Quelle: AEE INTEC

Autor*innen
Dipl.-Ing. Dr. Stefan Retschitzegger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bereichs „Städte und Netze“ bei AEE INTEC. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Maksym Terletsky ist geschäftsführender Direktor des City Institute in Lviv (www.city-institute.org). Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Weiterführende Informationen
1https://www.lvivcenter.org/en/organization/city-institute-lviv/
